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Martin F. Reichstein, Johannes Schädler: (...) Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung und herausforderndem Verhalten(...)

Cover Martin F. Reichstein, Johannes Schädler: Zur Lebens- und Betreuungssituation von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung und herausforderndem Verhalten in Nordrhein-Westfalen. Ergebnisse einer Onlinebefragung in Einrichtungen und Diensten für Menschen mit Behinderungen. universi – Universitätsverlag Siegen (Siegen) 2016. 98 Seiten. ISBN 978-3-934963-42-9.
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Thema

Die Publikation leistet einen Beitrag zur Erhebung der Lebenssituation von Menschen mit so genannter geistiger Behinderung und herausfordernden Verhaltensweisen in betreuten Wohneinrichtungen. Hierzu wurden Mitarbeitende einer repräsentativen Anzahl an Einrichtungen NRWs via Online-Fragebogen befragt. Der inhaltliche Schwerpunkt liegt bei Strukturdaten, Umgang mit herausfordernden Verhaltensweisen und geschlossenen Unterbringungsformen.

Herausgeberschaft und Entstehungshintergrund

Das Forschungsprojekt wurde von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern um Prof. Dr. J. Schädler des Zentrums für Planung und Evaluation Sozialer Dienste an der Universität Siegen mit Unterstützung des diakonischen Trägers Bethel.regional und der Stiftung Wohlfahrtspflege in Nordrhein-Westfalen durchgeführt. Es handelt sich um ein Teilprojekt des Forschungsprojektes KIBA.netz, dessen Ziel es ist, die Wohnangebote für Menschen mit so genannter geistiger Behinderung und herausfordernden Verhaltensweisen zu untersuchen. Im Rahmen von KIBA.netz sollen praxisrelevante Entwicklungsimpulse generiert werden, die sowohl den in Wohneinrichtungen lebenden Menschen mit Behinderung und herausforderndem Verhalten als auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu Gute kommen. Neben der hier vorliegenden Mitarbeiter_innen-Befragung sind auch Netzwerkuntersuchungen und die Einbindung von Einrichtungsbewohner_innen Bestandteil des Forschungsprojekts KIBA.netz.

Aufbau und Inhalt

Das Forschungsprojekt wird in sieben inhaltlichen Kapiteln beschrieben. Der Aufbau entspricht dabei dem typischen Ablauf eines Forschungsprozesses.

In der Einführung (S. 7-8) erläutern die Autoren das Thema der Untersuchung und verdeutlichen dessen Aktualität in Hinblick auf die kontroverse und brisante Diskussion um die Anwendung freiheitsentziehender Maßnahmen und die geschlossene Unterbringung von Menschen mit Behinderung und herausforderndem Verhalten.

Nach der Einführung folgt im 2. Kapitel die Darstellung der Ziele der Befragung und Zielgruppe der Untersuchung (S. 9-10). Dies beinhaltet eine genaue Kennzeichnung des Personenkreises sowie die für die Untersuchung geltende Definition von herausforderndem Verhalten. Das primäre Erkenntnisinteresse der Untersuchung besteht darin, Ergebnisse zur Lebens- und Betreuungslage von Menschen mit so genannter geistiger Behinderung und herausforderndem Verhalten zu liefern. Hierzu fanden Befragungen in NRW in Einrichtungen und Diensten der wohnbezogenen Eingliederungshilfe statt.

Im 3. Kapitel wird die methodische Vorgehensweise (S. 11-12) erläutert. Die Prozedur bei der Akquise von Einrichtungen in NRW wird detailliert beschrieben. Insgesamt nahmen 396 Einrichtungen verschiedener Regionen an der Befragung durch einen Online-Fragebogen teil. Es handelt sich dabei laut Aussage der Autoren um eine repräsentative Stichprobe für das Gebiet NRW.

Im 4. und 5. Kapitel werden die Ergebnisse der Untersuchung dargestellt. Dies ist der umfangreichste Teil der Arbeit. Er beinhaltet zu jeder Frage eine oder mehrere Ergebnistabellen mit relativen Häufigkeiten und Prozentangaben. Die Ergebnisse werden zudem verbal zusammengefasst und in Bezug zueinander gesetzt.

Die beiden Teilerhebungen werden getrennt voneinander aufgeführt. Im 4. Kapitel finden sich die Ergebnisse der Untersuchung Westfalen-Lippe (S. 12-50) und im 5. Kapitel die Ergebnisse der Untersuchung im Rheinland (S. 51-92). Es werden jeweils zunächst die Merkmale der Stichprobe bezüglich der geografischen Verteilung, der Angebotsart, der Größe der Einrichtungen etc. bereitgestellt. Darüber hinaus werden das Vorhandensein und das Ausmaß von geschlossenen Betreuungsplätzen aufgeschlüsselt. In diesem Zuge kam es auch zur Erhebung eines Meinungsbildes der Einrichtungsmitarbeitenden hinsichtlich des Einsatzes von freiheitsentziehenden Maßnahmen und geschlossener Unterbringung bei herausforderndem Verhalten. Zudem wurden mit Hilfe eines Freitextfeldes mögliche „Gründe dafür, dass Klient/inn/en nicht mehr in ihrem bisherigen Wohnsetting betreut werden können“ (S. 23, 62) sowie „nicht mehr in ihrer bisherigen Gebietskörperschaft betreut werden können“ (S. 24, 63) aufgeführt. Die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer wurden in einem nächsten Fragenblock gebeten, vorgegebene Unterstützungsmaßnahmen zum Umgang mit herausfordernden Verhaltensweisen auf ihre Nützlichkeit hin zu bewerten. Der dritte Fragenblock konzentriert sich auf die in den Einrichtungen lebenden Menschen mit herausforderndem Verhalten. Es liegen u. a. Daten zur Anzahl an Unterbringungs- und Einweisungsbeschlüssen sowie dem Vorkommen und der Art von herausforderndem Verhalten vor. Im vierten Fragenblock widmen sich die Items den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Einrichtungen. Aufgezeigt werden dabei die Verteilungen der Geschlechter und der Qualifikationen.

