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Osnabrücker Forschungsgruppe: Mittagsfreizeit an Ganztagsschulen

Cover Osnabrücker Forschungsgruppe: Mittagsfreizeit an Ganztagsschulen. Theoretische Grundlagen und empirische Befunde. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 229 Seiten. ISBN 978-3-658-11622-4. D: 29,99 EUR, A: 30,83 EUR, CH: 32,00 sFr.
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Thema und Ziel

An Ganztagsschulen entsteht etwas Neues – lange Pausen. Grund genug, sich anzuschauen, was dort passiert. Schließlich sind die Pausen bisher in der Regel nicht Bestandteil von pädagogischen Konzepten und können von den Schülerinnen und Schülern verhältnismäßig frei genutzt werden. Die Forschungsgruppe fasst vorliegende Studien und theoretische Arbeiten zur Bedeutung von Pausen an Schulen zusammen und untersucht konkret die Wahrnehmung einiger Schülerinnen und Schüler der Mittagspause an vier Ganztagsgymnasien.

Autorinnen und Autoren

Das Buch wurde von einer Osnabrücker Forschungsgruppe verfasst, zu der 13 Studierende und der Sportwissenschaftler Jun.-Prof. Dr. Ahmet Derecik gehören. Innerhalb eines Jahres arbeitete sich die Gruppe in das Thema ein, führte die qualitative Studie durch und wertete sie aus. Ahmet Derecik hatte die theoretischen Grundlagen zuvor anscheinend bereits ausgearbeitet.

Aufbau und Inhalt

Nach einer Einleitung wird in einem ersten Kapitel eine Typisierung von Pausen in der Ganztagsschule vorgenommen (kleine und große Pausen, …) und begründet, warum es diese unterschiedlichen Formen von Pausen eigentlich gibt. Es folgt ein umfassendes theoretisches Kapitel, in dem vier unterschiedliche Bedeutungen von Pausen herausgearbeitet werden. So werden Pausen verstanden

  1. als Produktionsfaktor für den Unterricht verstanden (Erholung und Leistungssteigerung),
  2. als Element der Sicherheitsförderung,
  3. als Element der Gesundheitsförderung und
  4. als „Sozialraum“ (Freizeit, Freundschaft, Peers).

Nachdem im Folgenden die Untersuchungskonzeption vorgestellt wird, werden die Untersuchungsergebnisse in einem sehr umfassenden Kapitel entsprechend diesen vier Verständnissen eingeordnet.

Ergebnisse und Diskussion

Die Studie zur Mittagsfreizeit an Ganztagsgymnasien kann zunächst als Forschungsbericht einer Gruppe von Studierenden und eines begleitenden Wissenschaftlers gelesen und wahrgenommen werden. Aus dieser Perspektive ist es beeindruckend, dass innerhalb eines Jahres von dieser Gruppe eine konkrete wissenschaftliche Studie durchgeführt wurde, die dann sogar als Fachbuch publiziert werden konnte.

Die vier unterschiedlichen Verständnisse von Pausen, die im theoretischen Teil des Buches vorgestellt und später wieder aufgegriffen werden, um das Forschungsmaterial zu sortieren und zu bewerten, machen insofern Sinn, als sie aus der vorliegenden Sekundärliteratur abgeleitet wurden. Aus erziehungswissenschaftlicher Sicht überrascht zwar die Idee, dass Pausen der Sicherheitsförderung dienen könnten, aber aus sportwissenschaftlicher Sicht kann anscheinend so gedacht werden. Auch die anderen gewählten Begrifflichkeiten für die Kategorisierung von Bedeutungsmöglichkeiten irritieren den Leser/die Leserin. So kann m.E. nicht von der Pause als Produktionsfaktor gesprochen werden (eher von „Reproduktionsfaktor“) und der Begriff des „Sozialraums“ ist mindestens unglücklich gewählt, da die Forschungsgruppe überhaupt nicht an einem theoretischen Verständnis von Sozialräumen anknüpft, wie es in den Erziehungs- und Sozialwissenschaften vorliegt.

