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Sandra Seeliger: Schulabsentismus und Schuldropout

Cover Sandra Seeliger: Schulabsentismus und Schuldropout. Fallanalysen zur Erfassung eines Phänomens. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 232 Seiten. ISBN 978-3-658-12593-6. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 41,50 sFr.
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Entstehungshintergrund und Thema

Der vorliegenden Veröffentlichung liegt eine Dissertation an der Bergischen Universität Wuppertal zugrunde. Die Autorin, Sandra Seeliger, erwarb mit dieser Arbeit den Doktorgrad der Philosophie. Diese qualitative Studie basiert auf leitfadengestützten Interviews und in ihrem Mittelpunkt stehen vier Fallstudien aus einer Realschule und einer Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen.

Aufbau

Nach einer Klärung der fachlichen Leitbegriffe wird der dazugehörende aktuelle Forschungsstand dargestellt und das forschungsmethodische Vorgehen im Rahmen der Arbeit erläutert. Sodann stellt die Autorin einen Zusammenhang mit dem Resilienzkonzept her. Mit diesem Bezug wird auch ein Forschungsschwerpunkt deutlich, der nicht in einer Ursachen-, sondern in einer Bewältigungsforschung liegt. Deshalb stellen die vier Fallstudien nur sehr begrenzt Schulabsentisten und Schulabbrecher vor, sondern vier risikobelastete Schülerinnen und Schüler, die ihre Ressourcen so mobilisierten, dass sie die Schule abschließen konnten.

Nach diesen ersten vier Kapiteln erfolgen in den folgenden Kapiteln fünf bis acht die Fallstudien:

  • Lea – Die Kämpferin,
  • Benny – Der Zerrissene,
  • Daniel – Der Verschlossene und
  • Celine – Die Ungefestigte.

Abgeschlossen wird die Studie durch eine Zusammenfassung der Fallstudien und ein Resümee.

Zu Kapitel 1 – 4

Das erste Kapitel widmet sich der begrifflichen Klärung. So wird unter einem Schuldropout von einer Schülerin oder einem Schüler gesprochen, wenn die allgemeinbildende Schule ohne einen Abschluss verlassen wird. Schulabsentimus differenziert sich nach Schulschwänzen, (elterlicher) Zurückhaltung des Kindes und Schulverweigerung. Sehr häufig beginnt Absentismus mit einem Zirkel aus versäumten Unterrichtsinhalten, Frust und Unlust usw. und führt über Schulverweigerung zum Schuldropout. Bedeutsam sind für solche Prozesse Wirkungsräume wie Familie, Schule, Peer-Gruppe und Alternativen dazu wie z.B. Sportvereine. Diesen vier Wirkungsräumen kommt insofern eine hohe Bedeutung zu, da sie innerhalb der Fallanalysen dazu dienen, Risiko- und Schutzfaktoren zu benennen. Im Anschluss daran werden Präventionsmaßnahmen diskutiert wobei die Delmenhorster Präventionsbausteine im Mittelpunkt stehen. Im Fazit zum Forschungsstand werden auch Risikofaktoren für Schulabsentismus besprochen wie niedriger sozioökonomischer Status der Eltern oder ein hohes Gewaltniveau in der Schule.

Im Folgekapitel zwei wird das forschungsmethodische Vorgehen erörtert. Leitend sind vier Forschungsprinzipien: Prinzip der Offenheit, Prinzip des theoriegeleiteten Vorgehens, Prinzip des regelgeleiteten Verstehens, Prinzip des Verstehens als Basishandlung (z.B. Interpretation der Interpretation des Handelnden). Des Weiteren werden Kriterien zur Fallauswahl, Datengewinnung und Datenanalyse diskutiert. Daten werden durch leitfadengestützte Interviews mit Schülerinnen und Schülern, Eltern, Lehrkräften, Schulleitungen und Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern erhoben.

