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Claudia Kinnen, Joya Halder u.a.: THOP-Elternprogramm - Arbeitsbuch für Eltern

Cover Claudia Kinnen, Joya Halder, Manfred Döpfner: THOP-Elternprogramm - Arbeitsbuch für Eltern. Gruppenprogramm für Eltern von Kindern mit ADHS-Symptomen und expansivem Problemverhalten. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. 169 Seiten. ISBN 978-3-621-28346-5. 24,95 EUR.
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Thema

Das „Therapieprogramm für Kinder mit hyperkinetischen und oppositionellem Problemverhalten“ (THOP), das 1997 in erster Auflage erschien, ist eines der ältesten und am besten evaluierten Trainingsprogramme für Kinder, die an der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leiden. Von Anfang an spielte dabei die Instruktion der Eltern eine wichtige Rolle. Mit dem „THOP-Elternprogramm“ liegen nun seit 2016 ein „Manual für Gruppenleiter“ sowie ein „Arbeitsbuch für Eltern“ vor, die sich explizit an Therapeuten bzw. Eltern richten. Sie sollen es beiden Seiten ermöglichen, das Trainingsprogramm möglichst einfach und standardisiert umzusetzen.

Autor und Autorinnen

  • Prof. Dr. Manfred Döpfner, leitender Psychologe am Zentrum für Neurologie und Psychiatrie der Uniklinik Köln, zählt zu den führenden Wissenschaftlern des deutschsprachigen Raums, die sich mit der ADHS, Sozialverhaltensstörungen sowie weiteren Verhaltensauffälligkeiten im Kindes- und Jugendalter befassen. Zu seinen zahlreichen Veröffentlichungen gehört u.a. das „Diagnostik-System für psychische Störungen nach ICD-10 und DSM-5 für Kinder und Jugendliche“ (DISYPS), das inzwischen in 3. Auflage vorliegt und die Diagnosekriterien von Amerikanischer Psychiatrischer Assoziation (APA) und Weltgesundheitsorganisation (WHO) manualisiert.
  • Die promovierte Diplom-Psychologin Dr. Claudia Kinnen ist eine Mitarbeiterin des Ausbildungsinstituts für Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie an der Uniklinik Köln (AkiP) und dort in der Psychotherapie-Ambulanz tätig.
  • Auch die Diplompädagogin Joya Halder war in der Forschungsgruppe THOP des AkiP über Drittmittel tätig, ist inzwischen jedoch aus dem Institut ausgeschieden.

Entstehungshintergrund

Das „Therapieprogramm für hyperkinetisches und oppositionelles Problemverhalten“ (THOP) ist eine eierlegende Wollmilchsau, die Hintergrundwissen zu ADHS und Sozialverhaltensstörung, empirische Befunde zu Therapieprogrammen und Elterntrainings, dezidierte Durchführungsprogramme und standardisierte Erziehungsberatung miteinander verbindet. Manfred Döpfner und seine jeweiligen Co-Autoren wollten von Anfang an alles richtig machen, als sie das Therapieprogramm 1997 auf den Markt brachten. Sie wussten, dass der empirisch überprüfbare Erfolg edukativer und psychotherapeutischer Interventionen von der Genauigkeit in der Umsetzung manualisierter Therapieprogramme abhängt. Andernfalls kann nur schwer beurteilt werden, welche Faktoren statistisch signifikant zur Entwicklung der Klienten beitragen.

Die Ausdifferenzierung der sich an die Eltern richtenden edukativen Aspekte des THOP mit der 2016 erfolgten Veröffentlichung des „Manuals für Gruppenleiter“ sowie des „Arbeitsbuchs für Eltern“, die das eigentliche THOP-Programm sowie das sich an Eltern und Kinder richtende Begleitbuch „Wackelpeter und Trotzkopf“ (derzeit 4. Auflage von 2011) ergänzen, folgt dieser Strategie zur Präzision in der Gestaltung der Abläufe, Instruktionen und auch des Materials.