Das 6. Kapitel fährt mit einer vergleichenden Betrachtung ausgewählter Ergebnisse (S. 93-95) fort. Hierbei werden die Untersuchungsergebnisse beider Regionen hinsichtlich der Angebotsstruktur, der geschlossenen Unterbringungsangebote, der Einstellungen der Mitarbeiter_innen bezüglich herausforderndem Verhalten und geschlossene Unterbringung sowie der vorzufindenden Sozialraumorientierung miteinander verglichen und diskutiert.

Das 7. Kapitel schließt die Arbeit mit Implikationen für Forschung und Praxis: Abschließende Betrachtungen und Ausblick (S. 96-97) ab. Die Ergebnisse der Untersuchung unterstreichen u. a. die Wichtigkeit von adäquaten Qualifizierungsmöglichkeiten und weiterführenden Forschungsvorhaben.

Diskussion

Das Buch ist übersichtlich aufgebaut und der Schreibstil klar und verständlich. Die Autoren gehen von einem begründeten und international anschlussfähigen Begriffsverständnis von herausforderndem Verhalten aus. Sie verzichten dabei auf eine Bewertung der Verhaltensweisen und verdeutlichen, dass es sich hierbei um ein person- und kontextabhängiges Phänomen handelt (S. 9-10). Insgesamt ist die Darstellung des theoretischen Rahmens sehr knapp gehalten. Auch vermisst man einen Einblick in den aktuellen nationalen und internationalen Forschungsstand zum Thema. Dies könnte darin begründet liegen, dass es sich lediglich um die Publikation eines Teilprojektes des größeren Forschungsvorhabens KIBA.netz handelt, dessen Laufzeit noch nicht beendet ist. Die Schilderung des methodischen Vorgehens ist ebenfalls kurz gehalten, hier wünscht sich ein interessierter Rezipient womöglich genauere Beschreibungen.

Hervorzuheben ist die Fülle an Ergebnistabellen, deren Bedeutung gut verständlich geschildert wird. Kritisch anzumerken ist, dass keine Erläuterung zur Genese oder Herkunft des verwendeten Online-Fragebogens zu finden ist. Leider ist der genutzte Fragebogen auch nicht in seiner Gänze im Buch abgedruckt. Die meisten Fragen werden aber im Ergebnisteil mit präsentiert. Passend zum Erkenntnisziel weisen die Items überwiegend geschlossene Antwortformate auf. Es ist jedoch anzumerken, dass die ausschließlich geschlossene Vorgabe von Unterstützungsarten, die es dann zu priorisieren gilt, zu beschränkend erscheint für die Erfassung von potentiell unterstützenden Maßnahmen für den Umgang mit Menschen mit herausforderndem Verhalten. Zudem wäre insgesamt ein stärkerer Einbezug von (offenen) Fragen zu weiteren Aspekten des Einsatzes freiheitsentziehender Maßnahmen und geschlossener Unterbringung wünschenswert.

Im Diskussionsteil gelingt es den Autoren aus der Fülle an gefundenen Ergebnissen zentrale Aspekte der beiden Untersuchungsregionen zusammenzufassen und miteinander zu vergleichen. Dabei nehmen sie auch Bezug auf in der Fachliteratur vorzufindende theoretische Positionen und Erklärungszusammenhänge. Im letzten Kapitel werden schlüssig praxisrelevante Implikationen und Forschungsdesiderate abgeleitet. Für eventuell anschließende Forschungsvorhaben wäre noch eine kritische Reflexion des eigenen methodischen Vorgehens in einem Extraabschnitt oder -kapitel gewinnbringend.

Fazit

Im Zuge des vorliegenden Forschungsprojektes wurde unter Nutzung eines überwiegend quantitativen Untersuchungsdesigns eine erhebliche Datenmenge zu den Betreuungseinrichtungen für Menschen mit so genannter geistiger Behinderung und herausforderndem Verhalten publiziert. Die gewonnenen Daten repräsentieren die Regionen Westfalen-Lippe und Rheinland in NRW. Im Vordergrund standen bei der Befragung vor allem strukturelle Informationen zur Einrichtungslandschaft und zu Betreuungsformen. Darüber hinaus wurden die Einstellungen der befragten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu den Themen freiheitsentziehende Maßnahmen und geschlossene Unterbringung sowie hilfreichen Maßnahmen bei herausforderndem Verhalten mit überwiegend geschlossenen Antwortformaten erfasst.


Rezensentin
Rita Bretschneider
M.Ed. Master of Education für das Lehramt an Förderschulen
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Leipzig am Institut für Förderpädagogik im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung
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Zitiervorschlag
Rita Bretschneider. Rezension vom 24.03.2017 zu: Martin F. Reichstein, Johannes Schädler: Zur Lebens- und Betreuungssituation von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung und herausforderndem Verhalten in Nordrhein-Westfalen. Ergebnisse einer Onlinebefragung in Einrichtungen und Diensten für Menschen mit Behinderungen. universi – Universitätsverlag Siegen (Siegen) 2016. ISBN 978-3-934963-42-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21633.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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