socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Manfred Döpfner, Claudia Kinnen u.a.: THOP-Elternprogramm - Manual für Gruppenleiter

Cover Manfred Döpfner, Claudia Kinnen, Joya Halder: THOP-Elternprogramm - Manual für Gruppenleiter. Gruppenprogramm für Eltern von Kindern mit ADHS-Symptomen und expansivem Problemverhalten. Mit E-Book inside und Arbeitsmaterial. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. 200 Seiten. ISBN 978-3-621-28345-8. 49,95 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Das „Therapieprogramm für Kinder mit hyperkinetischen und oppositionellem Problemverhalten“ (THOP), das 1997 in erster Auflage erschien, ist eines der ältesten und am besten evaluierten Trainingsprogramme für Kinder, die an der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leiden. Von Anfang an spielte dabei die Instruktion der Eltern eine wichtige Rolle. Mit dem „THOP-Elternprogramm“ liegen nun seit 2016 ein „Manual für Gruppenleiter“ sowie ein „Arbeitsbuch für Eltern“ vor, die sich explizit an Therapeuten bzw. Eltern richten. Sie sollen es beiden Seiten ermöglichen, das Trainingsprogramm möglichst einfach und standardisiert umzusetzen.

Autor und Autorinnen

  • Prof. Dr. Manfred Döpfner, leitender Psychologe am Zentrum für Neurologie und Psychiatrie der Uniklinik Köln, zählt zu den führenden Wissenschaftlern des deutschsprachigen Raums, die sich mit der ADHS, Sozialverhaltensstörungen sowie weiteren Verhaltensauffälligkeiten im Kindes- und Jugendalter befassen. Zu seinen zahlreichen Veröffentlichungen gehört u.a. das „Diagnostik-System für psychische Störungen nach ICD-10 und DSM-5 für Kinder und Jugendliche“ (DISYPS), das inzwischen in 3. Auflage vorliegt und die Diagnosekriterien von Amerikanischer Psychiatrischer Assoziation (APA) und Weltgesundheitsorganisation (WHO) manualisiert.
  • Die promovierte Diplom-Psychologin Dr. Claudia Kinnen ist eine Mitarbeiterin des Ausbildungsinstituts für Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie an der Uniklinik Köln (AkiP) und dort in der Psychotherapie-Ambulanz tätig.
  • Auch die Diplompädagogin Joya Halder war in der Forschungsgruppe THOP des AkiP über Drittmittel tätig, ist inzwischen jedoch aus dem Institut ausgeschieden.

Entstehungshintergrund

Das „Therapieprogramm für hyperkinetisches und oppositionelles Problemverhalten“ (THOP) ist eine eierlegende Wollmilchsau, die Hintergrundwissen zu ADHS und Sozialverhaltensstörung, empirische Befunde zu Therapieprogrammen und Elterntrainings, dezidierte Durchführungsprogramme und standardisierte Erziehungsberatung miteinander verbindet. Manfred Döpfner und seine jeweiligen Co-Autoren wollten von Anfang an alles richtig machen, als sie das Therapieprogramm 1997 auf den Markt brachten. Sie wussten, dass der empirisch überprüfbare Erfolg edukativer und psychotherapeutischer Interventionen von der Genauigkeit in der Umsetzung manualisierter Therapieprogramme abhängt. Andernfalls kann nur schwer beurteilt werden, welche Faktoren statistisch signifikant zur Entwicklung der Klienten beitragen.

Die Ausdifferenzierung der sich an die Eltern richtenden edukativen Aspekte des THOP mit der 2016 erfolgten Veröffentlichung des „Manuals für Gruppenleiter“ sowie des „Arbeitsbuchs für Eltern“, die das eigentliche THOP-Programm sowie das sich an Eltern und Kinder richtende Begleitbuch „Wackelpeter und Trotzkopf“ (derzeit 4. Auflage von 2011) ergänzen, folgt dieser Strategie zur Präzision in der Gestaltung der Abläufe, Instruktionen und auch des Materials.

Aufbau

Das „Manual für Gruppenleiter“ des THOP-Elternprogramms unterteilt sich in vier Kapitel.

