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Hanni Holthaus, Angelika Pollmächer: Wie geht es weiter? Jugendliche mit einer Behinderung (...)

Cover Hanni Holthaus, Angelika Pollmächer: Wie geht es weiter? Jugendliche mit einer Behinderung werden erwachsen. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2016. 2. Auflage. 157 Seiten. ISBN 978-3-497-02573-2. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
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Thema

Das Buch thematisiert das Älterwerden von Jugendlichen mit Behinderung und die damit anstehende Ablösung vom Elternhaus. Verbunden mit diesem Wandlungsprozess ist der Eintritt in neue Wohn-, Ausbildungs- und Arbeitszusammenhänge. Was sich schon im Leben von adoleszenten Jugendlichen ohne Behinderung und ihrer Eltern als eine durchaus von Ambivalenzen, Trennungskonflikten und Trauerbewältigung begleitete Lebensphase darstellt, wird hier in besonderem Maße als vielschichtiger Hergang offenbar, da die Themen Selbstständigkeit und Selbstbestimmung auf Grund sowohl persönlicher als auch gesellschaftlicher und institutioneller Bedingungsfaktoren nur mit Einschränkungen realisierbar erscheinen. Zu den Ängsten, die gerade auf Seiten der Eltern in diesem Kontext aktualisiert werden, tritt zudem das Problem, inwieweit sie über die neuen Gestaltungsspielräume und -möglichkeiten informiert sind. Zudem wird es, wenn ein lebenslanges Angewiesensein auf Unterstützung gegeben ist, zu Begegnungen mit neuen Fachkräften kommen, die diese Funktion an Eltern statt übernehmen, und dieser Übergang verläuft auch nicht immer reibungslos. Der Kanon all dieser Fragenkomplexe wird differenziert aufgefächert und in eine gut verstehbare Form gegossen. Dabei wird der gesamte Text immer wieder durch Statements von Menschen mit und ohne Beeinträchtigung aufgelockert und illustriert. Es sei darauf hingewiesen, dass vornehmlich Jugendliche mit einer geistigen Behinderung und deren Eltern im Fokus der Erörterungen stehen.

Aufbau und Inhalt

Der Band gliedert sich in fünf größere Kapitel, abgerundet durch einen Anhang mit Adressen, Ansprechpartnern, Buchempfehlungen und einem Glossar mit den wichtigsten Begriffen.

Im ersten Abschnitt „Erwachsen werden“ wird das Ende der Kindheit behandelt, das durch körperliche und seelische Veränderungen, die aufkommende Sexualität, aber auch wachsende Konflikte mit den Eltern gekennzeichnet ist. Auch die Einmündung in Ausbildung und Arbeit steht an. Über diese ganz ‚normalen‘ Problemstellungen einer jeden Familie hinaus werden aber auch spezifische Fragen im Kontext von Behinderung virulent. So geht es z.B. um die rechtliche Betreuung, und damit verbunden um mögliche gerichtlich festzustellende Einwilligungsvorbehalte der Geschäftsfähigkeit. Die Autorinnen führen hier ebenso gebündelt wie umfassend ins Thema ein.

Ausbildung und Beruf“ sind Aufgaben, die sich nun stellen. Wie gut hat die Schule tatsächlich auf die Arbeitswelt vorbereitet? Vor allem wartet bei der Suche nach geeigneten Ausbildungs- oder Arbeitsplätzen die eine oder andere Enttäuschung, wenn es einmal wieder eine Absage gibt. Während manche Eltern, deren Kinder offensichtlich eine Förderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung besucht haben, von vornherein eine bestimmte Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) ins Auge gefasst haben, werden hier aber auch Alternativen dargestellt. So kümmert sich die Bundesarbeitsgemeinschaft für Unterstützte Beschäftigung um Einstellungsmöglichkeiten auf dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt. Auch haben sich die Integrationsämter und die Hauptfürsorgestellen zu einer Bundesarbeitsgemeinschaft (BIH) zusammengeschlossen, um ihre Unterstützung besser koordinieren zu können. In diesem Zusammenhang wird auf den Rechtsanspruch auf eine persönliche Assistenz am Arbeitsplatz hingewiesen. Ergänzt werden die vielschichtigen Ausführungen durch weitreichende Informationen zu den sich anschließenden Fragen wie Ausbildungskosten, Arbeitsförderungsgeld, Eingliederungszuschüssen oder Versicherungen und Verdiensten.

