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Helga Brüggemann, Kristina Ehret u.a.: Systemische Beratung in fünf Gängen

Cover Helga Brüggemann, Kristina Ehret, Christopher Klütmann: Systemische Beratung in fünf Gängen. Ein Leitfaden. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2016. 6., überarbeitete Auflage. 158 Seiten. ISBN 978-3-525-49164-5. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,50 sFr.
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Thema

Systemische Beratung und Therapie, ihre Meta-Theorien, ihre spezifische Diagnostik, ihre vielfältigen Methoden und (Frage-)Techniken gehören zu den wirkmächtigsten Ansätzen in der Arbeit mit (mehrfach-)belasteten Individuen, Paaren und Familien. Systemische Therapie ist mittlerweile eine wissenschaftlich anerkannte Behandlungsform.

Die europäische und außereuropäische Geschichte systemischer Beratung und Therapie kennt typische Entwicklungsphasen, die sich jeweils durch spezifische therapeutische Haltungen auszeichnen und entsprechende Schulen bzw. Methodiken hervorgebracht haben.

Theorien und Grundlagen systemischer Praxis werden an den Hochschulen in Studiengängen wie Psychologie oder Soziale Arbeit gelehrt. Berufserfahrene Fachkräfte können sich an den Weiterbildungseinrichtungen der Hochschulen, privaten Instituten und Akademien in der Methodik weiterbilden und entsprechende Zertifizierungen zum Beispiel der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) oder der Systemischen Gesellschaft (SG) erwerben.

Ursprünglich in klinisch-psychologischen, sozialarbeitsbezogenen oder sozialpädagogischen Feldern entwickelt, sind systemische Beratung und vor allem systemische Beratungsmethoden seit langem in die Organisationsberatung und in die Beratungspraxis mit Personen und Gruppen nahezu jeder Art diffundiert. Dies hat zur Folge, dass auch QuereinsteigerInnen, oftmals ohne einen klassischen Studienabschluss, systemische Beratungsarbeit erlernen und anbieten.

Das vorliegende Buch adressiert sowohl den Profit- wie den Non-Profit-Bereich. Es versteht sich als „spielerisch aufbereitetes Handbuch“ (S. 19) und will die „Idee der Systemtheorie“ (ebd.) sowie grundlegendes Handwerkszeug für die systemische Beratung an „Personen, die in beratender Funktion tätig sind“ (ebd.), vermitteln. Ausgehend von der Metapher eines Menüs in fünf Gängen wird der typische Ablauf einer systemischen Beratung geschildert und Einblick in die jeweils anzuwendenden Methoden und die erforderliche Grundhaltung der Beraterin bzw. des Beraters gegeben.

AutorInnen

Die AutorInnen sind freiberuflich als systemische BeraterInnen, SupervisorInnen und TrainerInnen tätig. Sie arbeiten vorrangig in der Organisationsberatung, Personal- und Organisationsentwicklung. Aus den Studienfeldern Pädagogik, Lehrerbildung und Management kommend, haben sie vielfältige Weiterbildungen und Zertifizierungen zum Beispiel als Systemische BeraterInnen (SG), SupervisorInnen und InstitutionsberaterInnen (SG) vorzuweisen.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist erstmalig 2006 erschienen. Rezensiert wurde die 6., überarbeitete Auflage, die 2016 veröffentlicht wurde. Wie die AutorInnen selbst darlegen (S. 18), wurde in diese Auflage neben einem neuen Vorwort die Kybernetik 1. und 2. Ordnung aufgenommen und die Literaturliste aktualisiert.

Aufbau

Nach drei Vorworten und einer kleinen Einführung gliedert sich das Buch in fünf Kapitel, die sich jeweils einer Gesprächsphase eines systemischen Erstgesprächs bzw. eines systemischen Beratungsverlaufs widmen; behandelt werden die Phasen

  1. Beziehung aufbauen,
  2. Anliegen konkretisieren,
  3. Bearbeitungs- und Lösungsebene finden,
  4. Impulse geben und
  5. Gespräch abschließen.

Jedes Kapitel ist in sich wiederum in jeweils fünf typische Unterphasen gegliedert. Jedes Kapitel enthält

  • einschlägige Fallbeispiele, die je nach Zuordnung zu dem Profit- bzw. Non-Profit-Bereich farblich unterschiedlich abgesetzt sind,
  • Auflistungen von geeigneten Fragetechniken bzw. Fragebeispielen,
  • Textkästen mit Erläuterungen zu wichtigen theoretischen Begriffen bzw. Konstrukten,
  • Abbildungen sowie
  • am Ende eine Zusammenstellung der in der jeweiligen Phase eingesetzten Methoden.

Methoden, Fragebeispiele, Textkästen und Hinweise im Text sind jeweils mit einfachen grafischen Symbolen gekennzeichnet und somit rasch auffindbar.

