socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Martin E. P. Seligman: Erlernte Hilflosigkeit

Cover Martin E. P. Seligman: Erlernte Hilflosigkeit. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. 5., neu ausgestattete Auflage. 258 Seiten. ISBN 978-3-621-28391-5. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.

Mit einem Anhang von Franz Petermann.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema und Zielgruppe

„Helplessness. On Depression, Development and Death“ – wie der Titel der amerikanischen Originalausgabe von 1975 lautet – ist ein Klassiker. Martin Seligmans Erklärungsansatz, wie Unkontrollierbarkeit zu Hilflosigkeit und in Folge zu Depressionen führen kann, war Ausgangspunkt vieler Erklärungsmodelle in Entwicklungs-, Sozial- und Klinischer Psychologie. Das vorliegende Buch enthält die deutsche Übersetzung dieses Klassikers und eine von 1992 stammende Zusammenstellung von Franz Petermann mit weiterführenden Konzepten und Anwendungen.

Autoren

Martin Seligman, Jahrgang 1942, entwickelte in den 1960er und 1970er Jahren zunächst als Stipendiat, später als Professor am Psychologischen Institut der Universität von Pennsylvania und an der Cornell Universität mit Hilfe von zahlreichen Tierversuchen das Konzept der erlernten Hilflosigkeit.

Franz Petermann, Jahrgang 1953, ist Professor für klinische Psychologie an der Universität Bremen und begründete im deutschen Sprachraum in den 1980er und 1990er Jahren das Fach Klinische Kinderpsychologie.

Aufbau

Das Buch besteht aus zwei Teilen,

  1. dem von Brigitte Rockstroh übersetzten Klassiker „Erlernte Hilflosigkeit“ (Martin Seligman) und
  2. dem 50seitigen Anhang „Erlernte Hilflosigkeit: neue Konzepte und Anwendungen“ von 1992 (Franz Petermann).

Zu 1.

Das Konzept der erlernten Hilflosigkeit gehört inzwischen sozusagen zur Allgemeinbildung. Zugleich ist die Lektüre der Originalpublikation sehr interessant: Martin Seligman definiert zunächst grundlegende Begriffe und setzt sie in Beziehung zu den damaligen lerntheoretischen Konzepten. Dann geht er ausführlich auf die wegweisenden Experimente ein und verteidigt in diesem Zusammenhang auch die z.T. wenig schönen Tierversuche. Unterschiedliche Tiere wurden vermeidbaren und unvermeidbaren, angekündigten und unvorhersehbaren elektrischen Schlägen ausgesetzt oder wurden durch frühe Isolation hilflos aufgezogen. In der Folge wurde in sehr unterschiedlichen Konstellationen untersucht, ob und wie sie lernten, weiteren unangenehmen Situationen zu entfliehen, und wie sie sich in sozialen Situationen verhielten.

Laborexperimente zur Hilflosigkeit führen Seligman zu Folge zu drei Störungen:

  1. Die Motivation zu reagieren, wird untergraben,
  2. es wird langsamer gelernt, dass eigene Reaktionen Konsequenzen bewirken, und
  3. es kommt zu emotionalen Störungen.

Nachdem der Autor seine Theorie entfaltet und gegenüber alternativen Erklärungsansätzen verteidigt, kommt er ausführlich auf die Ätiologie von (bestimmten Formen der) Depression und gelernter Hilflosigkeit und auf Zusammenhänge zwischen Angst und Unvorhersagbarkeit zu sprechen. Das zentrale Ziel einer erfolgreichen Therapie depressiver Menschen solle die Wiederherstellung der Wahrnehmung des Patienten sein, dass sein Verhalten wirkungsvoll ist.

Im 7. Kapitel entfaltet er Implikationen für die (frühe) Erziehung und die Bedeutung der Mutter-Kind-Beziehung.

Im letzten Kapitel schildert er zahlreiche Fälle von Tod durch Hilflosigkeit und engagiert sich insbesondere für einen anderen Umgang mit alten Menschen.

Zu 2.

Franz Petermann stellt im Anhang zahlreiche Folgestudien dar und geht insbesondere auf Attributionsprozesse in ihrem Einfluss auf die Entwicklung von Hilflosigkeit und Depressionen beim Menschen ein:

  • External versus internal
  • Variabel versus stabil
  • Spezifisch versus global
  • Wichtig versus unwichtig

Weiterhin differenziert er bei Hilflosigkeitserfahrungen zwischen Reaktanz mit Ärger, Wut und vermehrter Anstrengung, der danach entstehenden Hilflosigkeit und den Anpassungsprozessen im Nachhinein. Auch die Sinnattribution kann auf diese Anpassungsprozesse einen bedeutenden Einfluss haben. Problematisiert werden die Verallgemeinerung von zeitlich begrenzten Untersuchungen auf die gesamte Lebensspanne, die unterschiedlichen Depressionskonzepte und fehlende bzw. widersprüchliche Replikationsstudien.

Diskussion

Schade ist, dass bei der Neuauflage keine Aktualisierung des zweiten Teils vorgenommen wurde. So ist der Titel dieses Teils „Neue Konzepte und Anwendungen“ nicht mehr gerechtfertigt. Das Buch ist trotz des gut gewählten Titelbildes lieblos aufgemacht. Der zweite Teil findet auf dem Cover keine Erwähnung, der Vorname des Autors fehlt, und im Anhang von Petermann findet sich in der Überschrift kein Hinweis, wann dieser Abschnitt das erste Mal publiziert wurde.

Dennoch ist die Lektüre des Klassikers selber und auch der Reflexionen von Petermann ein großer Gewinn für Leserinnen, die sich für die Entstehung von wichtigen Konzepten der Psychologie interessieren und sich dabei auch mit zahlreichen Tierversuchen auseinandersetzen mögen.

Fazit

Der Klassiker „Erlernte Hilflosigkeit“ von Martin Seligman ist auch nach über 40 Jahren eine interessante Lektüre. Die Neuauflage suggeriert etwas mehr als sie hält, denn der zweite Teil zu neuen Konzepten und Anwendungen wurde seit 1992 nicht mehr aktualisiert.


Rezensentin
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
Homepage www.b-tu.de/fg-sozialpsychiatrie/
E-Mail Mailformular


Alle 120 Rezensionen von Annemarie Jost anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 22.11.2016 zu: Martin E. P. Seligman: Erlernte Hilflosigkeit. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. 5., neu ausgestattete Auflage. ISBN 978-3-621-28391-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21593.php, Datum des Zugriffs 19.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Assistenz (w/m/d) für Kindergartenverwaltung, Heilbronn und Erlenbach

Referent (w/m/d) Service Learning, Augsburg

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung