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Dennis Hauk: Digitale Medien in der politischen Bildung

Cover Dennis Hauk: Digitale Medien in der politischen Bildung. Anforderungen und Zugänge an das Politik-Verstehen im 21. Jahrhundert. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 188 Seiten. ISBN 978-3-658-13042-8. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 41,50 sFr.
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Thema

Digitalisierung wird derzeit allenthalben hinsichtlich der Auswirkungen auf die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereiche diskutiert. Oft wird hierunter die Digitalisierung von Werkzeugen und Prozessen verstanden, hier ist das nicht der Fall, vielmehr geht es um digitale/elektronische Medien, den Medienwandel, den sie bewirken und um die Veränderungen in der Rezeption und Kommunikation und letztlich der Öffentlichkeit. Dies wird auf den Bereich der politischen Bildung bezogen: Wenn durch die digitalen Medien ein grundlegender Wandel der Öffentlichkeit stattfindet, was ist dann seitens der politischen Bildung nötig, um dem in Form eines „medienzentrierten Lehr- und Lernmodells“ (S. V) angemessen zu begegnen.

Entstehungshintergrund

Es handelt sich bei dem Werk um die Dissertation des Autors, welche in seiner Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität Jena in vierjähriger Forschungsarbeit entstand. Derzeit ist er als Post-Doc wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Schulpädagogik und Unterrichtsforschung in Jena beschäftigt.

Aufbau

  • Der Autor stellt im ersten Kapitel „Forschungsziele und Forschungsinhalte der Politikdidaktik im Kontext der Digitalisierung und Internetentwicklung“ nach einer Zusammenfassung des Forschungsstandes zunächst drei Ausgangshypothesen vor und formuliert dann sein Forschungsdesign.
  • Im zweiten Kapitel „Nachrichten aus dem Internet: Konturen des digitalen Medienwandels“ behandelt er das digitale Nachrichtenangebot im Internet und dessen Rezeption.
  • Im dritten Kapitel „Die Folgen des digitalen Medienwandels: Die Veränderung der politischen Kommunikationskultur“ behandelt er demokratisch-politische Funktionen des Mediensystems, den Medienwandel und die darauf folgenden Änderungen der Politikvermittlung und Öffentlichkeitsherstellung sowie die veränderten Interaktionsprozesse zwischen Politik und Medien in der digitalen Mediengesellschaft.
  • Nach einem Zwischenfazit im vierten Kapitel geht er dann im fünften Kapitel auf das Politik-Verstehen ein und formuliert einen politikdidaktisch-hermeneutischen Ansatz. Hier geht es um die politische Kultur als Ziel- und Handlungsrahmen politischer Bildung, um die Bedeutung politikdidaktischer Ansätze als Lehr-Lernstrategie und dann um den medienzentrierten Ansatz in der Form von Information, Partizipation und Kommunikation im digitalen Bereich.
  • Nach einem Zwischenfazit im sechsten Kapitel wird dann in Kapitel sieben und acht die empirische Studie zu journalistischen Nachrichtenportalen als Unterrichtsmedien der politischen Bildung dargestellt.
  • In Kapitel neun werden die Ergebnisse zusammengefasst und unterrichtspraktische Konsequenzen gezogen, indem ein Unterrichtsmodell formuliert wird. Kapitel zehn enthält die Zusammenfassung und den Forschungsausblick. Ein Literaturverzeichnis schließt das Werk ab.

Inhalte

Am Anfang des Buches steht die (aus der Fachliteratur abgeleitete) Frage, ob sich die politische Bildung den Herausforderungen stellen muss, die durch die Veränderungen digitaler Medien entstehen (S. 1, der Autor zitiert hier Anja Besand). Eine der häufigsten Zieldimensionen des digitalen Medieneinsatzes sei die Medienkompetenz (der Bürger als Zielgruppe der politischen Bildung). Allerdings sei diese Zieldimension aufgrund der Pluralität des Medien- und auch des Kompetenzbegriffes in der Fachliteratur nicht unumstritten, beispielsweise wird in der Kritik der Nutzen in der Didaktik in Frage gestellt und gefragt, ob medienzentrierte Inhalte nicht überbetont würden (S. 7).

