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Siegfried Macho: Wissenschaft und Pseudowissenschaft in der Psychologie

Cover Siegfried Macho: Wissenschaft und Pseudowissenschaft in der Psychologie. Hogrefe (Bern) 2016. 263 Seiten. ISBN 978-3-456-85616-2. 24,95 EUR, CH: 32,50 sFr.
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Thema

Die Wissenschaftstheorie steht an der Grenze zwischen Einzelwissenschaft und Philosophie und mag deswegen bisweilen aus dem Fokus der disziplinären Betrachtungen herausfallen. In der Psychologie hat sie dennoch ihren Platz in der theoretischen Psychologie, um die Kontroversen der Disziplin aus einer übergeordneten Perspektive zu reflektieren. Macho stellt im vorliegenden Werk einen kritisch rationalen Zugang vor, um die Situation der Psychologie dahingehend zu beurteilen, ob es sich bei den als psychologische Forschung deklarierten Ansätzen tatsächlich um Wissenschaft oder vielmehr um Pseudowissenschaft handelt. Hierzu präsentiert er zunächst einige Beiträge aus der Geschichte der kritisch rationalen wissenschaftstheoretischen Diskussion. Dann greift aber auch auf die psychologische Reflexion selbst zu, um Kriterien zu gewinnen, die zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft unterscheiden können.

Autor

Siegfried Macho promovierte 1987 in Salzburg und war anschließend an Forschungsprojekten beteiligt. Seit 1991 hat er eine Assistentenstelle in Fribourg in der Schweiz, wo er sich 2004 habilitierte. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Modellierung kognitiver Prozesse und die Psychologie des kausalen Schlussfolgerns.

Entstehungshintergrund

Die Monographie erscheint bei Hogrefe als psychologischem Fachverlag und findet sich im Register der „Methoden der Forschung“. Die Arbeit ordnet sich keiner gesonderten Buchreihe zu und wurde vom Autor in Einzelarbeit vorgelegt.

Aufbau

Die Veröffentlichung gliedert sich nach einem Vorwort in fünf Abschnitte:

  1. Des Problem der Unterscheidung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft
  2. Konzeptionen der Psychologie als Wissenschaft
  3. Wissenschaftliche Erklärungen in der Psychologie
  4. Pseudowissenschaftliche Theorien und Praktiken in der Psychologie
  5. Psychologische Betrachtungen

Der zweite Abschnitt ist mit mehr als 90 Seiten klar am umfangreichsten und setzt den propädeutischen Akzent der Arbeit. Die Abschnitte vier und fünf bilden gewissermaßen eine Einheit, insofern als sie sich dem Hauptthema der Arbeit, der Pseudowissenschaft, zuwenden. Der Aufbau des Buches ist durch eine redaktionelle Eigenheit ausgezeichnet. Macho zieht dem traditionellen Fließtext die Arbeit mit segmentären Hervorhebungen vor, die er in unterschiedliche Kategorien wie „Konzept“, „Beispiel“, „Prinzip“, „Bemerkung“ gliedert und nummeriert.

Inhalt

Im ersten Abschnitt leitet Macho die Problemstellung seiner Arbeit her. Dazu stellt er einen minimalistischen Ansatz vor, um Wissenschaft und Pseudowissenschaft voneinander abzugrenzen. Dieser Ansatz wählt Kriterien zur Definition von Wissenschaft, um anschließend Pseudowissenschaft zu bestimmen, indem diese Kriterien negiert werden. So zeige sich aber, dass sich Wissenschaft als solche nicht durch eine Kriterienliste erschöpfend begreifen lasse, sodass dieser Abgrenzungsversuch scheitern müsse. Vielmehr gelte es, Pseudowissenschaft aus sich selbst heraus zu begreifen. Dementsprechend ergeben sich für das Programm der Arbeit drei zentrale Problembereiche (S. 25): Erstens die Psychologie unter verschiedenen wissenschaftstheoretischen Ansätzen zu begreifen, zweitens zentrale Aspekte zu gewinnen, die pseudo- und protowissenschaftliche Praktiken und Theorien von wissenschaftlichen unterscheiden, drittens die Ursachen für die Verbreitung pseudowissenschaftlicher Praktiken zu erwägen.

