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Karlheinz A. Geißler: Anfangssituationen

Cover Karlheinz A. Geißler: Anfangssituationen. Was man tun und besser lassen sollte. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. 11. Auflage. 231 Seiten. ISBN 978-3-407-36579-8. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Thema

Karlheinz A. Geißler gibt in seinem Buch Anregungen, wie Anfangssituationen in Kursen und Seminaren gestaltet werden können. Dabei will er insbesondere Lehrende ansprechen, die am Anfang ihrer Tätigkeit stehen. Das hier vorgelegt Buch ist die 11. und überarbeitete und erweiterte Auflage dieses 1989 zuerst veröffentlichten Werkes.

Autor

Karlheinz A. Geißler war Professor für Wirtschaftspädagogik an der Universität der Bundeswehr in München und ist Fachautor vor allem zu Büchern über pädagogische Themen und Zeit.

Aufbau

Geißler setzt in seinem Buch elf inhaltliche Schwerpunkte:

  1. Zum Anfang
  2. Ach ja, die Anfänger
  3. Der Anfang als Situation
  4. Die Soziodynamik von Anfangssituationen
  5. Die Angst des Dozenten vor und in Anfangssituationen
  6. Der Anfang als Wunschkonzert
  7. Seminarregeln als Lernkontrakt
  8. Spiele in Anfangssituationen
  9. Teilnehmer zu Beginn der Bildungsveranstaltung
  10. Interventionen in Anfangssituationen
  11. Andere fangen auch an.

Ausgewählte Inhalte

Beispielhaft seien hier die Kapitel 7 und 8 vorgestellt.

Kapitel 7 fokussiert das wichtige Thema „Seminarregeln als Lernkontrakt“. Zu Beginn des Kapitels hebt der Autor noch einmal pointiert hervor, worum es in der Anfangssituation geht: „den Teilnehmenden erklären, wie der Lehr/Lernprozess verläuft, was dabei wichtig ist und was anders als im Alltag ist. Kurzum: die Leitung sollte deutlich machen, was sie mit den Teilnehmern vor hat, wie sie den Fortgang zu gestalten und zu leiten gedenkt und was sie von den Teilnehmern erwartet.“ (117). Für eine erfolgreiche Gestaltung des Lehr/Lernprozesses hält es Geißler für sinnvoll, das sich alle Beteiligten ihrer jeweiligen Rolle bewußt sind und an die Rollenskripte halten: Dozenten also z. B. Lehrende und nicht zugleich Lernende sind, Teilnehmende nur Lernende und nicht manchmal auch Lehrende (117).

Als wichtig erachtet er jedoch einen „elastischen“ Umgang mit Regelvorgaben. Hier sieht es Geißler als „erstes und wichtigstes Ziel“ für den Dozenten „in der Anfangsphase der Lehr/Lernsituation für die Entwicklung einer möglichst guten Arbeitsbeziehung, eines gemeinsamen Arbeitsbündnisses zu sorgen.“ (119). Hier können Interaktionsregeln einen wichtigen Beitrag leisten, z. B. hinsichtlich des Lernklimas oder in Gestalt von Kursregeln. In Bezug auf das Thema Lernklima bleibt der Autor recht allgemein, verweist lediglich darauf, dass es „entscheidend ist für das, was gelernt wird und wie gelernt wird. Geprägt wird das Lernklima vom Umgang der Beteiligten untereinander, von der Qualität ihrer Interaktionskultur. Alles dafür zu tun, dass diese das Lernen ermöglicht, fördert und erleichtert, zählt zu den Hauptaufgaben der Kursleitung.“ (120). Dies ist sicherlich richtig. Da sich Geißler in seinem Werk aber ja vor allem an Anfänger*innen richtet, wären sicherlich genau hier konkrete weiterführende Hinweise hilfreich und wünschenswert gewesen, auf welche Stellschrauben es besonders zu achten gilt, welche Interaktionsregeln sich als besonders förderlich erweisen könnten, wie diese vereinbart werden könnten etc.

Zum Thema Kursregeln führt Geißler exemplarisch das konkrete Thema Nachfragen während oder zwischen eines Vortrages oder einer Präsentation aus. Untermauert wird dies am recht anschaulichen Beispiel konkreter Seminarregeln aus einem Blockseminar zur pädagogischen Qualifizierung betrieblicher Ausbilder (121). Für Geißler erschöpft sich der Vorteil der Diskussion der Seminar- bzw. Interaktionsregeln mit den Teilnehmenden darin, dass ihnen hinterher die Vorgaben klar sind, sie „stellen eine Gewinn an Wahrheit“ für die Teilnehmenden dar, „Fantasien und Spekulationen“ der Teilnehmenden werden durch Informationen ersetzt (124). Dadurch und Danach können sich die Dozenten auf ihre Rolle als Verantwortliche und die Teilnehmenden auf ihre komplementäre Rolle, eben als „Teilnehmende“ konzentrieren. Zugleich sieht Geißler dies als AngebotAn die Teilnehmenden über die möglichen Mitspracheoptionen: „Die Teilnehmer wissen so, wo sie, was Ihr Handeln betrifft, mit Akzeptanz und wo sie mit Widerstand seitens des Dozenten zu rechnen haben.“ (125).