  • Die erste Arbeitshypothese des Autors lautet demnach, dass der Einsatz digitaler Medien keine eigenständige Zieldimension für die politische Bildung etabliere, sondern sich an bestehenden pädagogischen Kompetenzmodellen orientiere. Weiter werde in der Fachliteratur die Behauptung kritisiert, Schülerinnen und Schüler würden durch Teilnahme an/Erstellung von digitalen Medien im Internet zu politischer Interaktion angeregt (S. 9 f., „aktionsorientierte Mobilisierungsthese“). Szenarien wie den „Digital Citizen“ werde eine Absage erteilt, es gebe stets auch eine schweigende Mehrheit, die neben an der Debatte aktiv Beteiligten beteiligt werden müssten.
  • Daraus formuliert der Autor eine zweite Arbeitshypothese, dass das Potenzial digitaler Medien für die politische Bildung sich nicht nur im Bereich der politischen Handlungsfähigkeit erschöpfe, sondern auch einen wesentlichen Beitrag zur Herausbildung eines demokratisch-politischen Bewusstseins leiste (S. 12). Weiter wendet sich Kritik gegen das Internet als Forschungsgegenstand. Hier wird auf den Umfang, aber auch auf den großen und wechselseitigen Einfluss auf inhaltliche und methodische Strukturmerkmale des Unterrichts abgehoben.
  • Es werde – so die dritte Arbeitshypothese – eine umfassende politikdidaktische Antwort auf die langfristigen Effekte einer von digitalen Onlinemedien beherrschten „Mediengesellschaft“ benötigt (S. 13).

Das Forschungsdesign geht von einer „hermeneutischen Politikdidaktik“ aus, welche vorinterpretierte Wissensmodelle auszumachen versucht, die Bedeutung dieser Modelle für die Lernenden auszumachen versucht, untersucht, wie diese Modelle zum Verstehen der sozialen und politischen Realität beitragen können und daraus relevante Fachinhalte zu bestimmen versuchen. Zum Schluss sollen wesentliche politikdidaktische Ansätze und konzeptuelle Kernwissensbestände ausgewiesen bzw. entwickelt werden. Außerdem soll die Frage nach den politischen Bildungszielen beantwortet werden. (S. 16 f.)

Der Autor beginnt seine Abhandlung in Kapitel 2 mit der Schilderung des digitalen Medienwandels und referiert hier das Internet als politisch-berichtendes Medium. Er schränkt dies auf die journalistischen Angebote ein, die Informationsgewinnung und der Diskurs beispielsweise in den sozialen Medien bleiben außen vor. Er zeigt den Shift vom Papier- zum Online-Medium in Form der Online-Portale der Zeitungen und Magazine. In Folge dessen ändert sich die politische Kommunikationskultur, wobei darauf hingewiesen wird, dass die partizipativen Funktionen beispielsweise des Web 2.0, von denen in dieser Hinsicht lange die Rede war, kaum genutzt werden. Gleichwohl, so das Kapitel 2, führt der Wechsel der Mediennutzung hin zu Online-Inhalten auch zu einer Änderung in der Politikvermittlung und der Öffentlichkeitsherstellung. Der Trend in der politischen Kommunikationsforschung gehe eher zu einem Verständnis der politischen Online-Kommunikation als Element der publizistischen Politikvermittlung. Die journalistischen Informationsangebote haben sich lediglich in den Online-Raum verlagert. Damit sei eine veränderte Mediensozialisation, ein größerer Einfluss der journalistischen Nachrichtenportale und eine „digitale Mediatisierung“ (Anpassung der Politik an geänderte Zeithorizonte, Selektionsregeln und Rollenvorgaben in der Öffentlichkeit) zu konstatieren.

In Kapitel 5 wird der empirische Teil vorbereitet. Aufgrund der in Kapitel 1 formulierten Forschungsdefizite wird ein politikdidaktischer Ansatz entwickelt. Innerhalb dieser Konzeption stellt sich der Zugang der Jugendlichen zur politischen Realität und den damit verbundenen Kompetenzbereichen über drei verschiedene Medienebenen her:

  1. über eine subjektive Ebene der Alltagswahrnehmung,
  2. über eine intersubjektive Ebene, die die subjektiven Medienbilder durch interpersonale und im Netz ausgetragene Kommunikation ergänzt und
  3. wird auf der Ebene kategorialer Objektivationen und regulativer Ideen ein kategorialer Zugang entwickelt, der die digitale Medienentwicklung aus der Perspektive gesellschaftlicher Makrosysteme (Öffentlichkeit, Medien, Politik) betrachtet und Folgen für die gesellschaftlich-politische Kommunikation analysiert. (S. 83).

