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Martina Lütke-Harmann: Symbolische Metamorphosen

Cover Martina Lütke-Harmann: Symbolische Metamorphosen. Eine problemgeschichtliche Studie zur politischen Epistemologie der Sozialpädagogik. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2016. 300 Seiten. ISBN 978-3-95832-092-5. 34,90 EUR.
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Thema

Die Autorin untersucht das Verhältnis von Politischem und Sozialem in der Sozialpädagogik im Kontext der Theorien von Paul Natorp, Hermann Nohl und Klaus Mollenhauer. Der erkenntnistheoretische Rahmen der Untersuchung wird von den französischen Diskursen zur Postdemokratie gebildet, die es der Autorin ermöglichen, das Immanente, Symbolische und Imaginäre im Sozialen zu identifizieren und die Transformationen des sozialpädagogischen Begriffspaars Gesellschaft und Gemeinschaft epistemologisch zu entziffern. Die Untersuchung verbindet dabei historische und systematische Analysen des Sozialen/Politischen mit der Reflexion seiner epistemologischen Voraussetzungen.

Autorin

Martina Lütke-Harmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziale Arbeit und Sozialpolitik der Universität Duisburg-Essen und wurde 2015 mit dieser Arbeit promoviert.

Aufbau und Inhalt

Die Arbeit gliedert sich in vier thematische Schwerpunkte, in denen die Autorin ihre Fragestellung expliziert, ihre theoretischen Grundlagen klärt, systematische Analysen durchführt und eine transzendentale Perspektive der Sozialpädagogik entwirft.

Den Ausgangspunkt der Untersuchung bildet die Beobachtung der Reduktionen im Verhältnis von Sozialem und Politischen, die die Autorin in den Diskursen der Sozialpädagogik aufzeigt. Es finden sich entweder gouvermentale Analysen, die das Politische/Soziale dem Diktum der Normalisierung unterwerfen oder zivilgesellschaftliche Analysen, die das Diktum der Demokratisierung favorisieren; die Frage nach einer Verbindung von Politischem und Sozialem, die die staatlich-institutionelle Perspektive der Sozialen Arbeit und zivilgesellschaftliche Perspektiven miteinander verbindet, bleibt ebenso ungestellt wie Frage nach den erkenntnistheoretischen Bedingungen der jeweiligen Positionierungen.

Mit der Darstellung und Diskussion der politischen Epistemologie des Sozialen versucht die Autorin die aufgezeigten Verkürzungen theoretisch zu überwinden. Sie diskutiert die postdemokratischen Überlegungen von Jacques Rancière und Claude Lefort, die die denkerischen Perspektiven auf das Symbolische des Politischen und die politische Ontologie hin öffnen kritisch im Hinblick auf ihre Dichotomien des Symbolischen (Partikularen) und Imaginären (Allgemeinen) und gewinnt mit Jacques Lacans Überlegungen eine Bestimmung von Symbolischem und Imaginärem als erkenntnistheoretischer Figuration, die die genealogische Ordnung (das Allgemeine) mit ihrer identifizierenden Perspektive und die symbolische Ordnung (das Partikulare) mit ihrer deidentifizierenden Dynamik vermittelt. Mit den gesellschaftlichen Entwicklungen seit den siebziger Jahren entsteht dann ein Bruch, der das Verhältnis von Imaginärem und Symbolischem verändert und auch Auswirkungen auf die politische Identität der Sozialen Arbeit hat.

Auf der Grundlage ihrer Reflexionsperspektiven des Symbolischen und Ontologischen/Transzendentalen, die die Autorin in der Auseinandersetzung mit den Philosophen der Postdemokratie gewonnen hat, analysiert sie dann die sozialen und politischen Theorieperspektiven der Sozialpädagogik, die bei Paul Natorp an die Reflexion der gesellschaftlichen Transformationen seit dem 19. Jahrhundert gebunden ist, und sich in den sozialen Deutungsmustern von Gesellschaft und Gemeinschaft manifestiert. Natorps Auseinandersetzung mit der Bewusstseinsphilosophie Hegels und dem Transzendentalismus Kants zeichnet sie detailliert nach, um seine erkenntniskritische Perspektive herauszuarbeiten, mit der es ihm gelingt die Idee der Gemeinschaft zu symbolisieren und als nicht zu verwirklichende Einheit zu transzendieren. Natorp akzeptiert die pluralistische Moderne der Weimarer Republik und ihre demokratische Repräsentation, deren Formalismus er kritisiert, deren Sozialität er jedoch über die Bildung mit der transzendenten Idee der Gemeinschaft vermittelt sieht.

