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Hermann Elgeti, Matthias Albers u.a. (Hrsg.): Armut behindert Teilhabe (Sozialpsychiatrie)

Cover Hermann Elgeti, Matthias Albers, Marc Ziegenbein (Hrsg.): Armut behindert Teilhabe (Sozialpsychiatrie). Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2016. 159 Seiten. ISBN 978-3-88414-639-2. D: 29,95 EUR, A: 30,90 EUR.

Herausforderungen für die Sozialpsychiatrie – Hart am Wind, Band 2.
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Thema

Armut behindert Teilhabe – Wer schon einmal einige Sekunden vor den Schaufenstern eines der drei allseits bekannten und deswegen an dieser Stelle ungenannten Automobil-Produzenten zugebracht hat, dem wird der Wahrheitswert dieser Behauptung ob der leuchtenden Augen vermittelter unbezweifelbarer Evidenz zum essentiellen Fundus weiterer Lebensweisheiten geworden sein. Und das ggf. schon weit vor Erstansicht einer Schultüte. – Na und? – Gilt die einleitend als Motto bekräftigte Binsenweisheit für Cabrios wie für Krankheiten oder deren Heilungsmöglichkeiten?

Gegenstandsbereich von Sozialmedizin – und Sozialpsychiatrie! – sind die im Sozialen (Zusammenleben) zu suchenden Umstände (Auslöser und / nicht gleichzusetzen! Ursachen). Die Grenzen zur medizinischen Soziologie sollten dabei stets im Auge behalten werden – zumindest im Sinne einer regulativen Idee im Sinne Immanuel Kants.

Dürfen oder sollen wir das Eingangs-„Statement“ also mit „Armut verursacht Krankheit und behindert dadurch Teilhabe“ verstehen? Vielleicht sind wir jetzt doch neugierig geworden?

Aufbau und Inhalt

Im ersten Beitrag stecken Hermann Elgeti und Marc Ziegenbein das Spielfeld ab: der Zusammenbruch der real-sozialistischen Staatengemeinschaft wurde zum Sieg (?) eines „entzügelten Kapitalismus“, der „einige immer reicher und viele immer ärmer“ gemacht habe (S 9). Individualisierung, Technisierung und Globalisierung sind die großen gesellschaftlichen Trends der Moderne. Damit verschärft sich die Problemkonstellation auch für psychisch labile (kranke?) Menschen. – Arbeit macht krank – nicht frei? Und wenn ja – wie viele?

Es sind schließlich zwölf Beiträge, die unter drei Kapitelüberschriften das Spielfeld ausleuchten sollen.

„Armut und Teilhabe als Herausforderungen der Gesellschaft“ lautet die erste Kapitelüberschrift.

Hartmut Rosa vom Institut für Soziologie der Universität Jena darf sich als erster zur Frage der „Auflösung sozialer Rhythmen in der Beschleunigungsgesellschaft“ äußern darf (wer denkt dabei nicht an die Hypothese der affektiven Störungen / Psychosen als Rhythmusstörungen – wobei der Nachweis deren Häufigkeitszunahme unter den o. g. Bedingungen bis dato nicht belegt werden konnte – vgl. Holsboer u.a.). „Die Dinge verlieren ihre Zeit“ (S 24 ff) – so der Autor, nicht freilich der Stress seine Joker-Funktion (für Hypertonie, Myocardinfarkt und für so ziemlich alles, was ätiologisch bis heute ungeklärt geblieben ist; gerade für die Psychiatrie öffnen sich damit ungeahnte Möglichkeiten). Vor den Zeiten von Humanismus und Aufklärung hatten auch im Westen die (organisierten) Religionen die Verfügungsgewalt über diese nützliche Karte.

