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Melanie Behrens, Wolf-Dietrich Bukow u.a. (Hrsg.): Inclusive City (Mobilität und Diversität in der Stadtgesellschaft)

Cover Melanie Behrens, Wolf-Dietrich Bukow, Karin Cudak, Christoph Strünck (Hrsg.): Inclusive City. Überlegungen zum gegenwärtigen Verhältnis von Mobilität und Diversität in der Stadtgesellschaft. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 368 Seiten. ISBN 978-3-658-09538-3. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 42,50 sFr.
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Thema

Städte waren schon immer „Integrationsmaschinen“ (G. Simmel). Sie ermöglichten immer schon die Inklusion unterschiedlichster Gruppen und Menschen unter den Bedingungen eines dichten Zusammenlebens, einer immer nur unvollständigen Integration und der Ambivalenzen und Spannungen, die mit der Logik von Integration und Ausgrenzung verbunden sind. Müssen Städte alle integrieren und können sie dies überhaupt gleichermaßen oder war es nicht schon immer so, dass die Bürgerinnen und Bürger einer Stadt in sehr unterschiedlicher Weise integriert werden konnten. Und bot die Stadt nicht schon immer auch denen einen Platz, die eigentlich längst rausgefallen waren, was wir ja heute noch beobachten können. Wie auch immer sie leben, sie werden nicht aus der Stadt vertrieben.

Die Stadt trägt andererseits durch ihre Politik auch zur Ausgrenzung ganzer gesellschaftlicher Gruppen bei, sei es durch sozialräumliche Segregation, durch Verdrängungsprozesse im Zuge von Gentrifizierung oder durch die Vertreibung von Wohnungslosen, Drogenabhängigen, Armen oder anderen marginalisierten Menschen aus dem öffentlichen Raum durch ihre Gefahrenabwehrverordnungen oder andere Maßnahmen.

Herausgeberinnen und Herausgeber

  • Melanie Behrens arbeitet an der Katholischen Hochschule NRW, Köln.
  • Prof. Dr. Wolf-D. Bukow ist Professor am Forschungskolleg der Universität Siegen.
  • Karin Cudak ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungskolleg der Universität Siegen und Promotionsstipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung.
  • Christoph Strünck arbeitet an der Universität Siegen.

Autorinnen und Autoren

Die weiteren Autorinnen und Autoren kommen aus den Bereichen der Architektur der Soziologie, speziell der Stadtsoziologie, der Geschichtswissenschaften, der Stadt- und Raumplanung, der Stadt- und Migrationsforschung und der Geographie.

Aufbau

Nach einem einleitenden Artikel der Herausgebergruppe gliedert sich das Buch in sechs größere Teile mit mehreren Beiträgen.

  1. Stadtgesellschaft als Organisationskontext des urbanen Zusammenlebens
  2. Urbaner Raum – eine lebendes System
  3. Vielfalt und Mobilität als Ausgangspunkte zivilgesellschaftlicher Selbstregulierung
  4. Von der Dynamik einer neuen Wirklichkeit
  5. Über die Schwierigkeiten, die Stadtgesellschaft inklusiv auszurichten
  6. Abschließende Betrachtungen

Alle Beträge schließen mit einer ausführlichen Literaturliste zu dem jeweiligen Thema.

Zu: Auf dem Weg zur Inclusive City

(Karin Cudak, Wolf-D. Bukow). Mit Freizügigkeit ist Mobilität verbunden und mit Mobilität Diversität und Vielfalt. In ihrem einleitenden Beitrag führen Cudak und Bukow in das Thema des Buches ein und greifen dabei zunächst ein Phänomen der heutigen Stadt vor dem Hintergrund der Globalisierung und der Freizügigkeit im europäischen Rahmen auf, auf das aber einerseits die städtische Gesellschaft nicht konstruktiv reagiert, andererseits aber längst die Städte prägt und nicht rückgängig gemacht werden kann. Stadt ist Gesellschaft und Diversität und Mobilität werden dann zur Herausforderung für die Stadt, wenn auf die Stadt als ein geschlossenes, innerlich verdichtetes System zurückgegriffen wird. Aber Gesellschaft ist ein zeitlich und sozial verdichteter Sozialraum, der Grenzen kennt, im Inneren verdichtet und strukturiert ist und in der Lage ist, die sozialen Alltagspraktiken zu rahmen und zu konturieren. Dies wird zunächst ausführlich entfaltet, indem Mobilität und Diversität vor dem Hintergrund der Inklusionsfähigkeit der europäischen Stadt diskutiert werden. Innerstädtische Quartiere und die City werden als metropolitane Ballungsräume beschrieben und auch das wird ausführlich begründet. Vor allem aber setzen sich die Autorin und der Autor mit der Stadtgesellschaft als Bezugsrahmen auseinander; sie behaupten, dass die systematische Würdigung der Stadtgesellschaft erst am Anfang steht; im Augenblick ist dieser Rahmen noch der Nationalstaat. Die Mobilität und Diversität werden in der Stadtgesellschaft kontexttypisch verarbeitet, also auf der Basis von Prozessen und Phänomenen, die für die Stadt als „Stadt“ typisch sind und die die urbane Logik von Integration und Ausgrenzung bestimmen. Unterdessen geht es um die Orientierung auf die Stadtgesellschaft hin, die der Tradition der europäischen Stadt im Umgang mit Diversität und Mobilität geschuldet ist. Dies wird ausführlich begründet und aufgezeigt, wie die Debatte entlang der Gliederung des Buches nachvollziehbar wird.

Zu: I: Stadtgesellschaft als Organisationskontext des urbanen Zusammenlebens

Zu: „Seeing Inclusion and the Right to the City“ (Jerome Krase)

In diesem englischsprachigen Beitrag geht es dem Autor um die Frage, was eine „Inclusive City“ ermöglicht und welche Voraussetzungen unter den Bedingungen einer globalisierten und transnationalisierten Welt dafür notwendig sind.