Aufbau

Das „Arbeitsbuch für Eltern“ des THOP-Elternprogramms beginnt mit einer zweiseitigen Einführung in seinen Gebrauch. Dann folgen die acht zentralen Kapitel, welche jeweils einer Gruppenstunde des Programms zugeordnet sind. Sie behandeln in Doppelstunden die Themen

  1. „ADHS – was ist das?“
  2. „Wir nehmen die Probleme unter die Lupe“
  3. „Der Teufelskreis und der erste Schritt heraus – sich wieder mögen lernen“
  4. „Sorgen Sie für klare Regeln“
  5. „Sparen sie nicht mit Lob und seien sie konsequent“
  6. „Setzen Sie Punktepläne ein und fördern Sie die Stärken ihres Kindes“
  7. „Gut geplant ist halb entspannt“ sowie abschließend
  8. „Rückblick und weitere Planung“.

Jedes dieser Gruppenstunden-Kapitel ist in die Inhalte der jeweiligen Sitzung unterteilt. Dazu bietet das Arbeitsbuch zunächst eine Reihe von Texten und Folien, die der individuellen Vorbereitung auf die kommende Gruppenstunde dienen. Eingangs eines jeden Kapitels – außer dem ersten und dem letzten Kapitel, die der Information zur ADHS sowie dem Rückblick gewidmet sind – wird unter der Überschrift „Kennen Sie das?“ ein kleines Fallbeispiel präsentiert, in welchem es um die Alltagsprobleme der Eltern mit dem kleinen Niklas geht. Die Eltern erfahren, womit sie sich in der jeweiligen Gruppenstunde befassen werden, erhalten Anregungen zur Reflexion der eigenen Familiensituation und abschließend eine ganze Seite für Notizen, was sie in der nächsten Gruppenstunde ansprechen wollen.

Danach folgt das Arbeitsbuch der Reihe der Präsentationsfolien des „Manuals für Gruppenleiter“. Neben den gut lesbaren Abbildungen der einzelnen Folien ist stets Platz für Notizen. Am Ende jeden Kapitels wird schließlich an die kommende Gruppenstunde erinnert: Wann ist der nächste Termin? Auf welchen Seiten findet sich die Vorbereitung für die nächste Gruppenstunde? Es folgen Aufgaben für die Zeit bis dahin, die u.a. auf Arbeitsblätter und Materialien im Anhang des Arbeitsbuchs für Eltern verweisen.

Am Ende des 168 Seiten starken „Arbeitsbuchs für Eltern“ findet sich ein umfangreicher Anhang mit 13 Arbeitsblättern, darunter ein einfacher Symptom-Fragebogen zur ADHS sowie zu oppositionell-aggressiven Verhaltensweisen, ein Fragebogen zur Erfassung von Problembereichen in der Familie, eine Problemliste für individuell einzutragende Probleme im Wochenverlauf, ein Türschild „Spaß- und Spielzeit“, Materialien für einen Punkteplan, eine simple Tabelle zu Eigenschaften, Interessen und Stärken des Kindes, Vorlagen zum Vergleich eines aktuellen mit einem idealen Wochenstundenplan sowie eine Liste positiver Aktivitäten zur Anregung. Darüber hinaus gibt es zu allen acht Gruppenstunden sogenannte „Memokarten“, welche die Inhalte der Gruppenstunde in wenigen Sätzen zusammenfassen, sowie stundenspezifische Protokoll-Vorlagen. Alle Materialien folgen dem Farbcode der Gruppenstunden, sind einheitlich designt und in ihrer Anwendung gut verständlich, bisweilen jedoch nicht mit ausreichend Platz für Eintragungen versehen, da sie alle dem Design-Schema des Arbeitsbuchs folgen und damit auf eine DIN A4-Seite passen müssen.

