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Bernd Heyder: Gewalt (Anti-Aggressivitäts-Training)

Cover Bernd Heyder: Gewalt. Das Dilemma mit dem Selbstwert. Die Klientzentrierte-Gewalt-Analyse als neue Methode im Anti-Aggressivitäts-Training. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2016. 218 Seiten. ISBN 978-3-8382-0922-7. D: 29,90 EUR, A: 30,70 EUR, CH: 33,70 sFr.
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Autor

Der Autor ist über dreizig Jahren als Sozialpädagoge in der Resozialisierung Straffälliger tätig. Er verfügt über langjährige Erfahrungen als Anti-Aggressivitäts-Trainer in der stationären und ambulanten Gewaltprävention.

Entstehungshintergrund

Bernd Heyder entwickelte das Verfahren der Klientzentrierten-Gewalt-Analyse (KGA) im Zuge seiner langjährigen sozialpädagogischen Arbeit mit Straffälligen. Primäres Ziel ist die Steigerung der Nachhaltigkeit von Resozialisierungsmaßnahmen.

Aufbau und Inhalt

Das Werk ist 218 Seiten stark, umfasst Vorwort, Einleitung sowie vier unterschiedlich große Teile. Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass eine Gewalttat als Versuch des Täters zu verstehen ist, seine Selbstwertprobleme zu lösen. Die KGA will dem Gewalttäter diesen Zusammenhang bewusst machen und in ein gewaltfreies Leben führen.

Der erste Teil zählt 73 Seiten. In ihm beschäftigt sich der Verfasser mit zentralen Begriffen seines Ansatzes. Er differenziert zwischen Aggression und Gewalt, setzt sich mit Ursachen, Auslösern, Intentionen und Konsequenzen von Gewalt sowie mit moralischem Verhalten auseinander. Moral begreift er als intuitive Fähigkeit, welche von Kultur, Religion oder Ideologie unabhängig ist. Ihr Wertemaßstab entspricht den Zielen des „biologisch verankerten Motivationssystems“ des Menschen und ist für alle eine „gültige und unveränderbare Größe“ (46).

Heyder hat beobachtet, dass Gewalttäter über einen erheblichen Mangel an Selbstwert verfügen. Weil ihnen die Ursachen hierfür aber nicht bewusst sind, neigen sie zur Kompensation, welche die Gefahr für massive Gewalttaten erhöhen kann (82), denn mit ihnen beabsichtigen sie ihren beschädigten Selbstwert zu rekonstruieren (49). Selbstwert versteht er als ein Grundbedürfnis des Menschen (71). Er unterscheidet dabei zwischen einem inneren und einem äußeren Selbstwert und zieht eine Querverbindung zu dem Verlangen des Menschen nach moralischer Integrität: Die Selbstzuschreibung eines inneren Selbstwertes ist davon abhängig, wie oft und wie gut eine Person persönliche und moralische Integrität wahren kann (57). Äußere Selbstwertkriterien hingegen eignen sich „gut zur Kompensation, denn sie können auch mittels Egoismus, Gewalt und Kriminalität“ (71) hergestellt werden.

Im 24 Seiten umfassenden zweiten Teil seines Werkes beschäftigt sich der Autor mit der Wechselwirkung zwischen Ideal-Selbst und Real-Selbst. Eine Person entwickelt Selbstwert, wenn sie versucht, sich mit ihrem realen Verhalten an das Ideal-Selbst anzunähern. Entfernt sie sich jedoch von diesem Ideal, stellen sich Unzufriedenheit und Selbstwertunsicherheiten ein. Um dennoch das Selbstwertgefühl auf einem erträglichen Niveau balancieren zu können, ist sie geneigt, das eigene Verhalten möglichst positiv zu sehen. Ein idealisiertes Selbstbild jedoch verstellt eine realistische und kritische Bewertung des Real-Selbst, persönliche Wachstumsprozesse werden so behindert oder gar blockiert. Die Person befindet sich nun in einem Dilemma, aus welchem sie sich aus eigener Kraft nicht befreien kann. Ein Selbstbetrug kann sich habitualisieren: Durch Abwehrtechniken wird unmoralisches in moralisches Verhalten verkehrt. Sind diese Kognitionen erfolgreich, verfestigen sie sich. Das Ideal-Selbst verhindert so eine selbstkritische Sicht des Individuums auf das eigene gewaltförmige und dissoziale Verhalten (103).