Seine mit vielen Fotos unterlegte und belegte Argumentation geht auf den Umgang mit ethnischen und religiösen Minderheiten in Amerika und in Europa ein. Die Bilddokumente machen deutlich, wie unkompliziert der alltägliche Umgang in konkreten lokalen Lebenszusammenhängen vor dem Hintergrund der Stadtgesellschaft und der für sie typischen Strukturbedingungen des Handelns sein kann. Der Autor geht auf Lefèbvres Recht auf Stadt und Harveys Soziale Gerechtigkeit in der Stadt ein und diskutiert ausführlich die theoretischen Positionen, bevor er einzelne konkrete Beispiele sehr schön beschreibt, mit Fotos unterlegt und analysiert.

Zu: Politik zwischen Polizei und Post-Politik: Überlegungen zu „urbanen Pionieren“ einer politisierten Stadt am Beispiel von Berlin (Stephan Lanz)

Der Autor sieht den Weg zu einer „Inclusive City“ nicht historisch vorgezeichnet – entgegen der im Symposion vertretenen These, das den Rahmen dieses Buches bietet. Eher sei die Stadt eine Differenzmaschine und die Frage ist, wie sie unter diesen Bedingungen auf der Basis von Akzeptanz, Selbstbestimmung und Gleichstellung der vielen Unterschiedlichen eine inclusive city werden kann. In der Tat hat die Integrationsmaschine immer nur unter den Bedingungen von Integration und Ausgrenzung funktioniert; denn wer integriert, formuliert Integrationsanforderungen und sagt damit auch gleichzeitig, dass jemand nicht dazugehört, der den Integrationsanforderungen nicht genügt.

Der Autor entfaltet diese Gedanken und geht dann auf Berlin als eine kreative und soziale Stadt und als eine Bürgerstadt ein. Damit formuliert Lanz Dispositive in Anschluss an Foucaults Konzept der Gouvernementalität. Diese Dispositive werden ausführlich diskutiert.

Die kreative Stadt Berlin ist eng verbunden mit Deindustrialisierungsprozessen und dem Wandel zu einer „Kulturalisierung von unten“ unter den Bedingungen wachsender kultureller Diversität in 1990er Jahren.

Die soziale Stadt Berlin ist eine Reaktion der ebenfalls in den 1990er Jahren einsetzenden sozialen Spaltungs- und Polarisierungstendenzen, wachsender städtischer Armut und sozialräumlicher Segregation.

Die Bürgerstadt Berlin umfasst mehrere Dimensionen. Einmal geht es um die Revitalisierung von Bürgertugenden und Bürgerlichkeit unter dem Vorzeichen gemeinschaftsstiftender Werthaltungen. Dann meint Bürgerstadt auch die wachsende Bedeutung einer Bourgeoisie als Besitzbürgertum und schließlich geht es um den politischen Citoyen. Dies wird ausführlich erörtert, bevor auf die Notwendigkeiten einer Re-Politisierung der Stadt hingewiesen wird.

Der Autor beschäftigt sich dann mit den Marketing-Diskursen, die Städte im Rahmen des Wettbewerbs mit anderen Städten inzwischen entwickelt haben. Der Autor geht dabei auf einschlägige Studien und Analysen ein.

Weiter fragt Lanz, ob die Politisierung der Stadt durch „Acts of Citizenship“ möglich ist und verweist auf zwei Beispiele, die er beschreibt: der Refugee Strike, indem über ein Jahr lang dauernd öffentliche Räume in Kreuzberg besetzt wurden, und die Mieterinitiative Kott & Co., die im Mai 2012 einen öffentlichen Platz in Kreuzberg besetzt hielt, um dort ein Protesthaus zu errichten. Diese Aktionen werden ausführlich erörtert und analysiert.

Zu: Ambivalente Sichtbarkeitspolitiken in der vielfältigen Stadt (Nina Schuster)

Sichtbare Präsentation „verrückter“ oder eigenartiger Identitäten marginalisierter Gruppen ist konstitutiv für die Großstadt; die Großstadt schafft eben durch die Pluralität der Lebensstile und -formen auch Bedingungen für Ambivalenzen, Widersprüchlichkeiten und Spannungen, die der Großstädter auch lernt, auszuhalten.

Die Autorin beschäftigt sich mit der Rollen von Sichtbarkeit für solche Lebensformen und mit den Implikationen von Sichtbarkeitspolitiken und sie untersucht, „wo das Streben nach Sichtbarkeit erneut Aufschlüsse produziert, wo es also den vielfältigen Anliegen queerer, heteronormativkritisch eingestellter Individuen und Kollektive widerspricht“ (64). Die Autorin benutzt dabei das Konzept queer, was im Deutschen eher ein Schimpfwort ist und am ehesten schwul oder pervers bedeutet.

N. Schuster geht dann auf die Frage des Coming-out ein und erörtert die Sichtbarkeitsrethorik. „Raus aus dem Schrank“ ist eine diesbezügliche Metapher.

Sie geht dabei auch auf die Sichtbarkeitspolitiken ein, deren Ziel die gesellschaftliche Anerkennung ist. Sie erörtert dann ausführlich die queere Kritik an Sichtbarkeitsrethoriken und ihre Ambivalenzen. Zum Schluss überträgt sie ihre Überlegungen zu Sichtbarkeitspolitiken auf anderen Formen der Abweichung von Normen; die Sichtbarkeit der Abweichung produziert in der Stadt immer eine Ambivalenz, eine Spannung zwischen der kreativen Unangepasstheit und Unangemessenheit und der durch die Vielfalt von Wertsystemen hergestellte diversitäre Ordnung.

Zu: Teil II: Urbaner Raum – eine lebendes System

Zu: Die intersektionelle Stadt. Geschlecht, Migration und Milieu als Achsen der Ungleichheit einer Stadt (Elli Scambor)

Eingangs setzt sich der Autor im Kontext seiner Fragestellung mit dem Paradigmenwechsel in der Stadtsoziologie auseinander, den er als einen Wechsel von einem Verständnis der Stadt als eigenständiger Gegenstand zu einem raumbezogenen Verständnis der Stadt als sozialem Raum beschreibt. Im Rahmen eines Forschungsprojektes in Graz wurde eine intersectional map erarbeitet, mit deren Hilfe man in einer handlungstheoretischen Perspektive die Entstehung der Stadt aus den alltäglichen Handlungen ihrer Bewohnerinnen und Bewohner zu erfassen versucht. Der städtische Raum konstituiert sich aus der alltäglichen Praxis der Stadtbewohner und Stadtbewohnerinnen. (80 f.)