Es folgen ein Nachwort und eine Danksagung sowie eine Methodenmatrix, in der die in den Gesprächsphasen eingesetzten Methoden nochmals im Überblick und im Hinblick auf die anvisierten Ziele, die Anwendungsmöglichkeiten und den Zeitbedarf beschrieben sind. Literaturverzeichnis und Autorenhinweise schließen sich an.

Inhalt

Das Buch will den typischen Ablauf einer systemischen Beratung begreifbar und anwendbar machen. Die AutorInnen differenzieren hierbei nicht zwischen dem Profit- und Non-Profit-Bereich, da sie von der Annahme ausgehen, dass sich Ablauf der Beratung und Grundhaltung der BeraterInnen nicht bereichsspezifisch voneinander unterscheiden.

In Kapitel 1 „Beziehung aufbauen“ geht es um die Kontaktaufnahme zwischen BeraterIn und GesprächspartnerIn und die Gestaltung des Einstiegs in eine systemische Beratung. Behandelt werden zum Beispiel, wie man eine angenehme Arbeitsatmosphäre schaffen kann, die „innere Landkarte“ der Kunden/Klienten erkundet, welche Informationen hilfreich für die spätere Arbeit sein können, wie man die Erwartungen der Kunden/Klienten erfragen und die Rahmenbedingungen des Gesprächs klären kann. Die theoretischen Inputs beziehen sich zum Beispiel auf die lösungsorientierte Haltung, die Definition von Hypothesen und die Methode des Aktiven Zuhörens. Die Fallbeispiele in diesem Kapitel schildern überwiegend Führungs- und Teamprobleme.

Kapitel 2 „Anliegen konkretisieren“ beschreibt den Prozess der vertiefenden Klärung des Anliegens der Kunden/Klienten. Mit Hilfe von W-Fragen wird die Problemsicht des Kunden/Klienten beleuchtet und erste Hypothesen werden gebildet. Die theoretischen Inputs beziehen sich zum Beispiel auf verschiedene Grundprinzipien systemischer Beratungsarbeit, das Reflektierende Team und die Methode der zirkulären Fragen. Die Fallbeispiele in diesem Kapitel adressieren Familienbeziehungen und (hierarchische) Beziehungen in Organisationen.

Kapitel 3 „Bearbeitungs- und Lösungsebene finden“ widmet sich der gemeinsamen Erarbeitung von Lösungsmöglichkeiten für die vorgestellten Probleme und endet mit der Auswahl eines für den Kunden/Klienten passenden Lösungsweges. Die theoretischen Inputs beziehen sich auf das Konstrukt der Homöostase und den Konstruktivismus. Die Fallbeispiele in diesem Kapitel stammen aus der Eltern- bzw. Paarberatung.

In Kapitel 4 „Impulse geben“ wird dargestellt, mit welchen Fragearten und Methoden Interventionen eingeleitet und der Wandel im Kunden-/Klientensystem begleitet werden kann. In den beiden theoretischen Inputs werden das Konstrukt „Unterschiede machen, die einen Unterschied machen“ und die Methode der Skulpturarbeit erläutert. Die Fallbeispiele spannen einen Bogen von Team- und Organisationskonflikten über Paarprobleme bis hin zu Jugendlichen mit Lese-Schreib-Problemen bzw. Essstörungen.

Kapitel 5 „Gespräch abschließen“ beschreibt die Zusammenfassung und Würdigung des Beratungsverlaufs und erklärt, wie mit Hilfe von Hausaufgaben und Abschlusskommentar weitere wirksame Veränderungsimpulse gegeben werden können. Beide Methoden werden auch in den theoretischen Inputs behandelt. In den Fallbeispielen werden Schlussphasen in der Beratung von Teams oder Familien bzw. der Einzelberatung eines Managers bzw. einer alleinerziehenden Mutter beschrieben.

Die Methodenmatrix im Anhang des Buches soll den LeserInnen als „kleiner Handwerkskoffer“ (S. 131) dienen und ist als „Nachschlagewerk“ und als „Inspirationsquelle“ (ebd.) gedacht. In der Matrix werden 28 systemische Methoden vorgestellt, jeweils gegliedert nach den Rubriken Ziel der Methode, Anwendung, Beispiel und Bemerkung der AutorInnen. Zum Teil wurden diese Methoden bereits in den theoretischen Inputs behandelt. Bei einigen Methoden werden Literaturhinweise gegeben.

Diskussion

Handlungsanleitungen sind keine wissenschaftlichen Werke und Ratgeberliteratur neigt dazu, zu vereinfachen, um Kernelemente und Kernbotschaften sichtbar werden zu lassen. Nimmt man die Bezeichnung „Leitfaden“ also ernst, dann bietet das Buch einen Überblick über die Phasen einer systemischen Beratung und lässt so etwas wie Verständnis für die Besonderheiten systemischer Herangehensweisen aufkeimen. Insbesondere die Zuordnung konkreter Fragen und Methoden zu den Gesprächsphasen und die wiederholte Darlegung systemischer Grundhaltungen gestatten einen Einblick in die Komplexität und Herausforderungen systemischer Beratung.

