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Victor Feiler: Funktionslogiken organisierten freiwilligen Engagements

Cover Victor Feiler: Funktionslogiken organisierten freiwilligen Engagements. Eine Studie über das Kolpingwerk Deutschland. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 453 Seiten. ISBN 978-3-658-12304-8. D: 59,99 EUR, A: 61,67 EUR, CH: 62,00 sFr.
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Thema

Literatur über den Strukturwandel des Ehrenamts bzw. des freiwilligen Engagements, den Wandel der Motive freiwillig Engagierter, die gesellschafts- und sozialpolitische Bedeutung des freiwilligen Engagements, die Neugestaltung der Zusammenarbeit von Hauptberuflichen und freiwillig Engagierten und die konzeptionellen Möglichkeiten eines Freiwilligen-Managements gibt es inzwischen in großer Zahl. Allerdings fand bisher die erkenntnisleitende Frage, wie Struktur und Funktion von Organisationen Einfluss auf das freiwillige Engagement nehmen, wenig Widerhall. Die aus einer organisationssoziologischen Perspektive naheliegende Frage blieb damit weitgehend ungeklärt. Diese Lücke schließt nun die Studie von Victor Feiler.

Der Autor arbeitet organisationstheoretische Analyseperspektiven des freiwilligen Engagements heraus und wendet diese auf zentrale Kategorien des Handelns in Organisationen wie Kommunikation, Willensbildung und Entscheidungsfindung an. So entsteht einerseits ein in sich schlüssiger organisationstheoretischer Bezugsrahmen wie andererseits ein differenzierter Blick in das Innenleben des Kolpingwerkes Deutschland, der für Forscher wie Praktiker gleichermaßen von Interesse ist und neue Perspektiven eröffnet.

Autor

Victor Feiler hat in den 80er Jahren an der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg Politikwissenschaften studiert und arbeitet seit Ende der 80er Jahre beim Bundesverband des Kolpingwerkes Deutschland. Gegenwärtig leitet er dort im Bundessekretariat das Referat Gesellschaftspolitik.

Entstehungshintergrund

Die Einzelfallstudie ist die gekürzte und leicht überarbeitete Fassung der Doktorarbeit des Verfassers. Die Doktorarbeit wurde im Fachbereich Sozialwissenschaften der Universität Osnabrück (Prof. Dr. Ralf Kleinfeld) 2015 vorgelegt und dort erfolgreich angenommen. Die empirische Grundlage der Einzelfallstudie sind öffentliche und interne Dokumente des Bundesverbandes des Kolpingwerkes Deutschland, Ergebnisse einer Mitgliederbefragung, auf die der Autor zurückgreifen konnte, Experteninterviews und Kenntnisse des Autors aus seiner eigenen langjährigen Verbandsarbeit.

Aufbau und Inhalte

Im ersten Kapitel wird ein kurzer Überblick über den Forschungsstand zum freiwilligen Engagement gegeben und herausgearbeitet, dass insbesondere die organisationstheoretische Perspektive bisher wenig Beachtung fand. Mit der Studie soll dieses Defizit abgebaut werden und die Grundlage „zum Verständnis von Struktur, Funktionen, Logiken und strategischen Herausforderungen“ (36) einer überregionalen Organisation freiwilligen Engagements gegeben werden. Den theoretischen Rahmen für die Analyse bilden die Systemtheorie und hier insbesondere das „Input-Output-Modell“. Die Theorie wird auf die Binnenbeziehungen des Systems Kolpingwerk Deutschland (Black Box) übertragen. Organisationssoziologisch werden dazu die Dimensionen Kommunikation, Interesse, Koordination des Handelns und Stabilität ausgewählt, die im Weiteren analysiert werden.

