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Fritz B. Simon, Gunthard Weber: Vom Navigieren beim Driften

Cover Fritz B. Simon, Gunthard Weber: Vom Navigieren beim Driften. "Post aus der Werkstatt" der systemischen Therapie. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2004. 128 Seiten. ISBN 978-3-89670-451-1. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 26,00 sFr.
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Thema

In diesem Buch wird eine Reihe von älteren Kolumnen aus der Zeitschrift Familiendynamik zu Fragestellungen der systemischen Therapie ("Post aus der Werkstatt der systemischen Therapie") zusammengefasst und vor dem Hintergrund neuerer Entwicklungen redigiert. Es spricht Therapeuten und Berater an und möchte deren Praxisalltag "beleben und verstören" und gleichzeitig professionelle Gelassenheit vermitteln.

Die Autoren

Fritz B. Simon ist Geschäftsführender Gesellschafter des Managementzentrums Witten, der Beraterfirma Simon, Weber and Friends, sowie des Carl Auer Verlages. Er arbeitet u.a. als Systemtherapeut und Organisationsberater. Gunthard Weber ist Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Systemischer Therapeut und Berater, Leiter des Wieslocher Institutes für systemische Lösungen, der Beraterfirma Simon, Weber and Friends, sowie des Carl Auer Verlages.

Inhalt

Themen, die behandelt werden, sind

  • die Bedeutung des Therapie-Kontexts,
  • die Frage der Verantwortung von Therapeut und Klient,
  • Konjunktivitis, d.h. der Nutzung von Wirklichkeitskonstruktionen in der Therapie,
  • der Umgang mit Gefühlen,
  • der Umgang mit Krankheit,
  • der Umgang mit hoch symmetrischen Beziehungen,
  • die Unmöglichkeit eindeutiger Kommunikation,
  • der Umgang mit wiederkehrenden Verhaltensweisen,
  • weiters therapeutische Fallen (Klemmen) und mögliche Auswege daraus
  • sowie abschließend Metaphern zur Tätigkeit von Psychotherapeuten.

Da die einzelnen Kapitel als relativ unabhängige Artikel verfasst wurden, wird im Folgenden keine systematische Darstellung des gesamten Buches gegeben, sondern einzelne Kapitel herausgegriffen und beschrieben. Der rote Faden des Buches ist

  • erstens der durchgängig systemische Ansatz,
  • zweitens der Raum, der Beispielen, konkreten Fragen oder Interventionen gegeben wird
  • und drittens die Orientierung an therapeutischen Kontexten.

Vom Navigieren beim Driften

Dieses Kapitel geht davon aus, dass alles, was ein Therapeut sagt oder tut, in seiner Bedeutung von seinem Kontext bestimmt ist, dass es daher zentral - und Zeit sparend - ist, diesen zu Beginn einer Therapie fundiert zu klären und auch danach mitzudenken. Aspekte dieses Kontexts sind die Institution, in der der Therapeut arbeitet (warum sind die Klienten gerade hierher gekommen, welche Erwartungen werden damit verknüpft?), der Überweisungskontext (wer hat die Klienten warum gerade an diesen Therapeuten überwiesen?), gleichzeitige Kontakte zu anderen Helfern oder Einrichtungen (wie viele sich möglicherweise kompetent gegenseitig behindernde Kollegen sind am Werk?), Vorerfahrungen der Klienten (welche Lösungsideen sollen von welchen Helfern bestätigt werden? wie beeinflussen Vorerfahrungen, etwa Diagnosen, die Einstellung der Klienten?) etc. Im Prinzip ist dies nichts Neues, kann aber im praktischen Arbeitsalltag immer wieder untergehen. Die Vielzahl an angeführten Beispielen für Fragen kann darüber hinaus das eigene - manchmal sich einschleifende - Repertoire erweitern.

Zwischen Allmacht, Ohnmacht und "macht nichts!"

