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Sebastian Vaske: Die Freie Wohlfahrtspflege als politischer Akteur (...)

Cover Sebastian Vaske: Die Freie Wohlfahrtspflege als politischer Akteur im modernen Sozialstaat. Ein Beitrag zum Wandel der Inkorporierung von Wohlfahrtsverbänden in die staatliche Sozialpolitik. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2016. 337 Seiten. ISBN 978-3-631-67841-1. D: 59,95 EUR, A: 61,60 EUR, CH: 68,00 sFr.

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Entstehungshintergrund und Thema

Der Band ist als Dissertation verfaßt und angenommen und zeichnet den Wandel der korporatistischen Strukturen in den vergangenen Jahren nach. Trotz aller Bekenntnisse führender Politiker, die eingangs zitiert sind, werden der Gegenwind und der Veränderungsdruck für die Freien Wohlfahrtspflege deutlich. Allerdings – so die These – sind es eher Prozesse der Hybridisierung; das Alte verändert sich, aber das Neue ist noch nicht erkennbar. Methodisch bilden acht qualitative Expertengespräche die Basis der Untersuchung.

Aufbau

Die Arbeit beginnt mit einer Darstellung des Forschungsdesigns und der theoretischen Grundlagen. Dazu wird das Spektrum der Verbändeforschung umfangreich aufgearbeitet – von Pluralismus, Korporatismus, Neue Politische Ökonomie, Konflikttheorie, Dritter Sektor, Netzwerke. Als Zwischenfazit wird festgehalten, dass es in Deutschland ein breites Spektrum an organisierten Interessen gibt, und diese einem steten Wandel unterworfen sind (69).

Sodann erfolgt die Darstellung der deutschen Wohlfahrtsverbände und ihrer sozialpolitischen Funktionen sowie den relevanten Akteuren und deren Organisationsstrukturen mit den entsprechenden rechtlich-politischen Rahmungen des deutschen, konservativen Sozialstaates.

Diese werden mit den theoretischen Zugriffen verglichen bzw. deren Nützlichkeit „getestet“. Schließlich erfolgt der Blick auf die aktuelle Situation, mit den Einschätzungen der befragten Akteure sowie einer besonderen Beachtung der Landesebene. Ein abschließendes Fazit rundet den Band ab.

Inhalt

Wohlfahrtsverbände als „dritte Sozialpartner“ bilden ein charakteristisches Element des deutschen Sozialstaates und stellen umfangreiche soziale Dienstleistungen zur Verfügung. Insgesamt weisen sie ein Wertschöpfungsvolumen mit 42 Mrd. € auf, was in etwa dem Maschinenbau oder der Chemieindustrie entspricht (71). Dies hat ihnen lange Jahre eine starke Position in Gesellschaft und Politik verliehen, was als Korporatismus interpretiert worden ist. Dieses System gerät aber seit einiger Zeit erheblich unter Duck.

Der Wandel wird durch unterschiedliche Faktoren beeinflusst:

  • die Pluralisierung der Trägerlandschaft
  • die Modernisierungen der kommunalen und staatlichen Verwaltung sowie
  • neue politische Zielsetzungen, vor allem im Leitbild des aktivierenden Sozialstaates (130).

Die daraus resultierenden Folgen sind klar: Subsidiarität verliert an Bedeutung für die Wohlfahrtsverbände, die Beziehungen zum Staat werden reduziert und ökonomisiert und verlieren ihren korporatistischen Charakter. Wohlfahrtsverbände drohen zu Sozialkonzernen zu werden (135). Dabei kommt (in den Gesprächen mit den Experten) ein „Abhängigkeitsverhältnis“ zum Ausdruck, in dem die Wohlfahrtsverbände auf das „Wohlwollen des Staates angewiesen“ sind (244). Festgestellt werden zudem deutliche „atmosphärische Störungen zwischen den Vertretern aus Politik und Verwaltung auf der einen und den Vertretern des Verbandswesens auf der anderen Seite“ (3).

Auffallend ist auch, dass die Rückkoppelungseffekte des Wettbewerbs ausschließlich negativ gedeutet werden und der „Blick für positive verbandliche Anpassungsstrategien gelingt nicht“ (265). Hinzu kommt, dass der Wettbewerb bzw. die zunehmende, vom Staat in Gang gesetzte Ökonomisierung eine innerverbandliche Spaltung in Gang gesetzt hat. „Davon sind hauptsächlich die Verbandfunktion des politischen Interessenverbandes sowie die unternehmerische Funktion als (Sozial-) Konzern betroffen, welche sich zunehmend entzweit haben“ (272). Dieser Spagat wird auf absehbarer Zeit auch nicht einfacher.

Damit ist die Abkehr vom Korporatismus in der Freien Wohlfahrtspflege in weiten Teilen vollzogen; „hybride Strukturen bilden die neue Ordnung des sozialen Sektors ab“ (273). D.h. relative offene Netzwerke, aber auch betriebsförmige Strukturen sowie Überreste der politischen Sonderstellung vermengen sich.

Diskussion

Vieles von dem, was auf fast 400 Seiten dargestellt wird, ist nicht neu – aber vermittelt einen guten Überblick über die aktuelle Diskussion in Wissenschaft und Praxis. Interessant sind einige Befunde, die darüber hinausgehen:

Zum einen sind die Wohlfahrtsverbände in Politik und Gesellschaft immer noch hoch geschätzt, es gibt keine politischen Aussagen, die etwas anderes besagen. So wird die Bundeskanzlerin mit den Worten zitiert: „Wohlfahrtsverbände sind nicht wegzudenken“ (296). Allerdings bröckeln die rechtlichen Sonderregelungen und politischen Kooperationsstrukturen, quasi als nicht-intendierter Effekt – oder als Auseinanderfallen von Worten und Taten.

Zum anderen ist die Entwicklung der Freien Wohlfahrtspflege sehr heterogen und längst noch nicht abgeschlossen; insofern ist Hybridisierung durchaus eine richtige Kategorie für die postkorporatistischen Strukturen. Daher gibt es auch keinen einzigen und besten theoretischen Zugriff.

Auf dieser Basis ist – so könnte man weiter denken – Vorsicht geboten vor schnellen politischen Urteilen oder strategischen Empfehlungen. Die Rückkehr zu den Wurzeln ist ebenso problematisch wie die blinde Anpassung an Wettbewerbszwänge eines entstehenden Sozialmarktes.

Fazit

Insgesamt gesehen handelt es sich um eine durchaus informative, aber typisch deutsche Dissertation mit einer breiten Literaturdarstellung und umfangreichen Beschreibung des Untersuchungsgegenstandes, aber auch einer differenzierten Betrachtung und Analyse.


Rezensent
Prof. Dr. Josef Schmid
Prof. für Politische Wirtschaftslehre und Vergleichende Politikfeldanalyse an der Universität Tübingen, lehrt und forscht über Wohlfahrtsstaaten, Arbeitsmarktpolitik und Bürgerschaftliches Engagement in den Bundesländern. Er ist derzeit hauptamtlicher Dekan der Wirtschafts- Sozialwissenschaftlichen Fakultät
Homepage www.wip-online.org
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Zitiervorschlag
Josef Schmid. Rezension vom 20.12.2016 zu: Sebastian Vaske: Die Freie Wohlfahrtspflege als politischer Akteur im modernen Sozialstaat. Ein Beitrag zum Wandel der Inkorporierung von Wohlfahrtsverbänden in die staatliche Sozialpolitik. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2016. ISBN 978-3-631-67841-1. PL Academic Research. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21573.php, Datum des Zugriffs 25.11.2017.


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