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Mike Rinck: Lernen. Ein Lehrbuch für Studium und Praxis

Cover Mike Rinck: Lernen. Ein Lehrbuch für Studium und Praxis. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2016. 145 Seiten. ISBN 978-3-17-026040-5. D: 49,00 EUR, A: 50,40 EUR.
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Thema

Lernen ist die zentrale Fähigkeit aller Lebenswesen. Deshalb spielt die Lernpsychologie eine wichtige Rolle im Rahmen des Psychologiestudiums. Dieses einführende Lehrbuch will die klassischen Themen der Lernpsychologie, wie klassische und operante Konditionierung, Beobachtungslernen und kognitives Lernen erklären und mit Beispielen illustrieren. Daraus sollen praktische Tipps für ein effektiveres Lernen in Schule, Studium und Beruf entwickelt werden.

Autor

Dr. Mike Rinck ist apl. Professor an der Ruhr-Universität Bochum und Universitair Hoofddocent an der Radboud Universiteit Nijmegen, Niederlande.

Entstehungshintergrund

Menschen sind nicht belehrbar, aber lernfähig (Horst Siebert). Bereits seit 130 Jahren gibt es wissenschaftliche Untersuchungen über das Lernen. Häufig findet Lernen unbewusst statt. In unseren Bildungssystemen, vor allem in Schulen und Hochschulen, steht aber das sogenannte kognitive Lernen im Vordergrund, das die meisten Menschen als nicht einfach empfinden. Die Formen des Lernens – vor allem die Konditionierungen – sind wissenschaftlich gut erforscht. Der Autor hat sich vorgenommen, aus diesen Erkenntnissen den Bezug zum Alltag der Leser herzustellen.

Aufbau und Inhalt

Zunächst definiert der Autor Lernen als eine auf Erfahrung basierende, dauerhafte Veränderung in den Verhaltensmöglichkeiten eines Individuums. Kompetenzen werden als die Fähigkeit beschrieben, ein bestimmtes Verhalten zu zeigen, während die Performanz die tatsächliche Ausführung des Verhaltens zeigt.

Im Kapitel Habituation, der abnehmenden Reaktion auf einen wiederholt dargebotenen, irrelevanten Reiz, und Sensitivierung, die zunehmende Reaktion auf einen wiederholt dargebotenen, relevanten Reiz (z.B. Schmerzreiz), werden diese einfachen, grundlegenden Formen des Lernens beschrieben.

Ausführlich beschäftigt sich der Autor mit der klassischen Konditionierung, die den meisten aus dem berühmten Experiment mit Hunden von Iwan Pawlow bekannt ist, und die Einflüsse auf deren Effektivität. Er beschreibt wichtige Aspekte der klassischen Konditionierung, beschäftigt sich mit der Stimulus-Generalisierung, also der Wirkung ähnlicher Reize, den emotionalen Reaktionen und die Erzeugung von Angstreaktionen. Die evaluative Konditionierung verknüpft emotional neutrale und angenehme bzw. unangenehme Reize, die sich dabei durchsetzen. Der Autor beschreibt dann Beispiele der klassischen Konditionierung im Alltag, wie Nahrungsvermeidungslernen, sowie die therapeutischen Anwendungen der klassischen Konditionierung, z.B. bei Bettnässern, Aversionen oder Schlafstörungen.

In einem weiteren Kapitel beschäftigt sich der Autor mit der operanten Konditionierung, also zufälligem oder spontanem Verhalten, das durch positive oder negative Konsequenzen häufiger bzw. seltener wird. Wichtige Aspekte sind hierbei Bestrafungen, Löschungen (Umlernen) oder verschiedene Formen positiver Verstärkung alternativen Verhaltens. Das Lernen neuer Verhaltensweisen wird über Shaping, d.h. schrittweise Annäherungen an das Zielverhalten, über Chaining, bei der einzelne, schon existierende Verhaltensweisenz u einer neuen Kette von Handlungen verbunden werden, oder latentes Lernen und Selbstmodifikationsprogramme erreicht. Eine wichtige Rolle spielt zudem die operante Konditionierung in der Klinischen Psychologie beim Erkennen und Therapieren von Störungen.