Der Autor beschreibt dann die Grundlagen des Forschungsansatzes wie die Kategorienbildung, geht auf die Erhebungsmethode und die Stichprobe ein, erläutert die Erhebungsorte, wie den öffentlichen Raum, Kindergärten, Schulen, die Universität, sowie andere Einrichtungen und Communities.

Zu den Ergebnissen gehören Erkenntnisse der Segregationsforschung bezüglich der durch strukturelle Bedingungen erzeugten sozialräumlichen Segregation einkommensschwacher Haushalte und deprivierter Individuen und die damit verbundene soziale Homogenität benachteiligter Quartiere. Diese Erkenntnisse werden an Hand zweier Bezirke in Granz verdeutlicht.

Dass die Umgebung eine Rolle spielt, ist unbestritten. Insofern kann man nicht davon ausgehen, dass die soziale Homogenität des Quartiers für die Verstetigung sozialer Milieus sorgt, solange Individuen dieses Milieu nicht verlassen und in dessen Umgebung interagieren und handeln. Dies wird erläutert. Vielleicht hilft aber eine Differenzierung der Milieus: Welche der Milieus können sich Mobilität leisten und haben einen mentalen Zugang zur Stadt und ihrer Urbanität und welche nicht? Diese Frage der Mobilität wird im weiteren Verlauf auf Unterschiede zwischen Frauen und Männern bezogen dargestellt.

Einige weitere Ergebnisse werden auch graphisch aufbereitet dargestellt und diskutiert.

Zu: Vom methodologischen Kosmopolitismus zum methodologischen Lokalismus (Knut Petzold)

Nach einer einleitend geführten Diskussion der Konzepte des Umgangs mit Andersartigkeit, zu der auch der Kosmopolitismus gehört, fragt der Autor, ob ein solcher methodologischer Kosmopolitismus sinnvoll ist oder ob er erweitert oder ergänzt werden sollte. Petzold setzt sich dabei ausführlich mit U. Beck auseinander, der sich seiner Meinung nach an dieser Kosmopolitismus-Debatte beteiligt hat. Dabei geht es auch um die Frage der Anerkennung des Anderen als einem Gleichen; es geht auch um die Frage der Wertschätzung des Fremden als einen, der bereichert. Vielfalt ist keine Integrationshindernis, sondern eine Stärkung des Selbstbewusstseins als Weltbürger. Es geht um die Überwindung eines methodologischen Nationalismus zu einem methodologischen Kosmopolitismus.

Ist der methodische Lokalismus eine Antwort auf Globalisierung und Transnationalisierung? Bedarf es eines Ortes, wo man zuhause ist, wo man hingehört, angesichts der Unübersichtlichkeiten und Unsicherheiten einer globalisierten Welt? Sicher ist, dass der Kosmopolitismus nicht zwangsläufig und logisch Anerkennung des jeweils Anderen und Fremden bedeutet, und dass der Rückzug ins Lokale auch zu Abgrenzungen führen kann.

Der Autor geht dann auf zwei Anekdoten ein. Wolfgang Thierse hat an den Schwaben Kritik geübt, die sich jetzt, wo sie in Berlin wohnten und nicht mehr in ihrer schwäbischen Kleinstadt mit Kehrwoche lebten, den Berliner Verhaltensweisen anzupassen hätten.

Die andere Anekdote bezieht sich auf die Änderung der Fahrzeugzulassungsverordnung, wonach den Kommunen ermöglicht werde, mehrere Kennzeichen zu beantragen.

Beide Anekdoten werden ausführlich geschildert und diskutiert und mit dem Ergebnis versehen, dass neben dem Kosmopolitismus auch Lokalisierungsbestrebungen erkenntlich sind, die auch zu Abgrenzungen und Ausgrenzungen führen können.

Der Autor diskutiert dann Befunde der Gruppenforschung und kommt dann zu einer Reihe von Charakteristika eines empirisch realen Lokalismus.

Zu: Das Gerede um Migration und Integration (Jonathan Everts)

„Das Gerede um Migration und Integration weiß nur wenig über gelebten Alltag, in seiner performativen Kraft nimmt es aber Einfluss auf die Alltagswelt.“ (117) Das ist der Ausgangspunkt der Überlegung des Autors, der diesem Gerede etwas entgegensetzen will. Nachdem er sich mit dem Gerede und Geschreibe echoviert auseinander gesetzt hat, geht er auf Migranten-„Fälle“ ein, auf Anekdoten und auf die räumliche Ebene. Er beschreibt einige Fälle und Anekdoten und geht dann differenziert auf die räumliche Ebene ein. Die erste Ebene ist mit der Vorstellung von Nationalstaat als einem „soziokulturellen Container“ verbunden. Das Territorium und seine Sprache und Kultur sind kongruent. Eine zweite räumliche Ebene bezieht sich auf die Europäische Union. Es geht um die Integrität der Europäer als Werte- und Kulturgemeinschaft. Und schließlich ist die dritte Ebene der urbane Raum und die in ihm integrierten guten oder schlechten Migranten. Diese Ebenen werden ausführlich vorgestellt. Im Folgenden werden aktuelle Varianten des Geredes um Migration und Integration untersucht: Multidute: Die neuen Gastarbeiter; Intoleranz: Neue Armut, Ausnahme: Tod und Lager an den Rändern und Mord: Tod in der Mitte. Alle Varianten werden ausführlich dargelegt und begründet.

Zu: „Heimat“ und Remigration – eine kritische Betrachtung am Beispiel der Migrationsroute Ecuador-Spanien-Ecuador (Nina Berding)

Man muss wissen, wo man hin gehört! Die Autorin benutzt den Heimatbegriff als Umschreibung sozialer Verortung und verortet ist man dort, wo man Anerkennung erfährt, Zugehörigkeit fühlt und das Vertrauen in die sozialräumlichen Strukturen, Beziehungsgeflechte entwickelt und für andere von Bedeutung ist. N. Berding möchte zeigen, welche gesellschaftspolitischen Debatten und Aspekte bei Remigranten die Konstruktion von multilokalen Zugehörigkeiten erschweren, wie also Heimat entsteht. Dazu wird zunächst der gesellschaftspolitische Umgang mit migrationsspezifischer Mobilität ausführlich erörtert, um dann am Beispiel der Migrationsroute Ecuador-Spanien-Ecuador zu zeigen, wie gesellschaftspolitische und vor allem wirtschaftspolitische Entwicklungen zu migrationspolitischen Entscheidungen führen. Die Auswirkungen auf die Migrantinnen und Migranten werden erörtert, vor allem stellt die Autorin fest, dass Migranten durchaus auch trans- oder multilokale Erfahrungen haben und diese auch zu unterschiedlichen Zugehörigkeiten führen können.

