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Armin Himmelrath, Katharina Blaß: Die Flüchtlinge sind da!

Cover Armin Himmelrath, Katharina Blaß: Die Flüchtlinge sind da! Wie zugewanderte Kinder und Jugendliche unsere Schulen verändern - und verbessern. h.e.p.-verlag (Bern) 2016. 200 Seiten. ISBN 978-3-0355-0642-6. 19,00 EUR, CH: 23,00 sFr.
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Thema

Die Flüchtlingskrise ist eine der größten Herausforderungen Europas. Schulische Bildung ist ein Schlüssel zu einer gelungenen Integration. Das vorliegende Buch richtet sich primär an Lehrkräfte, Pädagogen und Sozialarbeiter sowie politisch Verantwortliche. Es gibt Aufschluss darüber, wie Flüchtlinge bisher in unserem Bildungssystem angekommen sind. Die Autoren haben sich in Schulen umgesehen und geben Einblick aus der Praxis, wie die Geflüchteten die deutschen Schulen prägen.
In dieser Bestandsaufnahme haben die Autoren alle denkbaren Schulformen des deutschen Schulsystems berücksichtigt und implementiert.

Autoren

Armin Himmelrath ist freier Wissenschafts- und Bildungsjournalist und Moderator. Nach Abschluss seines Lehramtsstudiums (Germanistik und Sozialwissenschaften) hat er bereits mehrere Bücher zu Bildungsthemen veröffentlicht. Derzeit arbeitet er unter anderem für Deutschlandradio, Spiegel/ Spiegel Online und dem WDR. Darüber hinaus ist er als Lehrbeauftragter für journalistisches Schreiben an der FU Berlin tätig.

Katharina Blaß studierte Medienwissenschaft. Heute arbeitet sie als freie Journalistin, Autorin und Moderatorin. Sie schreibt vor allem für Spiegel Online und den NDR.

Entstehungshintergrund

Dieses Buch entstand aus der Motivation heraus, Einblick darüber zu geben, wie die Schulen vor allem in Deutschland, aber auch in der Schweiz und Österreich einen Bildungszugang für Flüchtlinge möglich machen.

Aufbau und Inhalt

Das vorliegende Werk ist in elf Themenbereiche gegliedert, denen weitere untergeordnete Themen zugeordnet sind

1. Die Situation der Zugewanderten. Anhand jüngster Datenerhebungen stellen die Autoren den Flüchtlingszuzug nach Deutschland, Österreich und der Schweiz dar. Anhand diverser Studien werden Herkunft, Anteile von Männern und Frauen und minderjährigen Flüchtlingen und darüber hinaus der Bildungsstand der Zugewanderten dargestellt. Den Untersuchungen zufolge kommen die Autoren zu dem Schluss, sowohl die Form der Integration durch Schule und Bildung als auch das Ausbildungssystem drastisch zu überdenken. Der Themenbereich schließt mit einem Projektbericht einer integrierten Sekundarschule. Beschrieben wird, wie sich Schüler für Kontakte zu Flüchtlingen engagieren.

2. Das Grundrecht auf Schulbesuch- auch für Flüchtlinge. Der Beginn der Schulpflicht für zugewanderte Kinder ist wie das Schulgesetz föderalistisch geregelt. In diesem Themenbereich wird auf die Diskrepanz hingewiesen, dass zum Einen Bildung ein Menschenrecht ist, zum Anderen in einigen Bundesländern Wartezeiten der Schulbesuchspflicht bestehen. Der Beginn der Schulpflicht in den Bundesländern sowie die gesetzliche Regelung zu dem Ende der Meldepflicht und dem Ende der Schulpflicht sind detailliert dargestellt.