Das dritte Kapitel geht auf die Resilienzforschung ein, da Bewältigungskompetenzen von Schülerinnen und Schülern erforscht werden sollen. Es geht dementsprechend um die Feststellung von Schutzfaktoren bzw. Ressourcen. Nach der Darstellung grundlegender Erkenntnisse geht die Autorin insbesondere auf die Bielefelder Invulnerabilitätsstudie ein. Diese Studie liefert auch durch die dort festgestellten personalen Ressourcen (z.B. seltene Hilflosigkeitsgefühle, gute schulische Leistungen) und sozialen Ressourcen (z.B. familiäre Unterstützung, größeres soziales Netzwerk) Analysekriterien für die vorliegende Studie.

Im sehr kurzen vierten Kapitel werden die beteiligten Schulen steckbriefartig vorgestellt. Die Realschule wie auch die Gesamtschule befinden sich als Ganztagsschulen in einer Großstadt des Ruhrgebietes. Die Gesamtschule liegt in einem sozialen Brennpunkt und hat ein reformpädagogisches Konzept entwickelt: z.B. Lebensweltorientierung, Stadtteilbezug und Kooperation mit außerschulischen Akteuren als Programmausrichtung.

Zu Kapitel 5 – 8

Die Kapitel fünf bis acht umfassen auf 120 Seiten die vier sehr differenzierten Fallstudien, in denen auch die Schutz- und Risikofaktoren herausgearbeitet werden:

  • Lea, die 17jährige Schülerin, befindet sich in der 10. Realschulklasse. Die eigene Familie ist für sie eine Katastrophe, sodass sie in eine Pflegefamilie kommt. Die Pflegefamilie ist Inhaber eines Pferdehofes und stellt eine ausgesprochen positive Ressource dar. Weckt bei Lea Interesse für das Reiten und sie bekommt ein eigens Pferd was sie gerne und verantwortlich betreut. In der Schule erfährt die sportlich engagierte Lea Zuwendung und Unterstützung, nicht zuletzt durch ihren Klassenlehrer. Sie verfehlt allerdings äußerst knapp das Klassenziel.
  • Der siebzehnjährige Benny besucht dieselbe Klasse wie Lea und kommt aus einer kinderreichen Familie, er hat elf Geschwister. Nach einem Aufenthalt in einem Kinderheim kommt er in eine Pflegefamilie in der es zu einem Beziehungszusammenbruch kommt mit der Folge, dass Benny in in eine Jugendwohngruppe kommt. Diese Ereignisse haben einen dramatischen Charakter. Doch Benny geht seinen Weg. Er hat Ziele und Pläne und bewältigt aktiv seine Schullaufbahn. Ein soziales Netz und situationssensible Lehrerinnen und Lehrer unterstützen Bennys besonnenen Charakter. Er will nach dem Schulabschluss einen kaufmännischen Beruf ergreifen.
  • Daniel ist ein 16jähriger Schüler der Gesamtschule in der 10. Klasse. Er gehört zur ethnischen Minderheit der Roma. Die traditionsbewussten Eltern sind an einer erfolgreichen Schullaufbahn interessiert seine Cousins hingegen haben eine negativen Einfluss. Schulleitung und Lehrkräfteteam bemühen sich um Daniel, um ein gänzliches Abrutschen zu vermeiden. Gelegentliches Schwänzen, abholen von zu Hause durch Schulpersonal und die Verwicklung in einen Handydiebstahl sind Merkmale der Schullaufbahn. Daniel ist zurückhaltend und verschlossen, sodass wesentliche Schutzfaktoren, die die Schule bietet nicht genutzt werden. Trotz dieser Widrigkeiten erreicht Daniel das Abitur.
  • Celine ist zunächst nicht durch Risikofaktoren beeinträchtigt wird aber nach dem Wechsel von der 8. zur 9. Klasse zu einer massiv den Unterricht nicht besuchenden Schülerin. Dabei wird sie sehr unterstützt durch ihre Freundin Lili. Diese Schwänzerinnengemeinschaft gerät in eine Negativspirale, die auch eine Außenseiterrolle in der Klassengemeinschaft zur Folge hat. Nun interveniert der Schulleiter, stellt Celine ein Ultimatum und vermittelt Lili an eine andere Schule. Celine beendet dann erfolgreich ihren Schulbesuch.

Zu Kapitel 9 und 10

Das neunte Kapitel stellt eine kurze Zusammenfassung der Fallstudien dar.