Dem ersten dieser Problembereiche widmet sich der zweite Abschnitt. Es handelt sich um eine ausführliche Propädeutik des kritischen Rationalismus, die bei Popper ihren Ausgang nimmt und dessen Spuren in der Geschichte der Wissenschaftstheorie weiterverfolgt. Dabei legt Macho Wert auf eine detaillierte Darstellung der logischen Zugänge, die er in aussagen- und prädikatlogischem Kalkül vorstellt. Neben der Einführung in die Ursprünge und Argumente des kritischen Rationalismus liefert der Autor jedoch auch eine Kritik der klassischen Konzepte Poppers, denn Macho ist bestrebt, „Schwächen von Poppers Konzeption aufzuzeigen und neuere Strömungen zu diskutieren“ (S. 26). Auf diese Kritik, die „[d]ie größte Schwäche von Poppers Konzeption“ in der „fehlerhafte[n] Darstellung des Prozesses der Theorierevision“ (S. 90) sieht, folgt die Vorstellung nachpopperianischer Beiträge zum kritischen Rationalismus, Kuhn, Lakatos und der Strukturalismus. Dabei urteilt Macho etwa, dass Kuhn „das Verdienst zu[komme], die Bedeutung der Wissenschaftsgeschichte für die Wissenschaftstheorie erkannt zu haben“ (S. 127). Auch diese Ergänzungen zu Poppers Ansatz bleiben nicht ohne Kritik, doch der Verfasser zeigt klar an, dass sich seine Schlussfolgerungen aus dieser Theorieschule rekrutieren.

Der dritte Abschnitt leistet einen weiteren Beitrag zum ersten Problembereich, also die Psychologie als Wissenschaft theoretisch zu begreifen, bewegt den Fokus aber zusehends von der allgemeinen Wissenschaftstheorie zur Psychologie. Die wissenschaftlichen Erklärungen, die in der Psychologie Anwendung finden, lassen sich nicht grundsätzlich generalisieren. Vielmehr zeigt sich, dass das Hempel-Oppenheimer-Schema wissenschaftlicher Erklärung, aber auch andere kausale Erklärungsmodelle nicht ohne weiteres auf die Psychologie zutreffen, weil die Methode der Hypothesentestung auf Grundlage von Stichprobenerhebungen probabilistisch argumentiert.

Auf Grundlage dieser Abgrenzung des Spezialfalls psychologischer Wissenschaft von der allgemeinen Wissenschaftstheorie widmet sich Macho im vierten Abschnitt zuletzt dem Hauptanliegen seiner Arbeit, insbesondere dem zweiten Problembereich, Aspekte der Trennung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft zu gewinnen. Das Anliegen dieses Abschnitts besteht darin, die Beiträge der vorgestellten kritisch rationalistischen Theorien zu dieser Trennung anzuzeigen. Maßgeblich ist dabei, dass nach dem Urteil des Autors „eine strikte Trennung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft nicht möglich“ (S. 177) ist. Deswegen gelte es, Indizien und Tendenzen zu gewinnen, um dennoch eine Abgrenzung zu ermöglich, und nicht, wie es für Feyerabend gelte, schlichtweg beide Formen, Wissenschaft und Pseudowissenschaft gleichzusetzen. Poppers Kriterien der Pseudowissenschaft seien allerdings unzureichend (Vgl. S. 180ff), denn „[e]ine abschließende Beurteilung von Poppers Kriterien (fehlende Falsifizierbarkeit und Immunisierung) zur Abgrenzung zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft ergibt, dass diese wenig erfolgreich sind“ (S. 183). Einen weiteren Bestandteil des Abschnittes stellt die Reduktionismusfrage dar, die Frage also, ob sich die Inhalte der Psychologie vollständig in der Forschung anderer Disziplinen, die einen ontologisch fundamentaleren Zugang wählen, aufheben. Dabei votiert Macho für einen methodologischen Antireduktionismus, streitet die ontologische Reduzierbarkeit des Gegenstands der Psychologie also nicht ab, behauptet aber, dass die Psychologie z. B. aus pragmatischen Gründen dennoch Relevanz besitzt, weil sie Aspekte ihres Gegenstandes sichtbar zu machen vermag, die in anderen Wissenschaften keine Berücksichtigung finden.