Das Kapitel „Freizeit und Ferien“ befasst sich mit Feierabend und Urlaub und führt zahlreiche Angebote auf, die im Rahmen der Offenen Behinderten Arbeit (OBA) längst etabliert sind. So organisieren Clubs regelmäßige Abendtreffen oder Wochenendaktivitäten und es gibt integrative Begegnungsstätten und Cafés, wo man Computerkurse besuchen oder Musik machen kann. Zudem gibt es mittlerweile einen recht großen Markt von Veranstaltern, die Urlaubsreisen für Menschen mit Behinderung anbieten. Auch Bildungs- und Weiterbildungskurse, etwa über die Volkshochschule, sind in größeren Orten inzwischen Standard. Bemängelt wird allerdings die Frage der Erreichbarkeit, gerade stationäre Einrichtungen erweisen sich häufig noch immer als zu rigide, was gerade in den Abendstunden den auf Eigeninitiative gewünschten Transfer dorthin angeht, und das kommunale Angebot von Taxischeinen gehört noch nicht zum allgemeinen Repertoire.

Danach geht es um „Wohnformen und Lebensräume“. Wenn man sich allerdings die inzwischen sehr heterogen entwickelte Angebotslandschaft mit ihren variationsreichen Fachdienstleistungen anschaut, verwundert es ein wenig, dass hier Art und Schwere der Behinderung als Gradmesser für die Möglichkeit zum selbständigen Wohnen genommen werden oder für einen Verbleib im Elternhaus plädiert wird. Auf der anderen Seite wird aber betont, dass sich (Eltern-)Liebe oft in Formen der Kontrolle äußert, jetzt ohnedies alle Beziehungen neu geordnet werden und dass es nicht den richtigen Zeitpunkt zum Ausziehen gibt. Im Folgenden werden die verschiedenen Wohnformen von der traditionellen vollstationären Großeinrichtung bis hin zum ambulant betreuten/unterstützten Wohnen vorgestellt. Von der Art der Ausführlichkeit der Darlegungen her überwiegt die Sympathie für gängige Wohnkonzepte – im andern Fall sei die fachliche Qualität nicht überall gewährleistet oder die Kostenträger könnten versuchen, behinderte Menschen ins ambulante Wohnen abzudrängen. Und ob man Ablösung üben und Wohnen trainieren kann oder soll, ist aus pädagogischer Sicht durchaus diskutierbar. Es überwiegt die Sicht besorgter Eltern, die erleben müssen, dass es auch mal ohne sie geht, dass Trennung und Loslassen schmerzhaft sind und man manchmal noch eingreifen muss oder sich stärker in den Alltag des Wohnheims (sic!) einbinden kann. Die Stärke der Ausführungen liegt wieder in der Tatsache begründet, dass über die Feststellung des individuellen Hilfebedarfs und die zahlreichen finanziellen Fragen hinsichtlich der Leistungsansprüche sehr ausgiebig berichtet wird. Es ist erfreulich, dass auch auf die Möglichkeit der Inanspruchnahme des trägerübergreifenden Persönlichen Budgets aufmerksam gemacht, wenngleich eine kleine Rüge an die noch immer unzureichende Umsetzung in der Praxis angemessen gewesen wäre.

Am Ende geht es um „Sexualität und Partnerschaft“, ein Thema, das für das Verhältnis von Eltern und adoleszenten Kindern immer Zündstoff enthält, das aber hier noch viel komplexer erscheint. Allein die Tatsache, dass Jugendliche mit Behinderung auf Grund von pflegerischen oder therapeutischen Erfordernissen viel häufiger Eingriffe in ihre Intimsphäre dulden müssen, umreißt das grundsätzliche Dilemma. Alle Fragen, die sich um diesen Komplex ranken, stellen sich in verschärfter Form. Wie geht man in der Familie damit um, wenn die erste Periodenblutung auftritt oder es zum ersten Samenerguss kommt? Aufklärung und Verhütung schließen sich als Tabuthemen an, ganz zu schweigen von der Debatte um sexuelle Assistenz für Menschen, die alleine keine sexuelle Befriedigung erlangen können. Wenngleich das Moment der Masturbation leider ausgeklammert bleibt, so werden doch Sterilisation, sexueller Missbrauch, ungenierter Umgang mit sexuellen Gelüsten in der Öffentlichkeit und Homosexualität nicht verschwiegen. Bei Partnerschaft und Kinderwunsch überwiegt dann wieder die elterliche Besorgnis. Sollte man nicht gegen einen als ungeeignet empfundenen Partner mit aller Autorität vorgehen oder die eigene Tochter, die gerne schwanger würde, mit dem Argument von ihrem Vorhaben abbringen, dass Tante werden auch etwas sehr Schönes sei? Schließlich sei es kein Wunder, wenn sich Eltern von behinderten jungen Leuten nicht wünschten, Großeltern zu werden. Dann wird jedoch auch kritisiert, dass man bis vor kurzem die Elternschaft von Menschen mit einer Behinderung für unmöglich hielt und ihnen die Jugendämter das Kind gleich nach der Geburt wegnahmen. Stattdessen gibt es jetzt Angebote, in speziellen betreuten Wohnungen unterzukommen.