  1. Kapitel I referiert die Diagnostik und multimodale Behandlung von Kindern mit ADHS und/oder einer Störung des Sozialverhaltens. In fünf Unterkapiteln werden dabei die Symptomatik der ADHS und der Sozialverhaltensstörung dargestellt und exemplarisch deren Verläufe beschrieben, der wissenschaftliche Stand ihrer Ätiologie kurz skizziert, ein Überblick über die multimodale Diagnostik externaler Störungen gegeben, wissenschaftliche Befunde zur Wirksamkeit von Elterntrainings, THOP und anderen Interventionsformen wiedergegeben sowie das THOP-Elternprogramm selbst in diesen Kontext eingeordnet.

  2. In Kapitel II erfolgt die Einführung in das THOP-Elternprogramm. Es unterteilt sich in die Unterkapitel einer allgemeinen Information über das Programm, die Funktion des Manuals, eine quasi proaktive Auflistung häufiger Schwierigkeiten sowie möglicher Gegenmaßnahmen des Gruppenleiters sowie Hinweisen zur Nutzung der mit dem Manual angebotenen Materialien in der Gruppenarbeit.

  3. In Kapitel III, dem umfangreichsten Kapitel des rund 200 Seiten starken Buchs, werden schließlich die Gruppenstunden des THOP-Elternprogramms vorgestellt. Sie behandeln die Themen (1) „ADHS – was ist das?“ (2) „Wir nehmen die Probleme unter die Lupe“ (3) „Der Teufelskreis und der erste Schritt heraus – sich wieder mögen lernen“ (4) „Sorgen Sie für klare Regeln“ (5) „Sparen sie nicht mit Lob und seien sie konsequent“ (6) „Setzen Sie Punktepläne ein und fördern Sie die Stärken ihres Kindes“ (7) „Gut geplant ist halb entspannt“ sowie abschließend (8) „Rückblick und weitere Planung“. Jedes dieser Gruppenstunden-Kapitel ist in eine Übersicht über die Gruppenstunde sowie eine Durchführungsanleitung unterteilt. Dabei werden neben kleinen Abbildungen der Folien, die dem Käufer des Manuals als Vorlage für Präsentationen per Download zur Verfügung gestellt werden, die Zielsetzung der einzelnen Aspekte der jeweiligen Gruppenstunde, Auswertungsfragen, erneut Hinweise auf mögliche Schwierigkeiten sowie Durchführungstipps wiedergegeben. Hinzu kommen Zeitangaben, die helfen sollen, dass der Gruppenleiter das jeweilige Tagesprogramm innerhalb der vorgegebenen zwei Stunden pro Sitzung auch abarbeitet.

  4. Ein letztes Kapitel IV, der Anhang, enthält zunächst Vorlagen für vier Arbeitsblätter: eine Teilnehmerliste, ein Übersichtsblatt mit Gruppenregeln, ein Stundenplan für die Teilnehmer sowie ein Protokollblatt für Verhaltensprobleme in der Familie. Dem schließen sich eine vierseitige Literaturübersicht, der Hinweis auf weiterführende Informationen, Angaben zum Download der Arbeitsmaterialien sowie ein Sachwortverzeichnis an.

Inhalt

Ohne Zweifel: Das THOP ist ein wissenschaftlich nachgewiesen wirksames Therapieprogramm für Kinder mit externalisierendem Problemverhalten, das auch in seiner nun separat aufbereiteten Version für Eltern die ihm gestellte Aufgabe gut erfüllt. Es richtet sich an Eltern von Kindern zwischen 6 und 12 Jahren, ist klar strukturiert, bietet sowohl Grundlagenwissen zu Problemverhalten und Therapie als auch viele praktische Tipps zur Erziehung im familiären Alltag. Das Manual für Gruppenleiter soll es diesen leicht machen, das Programm möglichst korrekt im Sinne seiner Autoren umzusetzen und eine perfekte Verzahnung mit dem Arbeitsbuch für Eltern zu gewährleisten.

