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Pia Andreatta, Hermann Mitterhofer: Ehrenamtliche im Kontext von Krieg, Flucht und Asyl

Cover Pia Andreatta, Hermann Mitterhofer: Ehrenamtliche im Kontext von Krieg, Flucht und Asyl. Orientierungspunkte für die Supervision. Kassel University Press (Kassel) 2016. 8 Seiten. ISBN 978-3-7376-0146-7. D: 5,00 EUR, A: 5,00 EUR, CH: 5,50 sFr.
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Thema

Der Band bietet Anleitungen und Überlegungen für die Supervision von Ehrenamtlichen, die mit Flüchtlingen bzw. Asylsuchenden arbeiten.

AutorInnen

Pia Andreatta studierte Psychologie und ist klinische sowie Notfall-Psychologin; derzeit als assoziierte Professorin an der Fakultät für Bildungswissenschaften, Universität Innsbruck, tätig. Sie war in mehreren internationalen Projekten in Kriegs- und Krisengebieten in der psychosozialen und psychotraumatologischen Versorgung von verschiedenen Bevölkerungsgruppen oder Helfer/innen, so u. a. in Sri Lanka (2010), Syrien (2013), Gaza und Israel (2014) sowie im Libanon (2015).

Hermann Mitterhofer studierte Politikwissenschaft,Politische Theorie und Erziehungswissenschaft an der Universität Innsbruck. Derzeit ist er als assoziierter Professor an der Fakultät für Bildungswissenschaften an der Universität Innsbruck tätig. Darüber hinaus ist er ausgebildeter Supervisor und war über viele Jahre im Bereich Flucht und Asyl tätig. Zu seinen Forschungsbereichen zählen neben wissenschaftstheoretischen und methodologischen Fragen insbesondere die Themen Konflikt, Trauma und Gewalt.

Aufbau und Inhalt

In einer allgemeinen Einleitung wird auf die Bedeutung zivilgesellschaftlicher Arbeit und damit auch des ehrenamtlichen Engagements in der Flüchtlingskrise verwiesen (siehe dazu auchRuth Simsa, 2016; R. Simsa, 2016). Danach werden spezifische Belastungen von Ehrenamtlichen im Kontext von Krieg, Flucht und Asyl genannt, nämlich aufgaben- und tätigkeitsbezogene Belastungen, die Konfrontation mit Trauma und die sekundäre Traumatisierung.

Ersteres bezieht sich v.a. auf die oft nicht planbaren Aspekte der Tätigkeit, fehlende Ausbildung und Information, unklare Zuständigkeiten etc. Deren Auswirkungen auf Freiwillige in Notsituationen sind auch in anderen Arbeiten untersucht worden (Harris, Shaw, Scully, Smith, & Hieke, 2016). „Die Tätigkeit bedeutet nicht selten, Situationen zu erleben, die eine mögliche Eskalation befürchten lassen, ausgelöst durch: widersprüchliche Informationen, Orientierungslosigkeit im Sinne des Unverständnisses über behördliche Maßnahmen, Unkenntnis über deren Zustandekommen gepaart mit einem Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, lösen bei allen Beteiligten Hilflosigkeit, Ärger und Frustration aus.“ (S.3)

Der zweite Aspekt, die Begegnung Ehrenamtlicher mit dem Trauma der Asylsuchenden, ist hoch emotionsgeladen, hier geht es um das Ertragen von Spannung und Ungewissheit, von Aggression und Schuldgefühlen auf Seiten der „KlientInnen“. Ehrenamtliche haben in der Regel unzureichende Ausbildung im Umgang mit dieser Situation. Als weiteres Problem nennen die AutorInnen, dass der westliche Trauma-Diskurs, in dessen Zentrum das Regelwerk der posttraumatischen Belastungsstörung (Posttraumatic Stress Disorder – PTSD) steht, welcher zum einen unterschiedliche Formen und Auslöser von Trauma ignoriert, und weiters davon ausgeht, dass mit dem Ankommen in der neuen Gesellschaft eine post-Trauma-Situation eingetreten ist. Auch werden andere Symptome sowie gesellschaftspolitische Rahmenbedingungen vernachlässigt.

