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Susanne Heynen (Hrsg.): Die Vielfalt der Praxisforschung als Beitrag zur Qualitäts­entwicklung

Cover Susanne Heynen (Hrsg.): Die Vielfalt der Praxisforschung als Beitrag zur Qualitätsentwicklung. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2016. 283 Seiten. ISBN 978-3-643-13478-3.
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Thema

Zum zweiten Mal sind nun die „Karlsruher Beiträge zur Praxisforschung“ erschienen. Zwölf Forschungsberichte aus der Sozialen Arbeit, darunter acht aus der Kinder- und Jugendhilfe, greifen aktuelle Fragen auf und zeigen neue Entwicklungen der Sozial- und Jugendbehörde einer Großstadt.

HerausgeberInnen und Autorinnen

Die Leiterinnen des Jugendamtes, Susanne Heynen, und des Kinderbüros, Frauke Zahradnik, sind Herausgeberinnen, aber auch mit eigenen Beiträgen vertreten.

Insgesamt wirken zwölf Autorinnen, ein Autor sowie elf Studierende und der Leiter einer Projektgruppe der Hochschule für öffentliche Verwaltung Kehl an dem Band mit.

Aufbau und Inhalt

Es sind schwierige und herausfordernde Themen, denen sich die Autorinnen und der Autor widmen.

(1) Das Thema innerfamiliärer Tötungsdelikte im Zusammenhang mit Beziehungskonflikten und die Folgen für die betroffenen Kinder wird sensibel und mit nötiger forschungsmethodischer und ethischer Reflexion in Interviews erhoben und in einem erweiterten interdisziplinären Team analysiert.

(2) Dass Frühe Hilfen ein wirkungsvolles Angebot der Kinder- und Jugendhilfe Karlsruhe darstellen, wird in einer qualitativen Studie belegt. (3) Mögliche Rollenkonflikte in der Kooperation beteiligter Berufsgruppen der frühen Hilfen können mit einem Gruppendiskussionsverfahren verdeutlicht und bearbeitet werden. Die Erfordernisse gemeinsamer Fortbildungen werden dadurch offensichtlich.

(4) Der Alltag von Kindern psychisch kranker Eltern wird mittels einer Fallabfrage bei Fachleuten genauer erhoben und damit der genauere Hilfebedarf daraus abgeleitet.

(5) Eine Sekundäranalyse britischer Studien verdeutlicht die Situation von Kindern und Jugendlichen, die umsorgende Rollen in ihrer Familie einnehmen (müssen).

(6) Anhand statistischer Analysen wird die Arbeit in Notübernachtungsstellen für junge weibliche und männliche Erwachsene transparenter.

(7) ExpertInneninterviews dienen dazu, ein Projekt zur aufsuchenden Bürgerbeteiligung für Kinder und Jugendliche in der Stadt Karlsruhe fachlich zu bewerten. Das Interesse der Autorin und ehemaligen Mitarbeiterin am Erfolg des Praxisprojektes ist erkennbar.

(8) Das Schulprojekt unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in der Regelschule wird durch eine wissenschaftliche Begleitung mittels Methodenmix dokumentiert und analysiert.

(9) Studierende stellen die Ergebnisse einer Befragung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in Karlsruhe zu Sozialdaten und Zufriedenheit vor. Die theoretische Begründung der Fragen ist wenig nachvollziehbar, dennoch sind erste Thesen und Fragen möglich.

(10) Der Forschungsbericht zur transnationalen Mutterschaft gibt über narrative Interviews mit betroffenen Frauen Einblick in das Leben zwischen zwei Gesellschaften, die Sorge um bei Verwandten zurückgelassene Kinder und die Ambivalenzen beim Pendeln zwischen zwei Welten.

(11) Eine an statistischen Daten und Befragungen orientierte Sozialplanung liefert Grundlagen zur gezielten Projektentwicklung. Die positive Bewertung der Sozialplanung als beratender Teil der Sozialpolitik ist erkennbar.

(12) Ausgehend vom Modell der „Community Readiness“ wird mit Leitfaden-Interviews die Präsenz und Verankerung der in Karlsruhe eingeführten Standards zur Prävention und Intervention gegen sexuelle Gewalt überprüft.