Zum Schluss ihres Beitrages fragt die Autorin, was dies alles für die Migrationsforschung und die städtische Gesellschaft als inclusive city bedeutet.

Zu: Teil III: Vielfalt und Mobilität als Ausgangspunkte zielgesellschaftlicher Selbstregulierung

Zu: Urban Governance und „e-participation“? Innovative -politik in der mediatisierten Stadt (Frank Eckardt)

Wie haben die Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien sowie die Mobilität von Menschen, Gütern und Dienstleistungen die Städte verändert? fragt einleitend der Autor. Auch wenn die Großstadt Mobilität und Migration schon im 19. Jahrhundert kannte – doch durch die Globalisierung und Internationalisierung der Beziehungen haben diese beiden Strukturmerkmale der urbanen Entwicklung eine neue Qualität erfahren. Zunächst ist auch die Wissensrevolution und der auf Wissen basierende sozialstrukturelle Wandel, der diese Entwicklung steuert, und Eckardt setzt sich damit im Verhältnis zur Stadt ausführlich auseinander. Die Stadt ist Wissensgesellschaft und der Zugang zu Wissen und zur Rationalität der Wissensverarbeitung ist auch eine soziale Frage. Der Autor setzt sich mit der medialen Urbanität auseinander, einer Urbanität die zugleich auch einen anderen Lebensstil verdeutlicht, als das, was wir mit der Urbanität im Allgemeinen verbinden. Aber die mediale Urbanität erzeugt im Gegenzug auch den Wunsch lokaler Verortung. Das Internet verhindert nicht die Entwicklung lokaler Lebenszusammenhänge, in denen man sich zugehörig fühlt, weil man anerkannt und für andere von Bedeutung ist. Auf die Politisierung des Lokalen geht der Autor ausführlich ein und ordnet diese Politisierung als Governance in die Verfahren direkter Demokratie ein. Aushandlungsprozesse mit Hilfe der Kommunikationstechnologien und Wissensrekrutierung durch das Internet machen scheinbar direkte Kommunikationen und Interkation überflüssig – aber nur scheinbar. Schließlich erwächst ein neues Selbstverständnis der Planungspartizipation durch e-Kommunikation, und zwar sowohl bei der Planerinnen und Planern als auch bei denen, die sich in diese Planung einbringen wollen.

Zu: Transnationale Bezüge im Alltag (Angela Pilch Ortega)

Wir kennen transnational operierende Unternehmen, transnational agierende Organisationen und Institutionen. Die Ortsgebundenheit als Voraussetzung des Handelns wird zunehmend obsolet.

Und wir kennen im Zuge von Migration und Mobilität den Migranten, mit seinen über die regionalen und staatlichen Grenzen hinaus bestehenden Beziehungen und Handlungskontexten. Der Autorin geht es um die Transnationalisierung von unten, um die sozialen Rahmenbedingungen, unter der sie gelebt wird oder werden kann, um Netzwerke, die geschaffen werden und die sich nicht an lokale, regionale oder nationale Zuordnungen halten. Dies wird auch vor dem Hintergrund der modernen Kommunikationstechnologien diskutiert. Die Autorin geht zunächst sehr ausführlich auf die Transnationalisierung im Zusammenhang mit Mobilität ein und diskutiert dann Biographien als transnationale Orte bzw. Artikulationen. Die von Akteuren initiierten Transnationalisierungsprozesse machen die Biographien und sozialen Netzwerke dieser Akteure interessant.

Welche Herausforderungen sind mit transnationalen Beziehungen im Alltag verbunden? Die Autorin nimmt ihre eigene Biographie zum Anlass, diese Frage zu diskutieren. Wie geht man mit (auch virtueller) Nähe und Distanz um? Virtuelle Nähe und Distanz etwa via Skype erfordert wechselseitige Verortung von Hier und Dort. Und wie werden Bedeutungen und Orientierungsmuster übersetzt, haben doch beide Interaktionspartner unterschiedliche soziale und kulturelle Hintergründe, vor denen sie interagieren. Die wird sehr eindrucksvoll geschildert und analysiert. Und möglicherweise ist die Stadt mit ihrer Urbanität ein anderer Hintergrund als das Dorf oder die kleinere Landstadt.

Zu: Recht auf Stadt und symbolische Ordnung: Gezi-Park-Protest in Istanbul (Emre Arslan)

Die Auseinandersetzung um den Gezi-Park hat weltweit Aufmerksamkeit eingebracht und auch die Frage aufgeworfen, wem eigentlich die Stadt gehört. Auch wenn Harvey das Recht auf Stadt in dieser Weise interpretiert – H. Lefèbvre hat dies nicht so gemeint. Er hat nicht gemeint, dass man sich an allem, was in der Stadt passiert oder passieren soll, beteiligen muss oder sich dagegen wehren sollte. Lefèbvre hat einfach nur gemeint, dass der Mensch ein Recht auf ein Leben in der Stadt hat, die in ihrer Geschichte immer schon etwas anderes und besonderes war als das von ihr getrennte Land.

Aber wenn die Rede vom Recht auf Stadt in anderen Kontexten so gebraucht wird, hat sie in diesen Kontexten auch eine Bedeutung, auf die man sich verständigt hat.

Der Autor beschreibt die Situation und die Rahmenbedingungen, die Anlässe für den Protest waren, begründet die symbolische Bedeutung dieses Protests und geht auf die Protagonisten einer Philosophie der Symbolik ein.