„Auf dem Weg zur Drei-Klassen-Psychiatrie“ sehen Günther Wienberg und Constantin v. Gatterburg die Versorgung im Nachklang zur Psychiatrie-Enquete. Nicht zuletzt das neue Modell der psychiatrischen Krankenhausfinanzierung sehe die Autoren als Gefahr zur weiteren Ausgrenzung psychisch schwer und chronisch kranker Menschen (S 40 ff): während sich die Zahl der psychiatrischen Krankenhausbetten in den vergangenen Jahrzehnten nach der Psychiatrie-Enquete halbiert hat, ist die der Behandlungs(?)-Plätze in forensischen Fachabteilungen auf das Dreifache angewachsen.

„In der Klemme“ befindet sich auch und gerade im Zuge dieser Entwicklung der Sozialpsychiatrische Dienst. Matthias Albers und Klaus Obert widmen sich in ihrem Beitrag mit den Entwicklungsmöglichkeiten des SPDi. – „Globale Fragen benötigen lokale Antworten“ sagt ein englische Sprichwort – mit Recht (? Ob dies bei der Entscheidung für den Brexit eine Rolle gespielt haben mag, soll an dieser Stelle nicht zur Diskussion gestellt werden). Mittelkürzungen beklagen die Autoren ohne den Blick auf die Jahrhundert-Herausforderung der Migrationsströme gerade nach Deutschland gerichtet zu haben.

„Brennpunkte des Alltags“ – so lautet das zweite Kapitel des Buches: Thomas Götz nimmt dabei zunächst die Familienarmut und deren Auswirkungen in den Blick: Verschuldung ist „mit einem erhöhten Auftreten von Depressionen, suizidalen Gedanken, Ängsten und erhöhten Blutdruckwerten assoziiert, was eine Mediation durch chronischen Stress nahelegt.“ (S 65). Der Joker ist wieder im Spiel – während die Frage nach Henne und Ei nicht zum Thema der Debatte wird. – Dabei ist die Auseinandersetzung der „Teams“ von „Soziogenetikern“ und „Social-driftern“ längst entschieden!? Waren es nicht die Erst-genannten, die – Evidenz-basiert! – längst abgestiegen, aus dem Spiel sind?

Den besonderen Herausforderungen der Armut im Alter stellt sich der nächstfolgende Beitrag von Wolfram Beins (S 71 ff). Dass eine Zunahme psychischer Störungen überhaupt zu verzeichnen ist, ist essentiell dieser Krankheitsgruppe zuzuschreiben. Damit zuvörderst ein Defizit der Medizin, der Psychiatrie, ja des Kapitalismus verbunden werden kann ist aus dieser Zunahme jedoch mitnichten abzulesen, ist diese Zunahme doch ausschließlich der verlängerten Lebenserwartung zuzuschreiben (mithin kann man gegenwärtig den „Auszug“ der Krankheitsgruppe der dementiellen Entwicklungen aus der Psychiatrie auf deren Suche nach einer neuen Heimat in der Neurologie beobachten – ein Vorgang der zuletzt die Krankheitsgruppe der Epilepsien durchlaufen haben: sobald die Ursachen eines Störungsbildes zu einem gewissen Maß als geklärt angesehen werden können, verliert die Psychiatrie ihre Zuständigkeit).

Mit Langzeitarbeitslosigkeit (Manfred Becker) und (chronisch mehrfach) Abhängigkeits-Kranken (Thomas Bader) werden zwei Problemkreise behandelt, die ebenfalls signifikant gemeinsam auftreten. Zusammenhänge zwischen beiden Problemkonstellationen waren immer wieder Thema der Diskussion, ätiologische Zusammenhänge sind auch hierbei nicht mit ausreichender Sicherheit belegbar und werden von den Autoren auch nicht diskutiert.

Beide Problemkreise werden in Deutschland weiter Gewicht gewinnen – zu befürchten ist dies vor dem Hintergrund der für Deutschland sich 2015 dramatisch zugespitzt habenden Migrationsbewegungen, denen sich Maria Belz und Ibrahim Özkan zuwenden. „Patienten mit Migrationshintergrund stellen eine Normalität im psychiatrisch-psychotherapeutischen Alltag dar.“ (S 104) – Diese einleitende und unbezweifelbare Feststellung hätte zwanglos auf Ärzte in diesem Bereich ausgedehnt werden können. Probleme ergeben sich auch aus dem zweiten Aspekt der Wanderungsbewegungen.

