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Johannes Jungbauer (Hrsg.): Familien mit einem psychisch kranken Elternteil

Cover Johannes Jungbauer (Hrsg.): Familien mit einem psychisch kranken Elternteil. Forschungsbefunde und Praxiskonzepte. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. 277 Seiten. ISBN 978-3-8474-0570-2. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 36,80 sFr.
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Thema

In den letzten beiden Jahrzehnten ist das Thema Kinder psychisch erkrankter Eltern immer mehr in den Fokus der Fachöffentlichkeit geraten. Mittlerweile liegen umfassende Erkenntnisse zu der Lebenssituation und den Entwicklungsrisiken der Kinder vor und eine große Zahl von Hilfs- und Unterstützungsangeboten sind entstanden. In Forschung und Praxis zeichnet sich inzwischen mehr und mehr die Entwicklung ab, dass nicht nur die Kinder alleine, sondern das ganze (familiäre) System betrachtet werden muss. Nicht ohne Grund werden psychische Erkrankungen häufig als „Familienkrankheiten“ bezeichnet.

Bereits im Titel des Buchs „Familien mit einem psychisch kranken Elternteil“ spiegelt sich diese systemische Sichtweise wieder. Bei der Lektüre wird sehr deutlich, dass trotz der Fülle an Fachliteratur zum Thema „Kinder psychisch erkrankter Eltern“ weiterhin Forschungs- und Entwicklungsbedarf in der Praxis besteht, insbesondere im Hinblick auf familienorientierte Fragestellungen und Hilfeangebote.

Herausgeber

Prof. Dr. Johannes Jungbauer ist Dipl.-Psychologe und Professor für Psychologie an der Kath. Hochschule NRW in Aachen. Er leitet zudem das Institut für Gesundheitsforschung und Soziale Psychiatrie (igsp) in Aachen. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind Familien- und Entwicklungspsychologie, Soziale Psychiatrie sowie Gesundheitsforschung und Rehabilitation.

Entstehungshintergrund

Bei dem vorliegenden Band „Familien mit einem psychisch kranken Elternteil. Forschungsbefunde und Praxiskonzepte“ handelt es sich um die zweite überarbeitete und erweiterte Auflage. In den einzelnen Kapiteln wird (wie bereits in der ersten Auflage) insbesondere auf die Perspektive der Sozialen Arbeit eingegangen (vgl. socialnet-Rezension zur ersten Auflage).

Aufbau

Das Buch beinhaltet neun Kapitel und umfasst 277 Seiten. Die Kapitel der ersten Auflage wurden beibehalten, aber zum Teil stark überarbeitet und aktualisiert. Hinzu kommen vier neue, praxisorientierte Kapitel. Alle Kapitel sind prinzipiell unabhängig voneinander lesbar.

Inhalt

Im einleitenden ersten Kapitel „Wenn Eltern psychisch krank sind – Belastungen, Entwicklungsrisiken, Hilfebedarf“ gibt der Herausgeber Johannes Jungbauer eine Übersicht zum derzeitigen Stand der Forschung und der fachlichen Diskussion. Das Kapitel wurde im Vergleich zur ersten Auflage des Buchs etwas überarbeitet, aktualisiert und ergänzt.

Das zweite Kapitel „‚Ressourcen fördern‘ – Ein modulares Praxiskonzept für die Arbeit mit Kindern psychisch erkrankter Eltern und ihren Familien“ wurde von Albert Lenz verfasst. Einleitend wird die Notwendigkeit von frühzeitigen Hilfen verdeutlicht und das familiäre Belastungserleben anhand folgender Punkte behandelt: „Erziehungskompetenz, Eltern-Kind-Beziehung, Eheliche Beziehung, Familienbeziehungen, Individuelle Faktoren beim Kind, Psychosoziale Belastungsfaktoren, Kumulation von Belastungsfaktoren“. Danach werden generelle und spezifische Schutzfaktoren sowie Copingstrategien von Kindern psychisch erkrankten Eltern dargestellt. Das Praxiskonzept „Ressourcen fördern“ wird im Anschluss beschrieben. Dazu werden zum einen die Basis- und Interventionsmodule aufgeführt und zum anderen die Durchführung dieser beschrieben. Der Beitrag endet mit dem Hinweis auf die zentrale Bedeutung der Kooperation als Voraussetzung für wirksame Hilfen.

