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Julian Bruns, Kathrin Glösel u.a.: Die Identitären

Cover Julian Bruns, Kathrin Glösel, Natascha Strobl: Die Identitären. Handbuch zur Jugendbewegung der Neuen Rechten in Europa. Unrast Verlag (Münster) 2016. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. 320 Seiten. ISBN 978-3-89771-560-8. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR, CH: 23,50 sFr.
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Thema

Zum Einstieg in das Thema erlaubt sich der Rezensent, zwei scheinbar kleine, in ihren Wirkungen aber nicht zu unterschätzende Geschichte aus der Thüringer Provinz zu erzählen.

  1. Die erste Geschichte geht so: Seit einigen Wochen sorgen „Bürger für Erfurt“ für Diskussionen und Aufregung im Umfeld der Thüringer Landeshauptstadt. Einige dieser Bürger haben auf einem fremden Grundstück Holzkreuze errichtet, um gegen den Bau einer Moschee im Erfurter Ortsteil Marbach durch die ansässige Ahmadiyya-Gemeinde zu demonstrieren. Zu den „Bürgern für Erfurt“ gehören mehr als 2000 Personen. Die Organisatoren sind real und virtuell gut vernetzt; sie haben enge Beziehungen zur NPD, vor allem aber zu sozialen Bewegungen, die den Neuen Rechten zuzuordnen sind. Auf den Facebook-Seiten der „Bürger für Erfurt“ wird nicht nur gegen die Ahmadiyya Gemeinde gehetzt. Auch der Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow wird schon mal als „linke Ratte“ bezeichnet.
  2. Die zweite Geschichte hat mit einem ehemalig guten Bekannten des Rezensenten zu tun. Dieser hat mit Unterstützung der Bewegung „Ein Prozent für unser Land“ einen Maschendrahtzaun um sein dörfliches Anwesen ziehen lassen, um zu verhindern, dass junge Leute, die in der Nähe des Anwesens in einer Clearingstelle für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge leben, besagtes Anwesen betreten. Man muss dazu wissen, dass der Besitzer des Anwesens auf seiner Webseite u.a. damit wirbt, dass man bei ihm ganz nach speziellen Wünschen, „private oder geschäftlichen Feste & Feten feiern kann, wie sie fallen“. Auch die Bewegung „Ein Prozent“ gehört zu den Neuen Rechten und bezeichnet sich als „Deutschlands größtes patriotisches Bürgernetzwerk“. Leserinnen und Leser verstehen sicher, warum der Bekannte nun zum ehemaligen Bekanntenkreis des Rezensenten gehört.

Von den Neuen Rechten im Allgemeinen, der Bewegung der Identitären im Besonderen und auch von „Ein Prozent“ handelt das vorliegenden Buch.

AutorInnen

Auf der Webseite des Unrast Verlages, der vorliegendes Buch herausgegeben hat, liest man u.a.:

  • Kathrin Glösel hat Politikwissenschaft sowie Europäische Frauen- und Geschlechtergeschichte in Wien studiert und arbeitet in der historisch-politischen Bildungsarbeit u.a. im „Mauthausen Komitee Österreich“.
  • Natascha Strobl hat in Wien Politikwissenschaft und Skandinavistik studiert und mit einer Arbeit zur Neuen Rechten abgeschlossen. Sie hat sich als Sachbearbeiterin an der ÖH Uni Wien intensiv um die antifaschistische Schulungsarbeit im Verband gekümmert und betreibt den Blog „Schmetterlingssammlung“.
  • Julian Bruns studierte in Wien Skandinavistik und arbeitet an seiner Dissertation zu „faschistischer Literatur in Nordeuropa“. Er war bei der Österreichischen Hochschüler/innenschaft der Universität Wien im Referat für antirassistische Arbeit tätig.

Aufbau und Inhalte

Es handelt sich um die zweite und wesentlich erweiterte und aktualisierte Ausgabe eines Handbuches „zur Jugendbewegung der Neuen Rechten“. In drei Teilen und einem Fazit werden die politischen und historischen Hintergründe und Quellen dieser Jugendbewegung, die Identitären, ausführlich vorgestellt, die Identitären Bewegungen in Europa beleuchtet und die Ideologie und Strategien der Neuen Rechten und der Identitären analysiert. Ein ausführlicher Anhang informiert über die Quellen, auf die sich die Autor/innen in ihren Analysen stützen, und enthält einen, für ein Handbuch immer sehr hilfreichen, Namensindex.