Der Gewinnung einiger Indikatoren für die Scheidung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft schließt der Autor im letzten Abschnitt psychologische Betrachtungen an. Es geht ihm dabei darum, psychologische Erklärungen vorzuschlagen, weswegen Pseudowissenschaften entstehen, beibehalten werden und sich gelegentlich trotz Widerlegungsversuchen zu erhalten vermögen. Dabei nimmt er Bezug auf die eingeführten Theorieelemente des kritischen Rationalismus. So greift er etwa auf Lakatos´ Modell der Theorierevision zu, um zu erklären, dass Theorien, die stagnieren, dennoch beibehalten werden, wenn es alternativer Theorien fehlt, die den Gegenstandsbereich besser zu erklären vermögen. Darüber hinaus nutzt Macho Beiträge aus der kognitiven Psychologie und Sozialpsychologie, beispielsweise den Effekt kognitiver Dissonanzen, um darzustellen, weswegen die Vertreter von Pseudowissenschaften an ihren Überzeugungen festhalten. Aus diesen Betrachtungen leitet er zuletzt ein Plädoyer für eine kritische Haltung gegenüber Pseudowissenschaften ab, mit dem er sich insbesondere an die psychologische Studentenschaft wendet.

Diskussion

Die Form der vorliegenden Arbeit ist außergewöhnlich. Weil die Gliederung des Textflusses in Segmente bestimmter Kategorien, die teilweise im Widerspruch aufeinander Bezug nehmen, unterschiedliche Referenzebenen enthält, entwickelt sich der Inhalt in einer Kontinuität. Es ist nicht ratsam, den Text nur auszugsweise zu lesen, denn spätere Passagen beziehen sich regelmäßig kritisch auf vorhergehende.

Gleichfalls sticht heraus, dass der Autor seine Darstellung mit diversen Beispielen ausführt, die das Verständnis erleichtern und bisweilen anekdotenhaft und kurzweilig sind (etwa S. 50). Allerdings sind darunter auch durchaus schlechte Beispiele, wie der evolutionstheoretische Erklärungsversuch, weswegen religiöse Gruppen wissenschaftliche Erkenntnisse ablehnten (S. 227). Hier handelt es sich um pauschale Polemik, die theologischen Sachverstandes entbehrt (in gleich Weise meint der Autor von der Trennung von Glauben und Wissen sprechen zu können, indem er darin eine Immunisierungsstrategie gegen kritische Reflexion religiöser Dogmen vermutet; S. 232. Hierbei verkennt er grundsätzlich, dass dieser Differenzierung innerhalb der Religionsgeschichte ein gänzlich anderer Kontext zugehört). Die Form der Kommentierung suggeriert durch die Erzeugung separater Elemente im selben Text eine Neutralität, die nicht beansprucht werden kann. Diese Verabsolutierung des kritisch rationalistischen Standpunktes, nicht in seinen Inhalten (denn die Theoriegeschichte wird durchaus behandelt), aber implizit in seinen Prinzipien, ist für den vorliegenden Text kennzeichnend.

Es ist nicht abzustreiten, dass Macho an erster Stelle ein propädeutisches Werk vorlegt. Das zeigt sich schon daran, dass er sich mehrfach an die Studentenschaft wendet, mehr noch aber darin, dass der Großteil der Arbeit der Einführung in Wissenschaftstheorie dient. Dabei ist das Plädoyer der Arbeit, dass die Studierenden „vermehrt die Motivation und Fähigkeitenentwickeln [sic], erworbenes methodisches Wissen in ihrer alltäglichen Praxis anzuwenden und pseudowissenschaftlichen Theorien und Praktiken kritisch zu hinterfragen“ (S. 240) sollten. Dieser Argumentation liegt indessen ein Zirkel skeptischen Selbsteinschlusses zugrunde, denn wenn, wie der Autor herausstellt, die strikte Trennung zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft nicht möglich ist, fallen die Methoden der Prüfung von Pseudowissenschaften unter ihren eigenen Generalverdacht, sie stehen nicht außerhalb ihres eigenen Anspruchs, denn auch Wissenschaftstheorie bleibt Wissenschaft. Das Plädoyer des Autors ermangelt deswegen einer dezidierten Selbstreferenzialität, den Anspruch des kritischen Rationalismus jenseits seiner Prämissen, d. h. insbesondere epistemologisch, zu hinterfragen.

