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Wiltrud Gieseke, Maria Stimm: Praktiken der professionellen Bildungsberatung

Cover Wiltrud Gieseke, Maria Stimm: Praktiken der professionellen Bildungsberatung. Innensichten auf die Entscheidungsfindung im Beratungsprozess. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 283 Seiten. ISBN 978-3-658-10877-9. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 42,50 sFr.
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Thema

Mit welchen „Innensichten“ von Beraterinnen und Beratern werden Ratsuchende konfrontiert, wenn sie sich in Bildungs-, Berufs- und Beschäftigungsfragen für ihre Entscheidungsfindung beraten lassen? Diese Frage verfolgt der Band und ent-deckt "Innensichten", die Beratende in ihrer Gesprächspraxis einsetzen, um Ratsuchende (und deren Umfeld) zu motivieren, zu begleiten, ihnen Perspektiven aufzuzeigen und sie zu lenken.

Verfasserinnen

  • Dr. Wiltrud Gieseke ist Seniorprofessorin für Erwachsenen- und Weiterbildung an der Humboldt-Universität zu Berlin.
  • Maria Stimm ist wissenschaftliche Mitarbeiterin.

Die beiden Verfasserinnen kennzeichnen kapitel- oder abschnittsweise die Urheberschaft. Maria Stimm hat einige Passagen zusammen mit Stephanie Freide verfasst, die das Lektorat übernahm und die Präsentation von Resultaten besorgte.

Sarah Anderssohn, Susanne Nega, Maren Putensen und Sabrina Rämer treten als Autorinnen für Unterpunkte in Erscheinung.

Entstehungshintergrund

Der Band steht in engem Kontext zu einem mehrjährigen Forschungsprojekt zur Berufs- und Weiterbildungsberatung. Er umfasst sowohl theoretisch-konzeptionelle Beiträge zur Bildungsberatung und zur Praktik als auch Mikroanalysen von Beratungsprozessen, aus denen heraus Muster in Beratungsgesprächen nachgewiesen werden. Einzelne Teilergebnisse erschienen bereits in Handbüchern und Zeitschriften.

Aufbau und Inhalt

Der Band ist in sieben unterschiedlich umfangreiche Kapitel gegliedert; die Abfolge orientiert sich am Aufbau einer wissenschaftlichen Arbeit, klärt zunächst Untersuchungsgegenstand, Fragestellung, Forschungsstand und -methode, bevor im Anschluss die Resultate präsentiert werden. Dem Text vorangestellt sind das Abbildungs- und Tabellenverzeichnis und die einseitige Vorbemerkung. Ein 13-seitiges Literaturverzeichnis (S. 271-283) schließt sich an den Inhalt an.

Das erste Kapitel behandelt die „Berufs- und Weiterbildungsberatung unter professionellem Anspruch“ (S. 1-26). Maria Stimm subsumiert zwei Punkte, nämlich

  • „Begriffliche Einordnung von Bildungsberatung mit ihren verschiedenen Varianten“ (S. 1-6) und
  • „Konzepte und Qualitätsvorstellungen“ (S. 6-26): Sie geht auf existierende Modelle, wie z.B. zur arbeitsweltbezogenen Beratung ein und verweist auf im Rahmen von Modell- und Fördervorhaben entwickelte Konzepte z.B. des Nationalen Forums Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung, bevor sie auf „Detailanalysen zur Weiterbildungsberatung“ (S. 15) und „empirische Befunde und Konzepte zur ausgewählten Zielgruppe Frauen in der Berufs- und Weiterbildungsberatung“ (S. 19) zu sprechen kommt.

Im zweiten Kapitel „Berufs- und Weiterbildungswahl – Entscheidungstheoretische Grundlagen“ (S. 27-56) bearbeitet Wiltrud Gieseke

  • „Grundannahmen zu präskriptiven und deskriptiven Entscheidungstheorien“ (S. 27) u.a. aus der Betriebswirtschaftslehre, deren Erkenntnisse für den Beratungsprozess bei Bildungsalternativen herangezogen werden können;
  • im zweiten Punkt untersucht sie „Subjektivität, Erfahrungen und Deutungen als Einflussgröße auf Entscheidungen“ (S. 32),
  • danach unterzieht sie „Heuristiken und Entscheidungslogiken“ (S. 37) sowie
  • im vierten Punkt „Neurobiologische Befunde als Grundlage für Bildungsentscheidungen“ (S. 39) einer gesonderten Analyse;
  • im fünften Punkt sieht sie nach der Diskussion von zwei Modellen „Bildungsentscheidungen als Ergebnis von erfahrenem, subjektivem Leben“ (S. 50) und
  • in der „Zusammenfassung“ (S. 55) erachtet sie die „Wechselwirkungen von Kognitionen und Emotionen“ (S. 55) als für den Gesprächsverlauf in der Beratungspraxis als konstitutiv.