Das sozialpädagogische Gegenmodell zu Natorps transzendentaler Symbolisierung von Gemeinschaft, entwirft die Autorin dann in der Auseinandersetzung mit Hermann Nohls Sozialpädagogik. Sie verortet Nohl in der Vorstellungswelt der „konservativen Revolution“ der zwanziger Jahre, die Gemeinschaft mythologisch und traditional fasst und die demokratische Repräsentation ablehnt. Gemeinschaft realisiert sich als vorhistorische Größe in der immer wieder neu zu schaffenden Volksgemeinschaft. Bei Nohl zeigt sich eine Neuausrichtung der Sozialpädagogik, die die Sozialität in der Normalisierung der Gemeinschaft aufgehen lässt und Bevölkerungsgruppen, die als „problematisch“ gelten der sozialpädagogischen Bearbeitung unterwirft.

In der Auseinandersetzung mit Klaus Mollenhauer bezieht sich die Autorin auf die unterschiedlichen Phasen seines Werkes; auf seine ideologiekritische Auseinandersetzung mit der genealogischen Gemeinschaft in der frühen Phase; auf die kritisch – emanzipative Pädagogik, ihre Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu Nohls Konzeption und ihre entpolitisierende Wirkung, die die Autorin in der engen Bindung an die Diskursethik mit ihrem ausschließlichen Wirklichkeitsbezug festmacht und ausführlich diskutiert und auf die späte Phase der „Wiederentdeckung der Geschichtlichkeit“, in der sie Ansätze eines Neu-Beginns erkennt. Der Neu-Beginn, den Mollenhauer jedoch nicht ausgeführt hat, liegt in seiner Wiedergewinnung einer kulturellen-historischen Perspektive des Sozialen, die sich für das Genealogische und Symbolische öffnet, es auf der Linie des Spiels der Differenzen und Kontingenzen verhandelt, jedoch die Bedingungen der Möglichkeiten dieses Spiels nicht denkerisch und erkenntnistheoretisch reflektiert und somit den Schritt ins Transzendentale nicht wagt, in dem die Autorin eine Voraussetzung für eine theoretische Fundierung der Sozialpädagogik sieht.

Kurz bezieht sich die Autorin in ihrem Schlusskapitel auf die Theoriedebatten in der Sozialen Arbeit seit den 90er Jahren, die sie in drei Stränge unterteilt, die neo-republikanischen, kommunitären Ansätze, die politisch-theoretisch ausgerichteten Positionen und die Gerechtigkeits- und Normativitätsdiskurse. Sie benennt ihre analytischen Schwächen und verweist auf ihre reflexiven Leerstellen, die die symbolischen und ontologischen Differenzen des Sozialen dethematisieren.

Die Autorin hält abschließend fest, dass die Sozialpädagogik von der „Krise der Repräsentation und des Symbolischen“ im Kern betroffen ist und sieht als zukünftig zu bearbeitende Frage für die Fundierung der Disziplin die Notwendigkeit die differenzierten denkerischen Auseinandersetzungen systematisch fortzusetzen, um das Verhältnis von Gemeinschaft, Repräsentation und Geschichte neu und anders zu vermitteln.

Diskussion und Fazit

Die Autorin gewinnt in ihrer Verbindung von systematisch -theoretischen und historischen Analysen der Verschränkung/Vermittlung des Sozialen und Politischen eine differenzierte und argumentativ ausgezeichnet ausgearbeitete Perspektive auf die erkenntnistheoretischen Problematiken und Leerstellen der Disziplin Sozialpädagogik und ihrer Diskurse. Sie kann die symbolischen und ontologischen Überlegungen der Theoretiker der Postdemokratie für ihre Fragestellungen auf einleuchtende Art fruchtbar machen, hätte jedoch bei der Übertragung der „Kategorien“ eine klarere begriffliche Prägnanz entwickeln können. Die historischen Analysen sind beeindruckend und stellen die Denkmöglichkeiten und Denkperspektiven sozialpädagogischer Theoriebildung bei Natorp und Mollenhauer ebenso gekonnt heraus wie sie die Denkgrenzen Nohls ermitteln. Die Autorin entwirft Ansätze und Ideen für ein „Theorieprogramm“ sozialer Pädagogik, auf dessen weitere Ausführungen man gespannt sein kann.


Rezensentin
Prof. Dr. Birgit Bender-Junker
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Zitiervorschlag
Birgit Bender-Junker. Rezension vom 06.03.2017 zu: Martina Lütke-Harmann: Symbolische Metamorphosen. Eine problemgeschichtliche Studie zur politischen Epistemologie der Sozialpädagogik. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2016. ISBN 978-3-95832-092-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21630.php, Datum des Zugriffs 26.04.2017.


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