Im dritten Kapitel „AKisiA- Einblicke in die ganzheitliche Beratungspraxis mit Kindern psychisch erkrankter Eltern“ von Vera Magolei, Andrea Valdivia und Johannes Jungbauer werden einleitend Gründe für Versorgungsdefizite von Kindern psychisch erkrankter Eltern diskutiert und die Entstehungsgeschichte von AKisiA – Auch Kinder sind Angehörige, einem präventivem Unterstützungsangebot für Kinder psychisch erkrankter Eltern und ihren Familien, dargestellt. Im Anschluss werden Best-Practice Konzepte und Vorbilder, die zur Konzeptentwicklung von AKisiA beigetragen haben, erörtert und der Unterstützungsbedarf von betroffenen Familien thematisiert. Darauf folgend werden die Voraussetzungen und Entwicklungsschritte von AKisiA in den Blick genommen sowie das Konzept des ganzheitlichen Unterstützungsangebote ausführlich beschrieben. Abschließend wird eine Zwischenbilanz gezogen und die Zukunftsperspektiven von AKisiA betrachtet.

Das anschließende vierte Kapitel „STEP Duo: Ein systematisches Elterntraining für psychisch erkrankte Eltern mit Begleitern“ stammt von Yvonne Lamers. Eingangs beschreibt sie ihre Überlegungen zur Notwendigkeit eines Elterntrainings, speziell für Eltern mit einer psychischen Erkrankung und stellt notwendige Kriterien für ein solches Programm auf. Auf Grundlage des Elternkurskonzept STEP (Systematic Training for Effective Parenting) hat Lamers das Elterntraining STEP Duo entwickelt. Zunächst wird das STEP Konzept sowie die Weiterentwicklung zu STEP Duo und somit die Adaption für psychisch erkrankte Eltern beschrieben. Nachfolgend wird der gesamte Kursverlauf von Beginn bis hin zum Nachtreffen dargestellt, sowie die Finanzierung und die Ausbildung zum STEP Duo Elterntrainer thematisiert. Der Artikel endet mit einem persönlichen Brief einer Step Duo Teilnehmerin an die Autorin des Beitrags.

Eva Brockmann greift im fünften Kapitel das Thema „Lehrer und Sozialpädagogen als stützende Bezugspersonen für Schüler mit psychisch kranken Eltern“ auf. Dazu behandelt sie als erstes den Aspekt, dass erwachsene Bezugspersonen ein Schutzfaktor für Kinder psychisch erkrankter Eltern darstellen können. Inwieweit insbesondere Lehrer und Sozialpädagogen als erwachsene Bezugspersonen diese Kinder unterstützen können wird anschließend thematisiert. Lehrer und Sozialpädagogen können demnach als Kompensatoren, Vertrauenspersonen, Berater oder wie eine „Holding function“ fungieren. Welche Schlussfolgerungen sich daraus für die Praxis ergeben stellt Brockmann abschließend dar und gibt unter anderem Handlungsempfehlungen für Kooperationen und zur Unterstützung von Schülern mit psychisch erkrankten Eltern.

Das sechste Kapitel „Kindeswohlgefährdung und Sorgerechtsentzug in Familien mit psychisch erkrankten Eltern“ wurde von Stephan Klein und Johannes Jungbauer verfasst. Im Anschluss an einen Überblick zum Themenkomplex psychische Krankheit, Elternschaft und Sorgerecht werden rechtliche Aspekte des Sorgerechtsentzugs beleuchtet. Ferner wird der prototypische Ablauf von Sorgerechtsentscheidungen aufgrund einer Kindeswohlgefährdung beschrieben. Die in der ersten Auflage des Bandes ausführlich dargestellte Expertenbefragung wird nur kurz zusammengefasst.

Ebenfalls relativ stark gekürzt wurde das siebte Kapitel Familien mit schizophren erkrankten Eltern – Sichtweisen von Betroffenen, Partnern und Kindern von Jutta Kinzel-Senkbeil und Johannes Jungbauer. Hier werden Ergebnisse einer qualitativen Familienstudie vorgestellt, die im Rahmen des vom Herausgeber geleiteten und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Forschungsprojekts „Schizophrenie und Elternschaft“ durchgeführt wurde.

