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Olaf Gerlach, Stefan Kalmring u.a. (Hrsg.): Peripherie und globalisierter Kapitalismus

Cover Olaf Gerlach, Stefan Kalmring, Daniel Kumitz, Andreas Nowak (Hrsg.): Peripherie und globalisierter Kapitalismus. Zur Kritik der Entwicklungstheorie. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2004. 348 Seiten. ISBN 978-3-86099-803-8. 25,00 EUR, CH: 42,50 sFr.
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"Die großen Theorien sind gescheitert"...

... dieses von Ulrich Menzel 1992 formulierte aufsehenserregende Fazit zur grundlegend veränderten geopolitischen Entwicklung in der Welt, den wachsenden Interdependenzen der Probleme und Fragestellungen auf allen Gebieten menschlichen Lebens, überall auf der Erde, hat seitdem eine Reihe von wissenschaftlichen und realpolitischen Initiativen hervor gebracht. Zu nennen ist dabei insbesondere der Ansatz der wichtigen entwicklungspolitischen Zeitschrift E+Z, "Entwicklung und Zusammenarbeit" in deutscher Sprache, von D+C, "Development and Cooperation" in englischer Sprache, in der seit 1995 bis heute zahlreiche Beiträge zu Entwicklungstheorien dargestellt und in den aktuellen Zusammenhang gebracht werden. Sie gründen auf die von Franz Nuscheler positionierten Überzeugung, dass die Praxis der "Entwicklungspolitik als Friedenspolitik und als Gestalterin einer globalen Strukturpolitik" (Reinold E. Thiel, Hg., Neue Ansätze zur Entwicklungstheorie, 1999) der Theorie bedürfe, wie diese ebenfalls eine Annäherung an die Praxis erfordere.

Entstehungshintergrund und Anspruch der Veröffentlichung

Der interdisziplinären Arbeitsgruppe "Arbeitskreis Entwicklungstheorie" an der FU Berlin, geht der im E+Z-Diskurs geforderte Paradigmenwechsel mit dem Vorwurf, kaum über den neoliberalen Ansatz hinweg zu kommen, nicht weit genug. Sie erheben mit ihrem Buch den Anspruch, den "Periphierie"-Gedanken, wie er in einigen Entwicklungstheorien zu Grunde gelegt wird, auf die Waagschale der Wirklichkeit des "globalisierten Kapitalismus" zu legen. Sie schließen damit an die von Peter Jüngst formulierte Kapitalismuskritik vom "Raubtierkapitalismus" (Psychosozial Verlag 2004, siehe die Rezension des Buchs) und Jörg Bergstedts Praxisanalyse "Mythos attac" (Brandes & Apsel, 2004, vgl. die Rezension des Buchs). Dabei betonen sie in besonderer Weise "die oft vernachlässigten Momente der Dominanz, Abhängigkeit und Hegemonie im gegenwärtigen Globalisierungsprozess". Es geht also um die "Kritik der Entwicklungstheorie"(n), nicht um eine weitere Darstellung der traditionellen und modernen Entwicklungsansätze.

Aufbau und Inhalt

Das Autorenteam gliedert die Arbeit, angesichts der "faktischen Abwicklung der Abteilung Entwicklungssoziologie an der FU Berlin zum Wintersemester 2003/04" (!), in vier Blöcke.

