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Janice M. Roper, Jill Shapira: Ethnographische Pflegeforschung

Cover Janice M. Roper, Jill Shapira: Ethnographische Pflegeforschung. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2004. 158 Seiten. ISBN 978-3-456-83675-1. 28,95 EUR, CH: 49,90 sFr.

Aus dem Englischen von Michael Herrmann.
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Eine Einladung zu ethnographischer Forschung

Janice M. Roper und Jill Shapira stellen ethnographische Forschung als einen wichtigen Schwerpunkt innerhalb der qualitativen Methoden in den Pflegewissenschaften vor. Angesprochen werden sollen damit vor allem ForschungsanfängerInnen. So liegt StudentInnen in den Pflegewissenschaften mit dieser Veröffentlichung eine leicht verständliche Einführung in ethnographische Pflegeforschung vor. Sie erhalten einen anschaulichen Überblick über andere Annäherungen an soziale Wirklichkeit als diejenige in vielen Praxiskontexten von Pflegeinstitutionen, an wichtige pflegewissenschaftliche Fragestellungen, pflegerelevante Forschungsprojekte und deren methodische Umsetzung.

"Ethnographische Pflegeforschung" erschien erstmals 2000 in den USA. Der Verlag Hans Huber gab 2004 die deutsche Übersetzung vermutlich mit der gleichen Intention heraus, wie sie die amerikanische Herausgeberin im Vorwort benennt, nämlich einen gut lesbaren Leitfaden und ein Nachschlagewerk für Ethnographie in der Pflege bereitzustellen. Die beispielhaft angeführten pflegewissenschaftlichen Phänomene und Fragstellungen erscheinen universell. Der Entstehungsort des Textes spielt dabei keine Rolle. Die Herkunft bleibt lediglich in der zitierten US-amerikanischen Literatur präsent und in dem Hinweis der in Kalifornien arbeitenden Autorinnen, dass beispielsweise ein Erbeben die Forschung unterbrechen könnte (50).

Den Autorinnen geht es nicht um die Präsentation von Forschungsergebnissen. Sie nehmen sich in dieser Funktion zurück und stellen sich als kompetente und erfahrene Forschende in ihrem forschungspraktischen Handeln vor. Durch die vielen Aufforderungen zu einem To do werden die LeserInnen aufgefordert, ihren eigenen Stil zu entwickeln. Auf diese Weise kann es den RezipientInnen gelingen, sich einerseits mit den vielen praktischen und deutlichen Hinweisen theoretisch und praktisch in die Methode einzuarbeiten und andererseits bereits sehr früh ein Selbstbild als ForscherIn zu entwickeln und eigene Erfahrungen zu sammeln.

Forschungsprozesse selbst entwickeln

In der Einleitung definieren die Autorinnen Ethnographie "als eine sehr persönliche Erfahrung, eine Erfahrung, die Zeit, Hingabe und Einsatz erfordert"(13). Das ist der rote Faden, der die folgenden Abschnitte durchzieht.