Im Teil 1 („Politische Verortung der Identitären und ihre historischen Vorbilder“) werden Schlüsselbegriffe erklärt, wie der von den Autor/innen benutzte Rechtsextremismus-Begriff; auch eine Arbeitsdefinition zur „Neuen Rechten“ wird vorgeschlagen: „… eine nicht klar zu umreißende Anzahl von Personen, Medien und Gruppen, die sich im Gegendiskurs zu 1968 verstehen und ihr ideologisches Vorbild in der ‚Konservativen Revolution‘ finden. Sie wenden sich gegen Marxismus und politischen Liberalismus und vertreten eine klare Ideologie der Ungleichheit. Ihr Ziel ist, die politische Hegemonie durch Beeinflussung kultureller Eliten zu erreichen, zu denen sie sich selbst zählen. Sie konzentrieren sich dementsprechend auf Metapolitik und nicht auf Tagespolitik oder Parteienpolitik“ (S. 31). An dieser, etwas langen, Definition wird bereits eines sehr deutlich: Die Feinde der Neuen Rechten sind vordergründig, wie den eingangs erzählten Geschichten, zwar der Islam, die Muslime oder die Flüchtlinge. Tatsächlich geht es den Neuen Rechten aber darum, den Universalismus und Liberalismus zu bekämpfen. Ijoma Mangold beschrieb das kürzlich in einer Besprechung des Buches von Volker Weiß („Die autoritäre Revolte“, 2017) sehr treffend so: „Die primäre Absage an den Universalismus ist auch eine Absage an jede durch Vernunft begründete (also intersubjektive) Moral… Ganz bei sich ist die Neue Rechte erst dort, wo sie die Evidenz der Gewalt und die Triebe der Völker verherrlicht“ (Mangold, 2017, S. 41).

Wurzeln der Neuen Rechten finden sich u.a. in der von Alain de Benoist 1968 gegründeten Nouvelle Droite, eine an Akademiker und Intellektuelle gerichtete soziale Bewegung mit dem Ziel einer „Kulturrevolution von rechts“ (siehe ausführlich S. 32ff.). Vor allem auf den deutschsprachigen Raum bezogen lassen sich nach Kathrin Glösel, Natascha Strobl und Julian Bruns drei Strukturebenen in der sozialen Bewegung der Neuen Rechten erkennen (S. 38): Ein fester Kern von Intellektuellen aus dem rechtsextremen Spektrum, eine mittlere Ebene, zu der wertkonservative Intellektuelle gehören und eine Ebene, zu der prominente Akteure, wie Thilo Sarrazin oder Akif Pirincci zu zählen sind. Zu den Ideengebern bzw. historischen Vorläufern der Neuen Rechten zählen u.a. Carl Schmitt, Oswalt Spengler oder Ernst Jünger. Zu diesen historischen Quellen, den ideologischen Eckpunkte der Neuen Rechten, den Beziehungen zwischen konservativer Revolution und Nationalsozialismus oder zur Frage, ob die Identitären, also die Jugendbewegung der Neuen Rechten, nun rechtsextrem oder neofaschistisch sind, finden Leserinnen und Leser im Teil 1 des Buches interessante und aufschlussreiche Teilanalysen.

Im Teil 2 des Buches („Die Identitäre Bewegung in Europa und ihr Umfeld“) legen die Autor/innen aktuelles Material zu den Charakteristika und öffentlichen Auftritten der Identitären in Frankreich, Österreich, der Schweiz, Italien, Schweden, Norwegen, Dänemark, Tschechien und den USA vor. Im engeren Sinne, wie die Autor/innen schreiben (S. 68), gibt es die Identitäre Bewegung etwa seit Herbst 2012. [1] Vorläufer und direkte Vorgänger gebe es aber bereits zehn Jahre früher. Innerhalb der Neuen Rechten zeichne sich die Identitäre Bewegung vor allem durch vier Merkmale aus:

  1. durch Jugendlichkeit (Mitglieder sind vor allem Schüler/innen, Lehrlinge und Student/innen),

  2. durch Aktionismus (angelehnt an linke Aktionsformen präferieren die Identitären z.B. die Besetzung öffentlicher Gebäude, laden zu Tanzflashmobs ein oder hinterlassen in öffentlichen Räumen Aufkleber mit dem Lambda-Symbol oder mit der Zahl 732 [2]),

  3. Popkultur, die sich u.a. darin zeigt, dass z.B. Zeichentrick- und Filmfiguren, aber auch historischen Personen, genutzt werden, um antimuslimische und rassistische Botschaften zu symbolisieren und zu verbreiten,

  4. Corporate Identity, die durch besagtes Lambda oder die Zahl 732 ausgedrückt werden soll. Zum politischen und publizistischen Umfeld der Neuen Rechten und der Identitären (S. 151ff.) gehören Verlage (z.B. der von Götz Kubitschek betriebene und von Björn Höcke sehr gemochte Verlag Antaios), Blogs, Zeitschriften (wie die Junge Freiheit oder das Compact Magazin), politische Netzwerke (wie die schon eingangs erwähnte Bewegung „Ein Prozent für unser Land“) und neurechte Zentren bzw. Think Tanks (z.B. das von Götz Kubitschek geleitete Institut für Staatspolitik, in dem sich – wie könnte es anders sein – auch Björn Höcke gern aufhält).

