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Petra Lachnit, Judith Barth: Leitfaden für den Umgang mit Flüchtlingskindern in der Kita

Petra Lachnit, Judith Barth: Leitfaden für den Umgang mit Flüchtlingskindern in der Kita. Verlag PRO Kita (Bonn) 2016. 176 Seiten. ISBN 978-3-8125-2317-2. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.
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Thema

Viele Kindertagesstätten stehen vor der Aufgabe, Kinder mit Fluchterfahrungen aufzunehmen, ihnen Sicherheit und Geborgenheit zu bieten, ihre Entwicklung und Bildung zu fördern und sie auf die Schule vorzubereiten.

Manche Kita-Leitung kann mit Hilfe eines Leitfadens ihr Konzept und ihre Praxis besser auf den Weg bringen.

Autorinnen

Petra Lachnit ist Master of Socialmanagement, erfahrene Kita-Leiterin und Referentin in der Fortbildung, Judith Barth berät als Rechtsanwältin Kitas in Rechtsfragen. Beide stellen sich im Vorwort als Chefredakteurin vor.

Aufbau

Der Leitfaden besteht aus zwei Teilen:

  1. der erste Teil hat den Titel „Flüchtlingskinder in der Kita“ und befasst sich mit konzeptionellen und praktischen Fragen,
  2. der zweite mit den rechtlichen Aspekten „für den Umgang mit Flüchtlingskindern“.

Inhalt

Das Buch wendet sich direkt an Kita-Leitungen: „Wenn eine Flüchtlingsfamilie zu Ihnen in die Kita kommt.“ Hierzu stellt Petra Lachnit ein Bündel von Überlegungen vor, die im Team, mit dem Träger, in der Kommune anzustellen sind. Es soll alles dafür getan werden, dass sich die Kinder und ihre Eltern mit Fluchterfahrung willkommen fühlen. Ausführlich und in allen Einzelheiten werden alle administrativen Schritte hierzu zusammengestellt.

Einen besonderen Schwerpunkt setzt die Autorin damit, dass sie für eine Eingewöhnungsphase von mindestens 5 Tagen, bei Bedarf auch erheblich länger,eintritt, in der ein Elternteil mit dem Kind in der Gruppe ist, bis es eine sichere Bindung zu einer Erzieherin, einer besonderen Bezugsperson gewonnen hat. Um an die Stärken des Kindes anzuknüpfen, aber auch fluchtbedingte Probleme des Kindes zu erkennen, werden diverse Beobachtungsverfahren angeregt, vor allem die einfühlsame Zuwendung zu den Kindern anempfohlen.

Der Kita-Leitung wird dazu aufgefordert, etwaigen Vorbehalten andrer Eltern gegenüber den Flüchtlingskindern, die ja „bevorzugt werden oder das Sprachniveau senken“ könnten, offensiv und früh zu begegnen. Für die so wichtige Kommunikation mit den geflüchteten Eltern werden u.a. auch schriftliche Informationen und Dolmetscher empfohlen.

Der zweite, juristische Teil klärt zunächst, was die verschiedenen Aufenthaltstitel, also Asylbewerber (im Verfahren oder anerkannt), Flüchtling oder Person mit subsidiärem Schutz bedeuten. Die Autorin stellt auch klar, dass Flüchtlingskinder einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz haben, weder bevorzugt noch benachteiligt werden dürfen. Sie regt auch an, dass die Kita-Leitung die Eltern unterstützt, wenn es darum geht, die finanziellen Fragen (Kita-Gebühr, Essensgeld) zu klären, wofür das Jugendamt bzw. das Jobcenter zuständig ist. Dazu gehört auch der Hinweis, dass Flüchtlinge nach 3 Monaten rechtmäßigen Aufenthalts in Deutschland eine Beschäftigung aufnehmen können, durchaus auch im hauswirtschaftlichen Sektor der Kita, vor allem aber auch eine Berufsausbildung – wenngleich es oft bei einem Praktikum bleibt.

Da alle Eltern, ob mit oder ohne Fluchterfahrung, vor Aufnahme ihres Kindes in die Kita die gleichen medizinischen Nachweise für ihr Kind vorlegen müssen, sind etwaige Gerüchte in Richtung auf Ansteckung jederzeit zu unterbinden. Richtig ist allerdings auch, dass es vieler Anstrengungen bedarf, bis das Sozialamt therapeutische Behandlungen, besonders bei Traumatisierung, genehmigt und finanziert.

Manche Kita-Leitung mag, um die Willkommenskultur vorzubereiten, versucht sein, Informationen über das Herkunftsland, die Fluchtgründe oder die Konfession von Neuankömmlingen zu verbreiten – dem steht aber der Datenschutz ernsthaft entgegen.

In Bezug auf die Mahlzeiten in der Kita schlägt Judith Barth einen „Kompromiss“ vor: Es wird allen Kindern eine vegetarische Variante angeboten. Kein Kind muss also Schweinefleisch essen, es kann aber auch niemand darauf bestehen, dass „halal“ gekocht wird. Wird ein Kind von der Mutter oder einer Beauftragten abgeholt, die ganz verschleiert ist, muss das Kita-Personal bei der Abholung diese bitten, sich gegenüber einer Mitarbeiterin zu erkennen geben, also den Schleier zu lüften.

Diskussion

Der Leitfaden ist übersichtlich und gut lesbar gestaltet. Manche Formulierung ist schief, z, B. im Titel „Umgang“. Sechs leere Seiten „für Ihre Notizen“ müssen nicht sein. Im 2.Teil wird Manches aus dem ersten wiederholt. Mit vielen Beispielen aus der Praxis, Grafiken und Checklisten ist die Leserin, der Leser gut bedient, gelegentlich schon zu gut: Bis in alle Details werden Selbstverständlichkeiten aufgelistet, zweiseitige Musterbriefe vorgeschrieben.

Bei der Sprachförderung werden diverse Spiele vorgestellt, die allenfalls das Lernen der Namen bringen, ferner Abzählreime, die etwas ältlich wirken und irreführend sind („Dickmadam, die lachte“).

Viele Kita-Teams haben sich mit Begeisterung und Engagement auf Kinder mit Fluchterfahrung eingestellt, konnten dabei an die bisherige multikulturelle Praxis in der Kita anknüpfen. Die beiden Autorinnen empfehlen daher zurecht, sich mit anderen Kita-Teams auszutauschen. Realistischerweise werden zeitweise Belastungen, möglicher Mehraufwand, Überstunden etc. nicht ausgeschlossen. Richtig ist dabei auch, dass die Kommunen und Träger in der Pflicht sind, alle Kinder, eigentlich – wenn man die Kinderrechtskonvention bedenkt – doch unabhängig von Herkunft und Status, zu schützen und zu fördern.

Fazit

Der Leitfaden ist eine Einladung und Aufforderung, in den meisten Fällen einfach nur eine Bestätigung: Kita-Teams haben die pädagogische und organisatorische Kompetenz, sich für Kinder mit Fluchterfahrung einzusetzen.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 28.10.2016 zu: Petra Lachnit, Judith Barth: Leitfaden für den Umgang mit Flüchtlingskindern in der Kita. Verlag PRO Kita (Bonn) 2016. ISBN 978-3-8125-2317-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21646.php, Datum des Zugriffs 17.10.2019.


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