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Björn Peter Hagen (Hrsg.): Jugendhilfe in Kooperation

Cover Björn Peter Hagen (Hrsg.): Jugendhilfe in Kooperation. Erziehungshilfen - Kinder- und Jugendpsychiatrie - Polizei - Justiz. SchöneworthVerlag (Hannover) 2016. 172 Seiten. ISBN 978-3-945081-12-9.
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Thema

Kinder- und Jugendliche, die in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe betreut werden, haben oftmals einen darüber hinausgehenden Förder- oder Beratungsbedarf. Insofern stehen diese Einrichtungen auch immer im Kontakt mit Kooperationspartnern, deren Angebote, Zuständigkeiten und Arbeitsweisen sie kennen sollten.

Herausgeber

Dr. Björn Hagen ist Geschäftsführer im Evangelischen Erziehungsverband EREV und insbesondere bekannt durch seine empirischen Untersuchungen zu spezifischen Fragen der Leistungen von Erziehungshilfe.

Entstehungshintergrund

Die Publikation ist hervorgegangen aus Diskussionen im Kontext der Projektgruppe „Erziehungshilfen – Kinder- und Jugendpsychiatrie – Polizei – Justiz“ im Evangelischen Erziehungsverband. Die AutorInnen sind nahezu ausschließlich Fachkräfte aus den Feldern der Kinder- und Jugendpsychiatrie und der Jugendhilfe. Sie sind Mitglieder dieser Gruppe, die dort über ihre z.T. langjährige Erfahrungen mit einschlägigen Projekten berichtet haben.

Aufbau

Das Buch umfasst – nach einer kurzen Einleitung des Herausgebers – insgesamt 13 Kapitel im Umfang von jeweils 10 bis 15 Seiten, wobei in jedem ein spezifisches Kooperationsprojekt der Jugendhilfe beschrieben wird. Acht Beiträge beziehen sich auf das Handlungsfeld der Jugendpsychiatrie, vier auf das Handlungsfeld Justiz und Polizei sowie ein weiterer Beitrag auf das Thema Rechtsextremismus.

Inhalte

Den Schwerpunkt der Publikation bilden die Beiträge zu Kooperationsprojekten zwischen Erziehungshilfen und der Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Zunächst berichten Matthias Martin und Katarina Müller über die langjährigen Entwicklungen der Jugendhilfeeinrichtung „Leppermühle“ bezüglich der Öffnung der Einrichtung für junge Menschen mit Autismus-Spektrums-Störungen und ähnlichen Beeinträchtigungen. Inzwischen betreut die Einrichtung etwa 300 PatientInnen in verschiedensten Wohn- und Betreuungsformen.

Gunter Adams stellt das Würzburger Kooperationsmodell vor, das sich seit 1998 insbesondere der Entwicklung einer analogen Versorgungsstruktur von Kinder- und Jugendpsychiatrie und Jugendhilfe „aus Augenhöhe“ in Form von ambulanten, teilstationären und stationären Formen verschrieben hat. Erzieherische, sonderpädagogische und psychiatrische Bedarfe werden in einer multiperspektivischen Sicht berücksichtigt.

Michael Flaig aus Stuttgart nimmt die Kooperation zwischen einem sonderpädagogischen Bildungszentrum und der Kinder- und Jugendpsychiatrie in den Blick und betont die Zusammenarbeit zwischen psychiatrischer Tagesklinik und Klinikschule. Schwerpunkt der gemeinsamen Arbeit ist der Beziehungsaufbau sowie die Ermittlung des Förderbedarfs.

Martin Becker, Kerstin Maier und Christiane Mätzig gehen in drei Kurzbeiträgen auf ein interdisziplinäres Weiterbildungsprojekt zum Thema „Professionelle Beziehungsgestaltung“ ein, in dem im Rahmen von zehn eintägigen Treffen im Jahr im Verlauf von drei Jahren vorwiegend an den Erfahrungen und den Selbst- und Fremdwahrnehmungen der Fachkräfte angeknüpft wird.

Andrea Dixius und Eva Möhlerstellen den Netzwerkbegriff in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen und erläutern darin das Behandlungsprogramm der Dialektisch Behavioralen Therapie für Adoleszente. In Kooperationsverträgen werden Jugendliche vor, während und nach einem Psychiatrieaufenthalt in spezifischen Wohngruppen im Rahmen eines integrierten Erziehungs- und Therapiesettings betreut. Dabei wird auch über spezifische Ergebnisse einer entsprechenden Fortbildung berichtet.

In einem durch Fallbeispiele illustrierten Theorie-Beitrag stellt Michael Brünger zehn Thesen zur Kooperation zwischen den Hilfesystemen auf und betont die Bedeutung der zu erwartenden rechtlichen Entwicklungen im SGB VIII für Verbesserungen der fachlichen Orientierung an den Bedarfen der jungen Menschen.

