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Haîm Ômer, Arist von Schlippe: Autorität durch Beziehung

Cover Haîm Ômer, Arist von Schlippe: Autorität durch Beziehung. Die Praxis des gewaltlosen Widerstands in der Erziehung. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2004. 262 Seiten. ISBN 978-3-525-49077-8. 19,90 EUR, CH: 36,00 sFr.
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Einführung in das Thema

Das erste Buch von Haîm Ômer und Arist von Schlippe (Autorität ohne Gewalt, 2002, vgl. die Rezension dieses Buchs) hat in bahnbrechender Weise die "elterliche Präsenz" als systemisches Konzept zum Thema gemacht. Hierbei ging es vor allem um eine grundlegende Darstellung der Unterstützung von Eltern mit Hilfe des gewaltlosen Widerstandes. Das neue Buch der renommierten Autoren stellt den Beziehungsaspekt in den Vordergrund und beschreibt mit zahlreichen Praxisbeispielen, wie gewaltloser Widerstand in der Erziehung konkret aussehen kann und welche Beteiligten hierfür unbedingt gewonnen werden müssen. In sehr anschaulicher Art und Weise werden Deeskalationsmöglichkeiten aufgezeigt und die Bedeutung von Eltern, Schule und dem gesellschaftlichen bzw. nachbarschaftlichen Umfeld herausgehoben.

Autoren

  • Haîm Ômer ist Professor für Psychologie an der Universität Tel Aviv.
  • Dr. phil. Arist von Schlippe ist Diplom-Psychologe und arbeitet als Privatdozent, als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Osnabrück sowie als Lehrtherapeut am Institut für Familientherapie in Weinheim.

Aufbau und Inhalte

Das Buch ist in neun Kapitel unterteilt, welche die unterschiedlichen Facetten der Praxis des gewaltlosen Widerstandes in der Erziehung beleuchten.

  1. Zunächst wird der Wandel der Elternschaft dargestellt und insbesondere der Spagat in der heutigen Erziehung beschrieben, auf der einen Seite mit sehr reichhaltigem psychologischem, therapeutischem, medizinischem und pädagogischem Wissen aufgestattet zu sein. Andererseits aber intuitiv menschlich und spontan handeln zu sollen und zu wollen. Dabei werden auch die Grenzen eines Elterntrainings beschrieben.
  2. Im folgenden Kapitel wird die Unterstützung von Eltern unter Stress behandelt. Neben hilfreicher Beispiele, wie Eltern unter Stress geholfen werden kann - besonders auch mit dem Konzept des gewaltlosen Widerstandes - besticht in diesem Abschnitt vor allem die klare, unmissverständliche Definition von Gewalt, die nicht nur körperliche, sondern auch psychische und emotionale Gewalt umfasst.
  3. Das 3. Kapitel Eskalationsprozesse bringt sehr lebensnah herüber, wie sich im Alltag des familiären Zusammenlebens Eskalationen ergeben und wie ihnen mit dem oben genannten Konzept begegnet werden kann. Die Graphik eines Eskalationsmodells veranschaulicht die Prozesse sehr konkret.
  4. Das kurze, aber wichtige Kapitel über sechs Annahmen über die Ursachen von Aggressivität räumt mit einigen fatalen Grundsätzen auch professionell tätiger Pädagogen auf und fordert zur Diskussion und Selbstreflexion heraus. Insbesondere die Frage nach der unbedingten Therapie von Aggressionen oder die Unverletzlichkeit der Privatsphäre werden von den Lesern/-innen nicht unbedingt unwidersprochen bleiben.
  5. Bei der Erläuterung der Rahmenbedingungen für die Entstehung von Gewalttätigkeit werden die physischen, emotionalen und systemischen Aspekte der Elternpräsenz erklärt sowie die Gewalt der Eltern und die Verfügbarkeit von Opfern als förderlich für die Entstehung von Gewalt ausgemacht.
  6. Sehr eindrucksvoll ist das sechste Kapitel, welches die Gewalt gegen Geschwister zu einem ausgesprochenen Kernthema in diesem Buch macht. Mit sehr alltagsnahen Beispielen werden unterschiedliche Gewaltformen gegen Geschwister beschrieben und so manche Annahme entmystifiziert. Nach dieser Darlegung werden aber auch konkrete praktische Hilfestellungen vermittelt, wie die Gewalt gegen Geschwister aufgedeckt und ihr angemessen begegnet werden kann.
  7. Der anschließende Teil des Buches macht Kinder, die die Herrschaft im Haus übernehmen, zum Thema. Dabei werden zwar einigen Lesenden die Beispiele krass vorkommen, aber sie sind durchaus realistisch. Die dargelegten Beispiele unterschiedlicher Umgangsarten mit diesem Gewaltphänomen ermutigen, auch extremen Gewaltformen angemessen zu begegnen.
  8. Das vorletzte Kapitel Eltern und Lehrer und Erzieher - eine unerlässliche Allianz macht einen sehr wichtigen Lebensort der Kinder zum Thema. Hierbei gelingt es den Autoren, sehr gut verständlich zu machen, wie unbedingt notwendig ein solches Bündnis ist und welche konkreten Möglichkeiten der Umsetzung vorstellbar sind.
  9. Die Ausführungen im neunten Kapitel Gewaltloser Widerstand in der Gesellschaft erweitern den Blickwinkel mit Richtung auf die verwandtschaftlichen, nachbarschaftlichen, kommunalen und gesellschaftlichen Bezüge. Besondere Bedeutung erhalten hierbei zwei Aspekte. Neben der Enttabuisierung von Gewalt geht es um vermehrte Bündnisse für gewaltlosen Widerstand bzw. verstärkte Präsenz.

