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Hansgeorg Ließem: Soziotherapie in Deutschland

Cover Hansgeorg Ließem: Soziotherapie in Deutschland. Arbeitsbuch für das Jahr 2016. debux Verlag (Göttingen) 2016. 148 Seiten. ISBN 978-3-946614-01-2. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
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Thema

Soziotherapie ist eine seit dem Jahr 2000 im § 37a des SGB V verankerte Leistung der gesetzlichen Krankenversicherungen. Sie soll psychisch schwer erkrankten Menschen helfen, Zugang zu den für sie erforderlichen Hilfen zu erhalten. Soziotherapeuten unterstützen auf Verordnung Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen bei der Koordination von Behandlungsmaßnahmen und tragen so laut einer Evaluationsstudie des Bundesministeriums für Gesundheit von 1999 zur Reduktion von Krankenhauszeiten und somit zur Kostensenkung im Gesundheitswesen bei (vgl. Ließem 2016, S. 3).

Ließem erstellt mit seinem Arbeitsbuch Soziotherapie auf insgesamt 148 Seiten im DIN-A4-Format eine Übersicht über den Diskussionsstand der Soziotherapie in Deutschland. Neben rein deskriptiven Inhalten, wie z. B. den geltenden Gesetzestexten und der Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses zur Verordnung von Soziotherapie von 2015, werden auch kritisch wertende Texte zu den Defiziten bei der bisherigen Umsetzung der Maßnahmen sowie Verbesserungs- und Entwicklungsvorschläge angebracht (z. B. Kommentar zur Richtlinie von 2015 vom Verband der Soziotherapeuten e. V.).

Weiter werden die für Soziotherapeuten relevanten Formulare wie der fachärztliche Verordnungsbogen samt Anlage zur Erstellung des Behandlungsplans sowie ein Muster zur soziotherapeutischen Dokumentation abgebildet. Abgeschlossen wird das Buch mit einer Länderübersicht, welche die unterschiedlichen Ausgestaltungen der Soziotherapie-Richtlinie deutlich macht.

Ließem möchte mit dem Buch die wichtigsten Papiere zur Tätigkeit von Soziotherapeuten zusammenstellen, die bisher von der Gesetzgebung, vom Gemeinsamen Bundesausschuss, vom Medizinischen Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e. V. und auch von Seiten des Berufsverbandes der Soziotherapeuten herausgegeben wurden (vgl. S. 3).

Aufbau

Das Buch unterteilt sich in fünf Kapitel:

  1. Rechtliche Grundlagen der Soziotherapie
  2. Was leistet Soziotherapie?
  3. Zulassung als Soziotherapeutin
  4. Die Verordnung von Soziotherapie
  5. Länderübersicht

Inhalt

Kapitel 1 – Rechtliche Grundlagen der Soziotherapie. Das erste Kapitel „Rechtliche Grundlagen der Soziotherapie“ beginnt mit einem Gesetzesauszug des § 37a SGB V, in dem die Soziotherapie seit 2000 verankert ist. Als Soziotherapie-Richtlinie gekennzeichnet folgt die „Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses über die Durchführung von Soziotherapie in der vertragsärztlichen Versorgung“ in der Neufassung vom 22. Januar 2015 (S. 11 ff.). Die Richtlinie beinhaltet neun Paragraphen, welche die Grundlagen und Ziele von Soziotherapie (S. 13 f.), die Indikation und Therapiefähigkeit (S. 14 f.), den Leistungsinhalt (S. 15 f.), die ärztliche Verordnung (S. 17 f.), den Leistungsumfang (S. 18 f.), die Vorbereitung, Planung und Erfolgskontrolle (S. 19 f.), die Zusammenarbeit mit dem Krankenhaus (S. 20), die Zusammenarbeit mit dem soziotherapeutischen Leistungserbringer (S. 20) sowie die Genehmigung von Soziotherapie (S. 20 f.) abbilden. Den Abschluss des ersten Kapitels bildet ein vom Berufsverband der Soziotherapeuten e. V. verfasster Kommentar zur vorgestellten Richtlinie (S. 23 ff.). Hier finden sich erste kritische Töne zu den Richtlinien des Bundesverbandes und zum aktuellen Umsetzungsstand der Leistungen und der Versorgungslandschaft in Deutschland bzw. in den einzelnen Bundesländern.