  1. Im ersten, zur "Kritik des Entwicklungsbegriffs" setzt sich Gerhard Hauck mit der Geschichte der Entwicklungstheorie auseinander, Reinhart Kößler stellt gesellschaftstheoretische und politische Probleme des Begriffs "Entwicklung" dar, und Birgit Mahnkopf spricht vom Scheitern von normativen Leitbildern an "systemischen Fragen", angesichts der Entwicklungspolitik unter Globalisierungsbedingungen, wie dies z. B. auch Andreas Novy mit der Forderung nach (globaler) Gesellschaftsveränderung in seinem Band "Entwicklung gestalten" (2002) tut.
  2. Der zweite Block stellt den entwicklungstheoretischen Mainstream "mit all seinen unhinterfragten Altlasten auf den Prüfstand". Gabriele Zdunnek formuliert ihre feministische Kritik an der Entwicklungstheorie, mit dem Fazit, dass "geschlechtsspezifische Differenzierungen kontextgebunden sind und historisch spezifische Ausprägungen aufweisen". Daniel Kumitz setzt sich mit den nationalgesellschaftlichen Imponderabilien in den entwicklungstheoretischen und konkreten Globalisierungsentwicklungen auseinander. Christian Girschner deckt die "verkehrte Welt der Außenhandelstheorie" auf die gesellschaftlichen Bestimmungen des kapitalistischen Außenhandels hinweist. Und Christoph Görg löckt mit seinem Beitrag "von der nachholenden zur nachhaltigen Entwicklung - und wieder zurück" gewissermaßen gegen den Mainstream-Stachel des mittlerweile inflationär gebrauchten Begriffs der "nachhaltigen Entwicklung".
  3. Im dritten Teil des Buches geht es um den Kern der Kritik der Entwicklungstheorie: Martha Zapata Galindo nimmt die Metapher "Die Modernisierungstheorien sind tot" auf, indem sie den Spagat der "Wende von der Modernisierung zur Moderne" diskutiert und kritische Fragen an das neue Paradigma der Modernisierungstheorie, den "Multiple Modernities" stellt. Yvonne Franke nimmt sich die "Dependenztheorie"(n) vor, indem sie sozioökonomische Entwicklungsstrukturen zwischen Weltwirtschaft und Staat reflektiert und zu der Überzeugung kommt, dass die Abhängigkeitsansätze zwar wichtig für die Analyse von historischen Prozessen seien, die ökonomielastigen Entwicklungstheorien jedoch einer "staatstheoretischen Verortung" benötigten. Stefan Kalmring und Andras Nowak wenden sich in ihrem Beitrag gegen die gängige Auffassung, dass Marx als ein früher Vertreter der Modernisierungstheorie gewesen sei.
  4. Im vierten Block schließlich geht es um "Ungleichheit, Dominanz und Hegemonie im kapitalistischen Weltsystem". Dieter Boris erinnert an die schweren Währungs- und Finanzkrisen der Länder der Peripherie in den letzten zehn Jahren und formuliert Strategien zur Krisenvermeidung. Eva Hartmann geht kritisch mit der "Rolle transnationaler Wissensnetzwerke in der internationalen Entwicklungspolitik" um, indem sie die hegemonial und international agierenden "Think tanks" darstellt und danach fragt, wie die zunehmende Bedeutung und Einflussnahme von Informationsmacht in die Kritik der Entwicklungstheorie verortet werden kann. Auch Oliver Nachtwey und Tobias ten Brink fragen danach, ob die klassische marxistische Imperialismustheorie angesichts der Veränderung des Gesichts des Kapitalismus noch relevant sei. Ihr Rat: "Anstatt beschönigend das Gerede von der `Staatengemeinschaft` in Politik und Medien nachzuplappern oder über ein diffuses 'Empire' zu spekulieren, sollte die kritische Wissenschaft besser von einer Neustrukturierung imperialistischer Herrschaftsverhältnisse ausgehen", mit der Erkenntnis, dass die konkurrierenden Staaten als Träger des Gewaltmonopols im Globalisierungsprozess weiterhin eine zentrale Rolle spielten. Christian Zeller schließlich legt den Finger auf "ungleiche Entwicklung, globale Enteignungsökonomie und Hierarchien des Imperialismus". Er beleuchtet kritisch den nebligen Diskurs um den Heilsbringer "Global Governance" und fordert zur wirklichkeitsechten Analyse zur Kritik einer Theorie des Imperialismus - Hier und Heute - auf.

Fazit

Der Sammelband irritiert erst einmal durch die Fülle der unterschiedlichen Kritikansätze, und der Rezensent vermisst den vielberufenen "roten Faden". Trotzdem ist diese "Werkstatt-Arbeit" wichtig für den notwendigen Diskurs zur Kritik der traditionellen und modernen Entwicklungstheorien. "Zur Kritik der Entwicklungstheorie" kann ja nicht heißen, es gäbe eine Theorie zu den globalen Entwicklungsbedingungen und -strategien in der vielberufenen "Einen Welt". Die historischen, kulturellen, gesellschafts- und globalpolitischen Grundlagen erfordern vielfältige Wege zur Veränderung. Herrschaftskritische Ansätze sind dabei wichtig!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 09.11.2004 zu: Olaf Gerlach, Stefan Kalmring, Daniel Kumitz, Andreas Nowak (Hrsg.): Peripherie und globalisierter Kapitalismus. Zur Kritik der Entwicklungstheorie. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2004. ISBN 978-3-86099-803-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2159.php, Datum des Zugriffs 04.04.2020.


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