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Hannah Arendt: Wir Flüchtlinge

Cover Hannah Arendt: Wir Flüchtlinge. Philipp Reclam jun. Verlag GmbH (Stuttgart) 2016. 64 Seiten. ISBN 978-3-15-019398-3. D: 6,00 EUR, A: 6,20 EUR.

Mit einem Essay von Thomas Meyer (Was bedeutet das alles?).
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Thema und Entstehungshintergrund

10 Jahre nach ihrer Flucht aus Deutschland veröffentlicht Arendt 1943 den Essay „We refugees“ im Menorah Journal. In diesem thematisiert sie ausgehend von ihrem eigenen Schicksal die Situation von Flüchtlingen und skizziert ein „anderes“ Selbstverständnis und Selbstbewusstsein von Menschen mit Fluchterfahrungen. Der Text wurde erst 1986 ins Deutsche übersetzt.

Autorin und Autor

Hannah Arendt (1906-1975), Studium der Philosophie bei Heidegger, Jaspers und Husserl, 1933 nach Frankreich emigriert und 1941 in die USA geflüchtet, 1959 Lehrstuhl an der Princeton University. Werke (Auswahl): Der Liebesbegriff bei Augustin (1929), The Origins of Totalitarianism (1951), The Human Condition (1958), Eichmann in Jerusalem. A Report on the Banality of Evil (1963).

PD Dr. Thomas Meyer ist Professor am Lehrstuhl für Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Schwerpunkte Ideengeschichte 19./20. Jahrhundert, Jüdische Philosophie 19./20. Jahrhundert und Kulturphilosophie.

Aufbau

Das Buch besteht aus dem eigentlichen Essay von Hannah Arendt und einem erläuternden Essay von Thomas Meyer. Kurze Angaben zu Autorin und Werk, sowie eine Werkauswahl schließen das Buch ab.

  • Hannah Arendt: Wir Flüchtlinge
  • Thomas Meyer: „Es bedeutet den Zusammenbruch unserer Welt“
  • Zu Autorin und Werk
  • Werke (Auswahl)

Hannah Arendt: Wir Flüchtlinge

Arendt beginnt ihren Essay mit den Worten: „Vor allem mögen wir es nicht, wenn man uns „Flüchtlinge“ nennt. Wir selbst bezeichnen uns als „Neuankömmlinge“ oder als „Einwanderer““ (S. 9). Sie verweist in diesem Kontext darauf, dass die aus Deutschland geflüchteten Juden hierzu eben nicht aufgrund bestimmter politischer Anschauungen oder Taten gezwungen waren. Diese Empfindsamkeit sei vor Kriegsausbruch sogar noch stärker gewesen. Dabei betont sie die Kraft und den Optimismus, die es benötigt, um eine neue Existenz aufzubauen – gerade angesichts zahlreicher Verlusterfahrungen. „Wir haben unser Zuhause und damit die Vertrautheit des Alltags verloren“ (S. 10). Damit einher geht ein Verlust des Berufs, der Sprache, der natürlichen Gebärden, des Ausdrucks der Gefühle und wichtiger Bezugspersonen, was wiederum zu einem grundlegenden Verlust des Vertrauens in sich selbst führen kann. Trotzdem, so Arendt, ging es vielen darum, schnell ein neues Leben in dem je neuen Land zu beginnen und „(u)m reibungsloser zu vergessen, vermeiden wir lieber jede Anspielung auf die Konzentrations- und Internierungslager, die wir fast überall in Europa durchgemacht haben (..)“ (S. 12).