Auf der letzten Seite des Arbeitsbuchs für Eltern wirbt der Verlag für eine „ADHS-KIDS“-App, die für € 4,99 in den Stores von Apple und Android heruntergeladen werden kann. Sie ist eine Art reduzierte Software-Ausgabe des Buches „Wackelpeter und Trotzkopf“ sowie des Arbeitsbuchs für Eltern des THOP-Elternprogramms. Über Sinn und Nutzen solcher multimedialer Aufbereitungen von Büchern im Zeitalter von E-Book, Tablet und Smartphone kann man trefflich streiten. Vielleicht erreichen sie ja eine Zielgruppe, die über Bücher oder den Besuch eines Elterntrainings heute nicht (mehr) zu erreichen sind. Für die App gelten jedoch die gleichen Einschränkungen, wie sie im Folgenden in den Abschnitten „Inhalt“ und „Diskussion“ für das THOP-Elternprogramm sowie das THOP insgesamt formuliert werden.

Inhalt

Ohne Zweifel: Das THOP ist ein wissenschaftlich nachgewiesen wirksames Therapieprogramm für Kinder mit externalisierendem Problemverhalten, das auch in seiner nun separat aufbereiteten Version für Eltern die ihm gestellte Aufgabe gut erfüllt. Es richtet sich an Eltern von Kindern zwischen 6 und 12 Jahren, ist klar strukturiert, bietet sowohl Grundlagenwissen zu Problemverhalten und Therapie als auch viele praktische Tipps zur Erziehung im familiären Alltag. Das „Arbeitsbuch für Eltern“ erlaubt es Teilnehmern am Programm, sich auf die Gruppenstunden vorzubereiten, Notizen zu den einzelnen Themen zu machen und sich später an all das Gesagte und Gelernte zu erinnern.

Die im THOP-Elternprogramm angesprochenen Inhalte decken den Bereich auffälligen kindlichen Verhaltens im Zusammenhang mit der ADHS in zentralen Bereichen ab. Der Teilnehmer des Elternprogramms bzw. Leser des Arbeitsbuchs erfährt einiges über die ADHS sowie ihre Ursachen und Entwicklungsbedingungen. Die vom Programm angesprochenen Verhaltensprobleme und ihre Auswirkungen auf das Familienleben sind allerdings stark an der ADHS-Symptomatik orientiert, wie sie durch die Diagnosemanuale der Amerikanischen Psychiatrischen Assoziation (DSM-5) und der Weltgesundheitsorganisation (ICD-10) erfasst werden. Für das Einbringen individueller Problemlagen des Kindes, aber auch der Eltern im Umgang mit dem Kind ist zwar grundsätzlich Raum vorgesehen, doch der wird im Rahmen des straffen Programms kaum ausreichen, nur einer Familie der von den Autoren als ideale Gruppengröße genannten 5 bis 8 Familien bzw. deren teilnehmenden Eltern die dafür nötige Zeit einzuräumen.

Ein Gruppenprogramm bringt stets Reduktionen und Verallgemeinerungen mit sich im Vergleich beispielsweise zu einer individuellen Elternberatung. Dennoch bieten Gruppenprogramme auch erhebliche Vorteile, die nicht nur ökonomischer Natur sind, sondern sich insbesondere aus der Möglichkeit des Austauschs der Eltern untereinander sowie des wechselseitigen Lernens voneinander ergeben. Allerdings sind Gruppenstundenthemen wie das Thema der 3. Stunde „Der Teufelskreis und der erste Schritt heraus: Sich wieder mögen lernen“ oder das Thema der 5. Stunde „Sparen sie nicht mit Lob und seien Sie konsequent“ recht oberflächlich und lapidar in ihren Ausführungen. Hier werden letztlich nicht die zugrundeliegenden Dramen einer über Jahre entstandenen familiären Dynamik gewürdigt, die sich zum Zeitpunkt von Diagnose, Therapie und Elternschulung nicht selten bereits zu einer lieblosen und destruktiven familiären Stimmung verfestigt hat, sondern alltägliche Erziehungsprobleme wie die fehlende Reaktion von Kindern auf elterliche Anforderungen oder die Eskalationsspirale zwischen Drohungen der Eltern und Verweigerungshaltung der Kinder, angesprochen. Es ist leicht, Eltern zu raten, nicht mit Lob zu sparen sowie dem kindlichen Problemverhalten natürliche Konsequenzen folgen zu lassen, schwer jedoch, dies umzusetzen, wenn die Freude von Eltern und Kind(ern) an der familiären Gemeinschaft bereits seit Jahren nurmehr gering ist, der Ton in der Familie rau wurde und wechselseitige Verletzungen den Alltag prägen.