Im Vergleich mit anderen jüngeren Veröffentlichungen zur theoretischen Psychologie fallen einige Unterschiede auf. Im Bezug etwa zu Fahrenberg (2015, vgl. www.socialnet.de/rezensionen/19581.php) oder Galliker (2015, vgl. www.socialnet.de/rezensionen/20430.php) zeigt sich, dass Macho nur wenig Referenz zu den Kontroversen innerhalb der Psychologie sucht. Zwar spricht er an einer kurzen Stelle von der Kontroverse zwischen Skinner und Chomsky zur kognitiven Wende (S. 126), doch darüber hinaus werden die diversen kritischen Auseinandersetzungen innerhalb der Psychologie außer Acht gelassen. Vielmehr tut der Autor entscheidende Kontroversen, die durchaus von großer methodologischer Bedeutung gewesen sind, wie etwa die Kontroverse um das Unbewusste, sehr schnell durch einen pejorativen Verweis auf die Psychoanalyse als Pseudowissenschaft ab. Hier greift die Arbeit maßgeblich zu kurz und offenbart, dass der Ansatz der „Pseudowissenschaft“ zur oberflächlichen Kennzeichnung einlädt, hinter der sich nur die Benjamin´sche Weisheit verbergen mag, dass Geschichte immer von den Siegern geschrieben wird.

Es würde der Arbeit allerdings Unrecht tun, sie als gänzlich unkritisch abzutun. Im Gegenteil sucht der Autor auf der Ebene der direkten wissenschaftlichen Auseinandersetzung klare Positionen – auch wenn ihm dabei aufgrund der Vereinnahmung für den kritisch rationalistischen Standpunkt der Weitblick für die epistemologische Reflexion fehlt. So optiert er klar gegen den Empirismus, indem er argumentiert, dass der Versuch, theoretische Begriffe mittels Beobachtungsbegriffen (partiell) zu definieren, gescheitert“ (S. 51) sei. Auch sei die „Unterscheidung von theoretischer Sprache und Beobachtungssprache ungenügend“, denn es „handelt sich eher um ein Kontinuum“ (S. 136). In dieser kritischen Haltung wendet er sich gleichfalls gegen die zeitgenössische Tendenz der Psychologie, bei der es sich um „eine spezifische Art psychologischer Forschung, welche zum Ziel hat, möglichst spektakuläre und kontraintuitive Resultate zu präsentieren“ (S. 195) handele.

Dennoch ermangelt es an der Berücksichtigung von Kritik am eigenen Standpunkt, die bis an die Prinzipien reicht. So wird der Positivismusstreit grundsätzlich nicht erwähnt und einer der Hauptvertreter des opponierenden Lagers, Habermas, in einer generellen Absage an die Hermeneutik anhand eines ausgewählten Zitates abgetan, bei dessen Betrachtung die „Unsinnigkeit dieser Argumentation“ (S. 159) zu erkennen sei.

Ausführlicher ist hingegen der Kommentar zur stochastischen Methodologie. Und dieser Aspekt ist positiv hervorzuheben, denn gerade in den alternativen aktuellen Veröffentlichungen zur theoretischen Psychologie kommt sie zu kurz. Einerseits ist die Reflexion der Verhältnisse von kausalen, funktionalen, deterministischen und probabilistischen Zusammenhänge ein gelungener Ansatz, um die zeitgenössische Methodologie der Psychologie zu begreifen, andererseits legt Macho elaborierte Kommentare mit kritischen Pointen vor. So sagt er etwa zur Nullhypothesentestung (NHST): „In der psychologischen Forschung wird die Methode der NHST meist nur mit dem Ziel verwendet, die Nullhypothese zu verwerfen. Der Grund hierfür liegt in der Tatsache, dass ein großer Teil der psychologischen Forschung darin besteht, bestimmte (möglichst spektakuläre) Effekte […] zu demonstrieren“ (S. 87). Er kommt dabei zu einem kontroversen Urteil über den Nutzen von Effektstärkemaßen und leistet somit einen gelungenen Beitrag zur aktuellen Debatte um die Tragweite stochastischer Methoden in der Psychologie. Es scheint dabei jedoch auch hervor, dass der Autor ein stark methodologisches Kriterium dafür anlegt, was Psychologie ist, was sich etwa in der Verwendung eines pejorativen Begriffs von Alltagspsychologie widerspiegelt (z. B. S. 229).

