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Sabine Bollig, Michael-Sebastian Honig u.a.: Betreuungsalltag als Lernkontext

Cover Sabine Bollig, Michael-Sebastian Honig, Bina Elisabeth Mohn: Betreuungsalltag als Lernkontext. Informelles Lernen beobachten und entdecken = Day care routine as a learning context. Dohrmann Verlag (Berlin) 2016. 84 Seiten. ISBN 978-3-938620-37-3. D: 22,95 EUR, A: 23,60 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

Der mit Bildmaterial gut ausgestattete Forschungsbericht in englischer und deutscher Sprache bezieht sich auf das kamera-ethnografische Projekt „Children in the Luxembourgian Day Care System“ an der Universität Luxemburg.

Projektleiter war der Mitautor Professor Dr. Michael-Sebastian Honig.

Diese etwas ungewöhnliche Veröffentlichung hat sich zum Ziel gesetzt, Kindheit unterhalb des pädagogischen Blickes sichtbar zu machen. Dazu greift das Forschungsteam auf informelle Lernprozesse zurück, die sich von formalen und non-formalen Lernvorgängen dadurch unterscheiden, dass sie nicht organisiert sind und im Wesentlichen selbstbestimmt verlaufen.

Der Begriff „informelles Lernen“ wird in einem besonderen Abschnitt von Marc Schulz, Professor an der Hochschule Köln, erläutert.

Folgende vier Texte stellen auf 18 Seiten vorbereitendes Material zur Verfügung:

  1. „Ein anderer Blick auf kindliches Lernen“,
  2. „Zum Begriff ‚Informelles Lernen‘“,
  3. „Betreuungsalltag als Lernkontext: Konzept und Herausforderung“ und
  4. „Lernpraktiken sichtbar machen: Was heißt Kamera-Ethnographie?“

Darauf folgt der kamera-ethnographische und textlich kommentierte Bildteil. Die dortigen ca. 150 Fotografien sind der Video-DVD „Kinder als Grenzgänger“ von den Ethnographinnen Bina Elisabeth Mohn und Sabine Bollig entnommen (im selben Verlag 2016 erschienen).

Die Videostudien wurden in vier Luxemburger Kindertageseinrichtungen mit Kindern im Alter von zwei bis vier Jahren durchgeführt.

Inhalt

Ein anderer Blick auf kindliches Lernen. Der erste Kurzartikel legt die Grundlage zu dem anderen Blick. Dieser nicht-pädagogische Blick richtet sich auf die Auseinandersetzung der Kinder mit den Gegebenheiten, Arrangements und Abläufen in den Kindertageseinrichtungen. Die Kinder leisten eigenständig einen Beitrag zu den notwendigen alltagspraktischen Bewältigungsstrategien. Sie erschließen damit sinnhaft ihre Umwelt und reagieren in eigensinniger Weise auf die jeweiligen Situationen. Damit werden sie Akteure in ihren Alltagswelten. Für Erzieherinnen und Erzieher wirkt diese Verlagerung der Aufmerksamkeit befremdlich, weil der pädagogische Blick an Bedeutung verliert: Sie müssen „sich ihren professionellen Blick reflexiv […] vergegenwärtigen, das ist mit der Irritation des pädagogischen Blickes gemeint, […]“ (S. 9). Das non-formal strukturierte setting in einer Kindestageseinrichtung wird, für den ersten pädagogischen Blick unsichtbar, durch ein informelles setting unterlegt.

Zum Begriff „Informelles Lernen“ (Marc Schulz). Der Autor stellt informelles Lernen in eine enge Verflechtung mit formalen und non-formalen Lernprozessen. Informelles Lernen erscheint dann als eine natürliche Begleiterscheinung des alltäglichen Lebens und unterliegt dabei keiner didaktischen Planung, keiner Zielsetzung oder gar Zertifizierung. Als „Vater“ dieses Gedankens gilt John Dewey (1859-1952), der den Begriff der informal education einführte. Die sich hier zeigende Selbststeuerung des Lernens findet sich in Familien, Peer-Gruppen, Institutionen und ereignet sich lebenslang. Die Bedeutung dieser Lernform wird von Schulz dahingehend interpretiert, dass diese Bildungsmodalität auch auf die soziale Herkunft hinweist. „Die informell erworbenen Kompetenzen sind zugleich immer auch chancenverteilende und ungleichheitsverstärkende Komponenten“ (S.12) mit Folgen für den gesamten Bildungsverlauf. Pädagoginnen und Pädagogen erhalten aber unter dem Gesichtspunkt informellen Lernens die Möglichkeit, Lerngelegenheiten zu inszenieren, um Herkunftsnachteile auszugleichen.