Das einführende Kapitel bietet einen guten, jedoch rudimentären Überblick über die ADHS und die Sozialverhaltensstörung sowie die wissenschaftlichen Grundlagen von Interventionen zur Adressierung der beiden Störungsbilder. Da sich das Manual an qualifizierte Gruppenleiter von edukativen Programmen richtet, werden Käufer aus diesem Kreis weiterführende Informationen zur Ätiologie und Behandlung externalisierender Verhaltensstörungen nicht sehr vermissen. Pädagogen, aber auch Psychologen mögen allerdings bedauern, dass die psychosozialen und systemischen Faktoren kindlichen Problemverhaltens kaum thematisiert werden. Insgesamt ist die Störung des Sozialverhaltens das Stiefkind des THOP-Programms und damit auch des Manuals, das letztlich insbesondere ADHS-Kinder respektive ihre Eltern im Blick hat, bei welchen Sozialverhaltensprobleme zwar häufig als Symptome wie auch Komorbidität eine Rolle spielen, die sich, legt man die strengen Diagnosekriterien von DSM-5 und ICD-10 zugrunde, jedoch klar von den häufig weniger schwerwiegenden und bisweilen stärker auf umschriebene Lebensbereiche (v.a. Familie und/oder Schule) beschränkten Verhaltensproblemen hyperkinetischer Kinder unterscheiden.

Das dritte Unterkapitel der Einführung in das THOP-Elternprogramm offenbart dabei die klar auf die Grundannahme pathologisch abweichenden Verhaltens ausgerichtete Perspektive in der Wahrnehmung und Adressierung der ADHS-Symptomatik. Hier ist unter der Überschrift „Schwierigkeiten durch divergierende Störungskonzepte“ von dissimulierenden oder externalisierenden sowie mit Schuldgefühlen belasteten und die Diagnose hinterfragenden Eltern die Rede, mithin also Eltern, die mit dem postulierten Fakt der ADHS ihrer Kinder nicht umgehen können. Raum für eine von der ADHS zumindest teilweise losgelöste Sicht auf die jeweils individuellen Verhaltensprobleme des Kindes und die spezifischen Probleme der Eltern bleibt da kaum – entweder sehen die Eltern die Probleme ihres Kindes nicht oder wollen sie nicht sehen, lasten die Problemursache außerhalb ihrer selbst liegenden Gründen an oder haben Schuldgefühle. Im besten Fall werden die Eltern durch das gelegentlich auch positive Verhalten ihrer Kinder im Hinblick auf deren Pathologie getäuscht; nur weil die Symptomatik den Eltern nicht ständig augenfällig ist, heißt das noch lange nicht, dass es sich nicht um eine interventionsbedürftige ADHS handelt. Der Gedanke, dass sich in der Gruppe auch Eltern finden könnten, deren Kinder eine anderweitig bedingte Verhaltensauffälligkeit zeigen, thematisiert das Manual praktisch nicht. Vielleicht, da es sich ja ausdrücklich an „Eltern von Kindern mit ADHS-Symptomen und expansivem Problemverhalten“ richtet, wie der Untertitel es formuliert – da ist die Zielgruppe einigermaßen klar umrissen, auch wenn solche programmatischen Grenzziehungen den Alltag verhaltensauffälliger Kinder und ihrer erzieherisch anleitungsbedürftigen Eltern kaum abbilden.

Diese von der Grundhaltung geprägte Sichtweise, das THOP sei für alle Eltern und ihre Kinder gut, die zumindest ein bisschen unaufmerksam, hyperaktiv, impulsiv und verhaltensauffällig sind, kommt auch in der Auflistung anderer möglicher Schwierigkeiten zum Ausdruck. Zeigt das Programm nicht bereits im Verlauf seiner Durchführung aus Elternsicht erste Erfolge, sind deren Erwartungen an die Kinder zu hoch, drängen die Eltern zu sehr oder fokussieren sie vor allem auf schulische bzw. kindspezifische Probleme, nicht aber die ADHS. Möglicherweise resultieren die Schwierigkeiten des Gruppenleiters bei der Durchführung des Programms auch aus dem Umstand, dass die Eltern selbst an der ADHS oder einer Depression leiden, vielleicht sogar massive Paarkonflikte in die Gruppenstunden einbringen. Abhilfe sollen die penible Struktur des Programms und der lapidare Rat an Mutter und Vater, sich andernorts selbst Hilfe zu holen, schaffen. Weiter im Programm …