Das zweite Kapitel stellt den theoretischen Rahmen für die Kapitel 3 bis 5 dar. Dazu wird danach gefragt, welche Abgrenzungskriterien zwischen den Subsystemen eines Verbandes wirksam werden und wie sie über funktionale und dysfunktionale Wirkungen erfasst werden können. Die Wirkungen werden im Hinblick auf die Kriterien Interessenverfolgung und Kommunikation untersucht und damit die formale Struktur des Kolpingwerkes Deutschland in der Binnenabgrenzung auf vertikaler (Bundes-, Landes-, Diözesanebene etc.) und horizontaler Ebene analysiert. Über die Organisationsprinzipien Ehrenamt und Subsidiarität werden besondere Strukturelemente des Verbandes erfasst und aufgezeigt, welche Trends und Problemlagen sich im Kolpingwerk Deutschland ergeben. Das Kapitel schließt mit der Beschreibung der organisationskulturellen Außenabgrenzung ab, die als milieugeprägte Gesinnungsgemeinschaft charakterisiert wird.

Im dritten Kapitel steht die Kommunikation im Sinne des Informationstransfers im Fokus. Kommunikation wird in der hier zugrunde gelegten Theorie zum einen als Möglichkeit der Beziehung zur Organisationsumwelt und zum anderen in der innerorganisatorischen Willens- und Entscheidungsbildung erfasst. Willens- und Entscheidungsbildung sind an Strukturen gebunden und setzen die Möglichkeit des formalen Informationstransfers zwischen Subsystemen voraus. Mit Hilfe der entwickelten Begrifflichkeiten werden satzungsbedingte Informationsbeziehungen beschrieben und in der Folge dysfunktionale Entwicklungen in Bezug auf verschiedene Organe des Verbandes aufgezeigt.

In einem kurzen vierten Kapitel wird der Einfluss der Subsysteme auf die Willensbildung und Entscheidungsfindung im Verband untersucht. Dazu werden zunächst die formellen und informellen Willensbildungs- und Entscheidungswege nachgezeichnet. Als Ergebnis der Untersuchung wird deutlich, dass die Willensbildung und Entscheidungsfindung stark auf die einzelnen Subsysteme fixiert ist, was als ein hohes Autonomiepotenzial der einzelnen formalen Ebenen interpretiert wird.

Das umfangreiche fünfte Kapitel bildet das Kernstück der Studie, in dem die Erstellung eines Grundsatzprogramms des Kolpingwerkes Deutschland exemplarisch nachgezeichnet und mit Hilfe der entwickelten theoretischen Begrifflichkeiten analysiert wird. Das Ziel des Kapitels ist es, Struktur, Komplexität und Problemkonstellationen dieses Prozesses deutlich zu machen. Dazu werden abgrenzbarer Phasen der Willensbildung und Entscheidungsfindung identifiziert und diese unter entscheidungspolitischen sowie kommunikationstheoretischen Aspekten analysiert. Abschließend werden Grundüberlegungen zur Schaffung eines Kommunikationsmanagements vorgestellt, in dem Entscheidungsverfahren über Legitimation, Partizipation und Verbindlichkeit bewusst gemacht werden.

Im sechsten Kapitel wird eine neue Analysedimension eingeführt. Hier wird danach gefragt, welchen „Logiken“ die vorgestellten formalen Ebenen der Willensbildung und Entscheidungsfindung folgen. Dazu wird der Begriff des „Interesses“ eingeführt, der als Prozess der Zielorientierung bzw. -erreichung definiert wird und über Kontextvariablen wie Aufgaben, Kompetenzen und Ressourcen seine Ausprägung erfährt. Mit diesem Analyserahmen werden drei unterschiedliche Organisationsebenen untersucht und Schlussfolgerungen gezogen.

Im siebten Kapitel erfolgt zunächst auf der Basis organisationssoziologischer und politologischer Überlegungen eine Einordnung des Kolpingwerkes Deutschland in eine Organisationstypologie des Dritten Sektors. Dabei wird deutlich, dass die Forschung über den Dritten Sektor einen Organisationstyp wie das Kolpingwerk Deutschland bisher nicht angemessen erfasst. Ein weiterer Fokus der weiterführenden Analyse wird auf Themen wie organisationale Dilemmata, strategisches Management und die Frage von Effektivität und Effizienz gerichtet und einige Befunde der Studie unter diesen Aspekten interpretiert.

