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Jochen Hering: Kinder brauchen Bilderbücher

Cover Jochen Hering: Kinder brauchen Bilderbücher. Erzählförderung in Kita und Grundschule. Klett-Kallmeyer (Seelze/Velber) 2016. 253 Seiten. ISBN 978-3-7800-4846-2. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Bilderbücher vermitteln Weltwissen, sie begleiten Kinder durch den Alltag, machen Mut und bieten spannende Abenteuer. Während der Betrachtung kommentieren sie das Geschehen, stellen Fragen und berichten von eigenen Erlebnissen. Somit regen sie zum Erzählen an, wobei einfache und überschaubare Erzählmuster den Kindern zeigen, wie Geschichten gebaut sind/werden.

Das Medium Bilderbuch wird durch dieses Buch erzählend-anschaulich und systematisch-fachlich vorgestellt. Es wird auf zentrale Fragen für die praktische Arbeit eingegangen: Warum ist Erzählen so wichtig? Welche Teilfähigkeiten braucht ein Kind dazu? Und vor allem: Woran erkennt man ein gutes Bilderbuch?

Der Verfasser stellt weit über 100 Bilderbücher vor und legt dar, wie sie in seinem praxiserprobten Konzept zur gezielten Erzählförderung eingesetzt werden können.

Autor

Jochen Hering war zunächst Lehrer (Grund-, Haupt-, Gesamtschulen). In den Jahren 2003 bis 2014 lehrte er als Professor für Literatur- und Mediendidaktik an der Universität Bremen und war Sprecher des Bremer Institutes für Bilderbuch- und Erzählforschung (BIBF). Seine Arbeitsschwerpunkte sind Kinderliteratur und Kindermedien (Bilderbuch, Hörspiel, Lyrik), Schreibwerkstattarbeit, biographisches Lernen, Philosophieren mit Kindern sowie frühkindliche Sprach- und Erzählförderung.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist neben der wissenschaftlichen Recherche das Ergebnis systematischer Auswertung vor Ort gemachter Erfahrungen (also in Kita und Grundschule) und gewonnener Eindrücke.

Aufbau

Das mit einem flexiblen, stabilen Einband versehene Werk umfasst neun Kapitel, einen Schlussgedanken sowie einen Anhang, der ein sehr umfangreiches und präzise informierendes Sachwortverzeichnis, eine ausführliche Literaturliste, ein Bildquellenverzeichnis und Hinweise auf Download-Material beinhaltet.

Inhalt

Das erste Kapitel erzählt einleitend von den verschiedenen Kindern, für die der Autor dieses Buch geschrieben hat und gibt einen Überblick über die angesprochenen Themen.

Im zweiten Kapitel wird damit begonnen, das Erzählen genauer zu betrachten. Zum Erzählen benötigt ein Kind Weltwissen und einen Vorrat an Wörtern (= Wortschatz). Um aus Wörtern und Sätzen für die Zuhörenden verständliche Geschichten bauen zu können, muss es sich im Baukasten des Erzählens auskennen. Und schließlich braucht das Kind Einfühlungsvermögen (Empathie), damit es sich in die emotionalen Befindlichkeiten der kleinen und großen Helden in den Büchern hineindenken kann.

Das dritte Kapitel stellt das Bilderbuch nach seiner jeweiligen Erzählstruktur (Erzählmuster) geordnet vor. Nach Auffassung des Autors gehört die „Fähigkeit, die Erzählstruktur eines Buches und damit die Einfachheit bzw. Komplexität zu bestimmen“ (…) „zum Grundlagenwissen für die Praxis der Erzählförderung.“ (S. 16)

Gespräche, Spiele, Hörspiele, Bilderbücher und dialogisches Vorlesen sind „wichtige Stationen auf dem Weg zum kompetenten Erzählen.“ (S. 16) Folgerichtig findet im vierten Kapitel ein Besuch der „Werkstatt des Erzählens“ (S. 16) statt – dem Ort, an dem der kindliche Erzählerwerb primär stattfindet: die Familie.

Es gibt eine zunehmende Zahl von Kindern, denen es auch am Ende der Kitazeit und noch in der Grundschule schwerfällt, zusammenhängend und verständlich zu erzählen. Hier handelt es sich in aller Regel um Kinder, die unter Umständen leben, die wenig förderlich sind für eine vitale Sprach- und Erzählentwicklung (verfrühter und exzessiver Konsum von Fernsehen und Videofilmen, ständiges Bedienen des Smartphones, …). Diesen Geschichten aus der Bildungsferne widmet sich das fünfte Kapitel mit dem Titel „Sprachlose Kindheiten“.