Das achte Kapitel „Entwicklungsstörungen bei Kindern psychisch kranker Eltern: Ergebnisse einer klinischen Einzelfallstudie“ von Kathrin Reininghaus und Johannes Jungbauer wurde hingegen im Vergleich zur ersten Auflage nur behutsam überarbeitet. Anhand von vier ausführlichen Einzelfallanalysen werden die Zusammenhänge zwischen einer elterlichen psychischen Erkrankung und kindlichen Entwicklungsproblemen differenziert untersucht. Als wesentliche theoretische Basis dient das entwicklungspsychologische Modell der Passung („goodness of fit“). Die Ergebnisdarstellung erfolgt in Form von Fallportraits sowie fallvergleichend bezüglich der herausgefilterten Themenbereiche.

Das abschließende neunte Kapitel „Zwischen Autonomie und Verantwortung: Jugendliche mit psychisch kranken Eltern“ von Ingeborg Habers, Kirsten Stelling und Johannes Jungbauer wurde wiederum stärker überarbeitet und deutlich gekürzt. Die AutorInnen stellen Ergebnisse einer qualitativen Interviewstudie vor, in der Jugendliche (15 bis 21 Jahre) mit einem psychisch kranken Elternteil befragt wurden. Dabei wurde die Lebenssituation der Studienteilnehmer primär aus entwicklungspsychologischer Sicht (d.h. unter besonderer Berücksichtigung alterstypischer Entwicklungsaufgaben) untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass der Lebensalltag und die Zukunftsperspektiven der Jugendlichen vielfach stark von der elterlichen Erkrankung beeinflusst sind. Aus den Untersuchungsergebnissen werden Schlussfolgerungen für Forschung und psychosoziale Praxis abgeleitet.

Diskussion

Das vorliegende Buch bietet eine erfrischende und anregende Mischung aus praxis- und forschungsorientierten Beiträgen. Der Band kann PraktikerInnen, die mit Familien mit psychisch erkrankten Eltern arbeiten oder mit der Thematik in Berührung kommen, genauso empfohlen werden wie Studierenden der Sozialen Arbeit, Sozialpädagogik und Psychologie. Angenehm ist, dass die Kapitel verständlich geschrieben und unabhängig voneinander lesbar sind.

Ein deutlicher Zugewinn der zweiten Auflage sind die neu hinzugekommenen Beiträge, welche äußerst praxisrelevante Themen und bislang eher unbearbeitete Aspekte aufgreifen. Zu nennen ist hier unter anderem das Step Duo Elterntraining. Es ist bislang das erste in Deutschland entwickelte und publizierte Elterntrainingskonzept speziell für Eltern mit einer psychischen Erkrankung. Daher hat das im vorliegenden Band dargestellte Trainingskonzept – trotz der möglicherweise nicht hinreichenden Thematisierung der elterlichen Erkrankung – sicher einen gewissen Pioniercharakter. Das Kapitel trägt hoffentlich dazu bei, dass in Zukunft noch mehr solche wünschenswerte Angebote entstehen. Ebenso steuert auch Brockmann dazu bei, den bisherigen Blick zu erweitern und den oftmals wichtigen Stellenwert der Schule für Kinder psychisch erkrankter Eltern wahrzunehmen.

Als Fazit kann festgehalten werden, dass sämtliche Beiträge dem Buchtitel gerecht werden. Alle AutorInnen sind bemüht, die Familien mit einem psychisch erkrankten Elternteil in den Blick zu nehmen und nicht „nur“ die Kinder oder „nur“ die Eltern. Es bleibt die Erkenntnis, dass sowohl Kinder als auch die (erkrankten) Eltern in angemessener Weise unterstützt werden können, wenn das ganze Familiensystem betrachtet und berücksichtigt wird, wie dies z.B. bei AKisiA oder dem Konzept „Ressourcen fördern“ der Fall ist.

Fazit

Insgesamt gibt das Buch zahlreiche interessante Anregungen für Praxis und Forschung. Insbesondere die vier neuen praxisorientierten Kapitel stellen eine deutliche Bereicherung dar. Trotzdem ist zu begrüßen, dass die zum Teil sinnvoll gekürzten oder überarbeiteten Beiträge aus der ersten Auflage beibehalten wurden, da diese nach wie vor aktuelle und wichtige Aspekte der Thematik beinhalten.


Rezensentin
Katharina Wirth
M.A. Klinisch-therapeutische Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin, in der Ausbildung zur Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin
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Zitiervorschlag
Katharina Wirth. Rezension vom 18.11.2016 zu: Johannes Jungbauer (Hrsg.): Familien mit einem psychisch kranken Elternteil. Forschungsbefunde und Praxiskonzepte. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-8474-0570-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21615.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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