Den Themenbereich Jugendpsychiatrie vorerst abschließend berichtet Karsten Rudolf von seinen Erfahrungen in einem regionalen Kooperationsprojekt und dessen Konzeption anhand der einzelnen Module. Besonders betont werden wertschätzende Umgangskultur, frühzeitige wechselseitige Einbindung und ein niedrigschwelliger Zugang zu den Hilfen.

Zum Thema Kooperation mit Justiz und Polizei macht Staatsanwalt Bernd Klippstein den Aufschlag mit einem Überblick über die rechtlichen Bestimmungen des Jugendgerichtsgesetzes (JGG) zu den Themen Jugendgerichtshilfe, Strafaussetzung, Bewährungszeit sowie Weisungen und Auflagen. Somit werden die Voraussetzungen für eine mögliche Nutzung von Jugendhilfeangebote für straffällig gewordene Jugendliche untersucht.

Mit einem Praxisbericht aus dem Eylarduswerk zur Arbeit mit impulsgestörten Jugendlichen schließt der Beitrag von Thorsten Opfermann und Raphael Hartmann an. Wenn diese Jugendlichen (erneut) straffällig werden, so wird nach Maßnahmen gesucht, die sowohl den Anliegen der Justiz wie auch den erzieherischen Bedarfen der Jugendlichen gerecht werden. Das konkrete Vorgehen wird an einem Fallbeispiel erläutert Dabei wird die Bereitschaft von Akteuren in Polizei und Justiz zur Kooperation mit der Jugendhilfe betont.

Das Thema Jugendarrest steht im Mittelpunkt des Artikels von Gerhard Tuschhoff. Aufbauen auf einem kurzen geschichtlichen Abriss werden rechtliche Grundlagen und Regelungen für die Ausgestaltung diskutiert. Es folgt eine ausführliche empirische Analyse von Daten aus der Jugendarresteinrichtung Gelnhausen in Hessen zu vorliegenden Straftaten, Altersstruktur und Verweildaten und Rückfälligkeit der Arrestierten.

Zum spezifischen Thema sexueller Übergriffe trägt Polizeihauptkommissar Werner Gloss wichtige Informationen und Details zusammen. Die jeweils unterschiedlichen Verantwortlichkeine von Jugendhilfe sowie von Polizei und Justiz werden geklärt und insbesondere die Kooperation im Verlauf einer Verdachtsklärung ausführlich dargelegt.

Einen weiten Überblick zu verschiedensten Aufgabenfeldern in der Kooperation zwischen Jugendämtern und der Kinder- und Jugendpsychiatrie geben Ingo Spitzok von Brisinski und Lars Philips. Themen wie Inobhutnahme, Kindeswohlgefährdung; Eingliederungshilfe nach § 35a SGB VIII sowie Anschlussmaßnahmen nach Psychiatrieaufenthalt werden erläutert. Eine kurze Darlegung empirischer Ergebnisse einer Befragung bei Jugendämtern schließt den Beitrag ab.

Einen besonderen Blickwinkel beleuchtet der Artikel von Thorsten Niebling über Hilfen für Jugendliche zum Ausstieg aus der rechten Szene. Anhand eines Fallbeispiels wird gezeigt, wie in diesem Projekt „Rote Linie“ gearbeitet wird und in welcher Weise die Jugendhilfe bei der Angebotsentwicklung mit Schule und Justiz zusammenarbeitet.

Fazit

Der Band bietet einen breiten Überblick über konkrete Versuche, Brücken und Beziehungen zwischen den genannten Feldern herzustellen und zu erproben. Dabei liegt der Schwerpunkt auf konkreten, z. T,. auch langjährigen Erfahrungen. Somit wird dem Leser Gelegenheit gegeben, Entwicklungen nachzuvollziehen und auch die anspruchsvollen Voraussetzungen der jeweiligen Kooperationen zu beurteilen. Verständlicherweise fallen die Beiträge in Bezug auf ihren Detaillierungsgrad durchaus unterschiedlich aus. Nur zwei Beiträge wurden von Autoren außerhalb des einschlägigen Feldes der Sozialen Arbeit/Psychiatrie verfasst, was durchaus die Perspektive punktuell erweitert und ausbaufähig wäre. Auch hätte man sich von Seiten des Herausgebers eine etwas ausführlichere Gesamtauswertung der Einzelbeträge gewünscht.


Rezensent
Prof. Dr. Matthias Moch
Duale Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart. Studiengangsleiter Erziehungshilfen 1
Vorsitzender der Fachkommission Sozialwesen
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Zitiervorschlag
Matthias Moch. Rezension vom 07.08.2017 zu: Björn Peter Hagen (Hrsg.): Jugendhilfe in Kooperation. Erziehungshilfen - Kinder- und Jugendpsychiatrie - Polizei - Justiz. SchöneworthVerlag (Hannover) 2016. ISBN 978-3-945081-12-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21619.php, Datum des Zugriffs 14.12.2017.


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