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Verena Schurt, Wiebke Waburg u.a. (Hrsg.): Heterogenität in Bildung und Sozialisation

Cover Verena Schurt, Wiebke Waburg, Volker Mehringer, Josef Strasser (Hrsg.): Heterogenität in Bildung und Sozialisation. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. 219 Seiten. ISBN 978-3-8474-0517-7. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
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Entstehungshintergrund

Der Band ist als Festschrift zur Emeritierung von Leonie Herwartz-Emden (Universität Augsburg) erschienen.

Autor*innen und Herausgeber*innen

Die Herausgeber*innen und Autor*innen arbeiten in unterschiedlichen Instituten und Projekten der Bereiche Pädagogik und Psychologie der Universität Augsburg.

Zielgruppe

Adressat*innen sind alle mit Heterogenität/ Diversität befassten Berufsgruppen. Der Schwerpunkt liegt im Bereich der schulischen Bildung.

Aufbau

Nach dem einleitenden Vorwort der Herausgeber*innen ist der Band in zwei Kapitel gegliedert:

  1. Schule als Bildungs- und Sozialisationskontext (sieben Beiträge)
  2. weitere Bildungs- und Sozialisationskontexte (drei Beiträge: Forschung, Sozialpädagogik und Weiterbildung in Unternehmen)

Ziele des vorliegenden Bandes sind die Schärfung der theoretischen Grundlagen von Heterogenität, deren empirische Analyse und darauf aufbauend die Entwicklung von Konzepten für den Umgang mit dieser Problematik.

In ihrem einleitenden Beitrag warnen die Herausgeber*innen vor einer ontologisierenden und essentialisierenden Verkürzung der Kategorien und heben stattdessen die soziale Konstruiertheit von Heterogenität in Bildung und Sozialisationszusammenhängen als Kerngedanken hervor (13).

Eine heterogenitätssensible Pädagogik basiert häufig auf einer machtpolitischen Perspektive und hat den Anspruch, Exklusion, Diskriminierung und Benachteiligung abzubauen (15).

Zu 1. Schule als Bildungs- und Sozialisationskontext

Pädagogische Professionalität umfasst nach Strasser neben Fachwissen auch Aspekte wie Überzeugungen und Werthaltungen, Motivation und die Fähigkeit zur Selbstregulation. Gerade im Umgang mit kultureller Heterogenität sind Werthaltungen sehr wichtig, weil sonst die Gefahr von stereotypen Vorstellungen und Vorurteilen besteht wie sie sich insbesondere bei Übergangsempfehlungen vom schulischen Primar- in den Sekundarbereich gezeigt haben oder wenn Probleme in der Entwicklung von Schüler*innen einseitig (kulturellen) Defiziten der Herkunftsfamilien angelastet werden (37).

Neben der Forderung der allerdings im Detail schwierig zu bestimmenden interkulturellen Kompetenz von Lehrkräften ist – wie Vergleiche mit anderen Ländern zeigen – eine systematische Bildungsberatung von Familien mit Migrationshintergrund sehr wichtig. Positive Effekte kann auch ein verstärkter Einsatz von Lehrkräften mit Migrationshintergrund haben, wenn diese auf ein Kollegium treffen, in welchem inklusive Wertvorstellungen herrschen, die es ihnen ermöglichen, ihre Anregungen an andere Lehrkräfte weiterzugeben. Nur wenn durch eine solche Haltung vorgegebene Routinen und Programme aufgebrochen werden können, ist eine kultursensible Förderung möglich.

In einer Befragung von Lehrkräften zu ihren Erfahrungen mit Übergängen im Berufsleben kommen Aschenbrücker, Schröder und Zernikel zu dem Ergebnis, dass die Lehrer*innen die Heterogenitätsdimensionen Migrationshintergrund, Kultur, Religion und Behinderung als besonders herausfordernd empfanden. Sie fühlten sich unzureichend informiert und forderten eine bessere Vorbereitung auch in der ersten Ausbildungsphase. Die Dimension Geschlecht wurde dagegen meist als unproblematisch bewertet.

Urteile von Lehrkräften über Schüler*innen sind nach Tobisch und Dresel häufig durch implizite Persönlichkeitstheorien sowie durch Alltagstheorien über Personen und ihre Eigenschaften beeinflusst. Dies spielt insbesondere bei den Empfehlungen zum Übergang in die Sekundarstufe eine Rolle. Eine Studie mit 237 Grundschullehrkräften hat ergeben, dass die häufig beklagte Benachteiligung von Schüler*innen mit Migrationshintergrund nicht auf falsche Bewertung dieser Schüler*innen zurückzuführen ist. Deren Leistungen wurden vielmehr im Unterschied zu denjenigen deutscher Schüler*innen mit hohem sozioökonomischen Status akkurat eingeschätzt (83). Letztere wurden dagegen in ihrer Leistungsfähigkeit deutlich überhöht bewertet.

