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Karla Kämmer, Jürgen Link: Management in der ambulanten Pflege

Cover Karla Kämmer, Jürgen Link: Management in der ambulanten Pflege. Besser organisieren - sicherer führen - kundenorientierter pflegen. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2016. 168 Seiten. ISBN 978-3-89993-358-1. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 43,50 sFr.
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Thema

Dem vorliegenden Werk wohnt eine hohe Aktualität inne. Es kommt mehr und mehr zu einer Verschiebung pflegerischer Leistungen von stationären Institutionen wie Alten- und Pflegeheimen, sowie Kliniken, hin zu ambulanten Versorgungsformen. Diese politisch gewollte Entwicklung geht damit einher, dass diese Strukturen noch nicht in Gänze die pflegeprofessionellen Voraussetzungen besitzen, die diesem Sektor zustehen müssten. Das deutsche Sozialversicherungssystem sichert das Risiko der Pflegebedürftigkeit erst seit 1993 teilweise ab. Seit dieser Zeit kommt es zu einem Wachstum von ambulanten Versorgungseinrichtungen. Dieses Wachstum hält bis heute an. Das staatspolitische Ziel „ambulant vor stationär“ wird hier, auch auf der Grundlage des demografischen Wandels, fortschreitend realisiert.

Parallel zu diesem wachsenden „Markt“ sind die Verdienstmöglichkeiten für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im ambulanten Sektor immer noch niedriger als zum Beispiel in den Kliniken Deutschlands. Das unterstellt nicht, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schlechter qualifiziert sind für ihre Funktionen, doch hat gute und hochqualifizierte Leistung eben auch ihren Preis. Die Rahmenbedingungen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im ambulanten Setting sind zum Teil immer noch schlechter als in den stationären Strukturen. Genannt seien hier der geteilte Dienst, Nutzung von privaten PKW´s und der hohe Zeitdruck in der direkten Klienten-/ Patientenversorgung. Pflege ist eben auch Beruf und nicht nur Berufung und viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen von ihrer täglichen Arbeit auch eine Familie ernähren können.

In dem Triangel zwischen politisch gewollten Rahmenbedingungen (Finanzierung des Pflegesystems), den Mitarbeiter- und Unternehmensinteressen ist es Aufgabe der Führung einen Interessenausgleich herzustellen. Diese zugegebenermaßen Herkulesaufgabe zu bewältigen stellt an die Vorgesetzten hohe Ansprüche. Neben den fachlich-sachlichen Fähigkeiten, gern auch Kompetenzen genannt, darf die Menschlichkeit eben nicht auf der Strecke bleiben. Damit ist nicht nur der Umgang mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gemeint, sondern auch die Realisierung einer menschenwürdigen Pflege gegenüber der Bevölkerung. Eine rein technokratisch angelegte Führung, die die Methoden der Qualitätsmanagements beherrscht, damit der MDK befriedigt wird, reicht eben nicht aus. Insofern ist jedes Werk, welches sich mit den Führungsfunktionen im ambulanten Pflegebereich befasst, zu begrüßen.

Zielgruppe

Als potentielle Leserinnen und Leser dieses Buches werden von den Autoren explizit „alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der ambulanten Pflegedienste“genannt.

Aufbau und Inhalt

Die Gliederung des Buches wirkt übersichtlich und spiegelt eine primär betriebswirtschaftliche Perspektive des Themas wider.

So wird schon im Vorwort ein spezifischer Marktmechanismus wie „Wettbewerbsbranche“ herangezogen um die Relevanz des Buches zu begründen.

In der Einführung setzt sich diese Sichtweise fort, wenn von „Ambulanter Pflege – ein Wachstumsmarkt“ gesprochen wird (S. 9).

Im Kapitel 1 befassen sich die Autoren mit den Erfolgkriterien im Management. Hierunter werden Phänomene und Begriffe wie Kommunikation, Wertschätzung, Vertrauen usw. subsumieren. Warum diese Kriterien oder besser Einflussfaktoren des Managements ausgewählt wurden, erschließt sich der geneigten Leserin oder dem Leser nicht. Die vorgestellten Phänomene und Begriffe werden zu oberflächlich und wenig praxisrelevant vermittelt.

Nachfolgend werden die personalwirtschaftlichen Konzepte der Personalbeschaffung und -bindung inkl. der Personalauswahlverfahren vorgestellt. Vor allem eine vorgestellte Bewertungsskala zur Beurteilung von Bewerbern im Vorstellungsgespräch entsprechen zwar dem Managementwunsch nach einer Objektivierung einer Personalentscheidung spiegeln jedoch nicht die Komplexität und somit die Subjektivität von menschlichem Beurteilungsvermögen wider. (28, 34)

Wirklich kreativ ist der Ansatz der „Ethischen Fallbesprechungen“ (S. 38ff). Diese Methodik ist in seiner Wirksamkeit nicht hoch genug einzuschätzen. Die Empfehlung einer vertiefenden Literatur hätte breiter ausfallen können.