Kapitel 2 – Was leistet Soziotherapie? Das zweite Kapitel umfasst zwei Texte des Berufsverbandes der Soziotherapeuten e. V. zur Leistungsbeschreibung der Soziotherapie von November 2015 sowie die Abgrenzung der Soziotherapie zur „Ambulanten Psychiatrischen Pflege“ und zum „Betreuten Wohnen“. Die Leistungsbeschreibung widmet sich in zehn Kapiteln nach einer vorbereitenden Erklärung den Themen Indikation, Beeinträchtigung und Therapiefähigkeit (S. 33 ff.), Leistungsinhalte (S. 35 f.), dem soziotherapeutischen Betreuungsplan (S. 36 ff.), Koordination von Behandlungsmaßnahmen und Leistungen (S. 39 ff.), Arbeit im sozialen Umfeld (S. 41 f.), Motivations- (Antriebs-) relevantes Training (S. 47 ff.), Training zur handlungsrelevanten Willensbildung (S. 50 ff.), Anleitung zur Verbesserung der Krankheitswahrnehmung (S. 52 ff.) und Hilfe in Krisensituationen (S. 55 f.), gefolgt von einer Schlussbemerkung (S. 56). Die Abgrenzung von Soziotherapie zu Ambulanter Psychiatrischer Pflege und Betreutem Wohnen differenziert sich in den verschiedenen Unterstützungsformen. Hierzu wird zunächst auf gemeinsame Arbeitsprinzipien (S. 59) und anschließend auf die Unterscheidungsmerkmale (S. 59 f.) z. B. der Zielgruppe, der wirtschaftlichen Folgen für die Betroffenen, der Auslösung von Leistungen sowie der Ziele und der Vergütungskriterien hingewiesen.

Kapitel 3 – Zulassung als Soziotherapeutin. Auch das Kapitel zur Zulassung umfasst zwei Texte, zum einen die Ordnung zur Ausübung von Soziotherapie in Deutschland vom Berufsverband der Soziotherapeuten e. V. von November 2015. Diese befasst sich mit den Kernanforderungen an Soziotherapeuten (S. 70 ff.), Ausbildungsvoraussetzungen (S. 72 f.), Erfahrungsvoraussetzungen (S. 73 f.), Fort- und Weiterbildung (S. 74), Organisation der Soziotherapie (S. 74 f.), der Ergebnisqualität (S. 75 f.) und den Zukunftsperspektiven (S. 76 f.). Zum anderen listet Ließem nachfolgend die Formen der Zusammenarbeit mit den Krankenkassen (S. 79 ff.) auf. Hier werden im Einzelnen der in einigen Bundesländern bestehende „Rahmenvertrag“ (S. 81 f.), die „Einzelvereinbarung“, welche in Bundesländern ohne Rahmenvertrag Anwendung findet (S. 82), die „Kassenanforderung ohne bestehende Vereinbarung“ (S. 82 f.), die aufgrund der gesetzlichen Kannbestimmung z. B. in NRW Anwendung findet, sowie die „freie Einzelabsprache ohne Vereinbarung“ (S. 83 f.) genannt.

Kapitel 4 – Die Verordnung von Soziotherapie. Das vierte Kapitel beginnt mit der Abbildung der für die Erbringung von Soziotherapie erforderlichen Formulare, also des Verordnungsbogens, des Betreuungsplans, der Verordnung für die Indikationsstellung sowie eines Musterbogens zur soziotherapeutischen Dokumentation. Anschließend widmet sich Ließem der im DSM-IV angegliederten GAF-Skala (Global Assessment of Functioning), welche zur Beurteilung und Festlegung eines soziotherapeutischen Handlungsbedarfes und somit zur Rechtfertigung einer Verordnung dient. Ließem kritisiert an dieser Stelle den fehlenden Bezug auf körperliche Beeinträchtigungen und Umfeldfaktoren, wie es seit Einführung der ICF (International Classification of Functioning, Disability and Health) (WHO 2001) üblich und sinnvoll ist.

Den dritten Teil des vierten Kapitels bildet die Begutachtungs-Richtlinie Ambulante Soziotherapie § 37a SGB V des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen von 2002. Diese muss nach Ansicht des Autors nach der Novellierung des Gesetzes überarbeitet werden, sei aber deshalb für die Soziotherapeuten von Bedeutung, da bisher nahezu alle Verordnungen von den Krankenkassen dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) zur Begutachtung vorgelegt werden (vgl. S. 95).

Kapitel 5 – Soziotherapie in den Bundesländern. Hier nimmt das Buch eine Einordnung des aktuellen Standes der Soziotherapie in den einzelnen Bundesländern vor. Ließem gliedert die Informationen in die Bereiche zugelassene Soziotherapeuten, zuständige Krankenkassen, zugelassene Fachärzte, zuständige Kassenärztliche Vereinigung, vereinbarte Vergütung und Zusammenarbeit der Soziotherapeuten. Insbesondere diese übersichtliche Darstellung der unterschiedlichen Versorgungsstrukturen, Bestimmungen und Vergütungen könnte, obwohl unkommentiert, einen wichtigen Beitrag zur erforderlichen Diskussion über die Umsetzung von Soziotherapie leisten.

Diskussion und Fazit

Den Grund für die Notwendigkeit dieses Buches erläutert Ließem bereits in seiner Einführung: „So vernünftig es wäre, Soziotherapie flächendeckend zu verbreiten, so schwierig bleibt das Angebot zu realisieren, weil die Ansprüche an die Soziotherapie hoch und die Vergütungen für ihre Leistungen sehr niedrig ausfallen“ (S. 4).