Aus diesen Überlegungen leitet Heyder die zentrale Rolle der Einsicht für eine „erfolgsorientierte Behandlungsstrategie“ ab: Der Klient muss ehrlich erkennen, dass er nicht in Ordnung ist und sich daher verändern muss (113). Hierfür braucht es „Methoden, die die Mauer aus Selbstbetrug zerstören können und so die Sicht auf das Reale Selbst wieder freigeben. Das geliebte idealisierte Selbstbild und damit die gesamte Lebenswelt werden als bequemer Selbstbetrug entlarvt.“ (114)

Der dritte Teil, der 89 Seiten umfasst, ist der Darstellung des Handlungsansatzes der KGA gewidmet. Der Verfasser bezieht sich dabei im Wesentlichen auf neuere Erkenntnisse der Hirnforschung nach Joachim Bauer und auf die Theorie der kognitiven Dissonanz (Leon Festinger). Die Entlarvung von Selbstbetrug und Lügen und das Bedürfnis nach Auflösung der hiermit verbundenen negativen Gefühle werde von der KGA zur Verhaltensmodifikation genutzt. Als wirksam wird die therapeutische Auseinandersetzung mit den „negativen Persönlichkeitsanteilen“ (133) der Klienten auf der einen und ihren moralischen Grundwerten auf der anderen Seite erkannt.

Im Mittelpunkt der KGA steht das Verfahren der Spiegelung. In diesem findet eine konfrontative und provokative Methodik Anwendung. Die Spiegelung folgt drei aufeinander aufbauenden Schritten, die unterschiedliche therapeutische Settings definieren: Das idealisierte Selbstbild wird kritisch hinterfragt, die unmoralischen Verhaltensweisen werden am eigenen moralischen Anspruch gemessen, die auf diesem Wege sichtbar gewordenen negativen und destruktiven Persönlichkeitsstrukturen werden ins Bewusstsein gehoben.

Der Autor versäumt es nicht, Voraussetzungen für ein solches Vorgehen zu nennen. Er thematisiert die Bedeutung einer vertrauensvollen Beziehung zwischen Klient und Therapeut, die Bereitschaft des Klienten zur Verantwortungsübernahme und zu tiefgreifender Verhaltensänderung, aber auch die des Therapeuten, dem Klienten gegenüber unangenehme Wahrheiten zu vertreten. Überlegungen zur Nacharbeit (Verstärkung durch Erfolgserlebnisse, realistische Zukunftsperspektive und Verhaltensaufträge) schließen hier an.

Des Weiteren stellt der Verfasser verschiedene Anwendungsmöglichkeiten seiner KGA vor und blickt kurz auf Evaluationsergebnisse sowie Reflexionsberichte seiner Klienten.

Im 17 Seiten umfassenden vierten Teil wendet er sich abschließend „übergeordneten Betrachtungsweisen“ (205) zu und gelangt dabei zu einigen „philosophischen“ Überlegungen sowie einem Fazit, welches an die moralische Vorbildfunktion der Eliten appelliert.

Diskussion

Bernd Heyder beabsichtigt nicht, mit seinem Buch eine „weitere theoretische Abhandlung über das Thema Gewalt“ vorzulegen. Es ist „aus der Praxis entstanden“ und „für die Praxis geschrieben.“ worden. Mit ihm will der Autor „die Fragen nach dem Warum“ beantworten und dabei „die Realitäten der Täter, die Ursachen, die Auslöser, die Zielsetzung und die Konsequenzen ihrer Taten in einem schlüssigen Konzept“ (9) zusammenfassen. Dafür thematisiert er den ohne Zweifel bedeutenden Zusammenhang zwischen Selbstwertproblematik und gewaltförmigem Verhalten.