Im dritten Abschnitt „Berufs- und Weiterbildungsberatung als professionelle Praktik“ (S. 57-67) klärt Wiltrud Gieseke die Grundlagen für die Erforschung von Dialog-Praktiken in den Beratungsgesprächen. Sie thematisiert dabei

  • „Forschungsanforderungen zur Sichtbarmachung pädagogischer Praktiken in der Erwachsenenbildung/Weiterbildung“ (S. 57),
  • den „genutzten Praktik-Begriff“ (S. 60),
  • „realisierte Praktiken“ (S. 63) des Beratungssegments sowie
  • „Beratung als Dialog – eine Interventionspraktik“ (S. 65).

„Theoretische und konzeptionelle Vorschläge für die Gestaltung des Beratungsprozesses“ (S. 69-90) werden im vierten Buchkapitel vorgestellt.

  • Wiltrud Gieseke begibt sich auf die „Suche nach Grundlagen“ (S. 70) und klopft vorhandene Beratungsansätze danach ab, was sie für den „Beratungsprozess für Bildung und Beruf“ (S. 71) hergeben.
  • Maria Stimm und Stephanie Freide eruieren Phasen- und Strukturmodelle zur „Spezifik von Beratungsgesprächsverläufen“ (S. 72).
  • Die „Zusammenfassung“ (S. 85) enthält eine sehr aufschlussreiche zweiseitige tabellarische Darstellung der ausgewählten Vorschläge zu „Beratungsgesprächsverläufen im Vergleich“ (S. 86).

Das fünfte Kapitel beinhaltet die „Forschungsmethodische Ausrichtung“ bei der „Erschließung der Prozessverläufe von Berufs- und Weiterbildungsberatung“ (S. 91-102). Wiltrud Gieseke und Maria Stimm erläutern zuerst

  • die „empirische Anlage der Untersuchung“ (S. 92): 31 Beratungsmitschnitte von 15 Beratern und Beraterinnen aus dem gesamten Bundesgebiet konnten vollständig transkribiert und als Material für die Untersuchung der kommunikativen Teilziele genutzt werden.
  • Im Punkt „Untersuchungsansatz“ (S. 93) rekurrieren die Verfasserinnen auf die „Praktikenerschließung“ (S. 94) nach dem Verfahrensansatz von Mathias Kohl aus den 80er Jahren und stellen „alternative Möglichkeiten als Abgrenzung zum gewählten Untersuchungsansatz“ (S. 99) vor;
  • anschließend präsentieren sie die „Vorgehensweise (…) zur Praktikenerschließung“ (S. 101) ihrer Arbeit mit ihrem kommunikativ gewonnenen Kategoriensystem und der Auswertung via MAXQDA.

Im umfangreichen sechsten Kapitel (S. 103-259) „Berufs- und Weiterbildungsberatungspraktiken aus verschiedenen Perspektiven – Analytische Betrachtungen“ wechseln die Autorinnen bei den einzelnen Unterkapitel, sie sind jeweils namentlich ausgewiesen.

  • Es beginnt mit der „Erschließung der kommunikativen Teilziele“ (S. 6) im Prozess der Beratung, wobei die Verfasserinnen elf dialogmusterspezifische inhaltsbezogene Teilziele und sechs dialogmusterunspezifische Teilziele, die sich auf die Beziehung fokussieren, induktiv und deduktiv validiert haben. Für jedes der kategorisierten Teilziele werden aufschlussreiche Textpassagen aus den Interviews als Belege aufgeführt. Am Ende des Kapitels findet sich eine übersichtliche Grafik aller Elemente, die zusammenfassend kommentiert ist.
  • Ein Abschnitt zum „Zusammenspiel von dialogmusterspezifischen (…) und dialogmusterunspezifischen Zielen“ (S. 183) verdeutlicht an sog. „neuralgischen Sequenzen“ (S. 234), wie der Gesprächsverlauf mit diesen Elementen beeinflusst und gesteuert wird. An drei exemplarischen Fallbeispielen wird die Wechselwirkung im Gespräch nachvollzogen und abschließend tabellarisch zusammengefasst (S. 234-235).
  • Im dritten Punkt werden ausgewählte „Aspekte im Beratungsgespräch“ (S. 237) behandelt. Neben Auswahlproblemen, wie sie bei Ratsuchenden vorhanden sind, die ein breites Spektrum an Interessen, aber noch wenig konkrete Vorstellungen haben, wird die „Rolle der Begleitperson im Beratungsgespräch“ (S. 242) diskutiert und der „Genderaspekt zwischen Demotivierung und förderndem Fordern“ (S. 246) anhand von zwei Gesprächsausschnitten expliziert.