Istanbul ist eine Global City und ihre Entwicklung ist von stetigem Wachstum und Migration gekennzeichnet. Für Global Cities oder Mega-Cities ist Wachstum durch Migration das entscheidende Strukturmerkmal – so auch für Istanbul. Dementsprechend hat sich eine Stadtplanung entwickelt, die einerseits dem Anspruch an eine Weltstadt gerecht werden will und andererseits für die Integration der unterschiedlichsten Gruppen sorgen muss. Dies wird ausführlich erörtert.

Der Autor beschreibt dann den Traum der Herrschenden: Symbolische Allmacht und „irre“ Projekte. Er beschreibt dies vor dem Hintergrund der gegenwärtigen politischen und kulturellen Konflikte in der Türkei.

Dagegen setzt der Autor den Traum der Beherrschten nach Inklusion und Emanzipation und der Protest geht auch dann weiter, wenn er an anderen Stellen für beendet erklärt wird. Dies wird mit einer Reihe von Bespielen belegt und engagiert diskutiert.

Zu: Teil IV: Von der Dynamik einer neuen Wirklichkeit

Zu: Balkanmeile versus Ottakringer Straße. Von urbanen Aushandlungsprozessen in einer Wiener Geschäftsstraße (Antonia Dika, Barbara Jeitler)

Die Autorinnen stellen einleitend fest, dass Migrantinnen und Migranten eigentlich nie als Ressource und Chance der Stadtentwicklung wahrgenommen werden. Dabei stellen sie mit ihrer je spezifisch ausgeprägten Ökonomie und Kultur in Stadteilen und am Rand der Innenstädte eine Bereicherung der Urbanität dar, die irgendwann auch die einheimische Bevölkerung positiv bewertet.

In der Ottakringer Straße in Wien wurde ein Projekt gestartet, das diesbezüglich einen Perspektivwechsel einzuleiten versucht. Die Autorinnen beschreiben zunächst diese Ottakringer Straße und ihre Bedeutung für die Kultur der Stadt, aber auch in ihrer Bedeutung als ein am Rand liegender Ort der Stigmatisierung durch die Bevölkerung und auch durch die Stadtverwaltung. Es ist zunächst eine mediale Stigmatisierung „Balkan-Meile: Amt schließt vier Lokale“. Balkanmeile heißt die Straße auf Grund einer Konzentration von Lokalen, die von Menschen aus Ex-Jugoslawien betrieben wurden.

Vor dem Hintergrund wurde das Reisebüro Ottakringer Straße gegründet, das durchaus widersprüchliche Reaktionen auslöste. Dies wird von den beiden Autorinnen ausführlich erläutert. Es wurde dann baulich eine Begegnungszone eingerichtet und in mehreren Workshops wurden Fragen der Neuorientierung diskutiert. Die Frage war aber, wie über einen längeren Zeitraum die Beteiligung stattfindet und da berichten die Autorinnen von Erfahrungen, wie Bürgerinnen und Bürger „Straße machen“ und wie über Aushandlungsprozesse auch Bewegung in die Perspektiven aller Beteiligten kommt, die insgesamt inkludierend wirken.

Zu: Der Hamburger „Staatsvertrag“ mit islamischen Verbänden als Beitrag zur Inclusive City? Eine ethnographische Annäherung (Laura Haddad)

Der Hamburger Senat hat 2012 eine vertragliche Vereinbarung mit drei großen islamischen Verbänden getroffen; diese Vereinbarung wird in der Öffentlichkeit als erster Schritt zu einer allmählichen Anerkennung des Islam in Hamburg diskutiert. Und Hamburg bezeichnet sich gerne mal als weltoffene Stadt, in die eine solche Vereinbarung hinein passt. Die Autorin hat den Entstehungsprozess dieser Vereinbarung und die Diskurspositionen empirisch untersucht. Ihr Forschungsinteresse bezieht sich auf die Frage, wie Politiker und Verwaltungsangehörige sowie Vertreter der Religionsverbände diese Vereinbarung befürworten und welche Wirkungen sie ihr zuschreiben. Zunächst werden die Eckpunkte der Vereinbarung benannt und der Entstehungskontext beschrieben, um dann die Vereinbarung im kommunalen Diskurs zu referieren. Dabei werden in Anlehnung an M. Löw Narration und Urbanität als wiederkehrende zentrale Gesprächsthemen beschrieben, die gern und immer wieder artikuliert werden, weil sie inzwischen zum typischen Habitus geworden sind. Urbanität manifestiert sich in den immer wiederkehrenden Erzählungen und Geschichten; sie bilden eine Art kollektives Gedächtnis einer Stadt. Dazu gehört die Geschichte von Toleranz und Weltoffenheit auch. Diese Geschichte und ihre Reichweite wird von der Autorin ausführlich beschrieben; gleichzeitig verweist die Autorin auf Grenzmarkierungen und Zugehörigkeiten; denn die Vereinbarung schließt auch aus. Ob diese Vereinbarung ein Meilenstein auf dem Weg zu einer Inclusive City ist, wird dann noch abschließend diskutiert.

Zu: Der Staatskirchenvertag zwischen Hamburg und den Islamgemeinschaften aus inklusionstheoretischer Perspektive – eine alternative Sichtweise (Wolf-D. Bukow)

In Ergänzung des Beitrags von L. Haddas nimmt der Autor eine gesellschaftstheoretische Perspektive ein, wenn er die Vereinbarung mit den Islamgemeinschaften in Hamburg untersucht. Warum musste sie getroffen werden und ist sie noch zeitgemäß angesichts der bereits bestehenden kulturellen Heterogenität und Diversität einer säkularisierten Stadtgesellschaft, die zudem auch noch eine weltoffene Metropole ist? Oder ist das mit dem Islam etwas anderes, der zunächst auch exkludiert blieb? Dieser Frage geht Bukow nach und geht dabei auf die 1960er Jahre ein, wo türkische Migranten automatisch mit dem Islam gleich gesetzt wurden. Überhaupt wurde nur von den Türken gesprochen, wenn über den Islam geredet wurde; dabei gab es längst andere Gruppen, die dem Islam zuzurechnen sind. Dies wird vom Autor argumentativ entfaltet, auch die Frage, warum man es nicht bei der Exklusion belässt und zur Integration auffordert. Aber wie soll integriert werden? Bukow geht auf zwei Aspekte ein, die das Verhältnis von Staat und Religionsgemeinschaften betreffen und zugleich auch die rechtliche und politische Verfasstheit der Religionsgemeinschaften betrifft: der Religionsunterricht und der Fundamentalismusverdacht. Beide Punkte werden ausführlich erörtert.