Nach dieser Analyse wird ein Abschnitt zur Bedeutung und Auswirkung von Trauma eingeschoben und die Bedeutung der weiteren Traumatisierungen der Flüchtlinge, z.B. durch Chronifizierung von Hilflosigkeit oder dem Erleben von Ungewissheit. Hierin liegt den AutorInnen zufolge auch eine Chance, da „(…) der Umgang mit erlittenen Traumatisierungen einen wesentlichen – wenn nicht den zentralen – Einfluss auf die Gesundheitsperspektive der Opfer hat. Menschlich verursachte Traumata, welchen politische und soziale Ursachen für Traumatisierungen zuzurechnen sind, können gerade gesellschaftliche Versorgungsstrukturen in Aufnahmeländern auch günstig beeinflussen. Das heißt für unseren klinischen Diskurs aber auch, dass der Bedürfnisorientierung vor der Symptomfokussierung der Vorzug zu geben ist und Tugenden wie Wahrnehmung und Anerkennung des Erlittenen nicht zu übersehen sind und wir darin die Ehrenamtlichen auch unterstützen sollten.“ (S.4f) Für Ehrenamtliche jedenfalls relevante Reaktionen auf Traumatisierung sind Angst gegenüber Menschen oder sensorischen Eindrücken, Spannungs- und Erregungszustände, sowie Frustration und Aggression, aber auch Vermeidung. Die Frage stellt sich damit, wie zwischen Vermeidung und tatsächlicher Erholung bzw. Wohlbefinden unterschieden werden kann.

Der dritte Aspekt sind Übertragungen der Traumatisierung auf die Helfenden, die v.a. auf Empathie beruht, und durch „situative Trigger“ gefördert wird, welche von anonymer Versorgung zu persönlicher Begegnung führen, etwa persönliche Gegenstände von Opfern, biografische Bezüge oder intensive Sinneseindrücke. Die Folgen sekundärer Traumatisierung sind ähnlich wie jene der primären: „Zum einen zeigen auch Ehrenamtliche Belastungsreaktionen vom Typus einer akuten oder posttraumatischen Belastungsstörung: wiederkehrende Bilder, intrusives Erleben, belastende Träume, Vermeidungstendenzen und Übererregung. Zum anderen finden sich auf der Ebene des Selbst- und Weltverständnisses erschütterte Grundannahmen, der Verlust von Grundsicherheit, die Infragestellung bisher individuell gültiger Werte, der Verlust von Wertschätzung und Zielen.“ (S.6)

Im nächsten Abschnitt wird die Bedeutung der Belastungen für die Supervision diskutiert. Hier werden v.a. präventive Maßnahmen gegen sekundäre Traumatisierung auf auf organisationaler Ebene empfohlen, z.B. Informationen über Traumata und sekundäre Traumatisierung, der Umgang mit Nähe und Distanz, kulturspezifisches Verhalten bei Essenseinladungen, die Problematik der Weitergabe von eigenen Telefonnummern, der Dauer einer Begleitung und Betreuung. Als wesentliche Maßnahmen werden zudem die Bildung von Netzwerken der Ehrenamtlichen empfohlen, das Einüben eines „psychologischen Notfallsets“ (S.6), z.B. durch Atemtechniken, Wahrnehmungsübungen, weiters imaginative Formen wie der „sichere Ort“ oder der Umgang mit Intrusionen. Generell wird empfohlen, in Zeiten emotional-intensiven Erlebens v.a. auf Handlungsfähigkeit statt auf Aufarbeitung zu Zielen, auf die Ermöglichung von Distanz und Erholung sowie auf möglichst frühzeitiges Bedeutungsmanagements. Abschließend wird die Idee diskutiert, in der Supervision von der Pathogenese zur Salutogenese überzugehen. Grundlegend dafür ist die Erfahrung von Kohärenz, nämlich Verstehen einer belastenden Situation, ein Gefühl von Bewältigbarkeit und Motivation durch ein Erleben von Sinnhaftigkeit. „Ein starker Kohärenzsinn führt dazu, dass ein Mensch handlungsfähig und flexibel auf Anforderungen reagieren und angemessene Ressourcen aktivieren kann.“ (S.7). Die AutorInnen schlagen vor, das Konzept der Kohärenz stärker als Bezugspunkt der Supervision zu verwenden.