In den letzten Jahren sind in den Grundschulen sowohl aus pädagogischen (Individualisierung und Differenzierung) als auch aus organisatorischen (drohende Schulschließung wegen zu kleiner Klassen) Gründen altersgemischte Eingangsstufen eingerichtet worden. Im bisherigen deutschen Studien werden positive Lerneffekte der Altersmischung nachgewiesen. Hartinger, Grittner und Rehle haben in einer repräsentativen vergleichenden Studie von altersgemischten und altershomogenen Klassen die Lernerfolge der Kinder am Ende des ersten Schuljahres in den Fächern Mathematik und Deutsch (differenziert nach Textverständnis, Lese-und Rechtschreibfertigkeit) erhoben und in Bezug zu den Einstellungen der Lehrer*innen (normbezogen, auf Homogenisierung ausgerichtet oder differenzbezogen, auf Nutzung der Heterogenität ausgerichtet) gestellt. Ergebnisse sind u. a., dass in jahrgangsgemischten Klassen die Lerngewinne unabhängig von der Einstellung der Lehrkräfte höher sind. In jahrgangshomogenen Klassen ist die Lernleistung jedoch bei einer positiven Einstellung der Lehrkraft zu Heterogenität höher. Dieses Ergebnis kann damit erklärt werden, dass die Bedingungen in gemischten Klassen unabhängig von der Einstellung zu Individualisierung zwingen und hierfür millerweile auch gute Materialpakete zur Verfügung stehen.

Wlossek und Rost-Roth stellen einleitend in ihrem Beitrag fest, dass lebensweltliche Mehrsprachigkeit der Schüler*innen bisher kaum Eingang in den Unterricht findet (105). Als Ergebnis ihrer eigenen Befragung von Lehrkräften in Regel- und Übergangsklassen (ausschließlich Schüler*innen mit Nicht-Deutsch als Erstsprache) kommen sie zu dem Schluss, dass Lehrkräfte in Übergangsklassen die Berücksichtigung der Herkunftssprache im Unterricht für unerlässlich halten, um Transfereffekte zwischen den Sprachen und Anerkennung der Identität der Schüler*innen zu fördern. Bei den Lehrkräften der Regelklassen zeigt sich dagegen ein breites Spektrum von Einstellungen, das von enormer Skepsis bis zu grundsätzlicher Offenheit reicht (117). Die Autorinnen kommen zu dem Schluss, dass ein großer Bedarf an Fortbildungen besteht, um Lehrer*innen für den Umgang mit Herkunftssprachen sicherer zu machen und solche Ansätze zu verfolgen, die zur „Anerkennung der Lebensrealität“ (120) der Schüler*innen beitragen.

Horstmeier hat die Bildungslaufbahnen von Gymnasiast*innen und Hauptschüler*innen mit Migrationshintergrund untersucht und hierzu Interviews durchgeführt. Ihre Hypothesen, dass sich der Besuch des Kindergartens positiv auf die Chancen und später Deutscherwerb sich negativ auswirken, konnten nur teilweise bestätigt werden. Während die befragten Gymnasiast*innen vorwiegend auf Hilfe aus dem Elternhaus zählen konnten, waren die Hauptschüler*innen auf Unterstützungsangebote der offenen Jugendarbeit angewiesen. Die Autorin leitet daraus die Forderung nach einer engen Zusammenarbeit zwischen Schule und Jugendarbeit ab.

In einer Untersuchung von 1790 bayerischen Grundschüler*innen des vierten Jahrgangs kommen Berner und Bieg zu dem Ergebnis, dass Schüler*innen mit Migrationshintergrund eher elterliche Kontrolle erleben, die sich negativ auf selbstbestimmte Motivation auswirkt. Für die pädagogische Praxis leiten sie daraus die Forderung ab, dass den Eltern in der schulischen Elternarbeit Möglichkeiten aufgezeigt werden, „wie sie ihre Kinder effektiver für die Bewältigung schulischer Arbeiten unterstützen können, wie z. B. durch Aufzeigen von echtem Interesse an den Schulinhalten der Kinder“ (155).

Zu 2. Weitere Bildungs- und Sozialisationskontexte

Schultheiß-Roche stellt zur Vorbereitung eines Forschungsprojektes zur Befragung von Frühpädagoginnen mit Migrationshintergrund sehr differenzierte Überlegungen zur Vermeidung von Reifikationen an. Schon die vor allem für Schulen gestellte bildungspolitische Forderung, den Anteil des Personals mit Migrationshintergrund zu erhöhen, ist problematisch, weil „von Fachkräften mit Migrationshintergrund ‚andere Fähigkeiten‘ erwartet und gefordert werden (Othering), sie damit qua der zugeschriebenen Herkunft eine andere Behandlung erfahren“ (168). Zur Vermeidung von Reifikationen und Zuschreibungen ist bei allen Schritten der Forschung ein (selbst-) reflexives Vorgehen der Forscher*innen notwendig. Als besonders geeignet weist sich der Intersektionalitätsansatz, der eine Vereinseitigung durch Berücksichtigung verschiedener und in Wechselwirkung stehender Kategorien wie Rasse, Nation, Klasse oder Gesschlecht verhindert. Im Fazit zitiert die Autorin Breitenbach, die darauf hinweist, dass trotz aller Bemühungen die Gefahr der Essenentialisierung von Differenz kaum zu vermeiden ist (177).