Hinzu kommt, dass das vorgeschlagene Erziehungsverhalten nicht selten nachgerade für ADHS-Kinder zwiespältig ist. So schlagen die Autoren während der fünften Gruppenstunden unter der Überschrift „Natürliche Konsequenzen“ beispielsweise folgenden Ablauf zur Durchführung vor: „(a) Benennen Sie die Regelverletzung und kündigen Sie die negative Konsequenz an; (b) Geben Sie Ihrem Kind eine Chance, falls das Problemverhalten noch andauert. Kommt ihr Kind jetzt der Aufforderung nach, so loben sie es dafür; (c) Geben Sie Ihrem Kind die Möglichkeit, sich zu der Regelverletzung zu äußern; (d) Begründen Sie, wenn nötig, noch einmal kurz die Regel; (e) Führen Sie negative Konsequenz durch.“

Haben Eltern nun tatsächlich ein hochimpulsives Kind vor sich, wird Folgendes geschehen: Nach der Benennung der Regelverletzung und insbesondere der Ankündigung der negativen Konsequenz (a) wird das Kind sofort erregt in eine Rechtfertigungs- und Abwehrhaltung übergehen, in welcher die Sensitivität für Signale, sowohl freundliche Zuwendungen als auch Drohungen und Sanktionen, umgehend sinkt; das Kind wird die ihm nun angebotene Zeit, selbst einzulenken (b), nicht als Chance begreifen, die eigene Position zu überdenken und aus eigenem Antrieb der elterlichen Aufforderung nachzukommen, sondern als Möglichkeit, der elterlichen Aufforderung noch länger zu trotzen, um sich durchzusetzen; das gilt umso mehr, wird dem Kind zudem die Möglichkeit eingeräumt, noch einmal wortreich zu erklären, warum es sich durch die Regel und den Zwang zu ihrer Einhaltung ungerecht behandelt fühlt (c); eine darauf folgende erneute Begründung der Regel wird das Kind aufgrund seines Erregungszustands nicht mehr zur Kenntnis nehmen (d); folgt die eigentliche Konsequenz für das Fehlverhalten erst jetzt (e), muss sie nun weitaus drastischer ausfallen, um noch zum Kind durchzudringen und es zur Verhaltensänderung zu veranlassen, anstatt dem Kind bereits unter (a) zu erklären, dass es eine Regel verletzt hat und die Konsequenz auf den Fuß folgt.

Sinnvoller ist es da, wenige familiäre Regeln, von welchen stets nur ein bis zwei für einen fixen Zeitraum (z.B. einen Monat) im elterlichen Fokus zur unbedingten Durchsetzung stehen sollten, zu einem Zeitpunkt einzuführen und zu besprechen, zu dem das Kind gut drauf ist. Später sollte bei Regelüberschreitungen sofort gehandelt werden, um unnötige Diskussionen und Eskalationen zu vermeiden. Noch besser ist es, sind erst gar nicht viele Worte nötig sind, das Kind an die Regel zu erinnern. Ein Zettel an der Wand, auf dem die Regel des jeweiligen Monats steht und auf den gedeutet werden kann, ist häufig besser als mit Worten die Diskussion zu eröffnen und damit erst die Zeit und Möglichkeit einzuräumen, über die Regel zu diskutieren. Überhaupt sollten Eltern von ADHS-Kindern mehr Handeln und weniger reden.

