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Jörn Borke, Anja Schwentesius (Hrsg.): Kulturelle Vielfalt in Kindertagesstätten

Cover Jörn Borke, Anja Schwentesius (Hrsg.): Kulturelle Vielfalt in Kindertagesstätten. Projekte und Erfahrungen aus der Praxis für die Praxis. Carl Link (Kronach) 2016. 203 Seiten. ISBN 978-3-556-07102-1. D: 37,95 EUR, A: 39,10 EUR.
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Thema

Kulturelle Vielfalt stellt längst eine Realität in Deutschland dar, die sich in Kindertageseinrichtungen durch Kinder, Eltern und Fachkräfte mit unterschiedlichen kulturellen Wurzeln und vielfältigen Lebensformen spiegelt. Folglich rückt die bewusste Berücksichtigung und Anerkennung kultureller Vielfalt in der pädagogischen Arbeit zunehmend auf unterschiedlichen Ebenen in den Fokus: Zum einen zeigt sich, dass Fachkräfte eine kultursensitive Haltung entwickeln sollten. Auf dieser Grundlage kann allen Kindern von Anfang an die Möglichkeiten geboten werden, einen adäquaten Umgang mit Vielfalt zu erwerben und kulturelle Aspekte können reflektiert in die Zusammenarbeit mit Familien einfließen. Außerdem stellt Wissen über kulturelle Unterschiede und kulturelle Phänomene eine wesentliche Ebene dar, um eine kulturell vielfältige pädagogische Ausrichtung der Kita-Praxis zu gewährleisten. Zu guter Letzt ist die Ebene der konkreten Handlungsoptionen zu nennen, um beispielsweise für besondere Herausforderungen konstruktive Lösungen zu finden oder um Familien in besonderen Belastungssituationen lebensweltorientiert zu unterstützen.

Die Publikation spricht thematisch alle Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen an, die mit Kindern von 0 bis 12 Jahren arbeiten.

Herausgeber/Autor*innen

Jörn Borke, Dr. rer. Nat., Dipl.-Psychologe, ist Professor für Entwicklungspsychologie der Kindheit an der Hochschule Magdeburg-Stendal und Vorstandsmitglied im Kompetenzzentrum Frühe Bildung (KFB) der Hochschule Magdeburg-Stendal.

Anja Schwentesius, Dipl.-Pädagogin, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Kompetenzzentrum Frühe Bildung (KFB) der Hochschule Magdeburg-Stendal.

Entstehungshintergrund

Die Idee zu diesem Band entstand in einem Seminar des berufsbegleitenden Bachelor-Studiengangs Bildung, Erziehung und Betreuung im Kindesalter, unter Leitung von Prof. Dr. Jörn Borke an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Die in seinem Seminar durchzuführende Praxisaufgabe zum Thema kulturelle Vielfalt wurde durch eine Zukunftswerkstatt, in der sich die Studierenden Praktiker*innen Grundlagenwissen über vorurteilsbewusste Pädagogik und Diversity Management aneignen konnten, bereichert. Die Ergebnisse finden sich als Praxisprojektberichte in diesem Band, gerahmt durch zwei einführende Kapitel der Herausgebenden.

Aufbau

Das Buch ist in folgende fünf Kapitel gegliedert:

  1. Einführung und Hintergrund (S. 13-29)
  2. Die Bedeutung von unterschiedlichen Sozialisationszielen und Entwicklungspfaden (S. 47-71)
  3. Konzepte für Teamfortbildungen und Studientage zum Thema kulturelle Vielfalt (S. 73-97)
  4. Konzepte für die Arbeit mit Kindern und Familien in Krippe, Kindergarten und Hort zum Thema kulturelle Vielfalt (S. 99-164)
  5. Kinder aus unterschiedlichen Ländern und Umgang mit Fluchterfahrungen (S. 165-191)

Jedem Kapitel sind mehrere themenrelevante Texte verschiedener Autor*innen zugeordnet. Kapitel V schließt sich ein Autor*innen-Verzeichnis an.

Einige Texte werden unterstrichen und ergänzt durch Fotos.

Zu Kapitel I

Mit akzentuiert dargestellten theoretische Grundlagen schafft dieses Kapitel von Björn Borke die Basis, um grundsätzlich die unterschiedlichen Aspekte kultureller Vielfalt in pädagogischen Einrichtungen fachlich zu verorten und die folgenden Ausführungen in diesem Buch theoretisch einordnen zu können. Es verdeutlicht darüber hinaus die praktischen Notwendigkeiten und die Bedeutung von kultureller Vielfalt in pädagogischen Einrichtungen. Angesprochen sind damit alle pädagogischen Handlungsfelder von der Krippe bis zum Hort.

Anja Schwentesius beschreibt „Herausforderungen einer kultursensitiven Elternarbeit“ (S. 33) und leitet daraus resultierenden Anforderungen an Fachkräfte ab. Leser*innen erhalten konkrete Hinweise einer adäquaten Kommunikationsgestaltung, die unter anderem dabei helfen Sprachbarrieren zu überwinden und die so häufig aus unterschiedlichen Erwartungen entstehende Konflikte zu vermeiden. Die Verfasserin knüpft mit ihren Ausführungen an die zuvor vorgestellten theoretischen Grundlagen an.

