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Kevin Heiniger: Krisen, Kritik und Sexualnot

Cover Kevin Heiniger: Krisen, Kritik und Sexualnot. Die «Nacherziehung» männlicher Jugendlicher in der Anstalt Aarburg (1893–1981). Chronos Verlag (Zürich) 2016. 560 Seiten. ISBN 978-3-0340-1350-5. 62,00 EUR, CH: 68,00 sFr.
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Thema

In den 1830er Jahren wurden im Umfeld der Gemeinnützigen Gesellschaft in der Schweiz erstmals Forderungen laut, straffällig gewordene Jugendliche nicht mehr länger mit erwachsenen Straftätern einzusperren. Erst aber in den1890er Jahren realisierten verschiedene Schweizer Kantone separate Jugendstrafanstalten. Als dritter eröffnete der Kanton Aargau 1893 die Anstalt Aarburg, die zwei unterschiedliche Gruppen von männlichen Jugendlichen aufnahm: gerichtlich Verurteilte und administrativ Eingewiesene.

Kevin Heinigers Studie, mit der er an der Universität Basel promovierte, untersucht einerseits die Institutionengeschichte der Zwangserziehungsanstalt Aarburg und fokussiert andererseits aus einer lebensweltlichen Perspektive insbesondere das Sexualverhalten der jugendlichen Anstaltsklientel.

Aufbau und Inhalt

Der Institutionengeschichte nähert sich Kevin Heiniger, indem er auf „Krisen“ fokussiert, in denen die Anstalt Aarburg grundlegend hinterfragt wurde. Diese Perspektive erlaubt es, den vielfach problematischen Umgang mit den Jugendlichen auszuleuchten, die Handlungsspielräume der Anstaltsleitung und politischen Behörden darzustellen und Momente des Wandels im fast 100-jährigen Untersuchungszeitraum zu benennen.

Die Studie zeigt, dass massive Körperstrafen (Schlagen mit dem Meerrohr oder Fäusten), Dunkelarrest, verbale Beschimpfungen und Essensentzug nach der Gründung der Anstalt als Strafmittel gegenüber den Jugendlichen angewandt wurden. Erst aber am Vorabend des Ersten Weltkriegs veranlasste die Kritik des reformierten Anstaltsgeistlichen das aargauische Justizdepartment und die Aufsichtskommission Untersuchungen durchzuführen. Allerdings handelten, wie die Studie aufzeigt, die Anstaltskommission und der Regierungsrat in der Folge weder mutig noch visionär. Erst 20 Jahre später, auf Druck der Öffentlichkeit, waren die Behörden zu Reformmassnahmen bereit. Auslöser der zweiten Krise war ein im „Schweizer Spiegel“ erschienener Artikel: Dieser prangerte die infrastrukturellen, organisatorischen und pädagogischen Mängel in der Erziehungsanstalt Aarburg an und löste damit in der Schweiz die medial am breitesten geführte Anstaltskritik vor dem Zweiten Weltkrieg aus.

Die Massnahmen, die nach 1936 eingeleitet wurden, transformierten die Erziehungsanstalt Aarburg langsam aber kontinuierlich: Sie wurde großenteils von den Merkmalen einer totalen Institution mit Strafcharakter befreit und hin zu einem Maßnahmenzentrum mit Therapieangebot entwickelt (S. 260). Als 1970 die transnational geführte Heimkritik auch die der Schweiz erreichte, hatte die Erziehungsanstalt Aarburg bereits frühere Züge seines autoritären Disziplinarsystems abgelegt. Folglich stand Aarburg, wie die Studie ausführt, nicht im Zentrum der Kritik der Heimkampagne und der 68-er Generation.

Im zweiten, kürzeren Teil der Studie steht das sogenannte „sexuelle Problem“ im Mittelpunkt. Kevin Heiniger analysiert die Personendossiers und zeigt die unterschiedlichen Facetten von platonischen und sexuellen Freundschaftsbeziehungen auf, die die männlichen Jugendlichen untereinander lebten. Bis 1970 war die Anstaltsleitung indes bestrebt, die Sexualität der Jugendlichen zu unterdrücken. Zwischen 1932-1969 kam es zu mehreren anstaltsinternen Untersuchen, um homosexuelle Kontakte zwischen den Jugendlichen aufzudecken.