Kriterien für ein Qualitätsurteil werden im sechsten Kapitel ausführlich erläutert. Eine große Zahl von Beispielen ermöglicht es Lesenden, die für den Autoren zentralen Fragestellungen mit Blick auf ein jeweiliges Werk nachvollziehen zu können: Weckt das Buch die Neugier eines Kindes? Regt das Bilderbuch zum Miterzählen an? Haben die Bilder eine eigenständige Erzählkraft?

Kinder sind sehr verschieden. So kann ein Bilderbuch für das eine Kind durchaus zu schwierig sein, während es für ein anderes eher eine Unterforderung darstellt. Ein einfacher Wortschatz oder eine bildhaft-poetische Sprache können zum Beispiel wichtige Kriterien für eine kindbezogene Buchauswahl sein. Auf diese Fragen geht das siebte Kapitel Orientierung und Sicherheit gebend ein.

Die mit dem Bremer Erzählprojekt „Enter, Entdecken und Erzählen“ gesammelten Erfahrungen sind Gegenstand des achten Kapitels, das sich konkret der Praxis zuwendet und Prinzipien, Ideen und Vorschläge zum Erzählen von Anfang an in den Fokus rückt. Rituale und dialogisches Vorlesen, handelndes Mitlesen und entschleunigte Bildbetrachtung gehören u. a. zu den Kernkriterien für eine erfolgreiche Erzählförderung.

Das neunte Kapitel bietet konkrete Arbeitsideen. Zum Schluss können Erzieherinnen/Erzieher, an der Grundschule Tätige, aber auch die Kinder sich von Bilderbuchvorlagen zur Gestaltung eigener Bilderbücher inspirieren lassen.

Ein detailreicher Anhang (s. o.) rundet das Werk ab.

Diskussion

Der Band richtet sich nach eigenem Bekunden „an Erzieherinnen und Erzieher sowie an Grundschullehrkräfte im Anfangsunterricht. Besonders hilfreich ist er für all diejenigen, die in ihrer täglichen Arbeit der zunehmenden Spracharmut bei vielen Kindern begegnen möchten oder in Willkommensklassen unterrichten.“ (hinterer Umschlag)

Wie wähle ich für welches Kind das richtige Buch aus? Diese Frage sollte gerade dann vermehrt in den Vordergrund gerückt werden, wenn Kinder von dem, was sie sehen, hören und mit ihren eigenen Worten begleiten, inspiriert, nachhaltig beeindruckt werden sollen.

Nicht alles, was sich – zu oft abenteuerlich günstigen Preisen – in den Auslagen der Buchhandlungen und auf den Wühltischen von Kaufhäusern anbietet, ist geeignet, Kindern ein Erlebnis zu ermöglichen.

Fazit

Das Buch bietet auf der Grundlage entwicklungspsychologisch relevanter Erkenntnisse (und hier sind besonders die Arbeiten zum Spracherwerb und zur Sprachentwicklung des Kindes zu nennen) und unter Einbezug weiterer aktueller Forschungsliteratur bei sehr hohem Praxisbezug und durch eine beeindruckende Fülle von Fallbeispielen eine wahre Fundgrube für jene, die zwischen guten und (eher) schlechten Bilderbüchern unterscheiden möchten und dabei auf der Suche nach klaren Beurteilungskriterien sind. Ein liebevolles Layout, die umfassende Bebilderung sowie das Downloadmaterial steigern den Wert des Titels. Der mit Beendigung der Lektüre (die ihre Zeit braucht!) verbundene Lernzuwachs ist beträchtlich, so dass eine absolute Empfehlung ausgesprochen werden kann.


Rezensent
Thomas Hax-Schoppenhorst
pädagogischer Mitarbeiter der LVR-Klinik Düren, Sachbuchautor, Herausgeber, Erwachsenenbildner
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Zitiervorschlag
Thomas Hax-Schoppenhorst. Rezension vom 14.02.2017 zu: Jochen Hering: Kinder brauchen Bilderbücher. Erzählförderung in Kita und Grundschule. Klett-Kallmeyer (Seelze/Velber) 2016. ISBN 978-3-7800-4846-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21581.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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