Der Autor beschreibt dann noch, wie an den informellen Debatten und Aktivitäten angeknüpft wird. Einmal geht es um die Auseinandersetzungen um den Bau von islamischen Religionsstätten und um den Religionsunterricht, die auf lokaler Ebene zu interkulturellen Dialogen geworden sind. Aus diesen Dialogen zwischen christlichen Kirchen und islamischen Religionsgemeinschaften sind Begegnungen entstanden, die vornehmlich von den konfessionellen Bildungswerken ins Leben gerufen wurden, und aus religionsübergreifenden Friedensgebeten sind interreligiöse – auch interkulturelle – Events geworden.

Zu: Fremdsprachige Senioren: ein Mosaikstein in der städtischen Vielfalt (Natalia Kühn)

Am Beispiel der russischsprachigen Diaspora will die Autorin aufzeigen, wie fremdsprachige Senioren ihren Platz in der Stadtgesellschaft finden und wie sie die Einbettung in das sozialstaatliche Leistungsgefüge der Bundesrepublik mit ihren herkömmlichen kulturellen Strukturen ihrer netzwerkartigen Hilfe- und Unterstützungssystem verbinden. Dabei wird die russischsprachige Diaspora als ein soziales transnationales Netzwerk vorgestellt, das in einigen anderen Ländern bereits besteht und dessen Verständigungssprache russisch ist.

Die Autorin hat dazu eine empirische Studie durchgeführt, deren Ergebnisse hier dargestellt werden. Zunächst werden allgemein Stadtgesellschaft und demographischer Wandel diskutiert, bevor auf die fremdsprachigen Senioren in der Stadtgesellschaft ausführlicher eingegangen wird. Dabei wird der Generationenbegriff eingeführt, um die Senioren einer spezifischen Generation mit einem spezifischen historischen Hintergrund und Erfahrungsraum zu verbinden, aus dem heraus ein spezifisch geprägter Habitus entsteht. Gerade bei Familien mit einer Migrationsgeschichte sind bestimmte Zeiten auch mit bestimmen Räumen verbunden. Die Großeltern sind in Russland aufgewachsen etc. Dann geht die Autorin auf das kulturelle und soziale Kapital der Senioren ein, das mit der Migrationsgeschichte verbunden ist.

Weiter diskutiert die Autorin dann Diaspora-Netzwerke angesichts der Entwicklung der Diaspora, die im Zeichen der Globalisierung ihre ausgrenzende Wirkung verloren hat. Vielmehr haben sie eine Unterstützungsfunktion in der Auseinandersetzung mit der kulturellen und sozialen Herkunft angesichts der Anforderungen der Gegenwart. Dies wird ausführlich auch an Hand der empirischen Ergebnisse diskutiert.

Zu: Teil V: Über die Schwierigkeiten, die Stadtgesellschaft inklusiv auszurichten

Zu: „Das schwarze Land zur Heimat machen“: Die Debatte um Zuwanderung und Zugehörigkeit im Ruhrgebiet den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts (Angela Schwarz)

Das Ruhgebiet hat seine eigene regionale Identität, auch ein kollektives Gedächtnis, das alle trägt, die in ihm wohnen und sich zugehörig fühlen. Und es war schon sehr früh der Ort hochgradiger Mobilität und Diversität.

Wie das Ruhrgebiet und seine Identität wahrgenommen werden, fragt die Autorin einleitend und sie analysiert diese Fragestellung an Hand einschlägiger Studien. Das Ruhrgebiet war etwas Besonderes. Die Industrielandschaft einer montanindustriellen Region war etwas Neues, der Zuzug von Arbeitskräften aus unterschiedlichen Regionen Deutschlands und aus dem Ausland war nicht vergleichbar und barg ein erhebliches Konfliktpotential, das man vorher nicht kannte, und der Bergbau prägte nicht nur die Landschaft, sondern auch das Denken und Handeln der Menschen.

Ist das Ruhrgebiet eine Heimat? Hier wird die Diskussion der Weimarer Republik nachgezeichnet und das Ruhrgebiet galt damals bereits als Schnittpunkt politischer, wirtschaftlicher und sozialer Krisenlinien. Auch das wird ausführlich entfaltet und an Hand des Blicks auf „Heimatfremde“ exemplarisch dargestellt. Wie man sich um das Ruhrgebiet besorgte und auch Ängste hatte, wird deutlich, wenn man sich den Wandlungsprozess des Ruhrgebiets nach dem ersten Weltkrieg vergegenwärtigt.

Zu: „Wir haben ein Recht stolz zu sein.“ Die Emanzipationsbewegung der Roma und Sinti in der Bundesrepublik Deutschland, 1950-1983 (Anne Klein)

Nach einer zunächst auch kritischen Analyse der gegenwärtigen Lage der Sinti und Roma möchte die Autorin in ihrem Beitrag auf eine vielfach vergessene Phase der Geschichtsschreibung aufmerksam machen, die sich mit der emanzipatorischen Bewegung der Roma beschäftigt.

Am Ende des zweiten Weltkrieges haben sich die Sinti und Roma in Verbänden organisiert, um für die gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu kämpfen. Es ging um Anerkennung und Wertschätzung. Die Analyse dreht sich um die Begriffe Emanzipation und Widerstand. Auf diese beiden Begriffe und ihre Konnotation geht die Autorin ausführlich ein. Sie zeigt dann die Strategien der Sichtbarmachungen in Jahren 1950-1971 auf und die damit verbundene Haltung des Ignorierens und Stigmatisierens seitens der deutschen Bevölkerung. Zwischen 1972 und 1978 spricht die Autorin von erinnerungskulturellen Semantiken. Die Vertreter der Sinti und Roma – meist Männer aus den Communities – fanden erst nach und nach Gehör und mussten viele Widerstände überwinden. Erst 1979 trat eine Wende ein, die – eingeleitet mit der Serie „Holocaust“ – an den Genozid an den Roma erinnerte. Von 1979 bis 1983 spricht die Autorin dann von menschrechtlichen Semantiken, die eine neue Phase der Emanzipationsgeschichte einleiten, indem Stellungnahmen gegen Stigmatisierung und Diskriminierung menschenrechtlich begründet wurden.