Modelllernen erfolgt durch Beobachtung anderer in Form sozialen Lernens. Kognitives Lernen, das uns vor allem aus Schule und Hochschule bekannt ist, strebt den den Aufbau von Wissen, die Verarbeitung von realen Objekten, an. Deshalb zielen viele Methoden des kognitiven Lernens darauf, die Abstraktion zu verringern.

Der Autor erörtert eine Reihe von Lerntechniken und -methoden, z.B. die elaborierende Verarbeitung, die geistige Ausschmückung, Vertiefung und Verbindung mit bereits vorhandenem Wissen, die Organisation der Fakten, Vorstellungsbilder, selbst Abfragen (Abrufen) oder zeitliche Verteilung, aber auch Studier- und Mnemotechniken, wie Schlüsselwort-Methode, Loci-Methode, PQRST-Methode oder Lernkarteien und -programme,

Das Werk schließt mit kurzen Ausführungen zur extrinsischen Motivation sowie der Beschreibung eines Tages der (fiktiven) Studentin Laura, die die beschriebenen Lernprinzipien anwendet.

Die wichtigsten Lernempfehlungen sind u.a.:

  • Elaborierendes Lernen, kein stures Auswendiglernen
  • Verknüpfung mit Vorwissen
  • Üben des Abrufs
  • Lernkartei
  • Eselsbrücken und Abkürzungen
  • Verteiltes und expandierendes Lernen
  • Ausreichend Schlaf
  • Ausreichende Motivation
  • Diverse Studier- und Mnemotechniken

Fazit

Am Ende entlarvt sich der Autor, in dem er in seinem Schlusssatz diese Lernempfehlungen ausdrücklich für die Vorbereitung auf die Prüfung in Lernpsychologie empfiehlt. Obwohl er eingangs explizit die Lernbereiche Schule, Studium und Beruf ansprechen will, beschränkt sich das Werk auf das Verhaltenslernen und den Wissensaufbau in formellen Lernarrangements. Dabei betont er eingangs selbst, dass Lernen überwiegend informell und unbewusst stattfindet.

Das Erlernen von Handeln, also das zielgerichtete und bewusste Agieren, das vor allem in der betrieblichen Bildung eine zentrale Rolle spielt, wird von ihm nicht behandelt. Für die Unternehmen ist jedoch viel wichtiger, selbstorganisierte, handlungsorientierte Lernprozesse am Arbeitsplatz mit dem Ziel des Kompetenzaufbaus zu ermöglichen, als Verhaltensweisen zu trainieren oder Fachwissen, das zunehmend im Netz verfügbar ist, aufzubauen. Es geht vielmehr um die problemlösende Anwendung des Wissens. Deshalb spielt dort das Lernen aus eigenen Erfahrungen in Praxisprojekten und am Arbeitsplatz eine zentrale Rolle.

Auch in den Schulen und Hochschulen sollte nicht das hier propagierte Vorratslernen von Wissen, das meist wieder rasch vergessen wird, im Vordergrund stehen. Auch dort können mit Ansätzen des Projektlernens und des forschenden Lernens Kompetenzen im Sinne der Handlungsfähigkeit entwickelt werden. Dann kann man vermutlich auch auf Methoden der Selbstverstärkung zur Motivation der Lerner, z.B. durch 15 Minuten Roman lesen nach Bewältigung einer Lernsequenz, wie der Autor vorschlägt, verzichten, weil der Wunsch, herausfordernde Aufgaben zu bewältigen, bereits motivierend wirkt.

Leider behandelt dieses Buch, das den Anspruch erhebt, auch Lernen für die Praxis zu erklären, nur notwendige Voraussetzungen für handlungsorientiertes Lernen. Der wesentliche Lernprozess mit dem Ziel, Kompetenzen aufzubauen, bleibt eine „Blackbox“.


Rezensent
Prof. Dr. Werner Sauter
Blended Solutions GmbH
Homepage www.blended-solutions.de
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Zitiervorschlag
Werner Sauter. Rezension vom 28.04.2017 zu: Mike Rinck: Lernen. Ein Lehrbuch für Studium und Praxis. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-17-026040-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21647.php, Datum des Zugriffs 18.08.2019.


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