Im abschließenden siebten Kapitel „Begründungen zur Ausübung der professionellen Praktik Beratung“ (S. 261-269) stellen Wiltrud Gieseke und Maria Stimm

  • im ersten Punkt die entscheidenden Einflussfaktoren textlich und grafisch in einem Schaubild (S. 264) zusammen. Die Berater und Beraterinnen entwickeln in ihren Beratungsfeldern Stile, die sich als Ergebnis der professionellen Ausbildung, der persönlichen Vorgehensweise und der institutionellen Bedingungen ergeben. Inhaltliche und Beziehungsausgestaltungsebene sind so miteinander verschränkt, dass die in Bildung und Beruf identifizierte Beratung als pädagogisch verstanden werden kann und „individuelle Entscheidungsprozesse“ (S. 93) von Ratsuchenden offen hält.
  • Im zweiten Punkt gehen die Autorinnen auf die Herausforderungen in der Praxis der Beratung „vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen“ (S. 265) ein. Sie identifizieren ein „Spannungsfeld zwischen persönlichem Anspruch und organisationalen Vorgaben“ (S. 265), erkennen die „Bedeutung von Wissen in pädagogischen Beratungsprozessen in Bildung, Beruf und Beschäftigung“ (S. 266) und proklamieren „die Notwendigkeit einer neuen Theorie“ (S. 267) für diese Beratungsfelder.
  • Sie schließen das Kapitel und das Buch mit dem Fazit Berufs- und Weiterbildungsberatung als „‚kleines Moratorium‘ für Bildungsentscheidungen“ (S. 268) zu betiteln.

Als sehr leser*innenfreundlich erweisen sich die Zusammenfassungen am Ende von Kapiteln, die insbesondere nach den detailreichen Darlegungen der verschiedenen Dialogmuster bei den Forschungsergebnissen ausgesprochen hilfreich sind, um sich nicht zu verlieren. Die Tabellen, Grafiken und Abbildungen bereichern den Text. In den Kapiteln mit Material aus den Beratungstranskripten sind die Originalaussagen im Schriftbild gekennzeichnet, so dass auch der wissenschaftliche Erkenntnisprozess jederzeit nachvollzogen werden kann.

Diskussion

Das Buch gibt einen sehr gehaltvollen und tiefen Einblick in die Beratungs- und Gesprächsforschung zu Bildung, Weiterbildung, Beruf und Beschäftigung, wie er nur von Expertinnen geleistet werden kann, die lange Zeit mit der Materie verhaftet sind. Dies ist an den Fundamenten zu erkennen, wie sie z.B. bei der theoretischen Verankerung von Beratung, aber auch bei der forschungsmethodischen Diskussion gelegt werden. Zu sehen ist die Kompetenz auch am Aufbau des Buches, welches die Erkenntnisse jahrelanger – in Ermangelung einer Förderung – kleinschrittiger Forschungsarbeiten unter einem theoretischen Dach vereint. Allein das Vorgehen bei der Analyse von Gesprächssequenzen kann modellgebend erachtet und als Muster für weitere Bereichs-Beratungen (z.B. Pflegeberatung, Schuldnerberatung u.a.) genommen werden, für die Erkenntnisse, wie sie hier präsentiert werden, noch zu generieren sind. Souverän greifen die Autorinnen an manchen Stellen einzelne Aspekte heraus, wie z.B. die Untersuchung der Anwesenheit einer Begleitperson oder genderspezifische Aspekte von Beratung und ordnen sie in das Gesamtgerüst ein. Ferner eignet sich die Differenzierung in die inhaltlichen und die beziehungsorientierten Anteile und deren Zusammenwirken für eine nicht nur an „Gesprächstechniken“ angelehnte Gesprächsausbildung.

Die Verfasserinnen haben mit ihrem Beitrag die Beratungstheorie und die Beratungsforschung vorangebracht. Trotz eines manchmal beschwerlichen Nachvollzugs der Originalaussagen aus den Gesprächen, steht am Ende die Erkenntnis, dass die Ergebnisse die Ausbildung professionalisieren werden – vielleicht unter Zuhilfenahme der im Buch dokumentierten Textbeispiele.

Fazit

Der besondere Nutzen des Buches liegt gerade in der Fokussierung auf die nicht-therapeutischen Beratungsfelder, deren Erforschung bisher eher vernachlässigt wurde, für die Professionalisierung an der Schnittfläche von Bildung und Sozialer Arbeit jedoch sehr wichtig ist. Dieses Fachbuch eignet sich für alle in der Beratung in den Gebieten von Bildung, Weiterbildung, Beruf und Beschäftigung Tätigen, aber auch für Studierende in (sozial)-pädagogischen Disziplinen, weil ihnen Beratungspraktiken begründet vor Augen geführt und sie zur Selbstexploration animiert werden.


Rezensentin
Prof. Dr. Irmgard Schroll-Decker
Lehrgebiete Sozialmanagement und Bildungsarbeit an der Fakultät Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg
Homepage www.oth-regensburg.de/professoren-profilseiten/prof ...
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Zitiervorschlag
Irmgard Schroll-Decker. Rezension vom 05.01.2017 zu: Wiltrud Gieseke, Maria Stimm: Praktiken der professionellen Bildungsberatung. Innensichten auf die Entscheidungsfindung im Beratungsprozess. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-10877-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21564.php, Datum des Zugriffs 21.08.2019.


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ISSN 2190-9245

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