In einem abschließenden achten Kapitel werden die wesentlichen Ergebnisse der Studie noch einmal gebündelt vorgetragen und weitergehende Fragen formuliert.

Diskussion

Die vorliegende Studie gibt viele Anregungen, um den Zusammenhang von Organisation und freiwilligem Engagement besser zu verstehen. Im Zentrum steht die Frage, wie sich formale Strukturen, werteorientierte Prämissen der Organisationskultur, Formen der Kommunikation und Informationsverbreitung und interessengeleitetes Handeln auf den Prozess der internen Willensbildung und Entscheidungsfindung eines milieugeprägten Gesinnungsverbandes auswirken? Die bisherige Forschung hat in erster Linie die freiwillig Engagierten und deren Handeln als Helfer und Unterstützer Dritten gegenüber im Blick. Die Fallstudie macht deutlich, dass dieser Fokus zu ergänzen ist. Neben den klassischen Verbänden mit der klaren Abgrenzung zwischen freiwillig Engagierten und professionellen Hauptberuflichen gibt es einen weiteren Typus, bei dem die Grenzen zwischen freiwillig Engagierten und Hauptamtlichen fließend sind. Das Kolpingwerk Deutschland gehört zu diesem Typus. Lässt man sich darauf ein, dann zeigt sich plötzlich ein vielschichtiges und komplexes Bild. Die traditionellen Konzepte einer Organisations- und Ehrenamtsentwicklung reichen bei Weitem nicht aus, um diesem Typus gerecht zu werden. Das Verdienst der Studie ist es, die Augen für diesen neuen Blick geöffnet zu haben. Dabei verbindet der Autor ein enormes Detailwissen aus dem Innenleben einer Organisation mit der Fähigkeit zur wissenschaftlichen Analyse, ohne den notwendig kritischen Außenblick zu verlieren.

Dieser positiven Bilanz stehen einige kritische Anmerkungen gegenüber. Um es auf den Punkt zu bringen: Der Veröffentlichung hätte eine Straffung des Textes und eine kritische Durchsicht in Bezug auf Tippfehler, Layout, Gliederung und Redundanzen gut getan. Dem Leser wären damit Wiederholungen, Sprünge in der Argumentation und eine stellenweise etwas verwirrende Gliederung erspart geblieben. Auch die Entfaltung der Theorie ist eher an der Entwicklung begrifflicher Klassifikationsschemata orientiert und weniger an der Entfaltung inhaltlicher Verbindungslinien zwischen komplexen Theorieelementen. Dadurch entsteht der Eindruck, dass, wie bei einem Steinbruch, einzelne Elemente der Theorie „passend“ herausgebrochen werden. Außerdem ist die Trennung zwischen den deskriptiven Aspekten der Studie und den theoretisch-analytischen nicht immer trennscharf.

Fazit

Die Studie zeigt beeindruckend die Vielfalt und Komplexität des Zusammenhangs von Organisation und freiwilligem Engagement in einem Sektor der Verbändeforschung auf. Die Auswirkungen von organisationsspezifischen Funktionslogiken und formalen Strukturen auf interne Prozesse der Willensbildung und Entscheidungsfindung können so besser verstanden und erklärt werden. Die Veröffentlichung gibt gleichermaßen Praktikern in den Verbänden und Forschungsinteressierten weiterführende Anregungen.


Rezensent
Prof. Dr. Hans-Joachim Puch
Präsident i.R. Evangelische Hochschule Nürnberg
Homepage www.evhn.de/fh_tv_detail.html?adr_id=1
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Zitiervorschlag
Hans-Joachim Puch. Rezension vom 27.01.2017 zu: Victor Feiler: Funktionslogiken organisierten freiwilligen Engagements. Eine Studie über das Kolpingwerk Deutschland. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-12304-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21575.php, Datum des Zugriffs 23.09.2017.


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