Im Mittelpunkt des Manuals steht, nachvollziehbar aus der Perspektive des Gruppenleiters, die möglichst problemlose Durchführung des Elternprogramms. Dabei bleibt außen vor, dass manche Eltern nachgerade auch aus offenen Fragen und leidenschaftlichen Diskussionen lernen, zumal diese bisweilen mehr Potenzial bieten, die Erfahrungen anderer Eltern für die eigene familiäre Situation nutzbar zu machen, als der Versuch, pauschale Erziehungstipps in den individuellen Familienalltag zu integrieren. Ein solcher gruppendynamischer Lernprozess kann allerdings nur schwer standardisiert und manualisiert werden. Und er erfordert Gruppenleiter, die in der Lage sind, die sich daraus ergebende Psychodynamik richtig einzuschätzen und in der Gruppe zu steuern. Das aber ist schwieriger als ein Powerpoint-bewehrter Vortrag mit fixen Interaktionen zwischen Eltern und Gruppenleiter.

Wichtig zu wissen ist, dass das Manual für Gruppenleiter die Inhalte des Elternprogramms nur in Form kleiner Abbildungen der Präsentationsfolien enthält. Diese können aber auf der Internetseite des Verlags heruntergeladen, solange das Buch im Verkauf ist. BELTZ empfiehlt daher, die Folien nach dem Kauf sogleich vollständig herunterzuladen und lokal auf dem eigenen Rechner zu speichern. Zudem macht es Sinn, als Gruppenleiter auch das „Arbeitsbuch für Eltern“ anzuschaffen, da dieses die jeweiligen Folien in der gleichen Unterteilung nach den acht Gruppensitzungen enthält, jedoch größer abgebildet, mit umfangreichen Erläuterungen und der Möglichkeit für Notizen.

Der Anhang des „Manuals für Gruppenleiter“ ist nicht sehr umfangreich. Die vier Arbeitsblätter sind ein bisschen lieblos gestaltet und dort, wo Informationen eingetragen werden müssen, ist der zur Verfügung stehende Platz bisweilen nicht an die absehbare Menge der einzutragenden Daten angepasst. Jeder, der bereits Formulare von Banken und Behörden ausgefüllt hat, die vor einigen Jahren plötzlich entdeckten, dass die E-Mail doch eine praktische Kommunikationsform ist, hat sich schon einmal darüber geärgert, dass der Platz für die E-Mail-Adresse nur so groß ist wie der für einen Namen oder die Telefonnummer. Auch die Literaturübersicht ist angesichts der Zielgruppe wünschenswert professioneller Leiter von psychoedukativen Gruppen etwas mager, zumal Herr Döpfner entweder als Erst- oder als Co-Autor mehr als die Hälfte der empfohlenen Sekundärliteratur verantwortet. Da hätte es sicher anderes und andere noch zu erwähnen gegeben.

Diskussion

Wie bereits eingangs der Wiedergabe des Buchinhalts gesagt, erfüllt das THOP auch in der Form des THOP-Elternprogramms und hier insbesondere des „Manuals für Gruppenleiter“ seine Aufgabe, ein standardisiertes Programm zur Schulung von Eltern im Umgang mit ihren verhaltensauffälligen Kindern durchzuführen, durchaus gut. Die Materialien sind, anders als in früheren THOP-Ausgaben, mit Farbcodes und Karikaturen insgesamt gut aufbereitet, die einzelnen Folien inhaltlich nicht überladen und im Fall der Projektion auch in größeren Räumen gut lesbar.

Ein Manko der Konzeption ist dem THOP jedoch seit seiner ersten Ausgabe in weiten Teilen geblieben, nicht zuletzt auch in der Form des Elternprogramms und seiner Manualisierung für Gruppenleiter. Die gleichermaßen direktiv-schlichten Vorgaben an Therapeuten und Eltern machen eine grundsätzliche Einschränkung deutlich: Das THOP richtet sich an die wachsende Gesellschaft der erzieherisch Ahnungslosen sowohl auf der Seite der beratenden und therapierenden Fachleute als auch der Familien im problemzentrierten Informationszeitalter.