Sinnvoll sind abschließend die Überlegungen in Kapitel 7 „Gut geplant ist halb entspannt“. Tatsächlich ist es wichtig, dass sich die Eltern verhaltensauffälliger Kinder mehrere Aspekte ihrer Problemsituation immer wieder vor Augen führen und ihr erzieherisches Handeln daran ausrichten: Sie müssen ihren Alltag so gut planen, dass Stress- und Konfliktsituationen nach Möglichkeit vermieden werden; zu einer solchen Alltagsstruktur und Planung gehören auch feste Zeiten der Eltern ohne die Kinder, um sich zu entspannen, sich eigenen Interessen zu widmen und Kraft zu tanken; zugleich sollten die Eltern sich immer wieder bewusst machen, dass die gegenwärtige Phase, so schlimm sie auch sein mag, vorübergehen wird – und dies letztlich unabhängig von kindlicher Verhaltensstörungen und elterlicher Erziehung, schlicht dadurch, dass Kinder älter werden.

Nun mag man sich dem Volksmund anschließen und nach kleinen Problemen mit kleinen Kindern später große Probleme mit großen Kindern erwarten, doch ist dies, so sinnvoll frühe Interventionen bei kindlichen Verhaltensproblemen sind, weder zwangsläufig noch unbedingt eine Steigerung des Elends. Bisweilen sind das Temperament, die Persönlichkeit und die Neigungen der Eltern nicht für die Erziehung von Kindern in allen Altersbereichen gleich günstig. Manch Elternteil sehnt sich angesichts der Pubertät des Nachwuchses die Kindergartenzeit zurück, doch andere sind froh, dass die Kinder dem extrem unruhigen und impulsiven Verhalten der Kindertage entwachsen und der Erziehung durch Worte, aber auch das Beispiel nun zugänglicher sind. Eltern sollten sich daher zu jeder Zeit bewusst machen, dass sowohl die schönen wie auch die schwierigen Momente mit dem Kind vorübergehen werden. Nicht zuletzt aus diesem Grund sollten sie daher stets auch für die eigene Zukunft, nicht nur die des Kindes bzw. der Kinder planen.

Diskussion

Wie bereits eingangs der Wiedergabe des Buchinhalts gesagt, erfüllt das THOP auch in der Form des THOP-Elternprogramms und hier insbesondere des „Arbeitsbuchs für Eltern“ seine Aufgabe, Eltern von Kindern mit ADHS und Sozialverhaltensproblemen ein standardisiertes Trainingsprogramm zum Umgang mit ihrem verhaltensauffälligen Nachwuchs zu bieten, durchaus gut. Die Materialien sind, anders als in früheren THOP-Ausgaben, mit Farbcodes und Karikaturen insgesamt strukturiert aufbereitet, die Abbildungen der Folien gut lesbar und die Inhalte leicht verständlich.

Ein Manko der Konzeption ist dem THOP jedoch seit seiner ersten Ausgabe in weiten Teilen geblieben, nicht zuletzt auch in der Form des Elternprogramms und seines „Arbeitsbuchs für Eltern“. Die gleichermaßen direktiv-schlichten Vorgaben an Therapeuten und Eltern machen eine grundsätzliche Einschränkung deutlich: Das THOP richtet sich an die wachsende Gesellschaft der erzieherisch Ahnungslosen sowohl auf der Seite der beratenden und therapierenden Fachleute als auch der Familien im problemzentrierten Informationszeitalter.

