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Clarissa Blume-Jung, Wolfram Buchwitz (Hrsg.): Alter und Gesellschaft

Cover Clarissa Blume-Jung, Wolfram Buchwitz (Hrsg.): Alter und Gesellschaft. Herausforderungen von der Antike bis zur Gegenwart. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2016. 223 Seiten. ISBN 978-3-506-78542-8. D: 25,90 EUR, A: 26,70 EUR, CH: 32,50 sFr.
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Thema

Der demographische Wandel mit der Zunahme des Anteils der Altenbevölkerung in den Industrienationen scheint diese vor neuartige soziale Herausforderungen zu stellen. Dass die Gesellschaften bereits seit langer Zeit mit ihren alt gewordenen Mitgliedern auskommen mussten, untersucht der bei Schöningh Paderborn herausgegebene Band „Alter und Gesellschaft“ für Gesellschaften in Antike und Altertum. Festgestellt wird, dass die alten Gesellschaftsmitglieder geehrt, aber auch abgewertet wurden. Gesellschaftliche Brüche in der Generationenfolge sollten vor allem im kaiserlichen Rom durch eine geregelte Erbfolge vermieden werden. Gefragt wird in dem von Clarissa Blume-Jung und Wolfram Buchwitz herausgegebenen Band, welche generativen Praktiken von einst zur Bewältigung des heutigen demographischen Wandels brauchbar erscheinen.

Autorin und Autor

Dr. phil. Clarissa Blume-Jung arbeitet am Institut für Archäologische Wissenschaften der Ruhr-Universität Bochum. Dr. iur. Wolfram Buchwitz lehrt an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

Aufbau und Inhalt

Der Band „Alter und Gesellschaft“ betrachtet in drei Abschnitten nach der Schilderung aktueller hirnorganischer und gesundheitsversorgender, allokativer Probleme alter Menschen in Deutschland in fünf Aufsätzen die Stellung der Altenbevölkerung im Altertum im Zweistromland, im alten Griechenland, im Rom zur Zeit von Republik und Kaiserzeit und bei den Kirchenvätern. Abschließend werden die erbrechtlichen Regelungen im alten Rom und die heutigen familienpolitischen Leistungen Deutschlands auf ihre Wirkungen befragt.

Bei der Betrachtung gegenwärtiger medizinischer Perspektiven stellt Svenja Caspers im einleitenden Aufsatz zur Hirnleistungsfunktion fest, dass neuro-degenerative Störungen die Gesellschaften belasten können. Die interindividuell variablen kognitiven Leistungseinbußen können aber teilweise durch kognitive Reserven ausgeglichen werden. Hilfreich erscheinen hier Lebensstiländerungen. Kompensatorisch können neue Aufgabenstellungen, mehrkanalige Informationen und sensorische Stützen wirken.

Im wachsenden Anteil Älterer kommt auf Deutschland nach Andrea Steinbicker ein wachsender medizinischer Versorgungsbedarf zu. Er wird wegen Ärztemangels, Knappheit an Pflegepersonal und wegen unzureichender Notarztversorgung schwierig einzulösen sein. Der Ressourcenmangel verstärkt sich noch durch Fehlanreize im Honorierungssystem der gesetzlichen Krankenlassen. Die Reformvorschläge für die Krankenhausvergütung werden diskutiert.

Unter dem Abschnitt Wahrnehmung des Alter(n)s wird zunächst anhand des Zweistromlandes auf den geringen Anteil alter Menschen an der dortigen einstigen Bevölkerung abgehoben. Die weisen Alten berieten die Herrscher Mesopotamiens im pazifistischen Sinn zur Friedenswahrung. Im Übrigen übten sie Funktionen in der Rechtssprechung und bei der notariellen Grundstücksübertragung aus. Für das alte Griechenland ist in den literarischen Quellen über alte Menschen nur von der alten männlichen Oberschicht die Rede, die bei gutem Auskommen zufrieden lebte. Vorkommende Respektlosigkeit Alten gegenüber galt gegen göttliche Gebote als Hybris.

Im alten Rom wurde zur Sicherung der Kontinuität des Imperiums die eheliche Zeugung von Kindern und deren familiale Aufzucht propagiert. Durch Erbverluste bei Ehe- und Kinderlosigkeit wurde eine Selbstrekrutierung der römischen Oberschicht zu praktizieren versucht. Auch hier war also die vermögende Oberschicht Adressat staatlicher Maßnahmen, wobei nach der Darstellung von Wolfram Buchwitz als regulierende Akteure eher die als Ersatzerben begünstigten weiteren Verwandten denn der Staat auf den Plan traten, die nach dem anfallenden Erbe Kinderloser trachteten.