Diskussion und Fazit

Die Veröffentlichung beschäftigt sich mit einem aktuellen und wichtigen Thema und kann daher eine gute Grundlage für Organisationen sein, die mit Ehrenamtlichen im Kontext von von Krieg, Flucht und Asyl arbeiten, sowie auch für SupervisorInnen. Aufgrund der Aktualität und Dringlichkeit des Bedarfs nach Betreuung jener Freiwilligen, die mit Flüchtlingen arbeiten, ist es ein wichtiger Beitrag zur Bewältigung der gegenwärtigen Flüchtlingssituation. Insbesondere der letzte Abschnitt, die Möglichkeiten der Anwendung des Konzepts der Kohärenz auf Supervision sind hilfreich und bieten eine vielversprechende Orientierung für den Umgang mit traumatisierenden Situationen.

Der Band ist allerdings etwas unstrukturiert, eine bessere Gliederung und Passung der Überschriften würde das Verständnis erleichtern. So werden Maßnahmen der Vorbeugung gegen sekundäre Traumatisierung (Information über Traumawirkungen) mit Informationen zu kulturspezifischen Besonderheiten der Tätigkeit mit Flüchtlingen (Umgang bei Essenseinladungen) vermischt und v.a. in den ersten Teilen bietet die Gliederung wenig Orientierungshilfe. Wichtige vorhandene Literatur zu ehrenamtlicher Arbeit (Harris. et. al. 2016, Whittaker, McLennan, & Handmer, 2015) wird nicht berücksichtigt. Dies ist wenig problematisch, da der sehr kurze Text v.a. Hinweise für Supervision geben möchte. Allerdings scheint jene Literatur, die im Text zitiert wird, nirgends vollständig zitiert auf. Interessant wäre es, die Techniken, die für Supervision empfohlen werden, z.B. Bedeutungsmanagement, weiter zu erklären bzw. Beispiele dafür zu geben.

Der Text bietet einen guten Ausgangspunkt für SupervisorInnen, die in dem beschriebenen Kontext arbeiten.

Literatur

  • Harris, M., Shaw, D., Scully, J., Smith, C. M., & Hieke, G. (2016). The Involvement/Exclusion Paradox of Spontaneous Volunteering: New Lessons and Theory From Winter Flood Episodes in England. Nonprofit and Voluntary Sector Quarterly, 1-20. doi: 10.1177/0899764016654222
  • Simsa, R. (2016). Beiträge der Zivilgesellschaft zur Bewältigung der Flüchtlingskrise im Herbst 2015. Wien.
  • Simsa, R. (2016). Emergency Management by Civil Society – The Case of Austria. International Journal of Emergency Services, forthcoming.
  • Whittaker, J., McLennan, B., & Handmer, J. (2015). A review of informal volunteerism in emergencies and disasters: Definition, opportunities and challenges. International Journal of Disaster Risk Reduction, 13, 358-368. doi: http://dx.doi.org/10.1016/j.ijdrr.2015.07.010

Rezensentin
Prof. Dr. Ruth Simsa
Wirtschaftsuniversität Wien
Institut für Soziologie, NOP Institut
Homepage www.ruthsimsa.at
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Zitiervorschlag
Ruth Simsa. Rezension vom 19.10.2016 zu: Pia Andreatta, Hermann Mitterhofer: Ehrenamtliche im Kontext von Krieg, Flucht und Asyl. Orientierungspunkte für die Supervision. Kassel University Press (Kassel) 2016. ISBN 978-3-7376-0146-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21574.php, Datum des Zugriffs 24.09.2017.


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