Sie thematisiert das Spannungsfeld zwischen erinnerter Vergangenheit, realer Gegenwart und ungewisser Zukunft, das versucht wird, mit Optimismus zu meistern. „Da alle Welt plant und wünscht und hofft, tun wir das auch“ (S. 12). Zugleich belasten Erinnerungen an Ereignisse, aber auch an die frühere Existenz das Leben im Jetzt, das mitunter nicht dem früheren (sozialen) Standard entspricht. Das alte Leben ist nicht mehr da, aber im neuen Leben lebt das alte in Erinnerungen fort. „Wenn wir gerettet werden, fühlen wir uns gedemütigt, und wenn man uns hilft, fühlen wir uns erniedrigt“ (S. 21). Arendt erinnert daran, dass „Flüchtlinge“ eben auch Menschen gewesen sind, die in einem sozialen Gefüge für andere Bedeutung hatten und betont dabei die Schwierigkeit als menschliches Wesen akzeptiert zu werden. Dies kann dazu führen, Fassaden zu errichten oder in immer andere Rollen zu schlüpfen, was wiederum zu neuen Problemen in der Wahrnehmung durch Andere führen kann. „Unsere Identität wechselt so häufig, dass keiner herausfinden kann, wer wir eigentlich sind“ (S. 25).

Zugleich hat diese Identitätsdiffusion auch Auswirkungen auf das eigene Selbst. Nach Arendt enthüllt sich dadurch nur das Verlangen, bloß kein Jude zu sein, was allerdings nie gelingen kann und wird, sich aber als „die hoffnungslose Traurigkeit der Assimilanten“ (S. 29) zeigt. Vielmehr käme es darauf an, zu sagen, „dass wir nichts als Juden sind“ (S. 32). Dies würde aber bedeuten, sich dem bloßen Menschsein auszusetzen. Dieses Sein als menschliches Wesen existiert in der Gesellschaft aber nicht mehr. Vielmehr kommt es darauf an, so Arendt, sich (sozial) zu unterscheiden, sei es über Pässe, Geburtsurkunden oder Einkommenssteuererklärungen. Die (negativen) Folgen betreffen aber nicht nur allein die „jüdische Geschichte“, sondern alle Nationen. „Und die Gemeinschaft der europäischen Völker zerbrach, als – und weil – sie den Ausschluss und die Verfolgung seines schwächsten Mitglieds zuließ“ (S. 36).

Thomas Meyer: „Es bedeutet den Zusammenbruch unserer Welt“

Im ebenfalls als Essay gehaltenen Nachwort von Thomas Meyer greift dieser die Gedanken von Arendt auf und setzt sie in Bezug zu aktuellen Entwicklungen (in) der heutigen Gesellschaft. Er führt an, dass es seit Kant zahlreiche Versuche gegeben hat, Staats-, wie Völkerrecht an je aktuelle Flüchtlingsbewegungen anzupassen. Zugleich konstatiert er eine sehr leise Stimme der gegenwärtigen Philosophie in der Stimmenvielfalt zur aktuellen Flüchtlingsthematik. Soziologen, Kulturwissenschaftlern oder Politologen gelänge dies leichter, was nicht automatisch besser heißt. Ein Name, der von Hannah Arendt, wird lt. Meyer aber immer wieder genannt.

Im Folgenden ordnet er den Essay von Arendt ein und kommentiert diesen. Er übersetzt ihre Formulierung „Flüchtlinge als Avantgarde“ (S. 35) in die Aussage: „Die Flüchtlingsfrage ist universell geworden. Sie erfordert eine Überprüfung des (bis dahin existierenden; Anmerkung des Verfassers) Selbstverständnisses von Staaten (...)“ (S. 48), das nach Arendt nicht mehr ein Garant für die Lösung des Problems sein kann. Dies setzt er in Bezug zu ihren späteren Überlegungen und ihrer Aussage: „Dass es so etwas gibt wie ein Recht, Rechte zu haben – und dies ist gleichbedeutend in einem Beziehungssystem zu leben, in dem man aufgrund von Handlungen und Meinungen beurteilt wird (...)“ (Arendt 2011: 614).

