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Ansgar Weymann, Katharina Mangold u.a.: Bildungsstaat

Cover Ansgar Weymann, Katharina Mangold, Benjamin Strahl: Bildungsstaat. Aufstieg, Herausforderungen, Perspektiven. Springer VS (Wiesbaden) 2016. 155 Seiten. ISBN 978-3-658-11716-0. D: 17,99 EUR, A: 18,49 EUR, CH: 22,50 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Bildung beeinflusst unser gesamtes Leben; nicht nur Beruf und Einkommen, sondern auch Gesundheit und Zufriedenheit sowie soziokulturelle Integration und wirtschaftliches Wachstum hängen davon in hohem Maße ab. Daher ist es für Ansgar Weymann sinnvoll, vom Bildungsstaat zu sprechen, seine Entstehung und Wirkung zu rekonstruieren und auf einige problematische Tendenzen hinzuweisen. Das geschieht in einem gut lesbare, kurzen Bändchen, das dem Namen der Reihe „Wissen kompakt“ sehr gut entspricht

Aufbau und Inhalt

Der Band gliedert sich in sechs Kapitel.

Nach einer Einleitung in in Kap. 2 die Thematik wird die zentrale Frage der Meritokratie, also die Begründung von Ungleichheit durch Leistung bzw. Kompetenz und formelle Ausbildung diskutiert. Dem steht die egalitäre Sicht einer Bildung als Bürgerrecht gegenüber. Gerade in jüngster Zeit treten beide Aspekte stärker auseinander: „ Zwischen normativer Gleichstellung empirischer Ungleichheit, zwischen mehr Inklusion und gleichzeitig differenzierenden Ergebnissen tun sich unvermeidlich immer neue bildungs- und gesellschaftspolitische Konflikte auf. Deshalb ist Bildung in einer offenen Gesellschaft nicht nur ein privates, sondern immer auch ein öffentliches Problem des modernen Staates…“ (37)

Danach geht es (in Kap. 3 und 4) um die historische Genese; der Bildungsstaat ist eng verbunden mit dem Aufkommen des modernen Nationalstaates und dessen Kampf gegen konkurrierende Mächte wie die Kirchen. Reformation und Aufklärung prägen das Bildungswesen ebenfalls. Am Ende steht die „Bildungsinklusion“ durch den modernen Nationalstaat; freilich nicht nur durch diesen, sondern auch seine Ausweitung im Rahmen des europäischen Imperialismus. V.a. die primäre Bildung expandiert und diffundiert in dieser Phase. Im 20. Jahrhundert kommt die „Humankapitalpolitik“ dazu; v.a. das universitäre Bildungssystem wird ausgebaut und wird als Basis für Wachstum und Innovation betrachtet. Zugleich dient Bildung als Ergänzung der (passiven) Sozialpolitik und als Basis sozialer Integration und Orientierungsfähigkeit einer zunehmend globalisierten Welt. Die Erwartungen an Bildung sind vielfältig und hoch: „ Der Glaube an die Möglichkeiten von Bildung und Bildungspolitik, eine gute Gesellschaft zu schaffen, ähnelt dem Heilsversprechen einer von den Übeln der Welt erlösenden Zivilreligion ,.“(83)

Inzwischen wächst jedoch die Skepsis; die Bildungsexpansion hat viele Probleme der sozialen Ungleichheit nicht gelöst und ist auch keine Wunderwaffe gegen Stagnation und gesellschaftliche Integrationsdefizite. Bildungserträge schrumpfen (Kap.5) und neue Konfliktlinien treten zu Tage. „Anforderungen, Ansehen, Erträge von Ausbildungsgängen und Examina sind ständig im Fluss und werden immer wieder neu bewertet.“ (94). Institutionen und Inhalte von Bildung unterliegen als Folge weltweiter Konkurrenz einem Konjunkturzyklus, der auch Prozesse der Entwertung und Zerstörung beinhaltet. Neben Gewinnern gibt es auch Verlierer. Doch nicht nur der gesellschaftspolitische Optimismus schwindet; es kommt ebenfalls zur „Wiederauferstehung alter Geister“. Konflikte werden immer weniger als Verteilungsthemen wahrgenommen, die sich mit den etablierten bildungs- und wohlfahrtsstaatlichen Instrumenten lösen lassen, sondern die „alte Fahne von Moral und Ideologie“ wird immer öfters geschwungen – bei sinkendem Realismus (115)

Am Ende steht auch der Verlust der Souveränität. Alle Länder sind zugleich Teil eines dichten Netzes internationaler Organisationen, das internationale Vergleiche veröffentlicht und damit Maßstäbe für gute Bildung setzt. Man denke etwa an die Wirkung von PISA. Deshalb kommt es zu einer Einflussnahme globaler Erfolgsmodelle und internationaler Experten auf nationale Pfade der Bildungspolitik. Der Zwang zur Bildung und zur Verwertung konterkariert das Freiheitsrecht auf Bildung und Aufklärung. (Kap. 6)

Diskussion

Das Bändchen vermittelt einen guten Überblick über die aktuelle Diskussion über Bildungspolitik. Die Fokussierung auf die makrosoziologische Ebene von Bildungsstaat und die sozialen Effekte und Funktionen von Bildung machen das Buch rund – aber gelegentlich auch etwas redundant wie in der Problematik zwischen Bildung als individuellem Streben nach Glück und Erfolg und dem Recht aller. Nicht immer geht die Mandeville´sche Fabel auf und transformiert private Laster in öffentliche Tugenden. Da helfen auch gutgemeinte Vorschläge des „social engineering“ (130) nicht immer. Die Kehrseite – so Weymann – der bildungspolitischen Utopie ist die Dystopie. Vielleicht gibt es ja auch so etwas wie ein Anrecht auf Dummheit, wenn man die Ungleichheitsforschung einmal anders normativ wendet. Insofern ist das Spektrum bemerkenswert breit.

Kritisch könnte man allenfalls bemängeln, dass einige Male von Bildungspolitik die Rede ist, aber dieser es in der soziologischen Perspektive von großen Entwicklungen und sozialen Kräften an Konkretheit und Akteursbezug mangelt. Parteien und aktuelle Maßnahmen kommen z.B. nicht vor, ebenso wenig die Darstellung von bildungspolitischen Institutionen wie der Aufbau des Schulwesens.

Fazit

Insgesamt gesehen handelt es sich um einen durchaus informativen, überaus gut lesbaren makrosoziologischen „Rundumschlag“. Das hat deutlich mehr Vorzüge als die monierten Defizite. Denn faktenreiche Empirie aus der Bildungsforschung und langweilige Systemdarstellungen diverser Bildungsformen gibt es viele. Insofern schließt ein kompaktes, gesellschaftstheoretisch orientiertes Bändchen eine wichtige Lücke.


Rezension von
Prof. Dr. Josef Schmid
Professor für Politische Wirtschaftslehre und Vergleichende Politikfeldanalyse an der Universität Tübingen, lehrt und forscht über Wohlfahrtsstaaten, Arbeitsmarktpolitik und Bürgerschaftliches Engagement in den Bundesländern. Er ist derzeit hauptamtlicher Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät.
Homepage uni-tuebingen.de/fakultaeten/wirtschafts-und-sozial ...
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Zitiervorschlag
Josef Schmid. Rezension vom 06.01.2017 zu: Ansgar Weymann, Katharina Mangold, Benjamin Strahl: Bildungsstaat. Aufstieg, Herausforderungen, Perspektiven. Springer VS (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-11716-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21579.php, Datum des Zugriffs 07.05.2021.


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