Dieser Anspruch ist nicht gerade bescheiden und verlangt eigentlich auch theoretische Explikationen. Diese liefert der Autor durchaus und verknüpft dabei unterschiedlich ansetzende theoretische Modelle, jedoch ohne dies zu reflektieren. Die postulierten Wirkmechanismen seiner KGA leitet er im Wesentlichen aus der Theorie der kognitiven Dissonanz und der neurobiologisch begründeten Prämisse ab, dass der Mensch über ein Grundbedürfnis nach moralischer Integrität verfügt. Auch die personenzentrierte Theorie nach Carl Rogers und die provokative Therapie nach Farrelly / Brandsma werden herangezogen. Der Argumentation inhärent sind ebenfalls tiefenpsychologische Inhalte, die allerdings nicht expliziert und belegt werden.

Als Grundlage dienen „Daten von über 600 jugendlichen und erwachsenen Gewalttätern“ (9). Wie und was Bernd Heyder tatsächlich empirisch über seine Klienten erhoben hat und wie er auf Grundlage dieser Daten zu seinem Handlungsansatz gelangt, bleibt aber weitgehend offen.

Der Autor begründet die KGA grundsätzlich formal stimmig. Er versäumt es nicht darauf hinzuweisen, dass sein Ansatz nicht vollständig neu ist. Vielmehr will er mit ihm bestehende, konfrontativ ansetzende gewaltpräventive Verfahren (AAT) erweitern und bereichern.

Das Verfahren der KGA setzt auf die Einsicht der Klienten. Die Frage, welche Voraussetzungen sie erfüllen müssen (z.B. Persönlichkeit, soziales Umfeld), damit eine derart ausgerichtete therapeutische Vorgehensweisen erfolgversprechend zur Anwendung kommen kann, wird nicht wirklich beantwortet. Meiner Auffassung nach setzt die Technik der Spiegelung eine einschlägige therapeutische Qualifizierung voraus. Immerhin handelt es sich hierbei um ein aufdeckendes Verfahren, welches verantwortungsvoll gestaltet werden will.

Die KGA ist induktiv aus der Praxis generiert und zu einem Idealtypus verdichtet worden. Das geht im Prinzip in Ordnung, Ansatz und Arbeitsweise werden so erkennbar. Das Wirkkonzept wird für meinen Geschmack aber etwas zu glatt vorgestellt. Ein Buch, welches dem Anspruch folgt, aus der Praxis zu kommen, hätte offen und kritisch Imponderabilien und Grenzen thematisieren können.

Leider erfolgt die Bibliografierung der verwendeten Quellen ausschließlich anhand von Fußnoten, nicht jede Quelle ist vollständig, ein Literaturverzeichnis fehlt.

Fazit

Bernd Heyder gelingt es, Zusammenhänge zwischen Selbstwertproblematik und gewaltförmigem Verhalten anschaulich darzulegen. Praxisbeispiele und Zwischenfazits erleichtern das Verstehen der Gedankenführung. Erfreulich ist, dass der Autor zwischen Aggression und Gewalt besonders in Hinblick auf pädagogische Überlegungen differenziert.

Es ist sehr zu begrüßen, wenn Praktiker der Sozialpädagogik ihre Arbeit in einem theoretischen Rahmen systematisieren, zu einem Handlungsansatz verdichten, in der Praxis erproben und der Fachwelt vorstellen.

Dem Autor kommt das Verdienst zu, einen weiterführenden Beitrag zur Professionalisierung sozialpädagogischen Handelns geleistet zu haben. Sein Buch eignet sich nicht nur gut für Erzieher, Sozialpädagogen, Lehrer, sondern auch für andere Professionen, die sich mit diesem Thema beschäftigen, sowie interessierte Studierende und die Seminararbeit.


Rezensent
Prof. Dr. Gerd Krüger
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Fakultät Wirtschaft und Soziales
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Zitiervorschlag
Gerd Krüger. Rezension vom 09.12.2016 zu: Bernd Heyder: Gewalt. Das Dilemma mit dem Selbstwert. Die Klientzentrierte-Gewalt-Analyse als neue Methode im Anti-Aggressivitäts-Training. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-8382-0922-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21617.php, Datum des Zugriffs 08.12.2019.


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ISSN 2190-9245

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