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Esther Schlumpf: Quartiere zwischen Objektivität und Subjektivität

Cover Esther Schlumpf: Quartiere zwischen Objektivität und Subjektivität. Schwabe Verlag (Basel) 2016. 419 Seiten. ISBN 978-3-7965-3617-5. 35,00 EUR, CH: 35,00 sFr.

Basler Beiträge zur Geographie, 53.
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Thema

Quartiere werden immer mehr zu Orten sozialer Integration. Menschen müssen wissen, wo sie hingehören. Das Gefühl, dazu zu gehören, Vertrauen in die alltäglichen sozialräumlichen Strukturen und Kommunikationszusammenhänge und das Gefühl, für andere von Bedeutung zu sein, erlauben soziale Verortung und die Konstitution von lokalen Lebenszusammenhängen, die sich über einen längeren Zeitraum entwickeln. Quartiere sind integrationssichernde und insofern auch identitätsstiftende Sozialräume, in denen ihre Bewohnerinnen und Bewohner Orte finden, die Identifikation mit dem Raum erlauben. Und Quartiere werden von innen anders wahrgenommen als von außen; sie erlauben selbst dann eine Identifikation, wenn sie von außen als weniger attraktiv eingeschätzt werden oder gar in der Tat wenig attraktiv sind.

Haben Stadtentwicklung und Stadtplanung diese Perspektive wirklich im Blick und was müsste sich in ihrer Praxis und bei ihren theoretischen und konzeptionellen Positionen verändern, wenn sie diese Perspektive wirklich hätten?

Autorin

Esther Schlumpf hat mit dieser Arbeit an der Universität Basel im Fach Geographie promoviert.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in fünf große Teile:

  1. Konzeptioneller Hintergrund
  2. Quartiere als Sozial- und Lebensräume
  3. Quartiere als Wahrnehmungs- und Identifikationsräume
  4. Quartiere als Handlungs- und Planungsräume
  5. Synthese

Vor diesen Teilen findet man neben einer Danksagung eine Zusammenfassung sowie ein Tabellen-, ein Abbildungs- und ein Kartenverzeichnis.

Am Ende des Buches befinden sich ein Literaturverzeichnis und ein Verzeichnis der Datenquellen für eigenständige Datenauswertungen, sowie eine Dokumentation der Experteninterviews.

Im daran anschließenden Anhang wird der Fragebogen einer quantitativen Befragung wiedergegeben; weiter befindet sich dort ein Quartiersplan der Stadt Basel.

Zu Teil I: Konzeptioneller Hintergrund

In diesem Teil diskutiert die Autorin nach einer Einleitung in das Forschungsthema den theoretischen und konzeptionellen Hintergrund. Zunächst erörtert sie Quartiere zwischen der Objektivität und Subjektivität, stellt dann das Untersuchungsgebiet Basel vor und erläutert die Daten und Methoden ihrer Untersuchung.

Einleitend stellt die Autorin neue sozialräumliche Strukturmuster fest. Verursacht durch innerstädtische Strukturveränderungen im Kontext der Postmoderne kommt es zu einer „Entbettung“ und Entgrenzung von individuellen Lebensräumen. Die Stadt zerfällt immer mehr in kleinräumige Funktions- und Sozialräume und Lebensstile. Das hat Folgen für die Quartiere und ihre räumliche Wahrnehmung. Die gesellschaftliche Ausdifferenzierung findet ihre Spiegelung in der sozialräumlichen Fragmentierung; ihre homogene Struktur wandelt sich zu einer kleinräumigen Heterogenität und Quartiere verändern ihre Funktion.

Dies führt die Autorin zu ihrer Problemstellung. Die zunehmende Bedeutung der Quartiere als gelebte Sozialräume wird als solche anders wahrgenommen und bildet gleichzeitig in ihrer objektiven Struktur, ihrer städtebaulichen Gestaltung, ihrer Infrastruktur und ihrer strukturellen Einbindung in die Gesamtstadt den Hintergrund, vor dem diese Wahrnehmungen virulent werden.

Die Autorin stellt dann graphisch den Zusammenhang von wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Wandel her und setzt die objektive Perspektive auf Quartiere zu der subjektiven Sicht auf Quartiere ins Verhältnis. Das ist zugleich der konzeptionelle Rahmen ihrer Forschungsarbeit.