Zu Kapitel II

Am Beispiel einer Fragebogenerhebung stellen Carmen Hoffmann und Jörn Borke dar, wie kultureller Vielfalt von Familien einer Kindertageseinrichtung erhoben werden kann. Die Untersuchung stützt sich konzeptionell auf den ökokulturellen Ansatz von Entwicklung und Erziehung von Keller (2007, 2011). Ziel des Projektes war es, Eltern und Fachkräften zu verdeutlichen, dass kulturelle Vielfalt ein Thema für jede Kita darstellt, unabhängig von den dort gesprochenen Sprachen, gelebten Religionen oder nationalen Zugehörigkeiten.

Susanne Kricheldorf beschreibt beispielhaft die kultursensible Gestaltung von Schlaf- und Ruhephasen bei Kindern unter drei Jahren (S. 60). Die Verfasserin stützt ihre Darstellungen auf die beiden prototypischen kulturellen Entwicklungspfade von Autonomie und Verbundenheit. Die Projektergebnisse werden auf den Ebenen „Sensibilisierung der pädagogischen Fachkräfte“, „Zusammenarbeit mit Eltern“ sowie „Räumliche Bedingungen und pädagogisches Handeln“ präzise dargestellt.

Zu Kapitel III

Silke Bauer und Cornelia König führen dieses Kapitel mit der Darstellung einer eintägigen Teamfortbildung zur „interkulturellen und sozialen Grunderfahrung“ (S. 75) ein. Die beiden Autorinnen stützen ihr Fortbildungskonzept auf den Ansatz der vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung. Neben klassischen Übungen und theoretischen Inputs werden Reflexionsfragen aufgeführt, um den Umgang mit kultureller Vielfalt, Demokratie und Partizipation in Kindertageseinrichtungen weiterzuentwickeln.

Daran schließt sich die Planung eines Studientages zur interkulturellen Pädagogik an (S. 91). Yvonne Orth baut ihre Inhalte auf dem Ansatz „Qualität im Situationsansatz“ auf, der wiederum angebunden ist an das Projekt KINDERWELTEN. Ziel ist es, die interkulturelle Arbeit in der Einrichtung zu evaluieren und sich mit eigenen biografischen Anteilen auseinanderzusetzen.

Zu Kapitel IV

Dieses Kapitel befasst sich mit verschiedenen Projekten, die in Kindertageseinrichtungen mit Kindern und Eltern umgesetzt wurden. Am Beispiel beobachteter Interessen von Kindern an verschiedenen Hautschattierungen von Fußballspielern, erläutert Simone Runge Umsetzungsmöglichkeiten des Familienspiels (Azun, 2010) mit unterschiedlichen Altersgruppen (2-10jährige Kinder).

Nadine Schnabel und Nancy Altus begeben sich mit den Kindern der Einrichtung auf eine „Reise durch die Welt“. Vorrangige Ziel ist es die Herkunftsländer/-regionen der Familien und Kinder zu entdecken und Möglichkeiten zum Kompetenzerwerb für den Umgang mit Vielfalt anzubieten. Mit der Projektplanung unter dem Titel „Die Welt trifft sich im Kindergarten“, beschreiben die Verfasserinnen Aktivitäten, mit denen sie zum Thema Interkulturalität arbeiten möchten.

Kati Scherer schildert ihre Praxiserfahrung zum Thema „Andersartigkeit“. Das Projekt stützt sich auf mehrere Differenzlinien. Ziel dieser Arbeit ist es, Kinder bewusst interkulturelle und soziale (Grund)Erfahrungen zu ermöglichen und damit dem Bildungsbereich „Grundthemen des Lebens“ des Bildungsprogramms für Kindertageseinrichtungen (Sachsen-Anhalt) Rechnung zu tragen.

Wie Hortkinder für kulturelle Vielfalt am Beispiel der Fußballweltmeisterschaft (2014) sensibilisiert werden können, beschreiben Ines Kahrstedt und Eike Fiedler (S. 131). Ihre Projektidee stützen sie auf pointiert beschriebene normative Grundlagen und entwicklungspsychologische Aspekte dieser Altersgruppe. Die Verfasserinnen verfolgen das Ziel, dass sich Kinder und Fachkräfte ihrer Sozialisations- und Lebenszusammenhänge bewusstwerden, alle einen offenen Zugang zu unterschiedlichen (kulturellen) Lebensformen entwickeln, sensibel werden für Vorurteile und respektvoll mit „Anderssein“ umgehen.

Laura Lichtenfeld beschreibt ein interkulturelles Projekt mit Hortkindern, dessen Schwerpunkt eine „Reise um die Welt“ bildete (S. 147). Innerhalb von sieben Wochen bereisen die Kinder wöchentlich ein anderes Land, verbunden mit dem Ziel sensibel für andere „Kulturen“ zu werden, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu entdecken und sich der Einzigartigkeit von Menschen bewusst zu werden.