Ein Resümee, das zehnte Kapitel, beinhaltet eine Durchsicht der gewonnenen Erkenntnisse. Dabei stellt sich u.a. heraus, dass das Verhalten der beteiligten Lehrerinnen und Lehrer sowie der Schulleitungen einen sehr zu würdigenden Schutzfaktor darstellt: „Die befragten Lehrer/innen zeichnen sich durch besondere Achtsamkeit für ihre Schüler/innen aus, ein besonderes Engagement der Lehrkräfte und der Schulleitung wird deutlich“ (S. 209). Die Achtsamkeit gründet darauf, dass das pädagogische Personal Schülerinnen und Schüler nicht nur in ihrer schulischen Rolle sehen, sondern als Menschen mit eigenen Bedürfnissen, Sorgen und Nöten. Die pädagogische Beziehung wird auch gestärkt durch die Anerkennung außerschulischer Leistungen.

Abschließend werden Fragen aufgeworfen und Hinweise gegeben auf Schulkonzepte, die Schulabsentismus und Schuldropout vermeiden helfen. Dazu gehört z.B. die exakte Erfassung der Anwesenheit mit einer gestaffelten Reaktionskette, Kooperation mit Eltern, Berücksichtigung außerschulischer Ressourcen oder sogenannte „Jokertage“, als Tage der geregelten Abwesenheit.

Diskussion

Zum Thema Schulabsentismus und Schuldropout ist es gewiss originell, die wissenschaftliche Aufmerksamkeit auf Resilienzfaktoren zu richten. Zumal sich ein breites Präventions- und Unterstützungsfeld auf diesem Hintergrund entwickeln lässt. Hier hätte die Autorin aber noch Ideenspielraum gehabt z.B. im Rahmen der Kooperation mit den lokalen Jugendhilfeinstitutionen, in deren Handlungsprogrammen Resilienz verankert ist. Für die Lehrkräfte in der Schule lassen sich aber Handlungen und Haltungen herausstellen, die für diese Profession von Bedeutung sind und eine Vielfalt an Hilfen und Unterstützungen ermöglichen. Auch zeigt die Studie, dass Lehrerinnen und Lehrer in der Diskussion um Schulabsentismus und Schuldropout dann nicht unbedingt den „Schwarzen Peter“ in der Hand halten müssen. Vielmehr wird dargestellt, welche Chancen Lehrkräfte haben wenn sie „Beziehungsarbeit“ leisten und auch Interessen und Engagement der Schülerinnen und Schüler anerkennen. Das Resümee widmet sich ebenso den schulischen Gestaltungsmöglichkeiten, Schulabsentismus zu mindern.

Methodisch wäre wünschenswert gewesen wenn trotz der umfangreichen und aussagekräftigen Falldarstellungen, die Risiko- und Schutzfaktoren noch präziser zur Geltung gebracht worden wären. Dabei ist der Autorin zu folgen, dass diese Faktoren auf keinen Fall schlicht gegeneinander aufgerechnet werden können. Zur Demonstration wären aber Textpassagen aus den Interviews mit Lea, Benny, Daniel und Celine authentisch und hätten notfalls in einem Anhang erscheinen können.

Fazit

Die Studie liefert einen neuen Blick auf Schulabsentismus und Schuldropout insofern in der Schule bzw. im Unterricht nach positiven Resilienz- bzw. Schutzfaktoren gesucht wird und damit Bewältigungsbedingungen für gefährdete Schülerinnen und Schüler beschrieben werden. Ein entscheidender Schutzfaktor ist z.B. eine unterstützende Beziehung zwischen den Lehrkräften und ihren Schülerinnen und Schülern. Die umfangreichen vier Fallstudien als Mittelpunkt der qualitativen Studie, vermitteln einen nachhaltigen Eindruck über die biografische Komplexität und Dramatik der interviewten Schülerinnen und Schüler.


Rezensent
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 30.12.2016 zu: Sandra Seeliger: Schulabsentismus und Schuldropout. Fallanalysen zur Erfassung eines Phänomens. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-12593-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21563.php, Datum des Zugriffs 22.11.2019.


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ISSN 2190-9245

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