Ihre forschungsleitende Frage ist dabei, wie Quartiere als Sozial- und Identitätsräume für die Stadtplanung und -entwicklung optimal in Wert gesetzt werden können. Dazu werden entsprechende Leitgedanken entwickelt und raumbezogene Identität, Images und sozialräumliche Strukturen und Prozesse vorgestellt. Die Autorin geht dann auf die inhaltliche und gesellschaftspolitische Relevanz ihrer Arbeit ein, beschreibt dann ihr methodisches Vorgehen und begründet die Auswahl der Daten. Dies wird eindrucksvoll graphisch dargestellt. Die Autorin geht dann auf Basel ein, auf die Veränderungen wirtschaftlicher und sozialräumlicher Strukturmuster, auf die Persistenz administrativer Strukturmuster, auf neue Bedeutungen und Funktion von Quartieren und auf Erfahrungswissen und Zusammenarbeit mit den Ämtern. Abschließend legt sie den Aufbau der Arbeit dar.

Zu Teil II: Quartiere als Sozial- und Lebensräume

Dieser Teil beinhaltet eine Darstellung und Analyse der sozialräumlichen Struktur und Entwicklung von Basel sowie Einflussgrößen und Zusammenhänge der sozialräumlichen Struktur und Entwicklung von 1990 bis 2012.

Zunächst beschäftigt sich die Autorin mit der Frage, welche sozialräumlichen Strukturen und Entwicklungen in Basel innerhalb von Quartieren und über Quartiersgrenzen hinweg seit 1990 beobachtet werden können und wie diese Strukturen und Entwicklungen mit baulichen und physischen Raummerkmalen, Umweltkriterien und administrativen Quartiersstrukturen im Zusammenhang stehen. Der Sozialraum wird dabei an der Schnittmenge zwischen der physischen und sozialen Raumdimension verstanden. Dabei rekurriert die Autorin auf Ansätze von Place; was sonst nicht zusammen kommt – in Places kommt es zusammen. Quartier und Sozialraum stehen in enger Verbindung zueinander. Quartiere waren auch immer schon Orte; sie wurden schon immer mit Bedeutungen versehen, ihre Aneignung und Wahrnehmung hing auch von ihrer Symbolkraft ab. Die Frage, welche städtischen Dynamiken die Quartiere bestimmen, haben ihre Struktur geprägt und auch ihre symbolische Bedeutung.

Die Autorin beschreibt dann die Sozialraumanalyse, die das Ziel hat, sozialräumliche Strukturen und Prozesse über stadträumliche und administrative Einheiten hinweg im Zusammenhang mit dem physischen Raum zu beschreiben. Sie geht dann auf die Faktorenanalyse als Methode ausführlich ein, diskutiert die räumliche Verteilung der Faktorenwerte auf Quartiersebene, geht dabei besonders auf die Faktoren Lebensstil und sozialer Status ein und erörtert die sozialräumlichen Strukturen und Entwicklungen dieser beiden Faktoren. Dies wird ausführlich auch graphisch dargestellt. Weiter diskutiert die Autorin die sozialräumliche Homogenität und Heterogenität in den Quartieren.

In einem weiteren Schritt analysiert Schlumpf den sozialen Raum im Zusammenhang mit seiner räumlichen Zentralität und der Lage im gesamten Stadtraum. Die zentral gelegenen Quartiere weisen offensichtliche einen höheren Individualisierungsgrad auf, während eher am Rand liegende Stadtteile eher von einem bürgerlich-traditionellen Lebensstil ihrer Bewohnerschaft geprägt sind. Dies wird ausführlich dargestellt und begründet. Weiter wird ein Zusammenhang zwischen dem sozialen Raum und der gebauten Umwelt nachgewiesen. Es gibt Zusammenhänge zwischen dem Lebensstil und dem Bebauungstyp, bzw. zwischen dem sozialen Status und dem Bebauungstyp. Weiter werden Zusammenhänge des sozialen Raums mit Umweltkriterien und zwischen dem Raum und administrativen Strukturen aufgezeigt und erläutert.

In einem Zwischenfazit werden tabellarisch die Hauptfragen und ihre Teilaspekte nach Resultaten und Erklärungen analysiert und Interpretationen für die städtische Planung und Entwicklung vorgestellt, wobei nach Chancen, Gefahren und Implikationen differenziert wird.