Das ist allerdings zugleich auch das Problem des Buches: denn die Menü- und Kochbuch-Metapher trägt nicht sehr weit. „Man nehme.“ ist keine geeignete Anleitung für Beratung und Therapie. Systemische Beratung zeichnet sich insbesondere durch die Kontextualisierung von Problemen aus. Jedes Verhalten, jedes Problem entsteht in einem spezifischen Kontext und kann sich kaum ohne dessen Einbezug verändern. Diese Grundannahme impliziert, dass seitens der BeraterIn erhebliches Kontextwissen erforderlich ist, um beispielsweise passgenaue Hypothesen anbieten zu können. Der Leitfaden dagegen suggeriert, es wäre fast unerheblich, ob es sich um Teamprobleme in einer Organisation oder um Erziehungsprobleme in einer Familie handelt. Fallbeispiele, in denen es darüber hinaus um Jugendliche geht, die aggressives Verhalten zeigen oder Essstörungen aufweisen, thematisieren schwerwiegende Probleme bzw. psychische Erkrankungen im Familienkontext und haben nach meinem Dafürhalten in einem solchen Leitfaden nichts zu suchen.

Ein vertieftes, fundiertes Wissen über die systemischen Theorien und/oder Schulen zu vermitteln, kann und soll nicht Sinn des Buches sein. Von der Vermittlung der „Idee der Systemtheorie“ zu sprechen, ist jedoch zu kurz gesprungen: „die eine“ Systemtheorie gibt es nicht. Demzufolge hätte ich mir ein bisschen mehr Erläuterung darüber gewünscht, aus welchen Traditionen und Schulen bestimmte Methoden stammen und mit welcher Implikation sie entwickelt worden sind – gerade in den theoretischen Inputs. Es werden beispielsweise Methoden der strukturellen Familientherapie einbezogen, die auf einer spezifischen Veränderungstheorie und auf einer ganz anderen Haltung der BeraterIn basieren als im Buch als „typisch systemisch“ dargestellt. Auch reagieren unkundige LeserInnen vermutlich verwirrt, wenn sie einerseits erfahren, dass Systeme danach streben, ihr Gleichgewicht zu halten bzw. wieder zu erlangen, und andererseits, dass Systeme durch neue Impulse zu grundlegenden Veränderungen angeregt werden sollen.

Von einer gründlichen Überarbeitung und Aktualisierung des Buches hätte ich mir mehr erwartet, zum Beispiel gezielte Hinweise auf neue weiterführende Literatur. Im Literaturverzeichnis fehlen Grundlagenwerke wie der Herausgeberband „Systemische Therapie und Beratung – das große Lehrbuch“ (Levold & Wirsching, 2014), die entsprechendes Hintergrundwissen liefern könnten. Schade auch, dass nicht alle am Ende eines Kapitels genannten Methoden in der betreffenden Gesprächsphase auch behandelt werden und sich in der Methodenmatrix nicht alle im Text erwähnten Methoden wiederfinden.

Fazit

Das vorliegende Buch wendet sich an Personen, die in beratender Funktion im Profit- oder im Non-Profit-Bereich tätig sind, und sich für die systemische Beratungspraxis interessieren. Ausgehend von der Metapher eines Menüs in fünf Gängen wird der typische Ablauf einer systemischen Beratung geschildert und Einblick in die jeweils anzuwendenden Methoden und die erforderliche Grundhaltung der Beraterin bzw. des Beraters gegeben.

Die fünf Kapitel widmen sich jeweils einer Gesprächsphase: behandelt werden die Phasen Beziehung aufbauen, Anliegen konkretisieren, Bearbeitungs- und Lösungsebene finden, Impulse geben und Gespräch abschließen. Am Ende des Buches werden in einer Methodenmatrix 28 systemische Methoden kompakt vorgestellt, jeweils gegliedert nach den Rubriken Ziel der Methode, Anwendung, Beispiel und Bemerkung der AutorInnen.

Das Buch bietet einen Überblick über die Phasen einer systemischen Beratung und zeigt Besonderheiten systemischer Herangehensweisen auf. Insbesondere die Zuordnung konkreter Fragen und Methoden zu den Gesprächsphasen und die wiederholte Darlegung systemischer Grundhaltungen gestatten einen Einblick in die Komplexität und Herausforderungen systemischer Beratung.


Rezensentin
Prof. Dr. Gabriele Vierzigmann
Hochschule für angewandte Wissenschaften München, Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften Arbeitsschwerpunkte: Psychologie in der Sozialen Arbeit, Erziehungshilfen, Systemische Beratung und Konsultation, wissenschaftliche Weiterbildung und lebenslanges Lernen
Homepage www.hm.edu
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Zitiervorschlag
Gabriele Vierzigmann. Rezension vom 23.12.2016 zu: Helga Brüggemann, Kristina Ehret, Christopher Klütmann: Systemische Beratung in fünf Gängen. Ein Leitfaden. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2016. 6., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-525-49164-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21597.php, Datum des Zugriffs 05.12.2019.


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