Das nachfolgende Kapitel über das Qualitätsmanagements entspricht der aktuellen Literatur und wurde auf das Wesentliche sinnvoll reduziert. So werden die verschiedenen Darstellungsformen über betriebliche Regelungen übersichtlich und nachvollziehbar vorgestellt.

Der Abschnitt zur Personaleinsatzplanung (Kap. 4) stellt die traditionelle Form der Dienstplanung als Fremdsteuerungsinstrument vor. Aktuelle Systeme befassen sich eher mit sog. selbstgesteuerten Dienstplänen, in denen die Mitarbeiterautonomie weiter gestärkt werden soll. In der vorgestellten Form der Personaleinsatzplanung geht es primär darum, dass die Vorgesetzten gleichsam als Kümmerer, die Wünsche der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter umsetzt. Wenn das nicht passiert, sind die Pflegenden eben unzufrieden. Diese sehr verkürzte und reduzierte Perspektive könnte eher für eine Stabilisierung insuffizienter Dienstplanungssysteme sorgen, als dass innovative oder zeitgemäße Systeme vorgestellt werden. Ebenso wenig werden mitarbeiterfreundliche Systeme zur Kompensation des spontanen Personalausfalls erläutert.

Aufbauend auf dem Kapitel 5, hier werden mögliche Aufbau- und Ablauforganisationskonzepte für ambulante Pflegedienste korrekt entfaltet, werden im Kapitel 6 die „Perspektiven für die ambulante Pflege“ interpretiert. (S. 119) Neben der Darstellung ausgewählter demografischer Daten (Bevölkerungsstatistik) werden die gesetzlichen Grundlagen des Pflegeversicherungsgesetzes erläutert. Hierunter fallen auch die Ausführungen zu den Pflegegraden und dem Pflegestärkungsgesetz. Die Szenarien, wie sich das Phänomen der Pflegebedürftigkeit qualitativ und quantitativ entwickeln könnte, scheinen statistisch vordergründig nachvollziehbar, missachten leider die aktuellen technischen, medizinischen und politischen flankierenden Maßnahmen.

Die Inhalte und Leistungskomplexe, die durch ambulante Pflegeanbieter zu erbringen sind oder erbracht werden können, werden im Abschnitt 7 (Management ambulant) umfassend erörtert. Zum Schluss des Buches befassen sich die Autoren kurz (6 Seiten) mit den wesentlichen Inhalten des Marketings und der Öffentlichkeitsarbeit für ambulante Pflegedienste.

Fazit

Für die definierte Zielgruppe des Buches dürften die Inhalte durchaus ausführlicher und differenzierter vorgestellt werden. Um die Komplexität des ambulanten Pflegesystems abbilden zu können, bedarf es der Vielfalt der Perspektiven, Meinungen und Einstellungen. So werden zum Beispiel die möglichen Erfolgskriterien des Managements vorgestellt, jedoch nicht vor einem spezifischen individuellen oder wissenschaftlichen Menschenbild erläutert oder begründet. Die von Anfang bis Ende des Buches angewandte betriebswirtschaftliche Perspektive führt eben auch zu Einstellungen und Werten in einem System, hier dem Gesundheitssystem. Wenn die Inhalte zur Orientierung in der Welt der ambulanten Pflege dienen sollen, was die Autoren nicht explizit postulieren, werden die Leserinnen und Leser des Buches nicht zu einer kritischen Einstellung zum Gesundheitswesen finden. Das Buch wird somit der fortschreitenden Ökonomisierung im Gesundheitswesen dahingehend gerecht, in dem es genau diesen Managertypus bedient. Ebenso hätte eine kritische Auseinandersetzung mit den Konzepten der Personalgewinnung gut getan. So werden Trivialstandpunkte, wie „Personalgewinnung ist kein Zufallsprodukt, (.)“ sicher nicht dem Themenkomplex gerecht. (S. 24)

Durch die hohe gesellschaftliche Relevanz des Themas wird eine kritische Auseinandersetzung mit dem sozialen Risiko der Pflegebedürftigkeit vermisst. Insgesamt hätte dem Buch eine breitere Verwendung der vorhandenen Literatur gut getan. Das vorliegende Buch ist verständlich geschrieben und kann durchaus als Einstieg in die vertiefende Literatur genutzt werden.


Rezensent
Prof. Dr. Olaf Scupin
Stationspfleger, Pflegedienstleiter, Dipl. Pflegewirt (FH), Humanontogenetiker, Professor für Pflegemanagement an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena (EAH) Fachbereich Gesundheit und Pflege, Direktor am Institut für Coaching und Organisationsberatung der EAH Jena (ICO-Jena). Direktor für Pflegeentwicklung in den Waldkliniken Eisenberg
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Zitiervorschlag
Olaf Scupin. Rezension vom 12.01.2018 zu: Karla Kämmer, Jürgen Link: Management in der ambulanten Pflege. Besser organisieren - sicherer führen - kundenorientierter pflegen. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2016. ISBN 978-3-89993-358-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21622.php, Datum des Zugriffs 23.01.2018.


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