In Kapitel 7 werden die unterrichtspraktischen Überlegungen aus Kapitel 5 empirisch überprüft. Drei empirische Forschungsfragen werden entwickelt, anhand deren die fachdidaktische Auswertung der qualitativen Daten vorgenommen wird. Es werden zwei identisch konzipierte Unterrichtsstunden untersucht, deren Sequenzen mit Hilfe einer politikdidaktisch-hermeneutischen Methode ausgewertet und interpretiert werden.

Am Ende von Kapitel 7 wird dann noch die politikdidaktisch-hermeneutische Methode näher vorgestellt.

In Kapitel 8 wird dann das empirische Unterrichtsmaterial in transkribierten Auszügen einzelner Sequenzen dargestellt und in den Stufen

  1. journalistische Nachrichtenportale als politische Informationsmedien,
  2. journalistische Nachrichtenportale als politische Partizipationsmedien und
  3. journalistische Nachrichtenportale als Medien politischer Kommunikation ausgewertet.

In Kapitel 9 werden die Ergebnisse zusammengefasst und auf den Punkt gebracht. Zum einen werden die Untersuchungsergebnisse der qualitativen Unterrichtsforschung im Sinne der qualitativen Leitfragen beantwortet: Medienverständnis beruht zum einen auf einer identitären Vorstellung einer Einheit von politischer Realität und Medienrealität. Dem entgegen steht ein zweites Konzept, nachdem diese beiden Ebenen unverbunden nebeneinander stehen. Hier wird die Handlungsempfehlung ausgesprochen, dies mit einer Bewertungs-Schrittfolge bei der Analyse onlinejournalistischer Informationstexte zu analysieren. Die Analyse von Urteilen und Meinungen der journalistischen Anschlussdiskussion bewirkt einen Motivationseffekt auf die Lernenden. Alltagsweltliche Argumentations- und Deutungsmuster können so durch eine theoriegeleitete Argumentationsanalyse reflektiert werden. Schlussendlich muss der Lehrende es verstehen, die politische Kommunikations- und Sachanalyse zu vereinen und sich nicht nur auf die Seite der Sachvermittlung zu schlagen. (S. 150 f.)

Kapitel 10 fasst noch einmal die Ergebnisse zusammen und zeigt drei Desiderate auf:

  1. die digitale politische Bürgerschaftsbildung, welche die Möglichkeiten politischer Partizipation näher untersucht,
  2. die Frage der Veränderung von politischem Wissen und politischem Wissenserwerb und
  3. die Frage der Zukunft des politischen Schulbuches, das durch die digitalen Medien oft veraltet erscheint.

Diskussion und Fazit

Die Arbeit ist im Aufbau klassisch als Dissertation aufgebaut: Fußnotenapparat und Literaturverzeichnis am Ende. Der Inhalt wurde gut strukturiert und Inhalte wurden durch Kästen, grafische Darstellungen und Ablaufdiagramme verdichtet und verdeutlicht. Die Arbeit leistet zum einen, dem Handlungsfeld Politikdidaktik unter veränderten Rahmenbedingungen einen konzeptionellen Rahmen zu geben und durch eine diesem Rahmen entsprechende spezifische Methode zu verdeutlichen. Obwohl der Autor anschlussfähig in Richtung Mediendidaktik ist, [1] verliert er sich nicht in Methodik (beispielsweise E-Learning etc.) und Software, sondern richtet seine Arbeit auf die Fragen der politischen Bildung aus. Deshalb wären als Zielgruppe dieser Arbeit auch Praktiker zu nennen, welche insbesondere die eingestreuten Ablaufdiagramme zu Unterrichtsentwürfen, zur Schrittabfolge, Analyse und Bewertung für die Unterrichtskonzeption nutzen können.


[1] Beispielsweise der Beitrag Hauk, Dennis: Der Einsatz digitaler Medien im Politikunterricht: empirische Forschungsstand und politikdidaktische Handlungsfelder. – in: Gapski, Harald; Oberle, Monika: Medienkompetenz: Herausforderung für Politik, politische Bildung und Medienbildung. – Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 2017. – 260 Seiten. (Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung; 1011), S. 218-225. Downloadlink für das gesamte Buch: www.bpb.de/


Rezensent
Dr. / Dipl. Bibl. Jürgen Plieninger
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Zitiervorschlag
Jürgen Plieninger. Rezension vom 10.01.2018 zu: Dennis Hauk: Digitale Medien in der politischen Bildung. Anforderungen und Zugänge an das Politik-Verstehen im 21. Jahrhundert. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-13042-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21607.php, Datum des Zugriffs 16.07.2018.


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