Ahnungslosigkeit meint hier keinen Mangel an Wissen, wie der Experte es aus Studien und der Laie aus den Medien bezieht, sondern der Abstand dieses Wissens zum eigenen Erleben und Handeln. Heute gibt es Ratgeber, die auf 200 Seiten erläutern, wie man die dreijährige Tochter ins Bett bringt. Nicht eine Seite davon weist den Leser darauf hin, dass alle Generationen zuvor zur Lösung dieses Problems die eigene Kindheit erinnerten, ihre Eltern fragten und die Nachbarn beobachteten. Und es gibt Therapieprogramme wie das THOP, die Eltern und Erziehern in vielen Stunden erläutern, wie man in der eigens eingerichteten Spaß- und Spielzone hinter dem vordesignten „Bitte nicht stören!“-Schild dem Kind positive Aufmerksamkeit schenkt. Kaum eine Minute widmen sie hingegen dem Gedanken, dass eine Erziehung im Alltag scheitern muss, die sich als Summe eines modular nachgebildeten Lebens begreift, als ob das Wissen über die ADHS, klare Regeln, Lob und Konsequenzen reichten, um Kindern soziale Grundhaltungen wie Rücksichtnahme, kameradschaftliches Verhalten, Respekt vor dem anderen und Selbstverantwortung zu vermitteln.

Die fehlende Bewusstheit der eigenen Grenzen lässt das THOP in all seinen Ausprägungen in gewisser Hinsicht kindisch wirken. Es erläutert die Mechanismen von Erziehung auf einem so basalen Niveau, dass man sich fragt, wie die Eltern ihre Kinder vor dem Durchlaufen des Elternprogramms erzogen haben. Das THOP rückt zahllose Einzelprobleme als Symptome kindlicher Psychopathologie in den Mittelpunkt der erzieherischen Aufmerksamkeit, verstellt dabei jedoch den Blick auf das liebenswerte Ganze, als das ein Kind den Eltern erscheinen muss, um all die einseitigen Zuwendungen in Kindheit und Jugend zu motivieren. Es führt Eltern und Kinder gewissermaßen durch ein Disneyland beherrschbarer Schrecken sowie besseren Wollens und Könnens, das häufig weder dem Geist noch der Welt entspricht, in der die Familien leben.

Die Inszenierung der Familie als einem dysfunktionalen, aber reparablen System hat ihren konzeptionellen wie pragmatischen Preis. Die Schwäche des Ansatzes ist seine innere Logik, welche denjenigen, der ein Bild der defekten Familie entwirft, zur Aussage nötigt, was man wie besser machen kann. Das THOP muss erklären, warum es dem aggressiven Kind im Vorschuljahr genauso hilft wie dem ängstlich-verweigernden Schüler, der akademisch gebildeten Hausfrau genauso wie der Arbeiterin mit Migrationshintergrund, dem Lehrer in der Elternzeit des Geschwisterkindes genauso wie dem gestressten Abteilungsleiter mit Vielfliegerkarte. Was nach all diesen Erklärungen bleibt, ist eine Sammlung therapeutischer Techniken für eine Sammlung spezifischer Problemstellungen, eine Art Lexikon des Erziehungsverhaltens.

Die pragmatischen Defizite des THOP sind vor diesem Hintergrund offensichtlich. Es mag Familien mit kleinen Kindern helfen – als realistische Altersgruppe erscheinen weniger die Eltern von Kindern zwischen 6 und 12 Jahren, wie die Autoren vorschlagen, sondern von jüngeren Kindern zwischen 4 und 10 Jahren; bereits ein gut begabter Achtjähriger erkennt, dass durch die Konditionierung seiner entmachteten Eltern im Alltag ad hoc mehr zu gewinnen ist als durch einen Punkteplan. Das THOP stärkt, wie Tripple P und andere Erziehungsprogramme, Eltern den autoritätsschwachen Rücken, die durch die medial vermittelte Heterogenität der gesellschaftlichen Werthaltungen und den mit ihnen verbundenen Erziehungsstilen grundsätzlich verunsichert sind; einer Mutter, die nach zwei unauffälligen, sozial angepassten und schulisch erfolgreichen Kindern an der Impulsivität und Totalverweigerung des dritten, hyperaktiven Kindes verzweifelt, bietet das THOP kam etwas, das sie nicht schon weiß, kann und tut. Ein Kindergarten- und Grundschulkind aus der bürgerlichen Mittelschicht mag sich an der neuen Spielinitiative seiner Eltern freuen; der Elfjährige mit kulturbedingt akzentuiertem sozialem Rollenbild, die Zwölfjährige mit ganztägig berufstätigen Eltern aus dem Glasscherbenviertel finden es einfach nur bescheuert, wenn Mami und Papi unvermittelt Präsenz im kindlichen Lebensalltag zeigen, sich für Schule und Freunde interessieren und Smileys fürs Zähneputzen verteilen.