Der Berufsverband der Soziotherapeuten e. V., dessen Vorsitz Ließem innehat, hat „die Förderung der psychiatrischen Versorgung, insbesondere durch Verbreitung, fachliche Qualifizierung und hohe Qualitätsstandards der ambulanten Soziotherapie sowie durch Information der (Fach-)Öffentlichkeit, Förderung von Weiterbildungen und interdisziplinären Austausch“ (vgl. www.soziotherapie.eu) zum Ziel. Dieses Ziel der Öffentlichkeitswirksamkeit erreicht Ließem durch die vorliegende Publikation, indem er mit der Mischung aus Sachinhalten und kritischen Beiträgen eine breite Leserschaft ansprechen kann. Zum einen ist das Buch für etablierte Soziotherapeuten und an Soziotherapie interessierte Praktiker empfehlenswert, da es einen Überblick über die relevanten Gesetze und Bestimmungen gibt und somit für den Anwender zu einem nützlichen Handbuch wird. Zum anderen tragen insbesondere die kritischen Töne des Berufsverbandes dazu bei, weitere Diskussionen anzuregen, um Soziotherapie zu einem (auch wirtschaftlich) interessanten Arbeitsfeld zu machen und um ihr zu der erforderlichen Anerkennung seitens der Kostenträger zu verhelfen, damit sie schließlich in der deutschen Gesundheitsversorgung etabliert werden kann.

Würde der Leser mit dem Kapitel der Länderübersicht beginnen, würde sich unweigerlich die Frage aufdrängen, weshalb eine Auseinandersetzung mit Soziotherapie überhaupt zu führen sein sollte. So ist in Hessen beispielsweise nur ein niedergelassener Soziotherapeut gelistet (vgl. S. 133). In Mecklenburg-Vorpommern sind es drei (vgl. S. 134), im rheinländischen Teil von Nordrhein-Westfalen gibt es keinen (vgl. S. 137). Hier erhalten Fachkräfte Kostenzusagen durch Einzelfallentscheidungen (vgl. S. 137). Als Begründung hierfür führen die Krankenkassen einen fehlenden Bedarf an (vgl. S. 137). Schaut man sich die Vergütungsstrukturen an, so ist auch hier keine einheitliche Regelung zu finden. Wohl aber ein Kostensatz, der Soziotherapie als Erwerb schlicht uninteressant werden lässt. Die Kostensätze für eine soziotherapeutische Behandlung liegen zwischen 28,00 Euro (Thüringen) und 44,13 Euro (Bayern). Eine zusätzliche Vergütung von Fahrt- oder Dokumentationszeiten sowie für den erforderlichen Verwaltungsaufwand wird in der Regel nicht erbracht. Auch die Struktur der zur Verordnung von Soziotherapie zugelassenen Fachärzte ist nicht flächendeckend gegeben. Dass Ließem trotzdem für die Soziotherapie in die Bresche springt, erklärt sich durch verschiedene Studien, die die Wirksamkeit der Maßnahmen belegen. Zum einen kann durch Soziotherapie eine Reduktion der Kosten im Gesundheitswesen erreicht werden. Was aber noch schwerer wiegt: Durch Soziotherapie kann die Lebensqualität der Leistungsbezieher erheblich verbessert werden (vgl. Evaluationsstudie des Bundesministeriums für Gesundheit von 1999; Ließem 2016, S. 3).

Bei der Soziotherapie handelt es sich um eine gesetzlich verankerte Leistung, also um eine Leistung, auf die ein Rechtsanspruch besteht. Die Gruppe der möglichen Leistungsempfänger kennzeichnet sich dadurch, dass es ihr eben nicht ohne weiteres möglich ist, Leistungen selbständig in Anspruch zu nehmen. Somit reicht es nicht, dass Leistungen theoretisch vorhanden sind. Es muss eine Versorgungslandschaft entstehen, die die Umsetzung des Rechtsanspruches möglich macht. Dazu gehören auch die entsprechenden Strukturen für Leistungserbringer. Ließem schiebt diese Diskussion an, was das Werk neben seinem Anspruch als Arbeitsbuch für die weitere Entwicklung der Soziotherapie wertvoll macht. Aus diesen Gründen halte ich das vorliegende Buch für uneingeschränkt empfehlenswert. Es bleibt zu hoffen, dass sich nicht nur Therapeuten, sondern auch Vertreter der Kassen und Spitzenverbände mit dieser Lektüre auseinandersetzen.


Rezensent
Diplom Sozialarbeiter Ino Cramer
Klinischer Sozialarbeiter (M.A.)
Arbeitsschwerpunkte: Multimodale Schmerztherapie, Sozialtherapie als therapeutischer Zugang der Sozialen Arbeit
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Zitiervorschlag
Ino Cramer. Rezension vom 02.02.2017 zu: Hansgeorg Ließem: Soziotherapie in Deutschland. Arbeitsbuch für das Jahr 2016. debux Verlag (Göttingen) 2016. ISBN 978-3-946614-01-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21629.php, Datum des Zugriffs 15.09.2019.


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