Diskussion

Der vorliegende Text bietet eine ausgezeichnete Hilfestellung für Eltern, deren Kinder mit einer (geistigen) Behinderung die Phase der Adoleszenz erreicht haben und die bald erwachsen sein werden. Sie erhalten hier in aller gebotenen Kürze grundlegende Informationen über die mit den sich abzeichnenden Veränderungen in der Lebensgestaltung verbundenen Herausforderungen. Insofern kann man den Band mit Fug und Recht als Elternratgeber im guten Sinne bezeichnen, auch wenn das nicht explizit benannt ist. Genau da aber tauchen ein paar Bedenken auf. In der fachlichen Debatte um ein möglichst selbstbestimmtes Leben von (jungen) Menschen mit Behinderung werden ja seit längerem die gängigen paternalistischen Positionen der Vergangenheit, für sie zu sprechen, sie aber nicht selbst sprechen zu lassen, kritisiert. Nicht zuletzt deshalb, weil die Ablösung vom Elternhaus auf Grund der Abhängigkeitsthematik im Kontext einer Behinderung hier zumeist mit noch mehr emotionalen Ambivalenzen versehen ist als es ohnedies für das Verhältnis von Adoleszenten und ihrer Eltern gilt. Wut, Enttäuschungen, Trauer sind also in besonderer Weise eingefärbt, und es fällt nicht immer leicht, sich damit möglichst vorbehaltlos zu konfrontieren. Vor allem sind hier die Vertreter/innen der verschiedenen Fachdisziplinen gefragt, frühzeitig gerade den Eltern ein dialogisches und geschütztes Forum anzubieten, sich selbstreflexiv mit Sorgen und Ängsten auseinanderzusetzen, um mit dazu beizutragen, Nähe und Distanz in eine gesunde Balance zu bringen. Besonders beim Übergang in die – wie weit auch immer gestaltbare – Eigenständigkeit wäre eine empathische Begleitung sicherlich von großem Nutzen. Es ist ein wenig schade, dass dieses trianguläre Moment hier überhaupt keine Rolle spielt. Eher wird immer wieder Misstrauen gegenüber den Fachkräften sichtbar. Und es verwundert dann nicht, wenn zumindest implizit traditionelle Wohn- und Beschäftigungsverhältnisse favorisiert werden. Im sonderpädagogischen Diskurs, für den Positionen von Normalisierung und Inklusion inzwischen vollkommen selbstverständlich geworden sind, werden ja faktische Alternativen aufgezeigt, die den Interessen der Betroffenen dienen und die Eltern nicht fürchten müssen.

Fazit

Dass dieses Buch jetzt in der 2. Auflage erschienen ist, belegt den großen Bedarf, sich mit dem Thema erwachsen werdender Jugendlicher mit Behinderung eingehender zu beschäftigen. Und offenbar finden vor allem Eltern hier in sehr gut verdichteter Form alle zentralen Informationen, die sie benötigen, um ihr Wissen über inhaltlich-psychologische wie arbeitsmarktspezifische oder rechtliche Aspekte fundiert zu erweitern. Beide Autorinnen sind selbst betroffene Mütter, was dafür spricht, dass sie sicher nicht an der Realität vorbei geschrieben haben. Der Titel des Bandes verrät allerdings nicht sofort, dass es fast ausschließlich um Jugendliche mit einer geistigen Behinderung geht. Zudem steht die elterliche Perspektive im Fokus – der Ort der Jugendlichen selbst wirkt da ein wenig verwaist.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Gerspach
lehrte bis 2014 am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit der Hochschule Darmstadt. Schwerpunkte: Behinderten- und Heilpädagogik, Psychoanalyti­sche Pädagogik sowie die Arbeit mit so genannten verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen. Seit 2015 lehrt er als Seniorprofessor am Institut für Sonderpädagogik der Goethe-Universität Frankfurt.
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Zitiervorschlag
Manfred Gerspach. Rezension vom 31.10.2016 zu: Hanni Holthaus, Angelika Pollmächer: Wie geht es weiter? Jugendliche mit einer Behinderung werden erwachsen. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2016. 2. Auflage. ISBN 978-3-497-02573-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21631.php, Datum des Zugriffs 23.09.2017.


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