Fazit

Beim „Arbeitsbuch für Eltern“ des THOP-Elternprogramms als Teil des „Therapieprogramms für Kinder mit hyperkinetischem und oppositionellem Problemverhalten“ handelt es sich um ein gut strukturiertes Begleitbuch zum THOP-Elterntraining von Kinnen, Halder und Döpfner. Das Buch ist grafisch hübsch aufgemacht und den Buchhandelspreis von knapp 25 € wert, da der Käufer nicht nur ein aufgemotztes Notizbuch zum Elterntraining erhält, sondern eine durchaus für sich selbst stehende Sammlung an Informationen, Anregungen zur Reflexion der Familiensituation sowie Tipps zur Erziehung, die auch ohne Teilnahme am Elternprogramm hilfreich sind.

Kritisch ist anzumerken – jedoch kein Ausschlusskriterium für die Anschaffung des Arbeitsbuchs, sondern vielmehr als Anregung zur Überschreitung der inhaltlichen Grenzen des THOP-Elternprogramms –, dass seine umfassende Strukturierung und methodisch exakt vorgegebene Aufbereitung bei sklavischer Orientierung daran Eltern dazu verleiten kann, ihr Kind nurmehr durch die Brille einzelner Verhaltensweisen und ihrer tatsächlichen wie bisweilen auch vermeintlichen Pathologie zu sehen. Eltern, die das Verhalten ihrer Kinder nicht nur ändern, sondern auch verstehen wollen, erhalten im Rahmen des Elternprogramms allenfalls Hinweise, in welche Richtung sie denken können, doch steht die Symptomatik der ADHS gemäß der klassischen Diagnoseschemata (s.o.) so sehr im Vordergrund, dass sie insbesondere systemische Aspekte kindlichen Verhaltens in Familien zu sehr in den Hintergrund treten lässt.

Nicht zuletzt besteht die Gefahr, dass erziehungserfahrene Eltern sowie gut begabte Kinder nur bedingt davon profitieren, wenn das elterliche Erziehungsverhalten durch den Fokus auf fixe Ätiologien und konkrete Erziehungstipps an Offenheit, Kreativität und Variabilität verliert und die Kinder sich durch die ungewohnten, sicherlich gut gemeinten, jedoch v.a. für ältere Kinder bisweilen kindisch anmutenden pädagogischen Initiativen der Eltern gegängelt, veräppelt oder gar provoziert sehen, die elterlichen Bemühungen nun gerade extra ins Leere laufen zu lassen. Hier müssen sich Eltern stets aufs Neue vergegenwärtigen, auf welcher Entwicklungsstufe ihr Kind steht, welche individuellen Verhaltensprobleme bestehen und innerhalb der Familie zu Belastungen führen, sowie welche Auswirkungen die vorgeschlagenen Interventionen auf die familiäre Dynamik absehbar haben werden.


Rezensent
Dr. Johannes Streif
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Zitiervorschlag
Johannes Streif. Rezension vom 11.09.2017 zu: Claudia Kinnen, Joya Halder, Manfred Döpfner: THOP-Elternprogramm - Arbeitsbuch für Eltern. Gruppenprogramm für Eltern von Kindern mit ADHS-Symptomen und expansivem Problemverhalten. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. ISBN 978-3-621-28346-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21654.php, Datum des Zugriffs 12.12.2017.


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