3. Eine besondere Herausforderung: Deutsch als Zweitsprache. Um den Zugewanderten deutsch zu vermitteln bedarf es nicht nur des Engagements der Lehrer, sondern auch der Prüfung der Ausbildungsinhalte von Lehramtsstudierenden. Wie die Hochschulen auf diese Herausforderungen reagieren, wird im weiteren Verlauf beschrieben. Ein am Institut für Lehrerfortbildung Hamburg angebotener 30-Stunden-Kurs Deutsch als Zweitsprache wird vorgestellt und das Hamburger Sprachförderkonzept vermittelt. Abschließend berichtet eine Lehrerin einer Hauptschule von ihren Erfahrungen als DaZ- Lehrerin.

4. Integration durch Bildung. Die Autoren stellen sich die Frage, inwieweit wir mit den bestehenden Strukturen die Zugewanderten willkommen heißen können. Dem zugrunde liegt die Feststellung, dass noch immer Menschen mit Migrationshintergrund durch das System diskriminiert werden. Leistungsdruck und Konkurrenz bekräftigen Formen der Ausgrenzung. Alternativen werden anhand schulorganisatorischer Modelle aufgezeigt, mit dem Hinweis, dass diese noch nicht evaluiert sind. Bestehende Integrationsversuche und Modellprojekte werden kritisch hinterfragt. Ein Fallbeispiel einer Bremer Schule zeigt auf, wie Freiwillige unterschiedlicher Professionen erfolgreich für einen regelmäßigen Deutschunterricht sorgen können.

5. Noch nicht im Fokus: Flüchtlinge in den Berufsschulen. Nach Einschätzung der Autoren spielen die berufsbildenden Schulen derzeit bei der Frage nach einer Integration der zugewanderten Schüler in das Bildungssystem eine untergeordnete Rolle. Integration durch Berufsbildung wird als Chance gesehen, die noch zu wenig wahrgenommen wird. Wie sich jugendliche Flüchtlinge auf das Fachabitur einer Fachschule in Würzburg vorbereiten, erläutert die Leiterin der Schule. Neben diesem Modellprojekt werden weitere Qualifizierungsmöglichkeiten und Maßnahmen aus unterschiedlichen Perspektiven erörtert.

6. Die Maßnahmen von Bund und Ländern. Die Forderungen an die Politik werden unter Berücksichtigung der zukünftig geplanten Investitionen der Bundesregierung vorgestellt und diskutiert und die Diskrepanz von konkreten Handlungsempfehlungen zu realistischen Umsetzungsmaßnahmen thematisiert. Eine Grundschule stellt vor, wie Flüchtlingskinder in ihr mit hightech- Unterstützung lernen.

7. Wie außerschulische Kooperationspartner die Integration unterstützen. Sowohl externe Hilfen als auch gute Kooperationen und Vernetzung machen stark. Die Autoren gehen auf die Wirksamkeit außerschulischer Hilfen ein und wie diese die Integration vorantreiben kann. Aufgezeigt wird anhand eines Beispiels auch, wie die Konsequenzen aussehen können, wenn Lehrer auf sich selbst gestellt sind.

8. Mit traumatischen Erfahrungen umgehen. Dieser Themenabschnitt beziehen sich die Autoren auf die besondere Situation unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge, benennen Fakten und Zahlen dieser und greifen die Entwicklung der rechtlichen Vorgaben von 1992- 2016 für junge Zugewanderte in Deutschland auf. Die Autoren beschreiben den Weg von der Ankunft zum Asylverfahren. Bei Traumatisierung als Folge der Flucht kommen vor allem psychologische und psychotherapeutische Gesichtspunkte zum Tragen. Es wird beschrieben, welche Funktion Lehrern bei der Aufgabe der Traumabewältigung zukommt. Ein weiteres Modellprojekt wird vorgestellt.

9. Blick über die Landesgrenzen: Die Schweiz. Der Leser gewinnt Einblick darüber, wie die Schweiz mit der vergleichsweise geringen Anzahl von Zuwanderern und deren Integration umgeht. Das Bildungssystem der Schweiz wird dargestellt und beispielhaft Integrationsstrategien des Kantons Bern vorgestellt. Anhand eines Modellprojektes einer Berufs- Fach- Fortbildungsschule wird geschildert, wie Flüchtlingen durch ein Brückenangebot zu einem Neustart in der Schweiz verholfen wird.