Zu Teil III: Quartiere als Wahrnehmungs- und Identifikationsräume

Es gibt quartiersbezogene Identitäten, die auf Wahrnehmungen und Identifikationen beruhen. Dies wird ausführlicher entfaltet. Die Autorin beruft sich dabei auf einige der klassischen Protagonisten wie Bourdieu und Lefèbvre. Images und Identitäten verweisen auf symbolische Raumattribute und sind zugleich komplexe Phänomene. Damit setzt sich die Autorin ausführlich auseinander und verweist auf eine Studie, die sie schildert und zitiert. Dabei geht sie auch auf die untersuchten Quartiere ein und zeigt räumliche, zeitliche und administrative Dimensionen von Quartiersbezeichnungen.

Die Identität von Quartieren wird nicht nur von ihrer Lage und ihrer Bezeichnung bestimmt. Viel wichtiger sind die Eigenartigkeit und der Charakter des Quartiers. Dies gilt sowohl für die innere Haltung im Kontext lokaler Lebenszusammenhänge als auch von außen. Der Ruf des Quartiers bestimmt auch seine ihm im Inneren zugeschriebenen Eigenheiten. Bestimmte Formen der Kommunikation und des alltäglichen Umgangs mit einander haben in dem einen Stadtteil eine höhere Dignität als in dem anderen. Und zugeschriebene Eigenheiten und Charaktereigenschaften beziehen sich auf die Gestalt des Quartiers, das Quartiersleben und auf den gesellschaftlichen Charakter des Quartiers. Dies zeigt die Autoren am Beispiel einiger Baseler Quartiere auf.

Weiter geht die Autorin auf die Identifikation mit dem Quartier und auf die Bindungspotentiale von Quartieren ein. Insgesamt geht es um soziale Verortung im Quartier, um Domizilbindung und Zugehörigkeit, um Anerkennung und um das Gefühl, für andere im Quartier von Bedeutung zu sein oder in Nachbarschaften eine Rolle zu spielen. Dies sind Potentiale, die die Stadtplanung und Stadtentwicklung berücksichtigen müssen. Die Autorin zitiert dabei einschlägige Studien.

Soweit mit Identität die Fähigkeit verbunden wird, sich reflexiv zu anderen und zu seiner Umwelt ins Verhältnis zu setzen, kann damit gemeint sein, dass man sich zu seinen sozialräumlichen Bedingungen, zu Orten und zu den anderen dort verorteten Menschen in Beziehung zu setzen vermag. Dies hängt von einem entwickelten lokalen Lebenszusammenhang ab, der sich über längere Zeit ausbildet. Insofern sind Alter und Wohndauer, aber auch der soziale Status durchaus einschlägige Indikatoren, die auf Identitätssicherung durch das Quartier hinweisen. Daraus entwickeln sich auch Bindungspotentiale. Für die Identifikation und Bindung sind allerdings dann noch andere Faktoren einschlägig, wie die Struktur der Haushalte, der ethnische Hintergrund oder das Kommunikationsumfeld. Für die Identifikation mit einem sozial benachteiligten Quartier wird hier auf die Sicherheit abgehoben. Eigene Studien weisen nach, dass viel wichtiger die Sicherung der Identität ist, die im Quartier besser gelingt als außerhalb, weil man im Quartier den Erwartungen entsprechen kann, die man außerhalb weniger erfüllen kann.

In einem Zwischenfazit wird dann einmal zur Identifikation mit Quartieren und quartiersbezogene Identitäten Stellung bezogen.

In einem weiteren größeren Abschnitt geht es um die Eigen- und Fremdimages von Quartieren. Quartiere haben ihren je spezifischen Ruf in der Stadt als eher attraktive oder eher benachteiligte Quartiere; unter einer jüngeren Bevölkerung haben Quartiere oft einen anderen Ruf als unter einer älteren und der soziale Status spielt bei der Reputation eines Quartiers auch eine Rolle. Außerdem unterscheiden sich Eigenimages und Fremdimages von Quartieren. Dies wird auch am Beispiel von Basler Quartieren eindrücklich geschildet. Die Einschätzung der Imagefaktoren von Lebensqualität und Problemfelder als imageprägende Faktoren werden analytisch betrachtet, und zwar sowohl für das Eigenimage als auch für das Fremdimage. Als personen- und haushaltsbezogene Faktoren werden bei der Imagewahrnehmung und -bildung Alter und Wohndauer, Geschlecht, Nationalität, Bildung, Haushaltsgröße und Wohnstatus angenommen. Dies wird ausführlich erörtert und begründet und in einem Zwischenfazit noch einmal in einer tabellarischen Übersicht geordnet.