Erneut ließen sich Konnotationen zum nächsten Kapitel aufzeigen: der „Herausforderung Straffälligkeit“ (Helen v. Massenbach). Die kürzlich veröffentlichte Kriminalstatistik belegt die vordem (ängstlich?) behauptete resp. (mutig?) bestrittene Entwicklung. Gerade im Zuge spektakulärer Straftaten, die Neu-Zuwanderern (Heilbronn, Freiburg, Reutlingen, Graz, Prien a. Chiemsee u. v.a.) oder fremdenfeindlichen Tätern (u.a. Utoya-Oslo, München) zugeschrieben werden, stand auch die (Sozial-?)Psychiatrie wiederholt vor der Frage: mad or bad – oder sowohl als auch?

Ein erneuter abschließender Blick auf die Rolle (Geschichte und Zukunft) der sozialpsychiatrischen Dienste bildet den Schlussakkord des Büchleins.

Diskussion und Fazit

Wer die Frage nach den Herausforderungen an die Sozialpsychiatrie fragt, sollte die Herausforderungen nicht aus den Augen verloren haben, mit denen sich die Psychiatrie unverändert konfrontiert sieht: es ist / sind die des Nichtwissens! Die Psychiatrie sieht sich immer noch gezwungen, klinische (symptomatische, deskriptive) Diagnosen stellen, weil sie – jenseits aller Streß- und Kindheitserlebnis-Hypothesen – über die Ursachen der Störungen innerhalb ihres Gegenstandsbereichs keine auch nur ansatzweise vollständige Hypothese anbieten kann (wenn das gelingt, so fällt die Krankheit aus ihrem Zuständigkeitsbereich!).

Wer dann trotzdem oder deswegen wiederholt die unscharfen Grenzlinien zur medizinischen Soziologie überschreitet, der sollte nicht ignorieren, daß der von seinem real-sozialistische Gegenspieler befreite Kapitalismus nicht zu mehr Armut und verkürzter Lebenserwartung sondern zum Gegenteil geführt hat: nicht zuletzt Rot-China hat das erkannt und wird den Weg zurück zu mehr rot freiwillig nicht mehr gehen wollen. Den nach über 70 Jahren immer noch weisen Chinesen sind diese Zusammenhänge ebenso bewußt wie den Lesern des vorliegenden Buchs andere „Binsenweisheiten“: Manie, Schizophrenie und Alkoholkrankheit (und, und, und …) machen nicht nur arm sondern tot – und nicht umgekehrt!

Eingedenk des Umstandes ein Werk aus Köln gelesen zu haben, gilt unverändert das Wort eines bereits vor Jahrhunderten zugewanderten „Italo-Kölners“, einem Schüler des in der Domstadt lehrenden Albertus Magnus: Thomas von Aquin wird kurz vor seinem Tod die Einsicht zugeschrieben: „Als ich 17 Jahre alt war, da glaubte ich, Geld wäre das Wichtigste im Leben. Jetzt, mit über 70 Jahren, weiß ich, daß ich damals schon Recht hatte!“

Nach der Lektüre von Thomas´ „Summa“ ist die des zur Diskussion stehenden Büchleins unbedingt zu empfehlen.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Grundl
Hochschule Niederrhein, Fachbereich Sozialwesen
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Zitiervorschlag
Wolfgang Grundl. Rezension vom 25.08.2017 zu: Hermann Elgeti, Matthias Albers, Marc Ziegenbein (Hrsg.): Armut behindert Teilhabe (Sozialpsychiatrie). Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2016. ISBN 978-3-88414-639-2. Herausforderungen für die Sozialpsychiatrie – Hart am Wind, Band 2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21571.php, Datum des Zugriffs 23.09.2017.


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