Um Machos Arbeit in klare Verhältnisse zu stellen, ist die naturalistische Positionierung des Autors transparent zu machen. So behauptet er, dass sich die „[d]ie Psychologie als wissenschaftliche Disziplin […] als ein Zweig der Naturwissenschaften betrachten“ (S. 13) lässt. Damit konvergiert, dass er davon ausgeht, dass „geisteswissenschaftliche Disziplinen, wie Philosophie und reine Mathematik, keine empirisch prüfbaren Aussagen“ (S. 14) treffen. Hier offenbart sich, wie auch in seiner ablehnenden Haltung gegenüber der Hermeneutik (Vgl. S. 158ff), dass der Verfasser einem anderen Verständnis der Psychologie ausweicht. Diese naturalistische Perspektive ist nicht notwendig. Galliker zeigt psychologiehistorisch auf, wie sich die Kontroversen der Psychologie durchaus aus ihren geisteswissenschaftlichen Ursprüngen heraus ergeben haben. Demgegenüber bemüht sich Macho um eine Abgrenzung von den Geisteswissenschaften, indem ad hominem er Unterschiede betont: „In manchen Zweigen der Sozial- und Geisteswissenschaften herrschte lange Zeit (und herrscht – zum Teil -vermutlich noch immer) eine ablehnende Einstellung gegenüber naturwissenschaftlichen Methoden und Argumenten. Diese wurden mit dem Schimpfwort ‚Szientismus‘ belegt und als irrelevant für Sozial- und Geisteswissenschaften betrachtet“ (S. 204).

Auf diese Weise ergeben sich einige Schwächen des Werkes, die einerseits in einer Verabsolutierung des kritisch rationalistischen Standpunktes bestehen, andererseits die mangelnde Berücksichtigung von Aspekten, die die zeitgenössische Psychologie überschreiten. So wird z. B. die Bedeutung der Ähnlichkeit für Kausal- und Kontingenzurteile (S. 217) erheblich differenzierter bei Foucault dargestellt und auch für den Effekt der Regression zur Mitte bestehen Alternativerklärungen, z. B. in der Soziologie. Gewiss kann hier argumentiert werden, dass sich eine Veröffentlichung zur Psychologie nicht darauf verpflichten lassen muss, interdisziplinäre Kontexte zu berücksichtigen, doch insofern als es sich bei der vorliegenden Monographie um einen Beitrag zur Wissenschaftstheorie und theoretischen Psychologie handelt, ist eine erweiterte Diskussion ratsam.

Fazit

Um die Psychologie der Beurteilung durch den kritischen Rationalismus zugänglich zu machen, führt Macho in der vorliegenden Arbeit in dessen wissenschaftstheoretischen Kontext ein. Er zielt damit darauf ab, Indikatoren dafür zu gewinnen, zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft in der Psychologie zu unterscheiden. So kommt er zu dem Ergebnis, dass „eine strikte Trennung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft nicht möglich“ (S. 177) ist. Er ergänzt deswegen Betrachtungen aus der Psychologie, um zu erklären, wie es dazu kommt, dass Pseudowissenschaften entstehen und trotz Kritik erhalten bleiben. Dabei bewegt er sich allerdings wesentlich im Terrain des kritischen Rationalismus und nimmt nur mit Beispielen, nicht aber anhand der maßgeblichen Kontroversen Bezug auf die Disziplin. So wird der Ausdruck der Pseudowissenschaften zu einem abstrakten Anlass für eine kritische Haltung, die aber nicht an die wissenschaftstheoretischen Prinzipien heranreicht.

Summary

To investigate psychology by the judgement of critical rationalism, Macho introduces the reader to its epistemological backgrounds in the text at hand. By these means, he attempts to obtain indicators to discern science from pseudo-science within psychology. He concludes that a „strict separation of science and pseudo-science is not possible“ (p. 177). Therefore he adds a psychological point of view to explain how pseudo-sciences originate and why they are able to be maintained despite critique. However, in this endeavor the author doesn´t leave the terrain of critical rationalism and only refers to the discipline by examples and not by its major theoretical controversies. Ultimately, the notion of pseudo-science becomes an abstract occasion for a critical attitude that does not reach as far as the epistemological principles.


Rezensent
Alexander N. Wendt
M.Sc. (Psychologie), M.A. (Philosophie)
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Zitiervorschlag
Alexander N. Wendt. Rezension vom 23.01.2017 zu: Siegfried Macho: Wissenschaft und Pseudowissenschaft in der Psychologie. Hogrefe (Bern) 2016. ISBN 978-3-456-85616-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21600.php, Datum des Zugriffs 05.12.2019.


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