Die Forschungsgruppe führte 18 leitfadengestützte, problemzentrierte Interviews mit Schülerinnen der 9. und 10. Klasse aus vier verschiedenen Gymnasien durch. Interessant ist die Zusammenfassung grundlegender Bewertungen der Schülerinnen und Schüler, die sehr unterschiedlicher Auffassung sind, ob eine lange Mittagspause überhaupt Sinn macht. So kritisieren mehrere SchülerInnen, dass die lange Mittagspause letztlich von ihrer selbst gestalteten und verantworteten Freizeit – die erst nach der Schule beginnt – abgezogen werde. Diese SchülerInnen erleben die Ganztagsschule letztlich als eine Zumutung und als Benachteiligung gegenüber anderen SchülerInnen, die nach wie vor an Halbtagsschulen unterrichtet werden. Wenn man sich die Zusammenhänge anschaut, wird deutlich, warum diese SchülerInnen die langen Pausen letztlich als Affront verstehen. So fallen nach wie vor viele Unterrichtsstunden vor oder nach den Pausen aus oder nach der langen Mittagspause wird noch eine Schulstunde angehängt, in der auch nicht mehr viel passiert. Die Aussagen der SchülerInnen machen deutlich, dass die viel gerühmte neue „Rhythmisierung“ an den Gymnasien gar nicht stattfindet und die Schulen weder ein Verständnis vom Ganztag entwickelt haben noch jemals darüber nachgedacht haben, was eine gute und sinnvolle Pause auszeichnet. Der Ganztag ist aus der Sicht der SchülerInnen eine ganztägige Zumutung, aus der es kein Entrinnen gibt.

Andere SchülerInnen finden die langen Pausen dringend notwendig, um überhaupt am Nachmittag wieder aufnahmefähig zu sein. Schließlich gibt es ebenfalls einige SchülerInnen, die lange Pausen deshalb gut finden, weil dort Zeit für Freundschaften und informelle Kontakte besteht. Diese SchülerInnen nutzen den Ganztag, um sich die Schule als sozialen Raum anzueignen und beschreiben die Vorteile gegenüber einer Freizeitgestaltung außerhalb der Schule, die wesentlich komplizierter sei.

Überwiegend werden die Aussagen der Jugendlichen jedoch recht einfach den vier zuvor festgelegten Bedeutungen von Pausen in Ganztagsschulen zugeordnet. Damit entsteht eine Illustrierung der vier zuvor aus anderer Literatur abgeleiteten Wahrnehmungsmuster – aber auch nicht wesentlich mehr. Abschließend plädiert die Forschungsgruppe dafür, der Mittagsfreizeit an Ganztagsschulen mehr konzeptionelle Aufmerksamkeit zu schenken, da hier viel ungenutztes Potential liegt. Lange Pausen seien für viele SchülerInnen zur Erholung unverzichtbar und zudem sei die Bedeutung unreglementierten und selbstbestimmten Handelns zu wenig erkannt und verstanden.

Fazit

Die vorliegende Arbeit ist als Ergebnis einer gemeinsamen Forschungsarbeit von Professor und Studierenden zu würdigen. Die Gruppe macht vor, wie Studierende sich eine soziale Praxis forschend aneignen können. Zugleich aber ernüchtert das Ergebnis – wie kann es sein, dass eine Gruppe von Studierenden sich so viel Zeit nimmt, ohne auch nur irgendwie im methodischen Handeln, in den Gesprächen mit den SchülerInnen oder in der Bewertung ihrer Ergebnisse originell zu sein?

So wird lediglich bestätigt, dass Pausen viele Funktionen haben können und sie von den SchülerInnen unterschiedlich erlebt werden. Besonders aber wird deutlich – was auch schon bekannt ist – dass Ganztagsgymnasien in der Regel keine Idee davon haben, was sie als ganztägige Lebens- und Lernräume auszeichnen könnte.


Rezensent
Dr. Remi Stork
Referent für Jugendhilfe und Familienpolitik in der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe. Geschäftsführer der evangelischen Arbeitsgemeinschaft Familie NRW
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Zitiervorschlag
Remi Stork. Rezension vom 09.01.2017 zu: Osnabrücker Forschungsgruppe: Mittagsfreizeit an Ganztagsschulen. Theoretische Grundlagen und empirische Befunde. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-11622-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21565.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


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