Betreuungsalltag als Lernkontext: Konzept und Herausforderung. Dieser Beitrag beschäftigt sich mit unterschiedlichen Lernorten der Kinder (z.B. Familie, Kindertageseinrichtungen, Hort, Tagesmutter) und der jeweiligen Lernkompetenz der Kinder, einen diesbezüglichen individuellen und komplexen Erfahrungszusammenhang herzustellen. Informelles Lernen vollzieht sich also als soziale Praxis in der Kinder als Grenzgänger hin und her pendeln. Auch wenn sie hin und her gependelt werden, sind Kinder eigenständige Akteure in einem Prozess der Selbstsozialisation. Der Lernkontext besitzt dabei drei Dimensionen: Die Erfahrungsdimension im Betreuungsalltag, der Umgang mit den jeweiligen institutionellen Ordnungen und der Umgang mit dem sektorenübergreifenden Lernen. Mit mit diesem Lernprozess sind horizontale Übergänge gemeint, die in Luxemburg differenzierter sind als in Deutschland. Die sich insgesamt informell bildenden Lernfähigkeiten und Handlungskompetenzen werden dabei häufig von Fachkräften übersehen oder als unwichtig erachtet, weil sie in den Eigensinn der Kinder eingelagert und nicht ohne weiteres dem didaktisch-methodisch geschulten Blick zugänglich sind. In diesem Sinne müssen pädagogische Fachkräfte lernen, ihre eigenen Beobachtungen zu beobachten.

Lernpraktiken sichtbar machen: Was heißt Kamera-Ethnographie? Diese junge Forschungsmethode hat als ethnographischen Schwerpunkt die zeigende (dichtes Zeigen) und nicht die schreibende (dichtes Beschreiben) Methode. Gemeinsam ist den Methoden, dass sie alltägliche Praktiken teilnehmend beobachten. „Die Kamera-Ethnographie ist ein visuelles, an Körper und Raum orientiertes Verfahren. Es ermöglicht, selbst stumme Praktiken fokussiert ins Bild zu bringen und zu untersuchen“ (S.17). Erkundend und den Sinn verstehend entwickelt die Kameraführung Blickschneisen auf das Geschehen vor Ort. Der kontinuierliche und analytische Vorgang der Verbildlichung gleicht einem durch Theorie geleiteten Sehen. Analyse entsteht beim Zerlegen und Sortieren von Szenen. Diese Analyse folgt der zugrunde gelegten Fragestellung: Inwiefern und wie ist der Betreuungsalltag ein Lernkontext? Ein Ergebnis der kamera-ethnographischen Studie ist, dass der Betreuungsalltag der Kinder ohne einen eigenständigen Beitrag dieser Akteurinnen und Akteure gar nicht funktionieren würde.

Ethnographischer Bildteil. Dieser deutsch/englisch kommentierte Bildteil mit 150 Bildern stellt sozusagen das Ergebnis der Studie dar. Die Struktur folgt dabei den vier Themenbereichen:

  1. Kommen und Gehen – Grenzen zwischen Familie und Einrichtung gestalten,
  2. Ankommen – Zugang zum Kollektiv gestalten,
  3. Bleiben – Zeiträume und Themen gestalten,
  4. Weiterziehen – Komplexe Betreuungsalltage gestalten.

Ein Beispiel: Die erste Bildsequenz, bestehend aus acht Fotos, zeigt eine Mutter, die ihr Kind in die Einrichtung bringt, der Erzieherin übergibt und sich damit verabschiedet. Flankiert wird die Sequenz durch drei Kommentare. Der abschließende Kommentar zu dieser Sequenz lautet: „Die exklusive Intimität, die Eltern und Kinder in der Familie untereinander praktizieren, kommt beim verabschieden, Küssen und Winken gesteigert zum Ausdruck. Erst so wird das Durchqueren der Eingangspforte zu einem Grenzübergang zwischen Familie und Betreuungsorganisation“ (S.37).