Alle Phasen werden ausführlich geschildert und analysiert und mit jeweiligem Material unterlegt. Unter dem Titel „Transformatorische Demokratie“ fasst die Autorin die Emanzipationsgeschichte noch einmal zusammen.

Zu: Inclusive-City und schulische Bildungssettings rund um die Einwanderungsbewegung aus Südosteuropa (Karin Cudak)

Die Autorin möchte am Beispiel der Einwanderungsbewegung aus Südosteuropa aufzeigen, wie sehr Bildungssettings in Bezug auf Inklusion oder Exklusion mit den lokalen Bezügen des Quartiers zusammenhängen, in denen diese Settings verhandelt werden. Insofern spielt die Stadt eine zentrale Rolle, denn die Neuordnung der Dinge, Menschen, Kapitalien und Wissensformationen fallen mit der Neuverhandlung von Grenzen zusammen. Wie bereiten sich Städte auf die aktuelle Einwanderungsbewegung aus Bulgarien und Rumänien vor? Die Autorin will am Beispiel des Rhein-Ruhr-Raums einerseits und der Metropolregion Leicester andererseits zeigen, wie Städte in der gleichen Situation des durch Deindustrialisierung verursachten Strukturwandels unterschiedlich auf diese Situation reagieren. Die Autorin befasst sich zunächst mit Inclusive Cities und Exclusive Cities.

Städte gehen inzwischen zu einer inklusiven Stadtentwicklung über, Schulen entwickeln Inklusionskonzepte und die Europäische Union verfolgt eine Inklusionspolitik gegenüber Minderheiten. Dies wird ausführlich dokumentiert und diskutiert.

Die Autorin geht dann auf Urban Governance ein und fragt, welche Rolle Aushandlungsprozesse im Rahmen von Urban Governance bei der Konstituierung von Bildungssettings spielen. In Anlehnung an das Konzept von Governance, das sich im intermediären Raum zwischen Staat, Markt und Gesellschaft etabliert, formuliert die Autorin ein Educational-Governance-Konzept, innerhalb dessen die Gestaltung von Bildungsprozessen unterschiedlichen Akteuren aus Staat, Wirtschaft und Gesellschaft obliegt. Dann wird der Kontext schulischer Bildungssettings vorgestellt, die sich in den beiden Bezugsräumen etabliert haben. Dies wird sehr detailliert und sorgfältig erörtert und analysiert. Demnach ist die Schule in Leicester eher in der Lage, sich auf die Bedingungen einer mobilitäts- und diversitätsgeprägten Stadt einzustellen als die Schulen im Rhein-Ruhr-Raum.

Zu: Ein modernisierter Rassismus als Wegbereiter eines urbanen Antiziganismus (Wolf-D. Bukow)

Nach der Entfaltung der Fragestellung und der historischen Einordnung des Antiziganismus fragt der Autor nach dem aktuellen Antiziganismus, nach dem ihn einbettenden modernisierten Rassismus und nach der Stadtgesellschaft als gemeinsame Referenz. Der Stadtgesellschaft widersprechen eigentlich ein Rassismus und ein Antiziganismus. Denn die Logik städtischen Zusammenlebens basiert auf der Pluralität unterschiedlicher Lebensstile, Wertvorstellungen und der Städter ist mit Widersprüchlichem, Unerwartetem und Ambivalentem alltäglich konfrontiert und lernt, die damit verbundene Spannung auszuhalten und zu ertragen und zu respektieren. Zumindest ist das idealtypisch so. Bukow weist auf eine Reihe von Aspekten hin, die die Realität der urbanen Dynamik der Stadtgesellschaft prägen. Und der Autor zeigt auf, wie sich trotzdem der Rassismus Zugang zur Stadtgesellschaft verschafft und wie mit der Modernisierung des Rassismus ein effektiver Zugang zur Stadtgesellschaft ermöglich wird. Vor allem hat es der Rassismus geschafft, seine Ideologeme auf zeitgemäße Ethnisierungsstrategien umzustellen und dadurch hoffähig zu machen. Dies macht der Autor an drei Schritten deutlichen. Es kommt in urbanen Systemen zu einer Revitalisierung kommunaler Routinen; auch das macht der Autor deutlich, ebenso, wie über diese Revitalisierung kommunalen Denkens und Handelns ein neuer urbaner Antiziganismus erzeugt wird (z. B.: „Armutszuwanderung“ aus Südosteuropa).

Zu: Teil VI: Abschließende Betrachtungen

Zu: Die Zukunft der Stadtgesellschaft als Inclusive City (Wolf-Dietrich Bukow, Karin Cudak)

In ihren abschließenden Bemerkungen gehen Bukow und Cudak der Frage nach, warum es so schwierig ist, die Stadtgesellschaft als eigenständiges Gesellschaftsformat zu sehen, ist doch die Stadtgesellschaft zum Gesellschaftsmodell geworden, das eine spezifische Dignität und Logik entfaltet. Wenn überhaupt über Inklusion nachgedacht wird, dann doch in Kontexten wie der Stadt oder der Kommune, wo Inklusion und Exklusion in den Alltagspraktiken konkret erfahrbar wird. Integration in eine Gesellschaft als Inbegriff einer homogenen nationalstaatlich verfassten Kulturgemeinschaft ist ohnehin obsolet geworden. Das urbane Zusammenleben ist inzwischen ja auch zu jener Daseinsform avanciert, in der Integration und Ausgrenzung, Inklusion und Exklusion virulent werden und erklärungsbedürftig sind. Die Autorin und der Autor suchen nach Gründen, warum die Nationalgesellschaft immer noch der Rahmen ist, innerhalb dessen auch die Stadtgesellschaft gedeutet wird, obwohl dieser Rahmen brüchig geworden ist. Und auch die Bürgerliche Gesellschaft konnte sich nur als Stadtgesellschaft konstituieren und entwickeln. Bukow und Cudak gehen dann auf die Eigenlogik der Stadtgesellschaft ein und begründen dann die Stadtgesellschaft als eine von Oikos und Sippenverband getrennte rationale gesellschaftliche Ordnung. Weiter diskutieren sie die Folgen einer pragmatischen Einstellung der Praxis des Zusammenlebens und in der Praxis des Zusammenlebens sind Diversität und Mobilität längst der Normalfall. Die Stadt ist nur so als Stadt erklärbar und abgrenzbar zu anderen Formen des Zusammenlebens wie z. B. dem Dorf.