In diesem Kapitel geht es um die Verantwortung des Therapeuten. Ausgehend von dem Phänomen, manche Patienten "nach Hause zu nehmen", d.h. auch nach der Stunde an sie zu denken, sich zu sorgen etc. wird die therapeutische Sinnhaftigkeit dieses Verhaltens hinterfragt. Die Autoren gehen davon aus, dass es sich bei Verantwortung quasi um ein Nullsummenspiel handelt - je mehr ein Beteiligter übernimmt, desto weniger fühlt sich der andere zuständig. Die von den Autoren empfohlene systemische Bescheidenheit in diesem Zusammenhang besteht dagegen in der Einsicht, dass man andere Personen ohnehin nicht steuern kann, Verantwortung aber nur für das gewährleisten kann, was man steuern kann. Allmachtsvorstellungen dagegen führen zu aussichtsloser Verantwortungsübernahme und damit letztlich zur Konfrontation mit der eigenen Ohnmacht und in Folge leicht zu Resignation oder Erschöpfung. Die systemische Bescheidenheit meint allerdings nicht Beliebigkeit. Therapeuten haben Einfluss auf ihre Patienten und für diesen müssen sie sehr wohl die Verantwortung übernehmen, d.h. sich Rechenschaft darüber ablegen, wie weit das, was sie tun, den Handlungsspielraum ihrer Patienten einengt oder erweitert. Damit gibt es in unterschiedlichen Situationen jeweils nützliche Verteilungen von Verantwortung zwischen Patient und Therapeut - wie dies im Einzelnen beurteilt werden kann, kann wohl nicht allgemein beantwortet werden, die Autoren versuchen dies auch nicht.

Horch, was kommt von drinnen raus...?!

In diesem Kapitel geht es um den Umgang mit Gefühlen, welcher in hohem Maß mit der therapeutischen Schule zusammen hängt. Hier ist ein sehr leichthändiger Umgang mit dem Thema positiv hervor zu heben. Weder werden "Gefühlsinhaber" mit ihren Gefühlen verwechselt, noch werden Gefühle als etwas Absolutes, Individuelles gesehen - vielmehr werden Gefühle, bzw. ihre Bedeutung, den Autoren zufolge in der Interaktion bestimmt. Sie werden als subjektive Beschreibungen der Realität verstanden, die es ermöglichen, ohne lange Reflexion zu handeln - Gefühle funktionieren rasch und vereinfachend (sie unterscheiden zwischen aktiv-passiv, stark-schwach, gut-böse und geben damit immer Beziehungsurteile ab). Die Autoren empfehlen, die interaktionellen Muster, die um den Ausdruck von Gefühlen geordnet sind, in der Therapie zu thematisieren, um den Umgang mit Gefühlen bzw. damit zusammenhängende verfestigte Muster, zu verflüssigen. Ein Ziel dabei ist es, Denken, Fühlen, Handeln und Interaktion so miteinander zu verknüpfen, dass ihre künstliche Trennung wieder aufgehoben wird. Es wird also empfohlen, Gefühle wichtig zu nehmen (sowohl eigene als auch die der Klienten), im Umgang damit aber immer wieder auch auf die Meta-Ebene zu gelangen.

Fazit

Das Buch ist originell und anregend geschrieben - manchmal allerdings schon etwas bemüht originell und witzig. Ob dies dem Leser gefällt, ist Geschmacksache, bisweilen wäre es mir angenehm, öfter einmal Gedanken stringent, ohne permanente humorige, bildhafte Beispiele verfolgen zu können. Insgesamt ist das Buch aber jedenfalls sehr zu empfehlen, es ist für die praktische Arbeit und deren Reflexion sehr bereichernd. Die Inhalte sind m.E. hoch plausibel und intelligent aufbereitet, das punktuelle Eingehen auf einzelne Themen in den jeweiligen Kapiteln beleuchtet zentrale Themen der Kommunikation bzw. des Funktionierens von (Familien)systemen auf anschauliche und interessante Weise und die häufigen Beispiele bleiben im Kopf.


Rezensentin
Prof. Dr. Ruth Simsa
Wirtschaftsuniversität Wien
Institut für Soziologie, NOP Institut
Homepage www.ruthsimsa.at
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Zitiervorschlag
Ruth Simsa. Rezension vom 07.12.2004 zu: Fritz B. Simon, Gunthard Weber: Vom Navigieren beim Driften. "Post aus der Werkstatt" der systemischen Therapie. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2004. ISBN 978-3-89670-451-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2161.php, Datum des Zugriffs 15.09.2019.


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