  • Im ersten Kapitel, das zugleich die Einführung ins Thema darstellt, wird Ethnographie im Überblick vorgestellt. Hier wird auf die Darstellung vieler methodologischer Hintergründe verzichtet. Damit hat dieser Einführungsabschnitt aber auch keine abschreckende Funktion, sondern ist vielmehr eine Einführung zum Begriff der Ethnographie und zu deren Arbeitsweise. Dann leiten die Autorinnen über zu pflegerelevanten Forschungsfragen, Projekten und zeigen anhand dessen auf, was das Ziel bzw. die Ergebnisse ethnographischer Pflegeforschung sind. Ihnen gelingt es vor allem, die unterschiedlichen Perspektiven eines Settings aufzuzeigen, was vermutlich vielen LeserInnen die Möglichkeit gibt, soziale Wirklichkeit als Wirklichkeit mit unterschiedlichen Perspektiven zu verstehen und hier speziell auch die des/ der beobachtenden WissenschaftlerInnen.
  • Dieser Einführung folgt im zweiten Kapitel ein methodischer Überblick, in dem die Autorinnen die verschiedenen Erhebungsmethoden vorstellen: Beobachtung, Interview und Aufnahme von Informationen aus Dokumenten. Anhand von prägnanten Beispielen werden Zusammenhänge eines Forschungsprojektes erläutert. Hinweise auf formelle Unterscheidungen bei Begriffen und gleichzeitig handlungspraktische Hinweise zum Vorgehen helfen ForschungsanfängerInnen, sich in Begriffen und methodischem Vorgehen zurechtzufinden und nicht in Formalien stecken zu bleiben, sondern Wissen an eigenen Ideen konkretisieren zu können. Hier wird eine Haltung aufgezeigt, die sich durch die weiteren Kapitel zieht: eine positive Argumentationsstruktur, in der Forschende AkteurInnen sind, die eine hohe Verantwortung haben. Nicht die Methode gibt vor, was zu tun ist, sondern die ForschungsakteurInnen, die ihr Projekt methodisch selbst gestalten. Und noch etwas fällt positiv auf: Genau das, was Methodenprofis als Banalitäten bezeichnen und in Lehrveranstaltungen möglicherweise nicht für erwähnenswert halten, ist hier immer wieder angeführt und für AnfängerInnen konkretes Handwerkszeug.
  • Das dritte Kapitel ist mit "Kopf- und Beinarbeit - Was vor dem Erstellen des Forschungsplans zu tun ist" überschrieben. An dieser Stelle wird davor gewarnt, ein Projekt in naiver Weise zu beginnen und auf einen Forschungsplan zu verzichten. Vielmehr müsse ein Forschungsplan aufgestellt werden, in dem Zeit, Zugang und Finanzbudgets berücksichtigt werden. Es ist eine wichtige Einschränkung zum vorgeschlagenen Vorgehen zu machen. Die Autorinnen betonen, es sei eine konkrete Forschungsfrage zu entwerfen, die forschungsleitend sein soll. Die Komplexität der meisten sozialen Phänomene lässt es jedoch häufig nicht zu, in einer Frage untergebracht zu werden. Vielmehr sollten eine Reihe relevanter Fragen formuliert werden. Zudem soll dieses 'Fragen stellen' in den Forschungsprozess einbezogen werden. Denn mit dem Durchdringen und Verstehen von komplexen lebendigen Zusammenhängen scheinen immer weitere Fragen auf, die ebenfalls forschungsleitend sein können.
  • Nach diesen Vorbereitungen folgt im Kapitel 4 eine übersichtliche Anleitung, wie ein Forschungsplan schriftlich anzufertigen ist. Dabei ist gerade für AnfängerInnen der Hinweis wichtig, dass es im Hinblick auf Förderung und Unterstützung eines Vorhabens je nach Institution unterschiedliche Erwartungen und Interessen gibt. Ein Forschungsplan ist damit nicht allgemeingültig, sondern wird je nach Interessen und Vorgaben unterschiedlich bewertet.
  • Die vielfältigen Zugangsprobleme zu den Institutionen und Menschen werden von Janice M. Roper und Jill Shapira im fünften Kapitel besprochen. In den Ausführungen wird deutlich, dass es kein Anrecht auf Forschung in einer Einrichtung gibt, sondern ein Forschungsprojekt von den AntragstellerInnen legitimiert und von den EntscheidungsträgerInnen der jeweiligen Institution genehmigt werden muss. Den LeserInnen als potentiellen AntragstellerInnen allerdings wird die Haltung vermittelt, sich nicht anzubiedern, sondern klar und selbstbewusst aufzutreten und "den Fuß in die Tür zu stellen", wie die Autorinnen diesen Abschnitt überschrieben haben. "Nun geh'n Sie hin und tun Sie's". Mit dieser Aufforderung wird das Herzstück der Arbeit, nämlich die Forschung, eingeleitet und im Einzelnen erläutert, welche Aufgaben die Forschenden während ihrer Arbeit erwartet. Im Mittelpunkt der Ausführungen stehen die Beobachtung und das Interview sowie deren schriftliche Dokumentation. Wichtig ist die Anmerkung zu einem Hinweis der Autorinnen, dass gute ZuhörerInnen bei den Befragten "bedeutsame Gedanken und Gefühle" (89) zu Tage fördern. Problematisch allerdings ist die Tatsache, dass hier nicht erläutert wird, was die InterviewerInnen in einem solchen Fall an Hilfestellungen anbieten können. Die folgenden Ausführungen zu den Stichproben, der Validität und Reliabilität werden nicht immer logisch und zuweilen unverständlich eingebracht. Hier bedürfte es einer Reihe von weiteren Erläuterungen zur Durchführung.
  • Die Analyse der Daten wird im Kapitel sechs vorgestellt. Janice M. Roper und Jill Shapira stellen den Analyseprozess mit seinen verschiedenen Facetten dar und stellen dabei heraus, dass auch hier nicht die Verfahren die Ergebnisse produzieren, sondern dass mit Hilfe des methodischen Vorgehens die Ergebnisse interpretativ erschlossen und verallgemeinert werden. Den praxisnahen Hinweisen auf den Abschlussbericht können AnfängerInnen letztlich noch wichtige Hinweise für die Ergebnispräsentation entnehmen.
  • Das Buch schließen Janice M. Roper und Jill Shapira mit "ethischen Verantwortlichkeiten" ab. In diesem Abschluss erscheinen viele Aspekte redundant, weil sie schon in anderen Zusammenhängen betont wurden. Aber die Autorinnen machen ihr Anliegen deutlich, dass nicht die Forschung die zentrale Position in einem Projekt hat, sondern die beobachteten und interviewten Menschen und letztlich auch die ForscherInnen selbst. Die Autorinnen machen sich so für eine respektvolle und wertschätzende Haltung stark.