Es folgen dann vier Folgerungen, die sich auf Inklusion und den Bedingungen von Diversität und Mobilität beziehen. Dadurch entsteht eine für die Stadt typische Logik von Inklusion und Exklusion, die auch die Dynamik von Diversität und Mobilität bestimmt. Die Autorin und der Autor gehen dann noch auf die Grammatik urbanen Zusammenlebens als Ausdruck der „Eigenlogik“ einer Stadtgesellschaft ein und meinen damit, dass eine Stadtgesellschaft ein wie selbstverständlich gehandhabter Bestandteil der urbanen Alltagsroutinen ist und dass es um dem urbanen Wissensbestand zuzurechnende kollektive Zuordnungsregeln geht, die wie selbstverständlich gehandhabt werden.

Diskussion

Was ist eine „Inclusive City“? Angesichts einer Stadt, deren Entwicklung zukünftig von kultureller Heterogenität und Diversität und einer wachsenden sozialen Ungleichheit geprägt sein wird und die in zunehmendem Maße mit sozialräumlicher Segregation als Folge von Verdrängungsprozessen und anderen Strukturproblemen zu tun hat, stellt sich die Frage nach den Möglichkeiten und Bedingungen einer integrativen Stadtentwicklung. Der Dreh- und Angelpunkt aller Beiträge ist das Verhältnis von Mobilität und Diversität in einer solchen Stadtgesellschaft. Aus unterschiedlichen Perspektiven werden sehr verschiedene Aspekte von Diversität untersucht und es werden diese Aspekte immer – mehr oder weniger – auf das Verhältnis von Inklusion und Exklusion bezogen.

Mit der Stadtgesellschaft ist wohl die Großstadt und Metropole gemeint, die eine bestimmte Urbanität als Lebensform entfaltet und deren ökonomische, kulturelle und soziale Kerndynamik Diversität und Mobilität unter den spezifischen Bedingungen des Städtischen ermöglicht oder begrenzt und auch die Logik von Inklusion und Exklusion prägt. Diese Kerndynamik und diese Logik folgen einer gewissen Eigenlogik der jeweiligen Stadt. Aber die Rahmung dieser Kerndynamik und dieser Logik ist möglicherweise nicht die Stadt an sich. Die kapitalistische Stadt ist nicht alleine kapitalistische Stadt, sondern Stadt im Kapitalismus, in einer übergreifenden Makrostruktur einer Wirtschaftsverfassung, der sie sich nicht einfach entziehen kann. Insofern ist die Rede von der Eigenlogik der Stadtgesellschaft auch schwierig. Stadt ist Gesellschaft und die Stadt ist eingebunden in eine politische, soziokulturelle und wirtschaftliche Ordnung, der ihre Kerndynamik folgt und die auch die Logik von Integration und Ausgrenzung bestimmt. Dass die Stadt anders integriert als das Dorf, dass die Stadt Menschen nur immer unvollständig integriert und dass gerade in der europäischen Stadt ihre Integrationslogik auf dem Spannungsverhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit beruht, wird in den Beiträgen nicht zur Grundlage der Analyse. Eine Einschätzung ihrer Bedeutung in diesem Zusammenhang wäre hilfreich.

Wichtig ist aber die Erkenntnis, dass der Rahmen für ein tragfähiges Integrationsverständnis der lokale Lebenszusammenhang in der Stadt ist – nicht die Europäische Gemeinschaft oder der Nationalstaat integriert Menschen auf der alltagspraktischen Ebene, sondern die Kommune, die Stadt, der Stadtteil, das Dorf oder andere sozialräumliche Kontexte in den Lebenszusammenhänge entstehen können.

Die Konzentration der Überlegungen zu Mobilität und Diversität auf die Frage der Inklusion in eine Gesellschaft für alle macht es schwierig, darüber nachzudenken, ob eine Stadt alle integrieren kann und soll und vor allem, ob sie es wirklich tut. Sie hat in ihrer Geschichte noch nie alle integriert und die Integrierten waren sehr unterschiedlich integriert. Aber hier geht es um die Inklusion kultureller und ethnischer Minderheiten in das Sozialgefüge des Städtischen, und das gelingt auch nicht überall. Diversität und kulturelle Heterogenität fordern ohnehin ihren Tribut – abgesehen von allen anderen Strukturproblemen der Stadt, die die Integrationspotentiale bedrohen könnten. Darauf weisen einige der Beiträge auch hin und thematisieren die damit zusammenhängenden Probleme.

Fazit

Das Buch ist eine vielfältige Bereicherung der Diskussion um Integration und Ausgrenzung von Migrantinnen und Migranten in der Stadtgesellschaft. Es ist zugleich insgesamt ein Plädoyer für eine offene Stadtgesellschaft, in der es keine Frage ist, ob jemand dazu gehört oder nicht. Und die Autorinnen und Autoren setzen auf eine Stadtgesellschaft, die ihre je spezifische eigene Dynamik entfaltet, die zugleich der Rahmen für Inklusion ist. Wir finden in diesem Buch sowohl Ansätze, die die Stadtforschung interessieren könnte als auch – und vor allem – Ansätze, die die Migrationsforschung beschäftigen.

Summery

In six big chapters with several articles discusses this book the logic of integration and exclusion of migrants in the city – and city is society. The authors plead for a free and open urban society, in which all belong to the city – independently from their social status or ethnical provenience. And the authors find reasons, why a city develops a specific dynamic, which is the frame for inclusion in especially this city. We find in this book approaches which are interesting for both the urban research and the migration research as well. The book gives an answer on the question what an inclusive city could be or should be – at least as an ideal.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 09.01.2017 zu: Melanie Behrens, Wolf-Dietrich Bukow, Karin Cudak, Christoph Strünck (Hrsg.): Inclusive City. Überlegungen zum gegenwärtigen Verhältnis von Mobilität und Diversität in der Stadtgesellschaft. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-09538-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21570.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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