Die ersten Kirchenväter machten sich nach Christian Hornung die Sicht des am menschlichen Lebensablauf orientierten Geschichtsverlaufs des Augustinus zu eigen, wonach das Alter in der Nähe des endenden Weltenzeitalters mit der wiederkehrenden Heraufkunft Christi als Weltenherrscher gesehen wurde. Das Alter als Ende des Irdischen bietet somit eine Chance zu Erneuerung und Wandlung zum neuen Menschen.

An Reaktionen auf die Bevölkerungsentwicklung ist neben dem erwähnten Aufsatz von Wolfram Buchwitz über die römischen Erbpraktiken eine Arbeit von Anne Sanders über die Inkonsequenzen heutiger deutscher Familienförderung aufgenommen. Die Autorin weist auf die begünstigende Förderung doppelt verdienender höherer Schichten durch das einkommensbezogene Elterngeld hin und auf die Benachteiligung durch dessen Anrechnung auf die sozialen Hilfen von oft alleinerziehenden Sozialeinkommensbeziehern. In der von der Autorin breit diskutierten Rechtssprechung des Bundesverfassungsgerichts wird im Erziehungsgeld eine Förderung der Einverdiener-Familie gesehen. Eine systematisch einheitliche Kanalisierung des demographischen Wandels ist in der gegenwärtigen Familienförderung nicht in Sicht.

Diskussion

Historisch trägt der Band „Alter und Gesellschaft“ für die alten Kulturen trotz spärlicher Quellenlage eine Fülle an Informationen über die Platzierung der Generationen, insbesondere über die Wertschätzung der alten Menschen zusammen. Grabanlagen, Statuen, Urkunden, Naturalienvorschriften und Anstandsregeln wurden zu Rate gezogen. Insgesamt ergibt sich für die Wertigkeit des Alters in den alten Gesellschaften ein positiveres Bild, als man es erwartet hätte.

Die Bezüge zur heutigen demographischen Problematik sind nicht immer so hautnah greifbar, wie es der Band propagiert. Dafür sind die Ausführungen über die hirnorganischen Defizite, die quantitativen Mängel im Gesundheitswesen und die Disparitäten bei der Familienförderung zu isoliert neben die kulturhistorischen Abhandlungen gestellt. Interdisziplinäre Ansätze über die Zeitalter hinweg fehlen. Die breiten Diskussionen um die Krankenhausfinanzierung und die familienpolitischen Urteile des Bundesverfassungsgerichts erscheinen im Gesamtkontext des Buches eher abseitig.

Die Veröffentlichung hätte stärker auf die Unterschiede zwischen den relativ statischen Altertumsgesellschaften und den heutigen, dynamischen Migrationsgesellschaften abheben können. So hätte bei der Familienförderung etwas zur Freistellung pflegender Angehöriger im Arbeitsverhältnis ausgesagt werden sollen.

Bei der Darstellung der Mängel an Gesundheitsdiensten angesichts alternder Gesellschaften ist zu wenig auf die Kontroverse Medikations- versus Kompressionstheorem eingegangen. Die Statistik mit prozentual steigenden Anästhesien für alte Patienten von Seite 37 ist allein nicht aussagekräftig, weil sie nicht auf die Schweregrade der Eingriffe abhebt. Im Übrigen spricht die Senkung von 17 auf 15 Prozent eingeleiteter Anästhesien bei den 70- bis 80jährigen von 2013 auf 2014 eher für die Kompressionstheorie.

Die Beschränkung der Darstellung des christlichen Altersbildes auf die Kirchenväter mit der Nähe des Alters zur Endzeit läuft Gefahr, einer Engführung zu unterliegen. Es gibt gerade in den Psalmen genügend Zeugnisse für einen Gottesauftrag zur Aktivität an die Alten (Psalm 71 Vers 18 und Psalm 92 Verse 14 und 15).

Fazit

Die Dynamik zwischen Alt und Jung ist nicht nur eine neuzeitliche Erscheinung. Auch die Gesellschaften des Altertums kannten Beziehungen zwischen den Generationen. Ihnen sucht der Band „Alter und Gesellschaft“ anhand mannigfacher Zeugnisse auf die Spur zu kommen und stellt dabei nur ausnahmsweise eine Abwertung alter Zeitgenossen fest. Diese Erkenntnisse auf heutige Alternsprobleme wie Demenz, Versorgungsmängel und unzureichende Familienförderung zu übertragen gelingt dem Band indes nicht.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 27.10.2016 zu: Clarissa Blume-Jung, Wolfram Buchwitz (Hrsg.): Alter und Gesellschaft. Herausforderungen von der Antike bis zur Gegenwart. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2016. ISBN 978-3-506-78542-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21569.php, Datum des Zugriffs 19.06.2019.


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