Kapitel 8 widmet sich dem Thema „Spiele in Anfangssituationen“. Geißler eröffnet sein Kapitel mit einigen grundsätzlichen Anmerkungen zum Einsatz von Spielen in Anfangssituationen. Grundsätzlich rät er zu einem eher zurückhaltend-behutsamen Einsatz und einer „vorsichtigen Dosierung“ (129). Er stellt dann selbst zwei Spiele vor: das Krokodilspiel (als Namensvorstellunsgspiel) und das Schlüsselkönigsspiel als Auftau- und Kennenlernspiel.

Es folgen einige theoretische Auseinandersetzungen zum Für und Wider des Einsatzes von Spielen in Anfangssituationen von Erwachsenenbildungssettings. Dabei spricht sich der Autor sinnvollerweise dafür aus, Spiele in solchen Situationen nur dann einzusetzen, wenn sie auch im weiteren Verlauf als durchgängiges Motiv wiederkehren und wenn sie eine lernförderliche Wirkung haben und mehr als nur ein motivationaler Trick sind.

Er benennt vier Kriterien als entscheidend dafür an, ob der Einsatz von Spielen zur Auflockerung von Lehr-/Lernprozessen sinnvoll ist oder nicht:

    1. Freiwilligkeit
    2. Das Spielen ist eine unproduktive Betätigung
    3. Selbstzweckcharakter des Spiels
    4. Abtrennung vom gewöhnlichen Leben.

Grundsätzlich plädiert Geißler eher für den Gebrauch der Begriffe „Übung“ oder „Methode“ anstatt des Wortes „Spiel“. Zudem hält er es für unverzichtbar, dass gewährleistet ist, dass solche (spielerischen) Übungen „die Realität der Situation und die der Beteiligten durch das Verfahren nicht verschleiert und nicht abgewehrt wird“ (137) und „solche Übungen, Verfahren, Techniken in den gesamten Ablauf der Veranstaltung integriert sind.“ (138).

Diskussion und Fazit

Karlheinz Geißlers Buch ist ansprechend gestaltet: Karikaturen, zahlreiche Illustrationen und Fotos ergänzen die Texte. Zusätzliche Informationen, Beispiele, Tipps und Übungen oder Methoden sind mit entsprechenden Icons gekennzeichnet. Zitate aus literarischen Vorlagen, Fachtexten, Filmtexten oder Theaterstücken bringen zusätzliche Anregungen und Perspektiven ein.

Geißler ist zweifelsohne ein Altmeister der pädagogischen Fachliteratur, mit reichem Erfahrungsschatz und viel belesen, auch wenn seine Ausführungen für meinen Geschmack oft ein wenig assoziativ anmuten.

Nach meinem persönlichen Dafürhalten ist Geißlers Perspektive jedoch recht traditionell dozentenzentriert und zu wenig partizipativ oder teilnehmendenorientiert. Ansätze einer partnerschaftlichen, prozeß- und ressourcenorientierten Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden sind ihm wohl eher fremd. Ein sehr typisches Beispiel dafür ist seine Beschreibung dessen, worum es in der Anfangssituation geht (116-117): „Kurzum: die Leitung sollte deutlich machen, was sie mit den Teilnehmern vor hat, wie sie den Fortgang zu gestalten und zu leiten gedenkt und was sie von den Teilnehmern erwartet.“ (117). Auch hält er es für wichtig, dass sich Dozenten vor allem als Lehrende und nicht als Lernende verstehen (117). Ein anderes Beispiel ist seine Feststellung, dass „die Grundparadoxie aller pädagogischen Arbeit heißt: Über Abhängigkeit zur Unabhängigkeit, zur Selbstständigkeit.“ Auch dieser Einschätzung widersprechen viele zeitgemäße andragogische Konzepte und auch ich möchte mich seinem Ansatz nicht anschließen.

Ob nicht gerade Anfänger*innen, an die er sich mit seinem Buch ja ausdrücklich richtet, nicht mehr konkrete Anregungen und weniger grundsätzliche Überlegungen wünschen, sei außerdem dahingestellt.


Rezensentin
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 16.03.2017 zu: Karlheinz A. Geißler: Anfangssituationen. Was man tun und besser lassen sollte. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. 11. Auflage. ISBN 978-3-407-36579-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21640.php, Datum des Zugriffs 20.08.2019.


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