Als Beispiel hierfür kann auch der Beitrag von Lippok gesehen werden, der ein Interview mit einem Sozialpädagogen zum Thema Gewalt in Computerspielen vorstellt. Dieser deutet das Problem als Generationenkonflikt, der primär durch das technische Unverständnis von Erwachsenen (Eltern und Lehrern) im Hinblick auf neue Medien entsteht. „Das im fachlichen Diskurs favorisierte Generationenverhältnis des Jugendschutzes, bei dem Kinder und Jugendliche durch Erwachsene vor dem Zugriff auf gefährliche Medien abgehalten werden sollen, wird zu einem generationalen Verständigung- und Kommunikationsproblem umgedeutet“ (193 f.). Unabhängig von der Frage, inwieweit diese Deutung sachlich zutreffend ist, wird hier eine problematische Homogenisierung der Erwachsenen vorgenommen, die so zu den „Anderen“ gemacht werden.

Abschließend berichten Macha, Hitzler und Spiegler über ein Projekt, dessen Ziel die Weiterbildung in Unternehmen mit der Strategie Gender und Diversity war. Mit Mitarbeiter*innen aus insgesamt 15 mittelständischen Unternehmen wurden Workshops zu Themen wie „Gendersensible Führung und Kommunikation“ „Wiedereinstiegs- und Kontakthalteprogramme für Eltern“ oder „Gendersensible Bewerbungsgespräche“ (205) durchgeführt. Der Erfolg wurde mithilfe von Fragebögen evaluiert. Als wesentliches Ergebnis kann ein nachhaltiger Wandel in der Unternehmenskultur in Richtung „mitarbeiterorientierte Haltung“ der Firmen festgestellt werden. Barrieren für die Umsetzung erworbenen Wissen zeigten sich jedoch in patriarchalischen Unternehmenskulturen, wodurch der Transfer in den Alltag durch Vorgesetzte behindert wurde.

Diskussion

Ein wichtiger Schwerpunkt des vorliegenden Bandes ist die Warnung vor der Gefahr von Ontologisierung und Reifikation insbesondere im Bereich kultureller Heterogenitätsdimensionen, auf die schon die Herausgeber*innen in ihrem Vorwort hinweisen. Besonders ausgeprägt ist dieser Schwerpunkt in den Beiträgen von Schultheiß-Roche und Lippok. Schuldheiß-Roches Forderung, Reifikation und Zuschreibung in der Forschung durch (Selbst-) Reflexion zu vermeiden, lässt sich auch auf alle Bereiche des Umgangs mit Heterogenität ausweiten – insbesondere die Pädagogik. Wer sich stets die soziale Konstruiertheit z.B. von Ethnie und Religion vor Augen hält, wird auch in der pädagogischen Arbeit vermeiden, Eltern und Schüler*innen durch Homogenisierung auf eine bestimmte Kultur festzulegen und dadurch Gemeinsamkeiten mit anderen Gruppen zu vernachlässigen.

Für Schüler*innen ist es wichtig, eine selbständige Wahl von kulturellen Werten treffen zu können. Voraussetzung hierfür ist ein positives Selbstwertgefühl, das den Schüler*innen durch Wertschätzung und Anerkennung vermittelt wird. Hier haben deutsche Schulen noch erheblichen Nachholbedarf wie die Abwertung leistungsschwächerer Schüler*innen durch das differentielle Notensystem und in diesem Band die mangelnde Berücksichtigung von Zwei- und Mehrsprachigkeit für die Identitätsbildung zeigt.

Vermeidung von Homogenisierung und Zuschreibung durch Selbstreflexion kann auch dazu beitragen, die gegenwärtig in rechtspopulistischen Strömungen zu beobachtende Fixierung auf nationale oder kulturelle Identität als Reaktion auf mangelndes Selbstwertgefühl infolge erfahrener Abwertung zu verhindern.

Fazit

Der Band regt die Leser*innen zur Reflexion über die Dimensionen von Heterogenität, ihre Bedeutung für die Pädagogik und ihre Implikationen für die berufliche Praxis an. Insbesondere Lehrkräften an Schulen kann die Lektüre deswegen empfohlen werden.


Rezensent
Prof. i.R. Manfred Baberg
Hochschule Emden/Leer, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit. Arbeitsgebiete u.a. Behindertenarbeit und Integrationspädagogik in den Studiengängen Soziale Arbeit/Sozialpädagogik und Integrative Frühpädagogik
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Zitiervorschlag
Manfred Baberg. Rezension vom 19.12.2016 zu: Verena Schurt, Wiebke Waburg, Volker Mehringer, Josef Strasser (Hrsg.): Heterogenität in Bildung und Sozialisation. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. ISBN 978-3-8474-0517-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21567.php, Datum des Zugriffs 14.11.2018.


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ISSN 2190-9245

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