Meyer geht im Folgenden auf weitere ihrer Schriften und die Rezeption ihres Essays ein, auch mit dem Fokus auf die Figur des Flüchtlings als „das paradigmatische Ereignis des 20. Jahrhunderts“ (S. 52). Er benennt dabei auch die Schwächen ihrer Analyse, insbesondere in der Übertragung auf heutige Zustände. Zugleich stellt er fest: „Die sogenannte internationale Gemeinschaft ist bis heute offensichtlich nicht in der Lage, die Verantwortung für zerbrochene Staaten und entrechtete Völker zu übernehmen. Insofern stimmt Arendts Analyse noch immer“ (S. 56).

Meyer schließt seinen Essay mit aktuellen Stimmen zur heutigen Situation (in) unserer (Welt)Gesellschaft (Achille Mbembes, Giorgio Agamben, Ayten Gündogdu und Christoph Menke). Er fordert (uns) auf: „Wer sich auf Hannah Arendt beruft, beschwört eine Theoretikerin, die immer gedanklich in Bewegung war. Sie zu zitieren heißt vor allem, sie weiterdenken zu müssen. Im Umgang mit der Flüchtlingsfrage wird sich zeigen, ob wir sie aufmerksam gelesen haben“ (S. 59).

Diskussion und Fazit

Um es ganz einfach zu formulieren: Dieses kleine Büchlein hat es in sich. Die Lektüre von Arendts, wie auch Meyers begleitendem Essay liefern vielfältige Anregungen über die aktuelle (globale) Flüchtlingsthematik nachzudenken, abseits von Schlagwortsätzen oder platten, simplifizierenden Ausrufen. Obwohl 73 Jahre alt, hat der Text gerade heute eine mitunter erschreckende Aktualität (und Sprengkraft, wie es im Verlagstext heißt): Wie gehen Staaten heute mit der Situation von Flüchtlingen um? Wie gehen Demokratien ganz konkret mit Menschen mit Fluchterfahrung um? „Der schöne Schein des Namens Demokratie und der sie tragenden Institutionen garantiert eben als solcher rein gar nichts“ (S. 58). Oder vielleicht viel grundlegender: Wie gehen wir mit uns und anderen als Mitmenschen um?

Arendts, wie auch Meyers Überlegungen liefern natürlich keine Antworten im Sinne einer konkreten Handlungsanweisung, aber sie fordern aus der Sicht des Rezensenten mit Nachdruck auf, bestehende Praktiken und Denkweisen kritisch zu hinterfragen. „Das wir der Menschen, die in Deutschland leben, besteht nicht darin, dass wir Deutsche sind. (..) Unser „schwaches“ wir entsteht vielmehr daraus, dass wir in gewissen Beziehungen zueinander stehen, dass wir miteinander in „Kontakt“ sind, wie der französische Philosoph Jean-Luc Nancy das nennt“ (Vašek & Hürter 2016: 22). Auch über die Diskussion der Aussagen beider Essays kann man in Kontakt kommen, kann Austausch entstehen im Sinne einer Anregungsquelle für neue Sichtweisen, sei dies in einem Seminar mit Studierenden oder Auszubildenden, einem politischen Gremium oder in einem Gespräch interessierter Bürger (Menschen).

Literatur

  • Arendt, H. (2011): Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, Totalitarismus, 11. Auflage, München: Piper.
  • Vašek, T. & Hürter, T. (2016): Wir sind viele! In: Hohe Luft 5 (2016), S. 18-23.

Rezensent
Dipl.-Soz.Päd. Michael Domes
Dozent (u.a. SRH Fachschule für Sozialwesen, SRH Hochschule Heidelberg)
Homepage www.michaeldomes.de
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Zitiervorschlag
Michael Domes. Rezension vom 24.10.2016 zu: Hannah Arendt: Wir Flüchtlinge. Philipp Reclam jun. Verlag GmbH (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-15-019398-3. Mit einem Essay von Thomas Meyer (Was bedeutet das alles?). In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21655.php, Datum des Zugriffs 15.11.2018.


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