Zu Teil IV: Quartiere als Handlungs- und Planungsräume

In diesem Teil geht es einmal um die Definition und Bedeutung von Quartieren als Handlungs- und Planungsräume in Basel und zum anderen um Stadtteile, Quartiere und Lebensräume und ihre institutionellen und räumlichen Strukturen in dieser Stadt.

Zunächst geht es um die soziale und politische Dimension von Quartieren als Wohn- und Arbeitsorte, die auf Grund ihrer unterschiedlichen Zusammensetzung der Bewohnerschaft auch unterschiedliche soziale Strukturen und Akteurskonstellationen aufweisen. Und Quartiere prägen auf ihre je spezifische Art das Zusammenleben und die Identität ihrer Bewohner und Bewohnerinnen. Dies wird von der Autorin im Kontext der Stadtplanung und -entwicklung und aus einer wissenschaftlichen Perspektive ausführlich erörtert. Grundlage dieser Erörterung sind Experteninterviews mit mehreren Schweizer Experten.

Dann diskutiert die Autorin die Vielfalt von Quartiersdefinitionen in Basel und den ihnen zugeschriebenen Eigenschaften, die in der Theorie, aber auch in der Praxis der Planung und der Verwaltung existieren. Dabei erläutert die Autorin Definitionskriterien wie Kriterien der Statistik und der Verwaltung oder physisch-räumliche, sozialräumliche und funktionalräumliche Kriterien. Und sie stellt ein unterschiedliches Verständnis von Quartier als planerische Herausforderung fest.

Welche Chancen und Gefahren für die gesamtstädtische Entwicklung sind mit dem Quartiersbezug verbunden? Die Autorin geht zunächst auf die wahrgenommenen Chancen und Risiken ein, die von den Experten geäußert wurden. Es geht insbesondere um die lokale Orientierung im Stadtraum, um Partizipation und Einbezug der Bevölkerung, um die Förderung des sozialen Zusammenhalts und der Identitätsbildung, um die Förderung von Eigeninitiative und Mitverantwortung und um die bewusste Förderung räumlicher Vielfalt in der Stadt. Als Risiken und Herausforderungen werden die mangelnde gesamtstädtische Perspektive und die sozialräumliche Perspektive genannt, die der physisch-räumlichen gegenüber steht. Dann geht es um die Risiken und Herausforderungen, die mit der Beteiligung der Bewohnerschaft verbunden sind. Die Autorin reflektiert weiter ausführlich die Rolle von Quartieren in der Planung der Stadt Basel und den Einbezug von Quartiersidentitäten in die Planung.

Quartiere sind Teile einer Stadt, sie sind strukturell und sozialräumlich auf die Stadt als Ganzes bezogen. Raumbezogene Identitäten und Images sind allerdings nie Gegenstand der Planung gewesen. Und Planungsräume sind nicht immer identisch mit den wahrgenommenen und gelebten Sozialräumen. Deshalb sind auch Quartiere nicht immer kongruent mit den Planungs- und Verwaltungseinheiten einer Stadt. Wie kann der Quartiersbezug in die Planung institutionell so verankert werden, dass Quartiere als eigenständige soziokulturelle und soziale Räume begriffen werden, die ihre Eigenlogik entwickeln und deshalb relevante Planungseinheiten sind? Was muss Planung lernen, wenn sie Planungsziele auf das zu überplanende Quartier bezieht und vor allem: wie können artikulierte Bedürfnisse und Interessen der Quartiersbevölkerung in quartiersbezogene Planungsziele übersetzt werden?

Die Autorin beschäftigt diese Fragen in Bezug auf die Stadt Basel und sie versucht eine mehrschichtige Antwort darauf. Sie stellt sich die Institutionalisierung partizipativer Planungsverfahren vor, sowie die Institutionalisierung von Quartiers- oder Stadtteilarbeit. Dabei sieht sie den Spannungsbogen von freiwilligen Akteuren und einer Institutionalisierung von politischen Entscheidungsprozessen auf Quartiersebene. Die Deckungsgleichheit von Verwaltungseinheit, Planungseinheit und Sozialraum scheint dabei eine notwendige, aber durchaus keine hinreichende Bedingung einer quartierstypischen Stadtplanung und -entwicklung zu sein. Dies wird sehr ausführlich diskutiert und begründet.