Fazit

Das Buch "Ethnographische Pflegeforschung" ist eine Einladung vor allem an StudentInnen in der Pflegewissenschaft. Es macht Mut, im Dschungel von unterschiedlichen Methoden den eigenen Weg zu gehen und eigene Fragen ernst zu nehmen. Ziel ist es, diese aufzugreifen, offen zu formulieren und sie methodisch umzusetzen; dazu sollen sie selbst ein eigenes ethnographisches Projekt planen, konkretisieren und schließlich durchführen. Janice M. Roper und Jill Shapira nehmen für sich und ihre Forschungsarbeiten wenig Raum in Anspruch, sondern wenden sich auffordernd an die LeserInnen, ihr eigenes Projekt zu starten: "Nun geh'n Sie hin und tun Sie's!" (79) Zwei wichtige Haltungen geben die AutorInnen ihren LeserInnen mit auf den Weg:

  • Erstens ergibt sich die Wissenschaftlichkeit eines Projektes nicht durch den Perfektionismus einer Forschungsmethode selbst, sondern durch eine klare, selbstreflektierende und konsequente Haltung und sinnvolle Handlungen der Forschenden.
  • Zweitens eine respektvolle Haltung gegenüber allen beteiligten AkteurInnen.

Insgesamt gelingt es den Autorinnen, die einzelnen methodischen Schritte mit den vielen handlungspraktischen Details, kritischen Anmerkungen und Warnungen in forschungspraktischer Perspektive praxisnah zu präsentieren. Für die Ausbildung in qualitativen Methoden in den Pflegewissenschaften ist das Buch sehr zu empfehlen.


Rezension von
Dipl.-Soz. Hanna Beneker
Lehre in qualitativen Methoden für die Sozialforschung und Praxis in der Sozialen Arbeit und Pflege; FH


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Zitiervorschlag
Hanna Beneker. Rezension vom 22.03.2005 zu: Janice M. Roper, Jill Shapira: Ethnographische Pflegeforschung. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2004. ISBN 978-3-456-83675-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2163.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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