Dieses Praxiskapitel wird von Veit-Yvon Severin mit einer persönlichen Praxisreflexion beschlossen. Sie richtet den Fokus auf die alltäglichen Situationen im Tagesverlauf, die sie unter der Vielfaltsperspektive betrachtet. Die Verfasserin lässt ihre Erfahrungen in handlungspraktische Vorschläge zur interkulturellen Ausrichtung des pädagogischen Alltags münden.

Zu Kapitel V

Mit diesem letzten Kapitel werden Praxisbeispiele präsentiert, die sich mit den Themen Integration, Mehrsprachigkeit und Fluchterfahrungen befassen. Lucie Becker beschreibt die Koppelung des Projektes „Wer bin ich“, welches das Ziel verfolgt, Kindern die Vielfalt von familiären Lebensformen näher zu bringen, mit der Eingewöhnungsphase eines Mädchens aus einer binationalen Partnerschaft.

Nancy Schneider zeigt im zweiten Beitrag, wie der Integrationsprozess zweier Kinder mit nicht-deutscher Familiensprache verlief. Durch das Zusammenspiel von pädagogischer Arbeit mit den Kindern der Einrichtung und den Eltern der beiden neuen Kinder konnten anfänglichen Schwierigkeiten überwunden und die Kompetenzen aller Kinder erweitert werden.

Wie bedeutsam das Wissen um den kulturellen Hintergrund eines Kindes für das Miteinander in einer Bildungseinrichtung sein kann, stellt Carla Schmezko am Beispiel des Spracherwerbs vor. Ihre Ausführungen stützt die Verfasserin auf allgemeine theoretische Grundlagen des Spracherwerbs und auf spezifische Aspekte traditioneller chinesischer Erziehungskultur.

Den Abschluss bildet ein Gespräch der Herausgeberin und des Herausgebers mit Andrea Butzek zum Thema Umgang mit kultureller Vielfalt und geflüchteten Familien in Kitas (S. 191). Die Interviewte gibt ausführlich Auskunft über ihre Sicht auf Möglichkeiten, Herausforderungen und Grenzen in Bezug auf die Aufnahme von Kindern und Familien mit Fluchterfahrungen.

Diskussion und Fazit

In der Diskussion um kindlichen Entwicklungs- und Bildungsprozesse im Kontext von kultureller Vielfalt und Heterogenität rückt die Rolle von Kindertageseinrichtungen (wieder) zunehmend in den Fokus. Bildungseinrichtungen kommt eine wesentliche Funktion im Weltaneignungsprozess der Kinder aus verschiedenen lebensweltlichen Bezügen zu. Sie sind wichtige Sozialisationsinstanzen und tragen gleichzeitig zur Identitätsbildung der Kinder bei. Damit diese Entwicklung für alle Kinder positiv verlaufen kann, ist ein wertschätzendes, vor stereotypen Zuschreibungen und Diskriminierung schützendes Umfeld bedeutsam, die sich durch Menschen auszeichnet, die neugierig sind auf das, was Kinder und Familien an Erfah-rungen mitbringen und die lebensweltliche Besonderheiten in ihren Einrichtungen sichtbar werden lassen. Um das zu gewährleisten, bildet das Wissen pädagogischer Fachkräfte beispielsweise über familienkulturelle Besonderheiten, unterschiedliche Sozialisationsziele und Entwicklungspfade, Motive von Migration oder Vorerfahrungen mit Bildungseinrichtungen eine wichtige Basis. Außerdem wird die Bedeutung der pädagogischen Orientierung und des konkreten pädagogischen Handelns offenkundig. Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen benötigen ein Kompetenzprofil, das explizit an Fragen zur Gestaltung kultursensitiver Interaktionen und eines anerkennenden Sozial- und förderlichen Sprachklimas ausgerichtet ist.

Mit der vorliegenden Veröffentlichung geben die Autor*innen einen Einblick in gelingende Theorie-Praxis-Verzahnung eines Studiums und bieten Kindertageseinrichtungen sinnvolle praktikable Anhaltspunkte für eine kultursensitive Ausrichtung der pädagogischen Arbeit. Dieses Buch, in dem vor allem Praktikerinnen zu Wort kommen, sollte in keiner Teambibliothek fehlen.


Rezensentin
Sibylle Fischer
Evangelische Hochschule Freiburg, Pädagogik der Kindheit
Wissenschaftliche Mitarbeiterin, RECOS Beauftragte
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Zitiervorschlag
Sibylle Fischer. Rezension vom 15.06.2018 zu: Jörn Borke, Anja Schwentesius (Hrsg.): Kulturelle Vielfalt in Kindertagesstätten. Projekte und Erfahrungen aus der Praxis für die Praxis. Carl Link (Kronach) 2016. ISBN 978-3-556-07102-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21566.php, Datum des Zugriffs 19.09.2018.


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