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Sven Basendowski: Das soziale Kapital auf dem Prüfstand

Cover Sven Basendowski: Das soziale Kapital auf dem Prüfstand. Eine empirische Annäherung an soziale Heterogenität in einer inklusiven Sekundarstufe. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2016. 139 Seiten. ISBN 978-3-8309-3439-4. D: 27,90 EUR, A: 28,70 EUR.
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Thema

Es wird der Frage nachgegangen, „ob und unter welchen Einschränkungen soziales Kapital im Jugendalter im Spannungsfeld der Relation von Bildung und Teilhabe stimmig erfasst werden kann“ (S. 10)

Autor

Sven Basendowski ist promovierter Sonderpädagoge und arbeitet an separativen und integrativen Schulen in Deutschland und in der Schweiz. An der Fakultät Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg liegen seine Arbeitsschwerpunkt gegenwärtig in der Didaktik der Kulturtechniken im Kontext einer Benachteiligtenpädagogik.

Aufbau

  1. Einleitung
  2. Soziales Kapital zur Charakterisierung soziokultureller Lebenslagen im Jugendalter
  3. Explorationsstudie: Empirische Annäherung zum Aufbau individuellen sozialen Kapitals
  4. Auswertung
  5. Ergebnisse
  6. Fazit: Exklusion im Detail?

Inhalte

Bei der Charakterisierung soziokultureller Lebenslagen im Jugendalter wird zunächst die Genese des Begriffs bzw. Konstrukts social capital diskutiert. Letztgenanntes ist als ein zentrales Konstrukt der Sozialwissenschaften anzusehen, das auf Arbeiten von James Coleman und Pierre Bourdieu gründet.

Weiter werden aktualisierte Theorieansätze von social capital betrachtet, welche die Weiterentwicklung desselben im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts thematisieren. So werden mit Blick auf das soziale Kapital politische Werte und Partizipation nach Robert Putnam sowie die Netzwerkforschung als individuelle Ressource nach Henk Flap und Nin Lan diskutiert.

Für seine Explorationsstudie verwendet Basendowski den konzeptionellen Ansatz von individuellem sozialen Kapital der Netzwerktheorie, welcher auf Lin und Gaag/Snijders beruht.

Beim Forschungsdesign benutzt der Autor das qualitative Interview, welches in eine standardisierte Befragung mündet und „im Anschluss durch eine Item-/Skalenanalyse sowie explorative Faktorenanalyse [.] überprüft“ (S. 32) wird.

Ein mehrschrittiges methodisches Vorgehen wird für die Analyse des Aufbaus ausgewählter Facetten von sozialem Kapital in personenbezogenen Netzwerken von benachteiligten Jugendlichen als als zielführend erachtet.

Für die vorgelegte Studie eignen sich am ehesten Probanden aus dem Stadtkreis Freiburg/Breisgau und der hieran direkt anliegenden Landkreise, weil in dieser Region seit einigen Jahren die Rückschulung von der Sekundarstufe I der Förderschulen Lernen an Haupt- oder Werkrealschulen praktiziert wird. Geeignet sind Sekundarstufenklassen der Förderschule Lernen, in denen das formale Bildungsziel mindestens eines Schülers in den vergangenen zwei Jahren auf das Ziel des Hauptschulabschlusses angepasst wurde.

Die Auswertung der strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse zu den Ressourcen(arten) erfolgte nach den Oberkategorien:

  • Sozialkapital spezieller Fähigkeiten;
  • Sozialkapital emotional-vertraulicher sozialer Unterstützungsaktivitäten
  • Bildungs- und Prestigesozialkapital
  • Sozialkapital der politischen und Öffentlichkeitsarbeit.

Wer sind relevante Beziehungspersonen? Hierbei handelt es sich um die Auswertung der strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse zu relevanten Bezugspersonen. Hierzu benannten die Jugendlichen „98 Mal ein Mitglied der Familie […], darunter 62 Mal die Mutter, den Vater, deren/dessen Lebensabschnittsgefährt/in oder eine Tante. Die weiteren“ (S. 51), 36 mal wurde ein Geschwisterteil, 67 mal ein/e Mitschüler/in, 45 mal ein/e Lehrer/in, 13 mal ein/e Freund/in und drei mal ein ein/e erwachsene/r Freund/in genannt. Als interessante Aspekte kristallisierten sich im Rahmen der Interviews, neben der formalen Bildung heraus:

  • Bezug Schulwechsel und -leistungen: „Sieben der neun interviewten Jugendlichen haben mindestens ein komplettes Schuljahr an einer Haupt- bzw. Werkrealschule erfolgreich absolviert“ (S. 53).
  • Bezug formale Bildung der Geschwister: Es müssen die formalen Schulkarrieren der Geschwister in dem zu entwickelnden Fragebogen mitbetrachtet werden.
  • Bezug Schulwechsel und (ehemalige) Mitschüler/innen: Thematisiert wird von Rückgeschulten das gegenwärtige Verhältnis zu den ehemaligen Mitschüler/innen der Förderschule Lernen.
  • Bezug Förderschule Lernen und Zukunft: Es ist hier der Frage nachzugehen, ob die Rückschulung positiv bewertet wird.

Die standardisierte Befragung von accessed social capital erfolgt über das Erhebungsinstrument resource generator. Es werden die folgenden Kategoriensysteme behandelt:

  • Sozialkapital spezieller Fähigkeiten – schulisch
  • Sozialkapital spezieller Fähigkeiten – nichtschulisch
  • Sozialkapital emotional-vertraulicher sozialer Unterstützungsaktivitäten – schulisch
  • Sozialkapital emotional-vertraulicher sozialer Unterstützungsaktivitäten – nichtschulisch
  • Bildungs- und Prestigesozialkapital, als da wären die Items Hochschulabschluss, Theater/Museum, Zeitungslesen, Vielverdiener, Jobgeber, Urlaub mitnehmen, Partyvermittler
  • relevante Beziehungsfunktionen aus dem Kreis der engen Familie, der Erwachsenen und der Gleichaltrigen.

Im Ergebnis stellt der Autor fest das sich im Rahmen der Explorationsstudie das entwickelte Erhebungsinstrument nach dem Verfahren des resource generator zur standardisierten Erfassung des accessed social capital in einer aus benachteiligten Jugendlichen bestehenden Probandengruppe bewährt hat.

In seiner Diskussion zur detaillierten Exklusion empfiehlt Basendowski, dass sich die zukünftige Inklusionsforschung den sozialen Lagen in Bezug auf Bildung und Teilhabe verstärkt zu widmen hat.

Fazit

Die besprochene Publikation ist für die Inklusionspädagogik hervorragend geeignet, da sie die soziale Lage der zu Inkludierenden in den Blick rückt. Es zeigt sich das die Gleichsetzung des sozialen Kapitals von (benachteiligten) Jugendlichen mit dem sozialen Kapital ihrer Eltern nicht zielführend ist. Eine Reduktion der Inklusion – nur – auf das Feld Bildung, welche alle anderen Felder außer acht lässt, ist überdies verwerflich.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 09.12.2016 zu: Sven Basendowski: Das soziale Kapital auf dem Prüfstand. Eine empirische Annäherung an soziale Heterogenität in einer inklusiven Sekundarstufe. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2016. ISBN 978-3-8309-3439-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21557.php, Datum des Zugriffs 24.06.2018.


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