Der Rezensent möchte nicht unerwähnt lassen, dass seine Beispiele nur pars pro toto für die sehr ausführlichen Hinweise und Analysen stehen, die die Autor/innen auch in diesem zweiten Teil des Buches offerieren.

Dem „Ideologischen Fundament der Neuen Rechten und der Identitären“ widmen sich die Autor/innen im Teil 3 ihres Buches. Auch hier kann der Rezensent nur stichwortartig auf die spannenden Inhalte verweisen. Hier finden Leserinnen und Leser sehr ausführliche Passagen zu den Auffassungen, die die Neuen Rechten und ihre Identitären z.B. zu Nation, Staat und Gesellschaft, zu Geschlecht und Rollenbildern, zum Menschenbild generell, zu Jüdinnen und Juden, zu Europa oder zur Globalisierung und zum Antifaschismus vertreten und mit welchen rhetorischen und visuellen Mitteln sie diese Auffassungen verbreiten. „Erklärtes Ziel der Neuen Rechten ist es, Grenzen zwischen Rechtsextremismus und demokratischen Meinungen aufzulösen“ (S. 234). Und darin scheinen sie nicht erfolglos zu sein. In diesen Grenzverwischungen steckt eben auch die Gefährlichkeit der Neuen Rechten und ihrer Mitläufer.

„Generell lässt sich sagen, dass es die Neue Rechte auf die Straße geschafft hat. Die Identitären haben hier eine Vorhut geschaffen und bringen ihre Erfahrungen bei großen Mobilisierungen wie Pegida, HogeSa und Aufmärschen gegen Flüchtlingsunterkünfte ein“ (S. 268; Hervorhebung im Original), so die Autor/innen im Fazit ihres Buches, das quasi ein vierter und letzter Teil des Buches ist. In diesem Fazit finden sich aber auch zahlreiche, durchdachte und praktisch bewährte Gegenstrategien im Umgang mit den Identitären. Zum Beispiel: Positionen und Namen der Identitären benennen. Keine Diskussion mit den Identitären. Der Extremismustheorie entgegentreten. Kompromisslose Solidarität mit den Opfern rechtsextremer Gewalt.

Fazit

Der Rezensent hat viel gelernt aus der Lektüre des Buches und hofft, anderen Leserinnen und Lesern wird es auch so gehen. Das Quellenmaterial, auf die sich die Darstellungen und Analysen der Autor/innen stützen, sind hochaktuell. Deshalb sei es Wissenschaftler/innen, Journalist/innen und engagierten Menschen im Kampf gegen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus zur Lektüre empfohlen. Falls die Neuen Rechten und die Identitären das Buch ebenfalls kaufen und lesen sollten, was ihnen der Rezensent schon aus marktwirtschaftlichen Gründen nahelegen möchte, dann werden sie staunen, wie gut und treffend sie unter Beobachtung stehen.

Zitierte Literatur

  • Mangold, Ijoma (2017). Der Feind sitzt im Westen. In: Die Zeit, 23. März 2017.
  • Weiß, Volker (2017). Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes. Stuttgart: Klett-Cotta-Verlag.

[1]  Im Jahr 2012 besetzten etwa 80 Anhänger der französischen Bewegung „Génération Identitaire“ das Dach einer Moschee.

[2]  Der griechische Buchstabe Lambda auf gelbem Grund wurde der Comicverfilmung „300“ entnommen. In dem Film trugen Spartaner in der Schlacht bei den Thermopylen gegen die Perser (vermutlich 480 v. Chr.) dieses Zeichen auf ihren Schutzschilden. Die Zahl 732 soll an das Jahr erinnern, in dem die Franken die nach Gallien vorgestoßenen muslimischen Araber besiegten.


Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Frindte
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Kommunikationswissenschaft - Abteilung Kommunikationspsychologie
Homepage www.ifkw.uni-jena.de
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Zitiervorschlag
Wolfgang Frindte. Rezension vom 05.04.2017 zu: Julian Bruns, Kathrin Glösel, Natascha Strobl: Die Identitären. Handbuch zur Jugendbewegung der Neuen Rechten in Europa. Unrast Verlag (Münster) 2016. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-89771-560-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21606.php, Datum des Zugriffs 31.03.2020.


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ISSN 2190-9245

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