Ein anderes Beispiel zeigt, dass die Kinder beim Abholen durch Eltern den Flur zu einer „Rennstrecke“ machen obwohl dort das Rennen verboten ist. Sie setzen also aktiv eine Regel außer Kraft und schaffen so einen anderen Raum. In einem weiteren Beispiel folgt die Kamera der Zeitgestaltung eines Kindes. Das Kind spart sich Zeit bei der Bearbeitung eines Arbeitsblattes vor der Hofpause. Diese ersparte Zwischenzeit wird für das Lieblingsspiel genutzt: Puzzle. Die Hofpause beginnt dann für die Gruppe, aber das Kind hört im letzten Moment auf zu spielen und schließt sich schnell dem Kollektiv an. Dies kann als eine frühe Form eines „Zeitmanagements“ interpretiert werden.

Obwohl die Bildsequenzen, die Ethnographinnen sprechen von Blickschneisen, eine überzeugende Bildsprache dokumentieren, potenzieren die bewegten Bilder der Video-Studie „Kinder als Grenzgänger“ (s.o.) die Bildsprache der Standbilder. Allerdings handelt es sich um zwei verschiedene Produkte von der Verlagsseite aus, die aber eigentlich zusammen gehören.

Diskussion

Das vorgelegte Material einschließlich der genannten DVD eignet sich sehr gut für didaktische Zielsetzungen in der Ausbildung und dem Studium pädagogischer Fachkräfte insbesondere im Bereich frühkindlicher Lern- und Bildungsprozesse. Auch weil sich angehende Pädagoginnen und Pädagogen bereits in dieser Phase mit dem Beobachten informellen Lernens beschäftigen sollten.

Von dieser ausbildungs- und studienpraktischen Erwägung abgesehen handelt es sich um eine eindrucksvolle ethnographische Studie zur Erforschung informellen Lernens. Es ist nicht uninteressant, dass diese empirische Zugangsweise mittels einer Video-Studie im kürzlich erschienenen „Handbuch informelles Lernen“ (2016) als notwendige Forschungsmethode für die genannten Lernprozesse ausgewiesen wird.

Bevorzugt verhandelt werden in diesem Handbuch zwar „höhere“ Altersstufen wobei Altersstufen beim informellen Lernen keine ganz so entscheidende Rolle spielen. In diesem Sinne gleicht die vorgelegte kamera-ethnogaphische Studie einer „Grundsteinlegung“, da informelles Lernen eben lebenslang geschieht. Gerade in Deutschland ist informelles Lernen lerntheoretisch und lernpraktisch vernachlässigt worden und dringt erst seit einigen Jahren in die entsprechenden Fachdiskurse. Dies betrifft auch insbesondere die Zusammenhänge zwischen formalem und informellen Lernen in Schule und Unterricht. Bedacht werden sollte, dass starke Korrespondenzen zwischen informellem Lernen und sozialem Lernen wie auch zum Konzept der Aneignung bestehen. Eine Expertenschätzung geht davon aus, dass 70 Prozent dessen, was der Mensch in seinem Leben lernt, informell erworben wird.

Fazit

Eine überzeugende kamera-ethnografische Studie, die dazu beitragen wird, die Fachdiskussion um informelles Lernen in Deutschland zu beschleunigen. Für pädagogische Fachkräfte im Bereich frühkindlicher Betreuungs- und Bildungsprozesse leistet diese Studie mit ihren Ergebnissen einen bedeutsamen und praxisrelevanten Erkenntnisbeitrag.


Rezensent
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 09.11.2016 zu: Sabine Bollig, Michael-Sebastian Honig, Bina Elisabeth Mohn: Betreuungsalltag als Lernkontext. Informelles Lernen beobachten und entdecken = Day care routine as a learning context. Dohrmann Verlag (Berlin) 2016. ISBN 978-3-938620-37-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21609.php, Datum des Zugriffs 14.12.2019.


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ISSN 2190-9245

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