Diskussion

Die AutorInnen kommen aus den Professionen Psychologie (3), Soziologie/ Sozialwissenschaft (3), Pädagogik (4), Public Management (11 Studierende/Leitung) und (3) aus der Sozialen Arbeit. Etwa die Hälfte der Fachleute ist in Forschungseinrichtungen tätig, die andere Hälfte war oder ist bei der Stadt Karlsruhe beschäftigt.

Dies bedeutet eine hohe Praxis- und Feldkompetenz, wirft aber auch Fragen nach der nötigen Forschungsdistanz auf. Die Loyalität zum Arbeitgeber Stadt Karlsruhe und die Erforschung und Bewertung der eigenen Arbeit im Rahmen einer Praxisforschung sind kritisch zu sehen, wenn sie nicht durch Externe zumindest begleitet werden. Über den Begriff Praxisforschung oder die Methodologie der Forschung haben die AutorInnen keine Verständigung dokumentiert (vgl. Van der Donk, Maykus, König). Notwendige Validierungsverfahren, etwa durch Methodenvielfalt, Gruppendiskussionsverfahren oder Gutachten externer ExpertInnen, sind nicht erkennbar. Die Forschung im Arbeitsfeld Sozialer Arbeit ist an vielen Stellen noch zu wenig mit Theorien Sozialer Arbeit (vgl. Engelke u.a., Stender u.a.) verbunden. In einigen Beiträgen ist der Stand der Forschung nicht umfassend genug recherchiert.

Fazit

Insgesamt bietet die Aufsatzsammlung aber einen wichtigen Überblick über aktuelle Fragen und Anforderungen einer Sozial- und Jugendverwaltung. Hochschulen können hieraus fachliche Impulse der Handlungswissenschaft Soziale Arbeit oder der Bezugsdisziplinen zur Kooperation, zur Entwicklung von Seminarinhalten und Forschungsprojekten ableiten. Die Initiative der Stadt Karlsruhe kann vielen anderen Kommunen als Vorbild dienen, die Zusammenarbeit von wissenschaftlich arbeitenden PraktikerInnen und praxisbezogenen WissenschaftlerInnen einer Region durch eine Veröffentlichung von Forschungsberichten als gut lesbare Aufsatzsammlung zu unterstützen.

Literatur

  • Engelke, Ernst/ Borrmann, Stefan/ Spatscheck, Christian (2014): Theorien der Sozialen Arbeit. Eine Einführung. Freiburg, Lambertus, 6. Auflage
  • Heiner, Maja (Hrsg.) 1988: Praxisforschung in der sozialen Arbeit. Freiburg, Lambertus
  • König, Joachim (Hrsg.) 2016: Praxisforschung in der Sozialen Arbeit. Ein Lehr- und Arbeitsbuch. Stuttgart, Kohlhammer
  • Maykus, Stefan (Hrsg.) 2009: Praxisforschung in der Kinder- und Jugendhilfe. Theorie, Beispiele und Entwicklungsoptionen eines Forschungsfeldes. Wiesbaden, Springer
  • Stender, Wolfram/ Kröger, Danny (Hrsg.) (2013): Soziale Arbeit als kritische Handlungswissenschaft. Beiträge zur (Re-)Politisierung Sozialer Arbeit. Hannover, Blumhardt
  • Van der Donk, Cyrilla/ van Lanen, Bas/ Wright, Michael T. (2014): Praxisforschung im Sozial- und Gesundheitswesen. Bern, Huber

Rezensent
Prof. Dr. Joachim Romppel
Diplom-Sozialarbeiter/-pädagoge, Diplom-Ingenieur (Architektur), Professor für Sozialarbeitswissenschaft, Praxisforschung und Gemeinwesenarbeit an der Hochschule Hannover
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Zitiervorschlag
Joachim Romppel. Rezension vom 02.05.2017 zu: Susanne Heynen (Hrsg.): Die Vielfalt der Praxisforschung als Beitrag zur Qualitätsentwicklung. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2016. ISBN 978-3-643-13478-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21611.php, Datum des Zugriffs 21.09.2017.


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