Einer gewohnt komprimierten und weiterführenden Literaturliste schließt sich ein vierteiliger Anhang an. Dieser beinhaltet

  1. Gestaltungshinweise für Elterninterviews,
  2. eine Vorstellung der Technik der drei Körbe,
  3. einen Brief an potenzielle Unterstützer
  4. ein Handbuch zum gewaltlosen Widerstand - Eine Anleitung für Eltern

Das gesamte Buch wird durchzogen von den grundlegenden Umgangsformen im Konzept des gewaltlosen Widerstandes. Hierzu gehören:

  • eine veränderte Haltung zur Gewalt
  • Durchbrechen gewohnter Eskalationsmuster im familiären Rahmen
  • Sit-in
  • Telefonrunden
  • persönliches Aufsuchen des Kindes
  • Befehlsverweigerung
  • verlängerter Sitzstreik
  • Versöhnungsgesten

Die neu eingebrachten Mind Maps bezüglich elterlicher Präsenz und des kindlichen Verhaltens verhelfen zu einer guten Übersicht. Die beiden Graphiken zu den unterschiedlichen Aspekten bei der elterlichen Präsenz und beim gewaltlosen Widerstand verdeutlichen sehr anschaulich, dass nur eine sorgfältige Planung, Durchführung und Begleitung der diversen Formen des gewaltlosen Widerstandes zu den gewünschten, nachhaltigen Erfolgen führen werden.

Zielgruppen

Psychologen/-innen, Beraterinnen und Berater, Familientherapeuten/-innen, Supervisoren/-innen, Pädagogen/-innen, Eltern. Das Spektrum der Zielgruppen ist sehr weit gefasst. Das Buch eignet sich insbesondere durch die fachliche und doch verständliche Sprache sowohl für Eltern als auch für beruflich in der Beratung, Therapie und Pädagogik tätige Menschen.

Fazit

Dieses Buch ist eine sehr anschaulich und überzeugt durch die verständliche und alle Beteiligten achtende Darstellung des gewaltlosen Widerstandes zur Wiedererlangung elterlicher Präsenz. Die Verantwortung für Fehlentwicklungen wird keinem Part besonders zugeschrieben, sondern vielmehr Wert darauf gelegt, dass einzig und allein ein gemeinsames, konstruktives Vorgehen zum Erfolg führen kann. Sowohl Eltern als auch "professionelle Pädagogen und Berater" finden in diesem Werk weiterführende, entlähmende Unterstützung. Dieses Buch vermittelt keine Zauberformel zur Begegnung der Gewalt von Kindern. Es verdeutlicht aber auf hilfreiche Weise, dass selbst "hoffnungslose Fälle" nicht das Ende der Fahnenstange therapeutisch-pädagogischer Bemühungen sein müssen.

Möge das Buch dazu verhelfen, beziehungsreiche Autorität und autoritätsvolle Beziehung als Kernpunkte erzieherischer Bemühungen wieder in den Mittelpunkt zu rücken.


Rezensent
Dipl. Soz. Päd. Detlef Rüsch
Systemischer Familientherapeut
Jugendsozialpädagoge an einer Grund- und Hauptschule
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Zitiervorschlag
Detlef Rüsch. Rezension vom 09.11.2004 zu: Haîm Ômer, Arist von Schlippe: Autorität durch Beziehung. Die Praxis des gewaltlosen Widerstands in der Erziehung. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2004. ISBN 978-3-525-49077-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2160.php, Datum des Zugriffs 14.11.2018.


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