Ahnungslosigkeit meint hier keinen Mangel an Wissen, wie der Experte es aus Studien und der Laie aus den Medien bezieht, sondern der Abstand dieses Wissens zum eigenen Erleben und Handeln. Heute gibt es Ratgeber, die auf 200 Seiten erläutern, wie man die dreijährige Tochter ins Bett bringt. Nicht eine Seite davon weist den Leser darauf hin, dass alle Generationen zuvor zur Lösung dieses Problems die eigene Kindheit erinnerten, ihre Eltern fragten und die Nachbarn beobachteten. Und es gibt Therapieprogramme wie das THOP, die Eltern und Erziehern in vielen Stunden erläutern, wie man in der eigens eingerichteten Spaß- und Spielzone hinter dem vordesignten „Bitte nicht stören!“-Schild dem Kind positive Aufmerksamkeit schenkt. Kaum eine Minute widmen sie hingegen dem Gedanken, dass eine Erziehung im Alltag scheitern muss, die sich als Summe eines modular nachgebildeten Lebens begreift, als ob das Wissen über die ADHS, klare Regeln, Lob und Konsequenzen reichten, um Kindern soziale Grundhaltungen wie Rücksichtnahme, kameradschaftliches Verhalten, Respekt vor dem anderen und Selbstverantwortung zu vermitteln.

Die fehlende Bewusstheit der eigenen Grenzen lässt das THOP in all seinen Ausprägungen in gewisser Hinsicht kindisch wirken. Es erwartet von den Gruppenleitern, die es durchführen, letztlich allenfalls ein marginales Wissen zu ADHS und Sozialverhaltensstörung, nicht aber Einsicht in die Funktionalität von Problemverhalten. Es erläutert die Durchführung von Punkteplänen, als ob es sich um das Kundenbindungsprogramm einer Autowerkstatt handelt, damit der Motor auch in fünf Jahren noch schnurrt und die Räder geradeaus laufen. Das THOP rückt zahllose Einzelprobleme als Symptome kindlicher Psychopathologie in den Mittelpunkt der erzieherischen Aufmerksamkeit, verstellt dabei jedoch den Blick auf das liebenswerte Ganze, als das ein Kind den Eltern erscheinen muss, um all die einseitigen Zuwendungen in Kindheit und Jugend zu motivieren. Es führt Eltern und Kinder gewissermaßen durch ein Disneyland beherrschbarer Schrecken sowie besseren Wollens und Könnens, das häufig weder dem Geist noch der Welt entspricht, in der die Familien leben.

Die Inszenierung der Familie als einem dysfunktionalen, aber reparablen System hat ihren konzeptionellen wie pragmatischen Preis. Die Schwäche des Ansatzes ist seine innere Logik, welche denjenigen, der ein Bild der defekten Familie entwirft, zur Aussage nötigt, was man wie besser machen kann. Das THOP muss erklären, warum es dem aggressiven Kind im Vorschuljahr genauso hilft wie dem ängstlich-verweigernden Schüler, der akademisch gebildeten Hausfrau genauso wie der Arbeiterin mit Migrationshintergrund, dem Lehrer in der Elternzeit des Geschwisterkindes genauso wie dem gestressten Abteilungsleiter mit Vielfliegerkarte. Was nach all diesen Erklärungen bleibt, ist eine Sammlung therapeutischer Techniken für eine Sammlung spezifischer Problemstellungen, eine Art Lexikon des Erziehungsverhaltens.

Die pragmatischen Defizite des THOP sind vor diesem Hintergrund offensichtlich. Es mag Familien mit kleinen Kindern helfen – als realistische Altersgruppe erscheinen weniger die Eltern von Kindern zwischen 6 und 12 Jahren, wie die Autoren vorschlagen, sondern von jüngeren Kindern zwischen 4 und 10 Jahren; bereits ein gut begabter Achtjähriger erkennt, dass durch die Konditionierung seiner entmachteten Eltern im Alltag ad hoc mehr zu gewinnen ist als durch einen Punkteplan. Das THOP stärkt, wie Tripple P und andere Erziehungsprogramme, Eltern den autoritätsschwachen Rücken, die durch die medial vermittelte Heterogenität der gesellschaftlichen Werthaltungen und den mit ihnen verbundenen Erziehungsstilen grundsätzlich verunsichert sind; einer Mutter, die nach zwei unauffälligen, sozial angepassten und schulisch erfolgreichen Kindern an der Impulsivität und Totalverweigerung des dritten, hyperaktiven Kindes verzweifelt, bietet das THOP kam etwas, das sie nicht schon weiß, kann und tut. Ein Kindergarten- und Grundschulkind aus der bürgerlichen Mittelschicht mag sich an der neuen Spielinitiative seiner Eltern freuen; der Elfjährige mit kulturbedingt akzentuiertem sozialem Rollenbild, die Zwölfjährige mit ganztägig berufstätigen Eltern aus dem Glasscherbenviertel finden es einfach nur bescheuert, wenn Mami und Papi unvermittelt Präsenz im kindlichen Lebensalltag zeigen, sich für Schule und Freunde interessieren und Smileys fürs Zähneputzen verteilen.