10. Blick über die Landesgrenzen: Der Integrationspakt in Österreich. Auch Österreich nehmen die Autoren in Sachen Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund ins Visier und klären auf über den gegenwärtigen Stand der Flüchtlings- und Integrationspolitik.

11. Reaktionen erwünscht: Was die Politik tun muss. Die Autoren weisen eingehend auf die Notwendigkeit einer nachhaltigen Bildungspolitik für Flüchtlinge und deren noch fehlenden Grundlagen hin. Sie plädieren für eine gemeinsame Schulpolitik von Bund und Ländern, um die große finanzielle Herausforderung hinsichtlich adäquater Beschulung neu zugezogener Kinder und Jugendlichen zu meistern und die unumstritten notwendigen Maßnahmen umsetzen zu können. Hingewiesen wird auf zahlreiche Aufgaben, denen sich die Bildungs-und Finanzpolitiker stellen müssen. Der Leser erhält einen Überblick zu den geschätzten Gesamtkosten der Bildungs-und Qualifizierungsmaßnahmen für die in diesem Jahr Zuwandernden. Positive Effekte hoher Bildungsinvestitionen werden dargestellt und ein von D. Dohmen entwickelter Bildungsinvestitionsfond (Refugee Impact Fund) vorgestellt.

Das Werk schließt mit einem Bericht aus einer Freien Waldorfschule, in der Flüchtlingskinder eine ganz andere Pädagogik kennen lernen.

Diskussion

Dieses Buch gibt einen wertvollen informativen Überblick darüber, wie zugewanderte Kinder und Jugendliche in unserem Land derzeit in Schulen integriert werden. Den Leser erwartet eine gelungene Mischung von theoretischen, wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen und dem exemplarischen Einblick in die Praxis hinsichtlich der Umsetzung von Integration in Schulen. Die Autoren hegen bezüglich der vorgestellten Modellprojekte keinen Anspruch auf repräsentative Ergebnisse für die Grundgesamtheit. Dennoch lassen sich für den Leser im bildungspolitischen Sektor nicht von der Hand zu weisende Handlungsbedarfe identifizieren, auf die die politisch Verantwortlichen reagieren müssen. Auch aus erziehungswissenschaftlicher Sicht eröffnet sich damit die Chance, das längst überholte Bildungssystem in Deutschland neu zu überdenken und zu reformieren.

Fazit

Das Buch ist ein sehr gelungener Beitrag, Lehrkräfte in ihrem schulischen integrativen Bildungsauftrag zu inspirieren. Neben dem lebendig und spannend vermittelten Wissenstransfer werden Lehrer und Pädagogen angeregt, neue (auch unkonventionelle) Wege zu gehen und Handlungsstrategien zu entwickeln, um Integration von geflüchteten Kindern und Jugendlichen erfolgreich zu gestalten. Schule spiegelt die Vielfalt der Gesellschaft wieder. Daher richtet sich diese Buchempfehlung nicht nur an alle Akteure und Institutionen in pädagogischen Handlungsfeldern, sondern auch an all diejenigen, die sich als ein Teil dieser Gesellschaft sehen.


Rezension von
Marianne Kleiner-Wuttke
Pädagogin, Autorin, Referentin und Trainerin
Homepage kleiner-wuttke.jimdo.com
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Zitiervorschlag
Marianne Kleiner-Wuttke. Rezension vom 02.12.2016 zu: Armin Himmelrath, Katharina Blaß: Die Flüchtlinge sind da! Wie zugewanderte Kinder und Jugendliche unsere Schulen verändern - und verbessern. h.e.p.-verlag (Bern) 2016. ISBN 978-3-0355-0642-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21642.php, Datum des Zugriffs 02.12.2021.


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