Während die homosexuelle Kontakte zwischen den Jugendlichen durch unterschiedliche Quellen dokumentiert sind, finden sich, wie Kevin Heiniger argumentiert, nur wenige Hinweise auf andere sexuelle Handlungen: Sexuelle Kontakte, die zwischen Jugendlichen und weiblichen Angestellten oder Mädchen außerhalb der Anstalt stattfanden, sind nur in Einzelfällen dokumentiert. Ebenfalls kamen Formen von sexueller Gewalt zwischen männlichen Erwachsenen und den inhaftierten Jugendlichen nur in Einzelfällen zur Sprache. Dass Knaben bereits mehrfach sexuelle Übergriffe von Anstaltsangestellten erlebt hatten, bevor sie nach Aarburg eingewiesen wurden, illustriert das diskutierte Fallbeispiel von Walter O. Dabei scheint Walter O. nicht wegen seines „in der Pubertät erwachten und stark ausgeprägten Sexualtriebes“ an verschiedenen Stationen seiner Anstaltskarriere gescheitert zu sein, wie Kevin Heiniger argumentiert (S. 373). Vielmehr verdeutlicht das Fallbeispiel, dass Anstalten – zumindest in Einzelfällen – versagten, Jugendlichen den Schutz vor sexuellen Kontakten mit Erwachsenen zu gewähren, den das Strafrecht im Prinzip vorsah.

Diskussion

Die Studie weist darauf hin, dass Jugendliche in der Erziehungsanstalt Aarburg im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert in großem Maße dem Machtmissbrauch des Anstaltspersonals ausgeliefert waren. In seiner detaillierten Untersuchung gelingt es Kevin Heiniger darüber hinaus, die Mechanismen zu benennen, die Voraussetzung der Abschaffung eines autoritären Disziplinarsystems waren: Das zivilgesellschaftliche Engagement seitens engagierter Journalisten und Anstaltsgeistlicher, der Einzug linker Politiker ins Kantonsparlament, die verstärkte Übernahme der Kontrolle des Bundes wie auch die Entwicklung von Ansätzen der Reformpädagogik spielten eine wichtige Rolle. Ertragreich ist im Weiteren auch der Einbezug einer sexualitätsgeschichtlichen Perspektive, die aufdeckt, in welchem Spannungsfeld die Sexualität der männlichen Jugendlichen zumindest bis 1970 situiert war: Zwar war die Anstaltsleitung bemüht, die Sexualität der Jugendlichen zu unterdrücken, gleichwohl ist es zu intensiven sexuellen Kontakten zwischen den Jugendlichen gekommen.

Kevin Heinigers Analyse ist besonders überzeugend, wo er auf die Verknüpfung von Freundschaft und sexuellen Beziehungen, auf die Bedürfnisse nach Intimität und Abwechslung der Jugendlichen anhand von Tagebucheinträgen und Dokumenten der Personendossiers eingeht. Nur am Rande wird demgegenüber die Frage diskutiert, inwieweit sexuelle Kontakte zwischen Jugendlichen einen gewalttätigen Charakter hatten. Wie Kevin Heiniger ausführt, berichteten Jugendliche in den durchgeführten Untersuchungen selbst kaum von sexuellen Nötigungen seitens von Mitzöglingen (S. 355). Allerdings war der Altersunterschied zwischen den Jugendlichen beträchtlich: In einer 1939 durchgeführten Untersuchung zu homosexuellen „Verfehlungen“ waren die Jugendlichen beispielsweise zwischen 14 und 19 Jahre alt. Entsprechend wären ausführlichere Reflexionen zur Frage, inwieweit es zwischen den Jugendlichen auch zu Verletzungen des Schutzalters gekommen war, eine wichtige Ergänzung zu diesem sexualgeschichtlichen Teil der Studie gewesen.

Fazit

Die Studie leistet einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der staatlichen Erziehungsanstalten der Schweiz, in dem sie die Handlungsspielräume der involvierten Akteure sorgfältig ausleuchtet, Transformationsprozesse genau analysiert und Fehlleistungen von politisch Verantwortlichen benennt. Mit der Integration einer sexualitätsgeschichtlichen Perspektive richtet die Studie überdies den Blick auf einen Lebensbereich der inhaftierten und eingewiesenen männlichen Jugendlichen, der in bisherigen historischen Untersuchungen zu Heimen und Erziehungsanstalten noch wenig thematisiert wurde. Dass aber in der historischen Untersuchung fürsorgerischer Zwangsmaßnahmen die Integration einer sexualitätshistorischen Perspektive äußert gewinnbringend ist, verdeutlicht die vorliegende Studie zweifelsohne.


Rezensentin
Dr. Sonja Matter
Gastwissenschafterin am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien
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Zitiervorschlag
Sonja Matter. Rezension vom 19.06.2017 zu: Kevin Heiniger: Krisen, Kritik und Sexualnot. Die «Nacherziehung» männlicher Jugendlicher in der Anstalt Aarburg (1893–1981). Chronos Verlag (Zürich) 2016. ISBN 978-3-0340-1350-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21585.php, Datum des Zugriffs 18.10.2017.


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