Fazit

Beim „Manual für Gruppenleiter“ des THOP-Elternprogramms als Teil des „Therapieprogramms für Kinder mit hyperkinetischem und oppositionellem Problemverhalten“ handelt es sich um eine gut strukturierte Anleitung zur Durchführung des THOP-Elterntrainings von Döpfner, Kinnen und Halder. Das Buch ist grafisch hübsch aufgemacht und den Buchhandelspreis von knapp 50 € wert, da der Käufer sich die Präsentationsfolien zur Durchführung des Elternprogramms kostenlos vom Server des BELTZ-Verlags herunterladen kann. Insbesondere in der Gruppenarbeit wenig erfahrenen Pädagogen, Psychologen oder Psychotherapeuten bietet es alle Voraussetzungen, um eine Elternschulung zum Umgang mit ADHS-Kindern ohne großen Vorbereitungsaufwand durchführen zu können.

Kritisch – jedoch kein Ausschlusskriterium für die Anschaffung des Manuals, sondern vielmehr als Anregung zur Überschreitung der inhaltlichen Grenzen des THOP-Elternprogramms – ist anzumerken, dass seine umfassende Strukturierung und methodisch exakt vorgegebene Aufbereitung bei ausschließlich anleitungsgemäßer Durchführung wenig Raum für die inhaltliche Auseinandersetzung mit den vielfältigen Ursachen von Verhaltensauffälligkeiten bietet. Eltern, die das Verhalten ihrer Kinder nicht nur ändern, sondern auch verstehen wollen, erhalten im Rahmen des Elternprogramms allenfalls Hinweise, in welche Richtung sie denken können, doch steht die Symptomatik der ADHS gemäß der klassischen Diagnoseschemata von Amerikanischer Psychiatrische Assoziation (DSM-5) und Weltgesundheitsorganisation (ICD-10) so sehr im Vordergrund, dass sie insbesondere systemische Aspekte kindlichen Verhaltens in Familien zu sehr in den Hintergrund treten lässt.

Nicht zuletzt besteht die Gefahr, dass erziehungserfahrene Eltern sowie gut begabte Kinder nur bedingt davon profitieren, wenn das elterliche Erziehungsverhalten durch den Fokus auf fixe Ätiologien und konkrete Erziehungstipps an Offenheit, Kreativität und Variabilität verliert und die Kinder sich durch die ungewohnten, sicherlich gut gemeinten, jedoch v.a. für ältere Kinder bisweilen kindisch anmutenden pädagogischen Initiativen der Eltern gegängelt, veräppelt oder gar provoziert sehen, die elterlichen Bemühungen nun gerade extra ins Leere laufen zu lassen. Hier brauchen Gruppenleiter eigenes Wissen und viel Erfahrung, um ganz unterschiedlichen Eltern aus ganz unterschiedlichen Familien dennoch im Rahmen eines Gruppenprogramms gerecht werden zu können.


Rezensent
Dr. Johannes Streif
E-Mail Mailformular


Alle 7 Rezensionen von Johannes Streif anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Johannes Streif. Rezension vom 11.09.2017 zu: Manfred Döpfner, Claudia Kinnen, Joya Halder: THOP-Elternprogramm - Manual für Gruppenleiter. Gruppenprogramm für Eltern von Kindern mit ADHS-Symptomen und expansivem Problemverhalten. Mit E-Book inside und Arbeitsmaterial. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. ISBN 978-3-621-28345-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21653.php, Datum des Zugriffs 14.12.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!