Zu Teil V: Synthese

In diesem Teil geht es um die Diskussion und die Implikationen der erarbeiteten Ergebnisse und Argumentationen. Dabei soll zunächst das Quartier als Ort sozialräumlicher Strukturen und Prozesse und Quartiersidentitäten einerseits und sozialräumlicher Strukturen und Prozesse und Quartiersimages andererseits dargestellt werden. Weiter geht es um Quartiere als Sozial- und Identifikationsräume und die Implikationen für die Stadtplanung und -entwicklung in Theorie und Praxis und um weitere Forschungsperspektiven.

Wo keine Zusammenhänge zwischen sozialräumlichen Strukturen und Prozessen und Quartiersidentitäten nachgewiesen werden konnten, besteht ein solcher Zusammenhang bei den Quartiersimages. Dies wird – bezogen auf die untersuchten Quartiere – noch einmal ausführlich dargestellt und die Gründe dafür jeweils genannt.

Weiter werden die Diskussion um Quartiere und Identifikationsräume und die Ergebnisse der Untersuchung noch einmal zusammengefasst. Dabei wird der theoretische und konzeptionelle Status der Diskussion noch einmal ausführlich reflektiert, die Entwicklungslinien der Forschungstraditionen aufgezeigt und die Relevanz und das Potential von Quartieren für die Stadtplanung und -entwicklung dargestellt.

Dann werden Quartiere als Wahrnehmungs- und Identifikationsräume und als Handlungs- und Planungsräume zusammenfassend erörtert. Dabei war ein Leitgedanke, dass die Differenzierung von sozial- und wahrnehmungsräumlichen Prozessen Voraussetzung für eine identitätsorientierte Quartiersentwicklung ist. Ein zweiter Leitgedanke, der den Hintergrund der Diskussion abgab, war, dass Diskrepanzen zwischen administrativen, sozial- und wahrnehmungsräumlichen Strukturen ein Hindernis für identitätsorientierte Quartiersentwicklung sind.

Was bedeutet dies alles für die Stadtplanung und -entwicklung?

Der Quartiersbezug muss in ein gesamtstädtisches Konzept genauso integriert werden wie die Identitätsorientierung auf Quartiersebene zum Anknüpfungspunkt der Stadtentwicklung werden muss. Es geht ohnehin um eine integrative Stadtentwicklung auf der Basis integrierter Handlungs- und Entwicklungskonzepte. Auch dies wird noch einmal ausführlich dargestellt und begründet.

In ihrem Fazit macht die Autorin auf einige Perspektiven für eine weiterführende Forschung aufmerksam. Sie sieht diese Perspektiven in der quartiersbezogenen Stadtentwicklung von kleineren Großstädten, in Fragen differenzierter Quartiersperspektiven, in Schnittstellen zwischen der emotionalen und verhaltensorientierten Dimension der Mensch-Umwelt-Beziehung sowie in der sozialen und symbolischen Raumdimension und in methodischen und auf Basel bezogenen kontextabhängigen Fragen.

Diskussion

Quartiere sind inzwischen der Inbegriff sozialer Verortung. Gesellschaftliche Integration ist die Integration in sozialräumliche Kontexte der Lebenswelt, die Identifikation und Identität ermöglichen, und Vertrauen und Bindung in die unmittelbaren lokalen Lebenszusammenhänge erlauben.

Die Autorin macht dies an vielen Facetten der Quartierswirklichkeit fest. Sowohl die objektive Wirklichkeit des Quartiers als auch ihre subjektive Wahrnehmung und Deutung durch die in ihm lebenden Akteure werden zum Gegenstand des Forschungsinteresses. Vor allem aber die dialektische Verschränkung der objektiven Raumbedingungen mit ihrer subjektiven Deutung ermöglicht die Sicherung der Identität im Quartier und durch das Quartier. Man ist nicht nur Bewohnerin oder Bewohner eines Quartiers, sondern auch jemand, der oder die durch das Quartier lebt und geprägt ist.

Die Entfaltung dieser Zusammenhänge auf der Grundlage eines empirischen Zugangs macht diese Arbeit besonders interessant. Auch wenn die Fragestellungen auf Basel beschränkt sind, lassen sich eine Reihe von Erkenntnissen auf ähnlich strukturierte Großstädte übertragen.

Viel wichtiger ist die Frage, was Stadtplanung und Stadtentwicklung in der Großstadt daraus lernen können. Die Autorin verweist in diesem Zusammenhang auf eine Reihe von Anforderungen oder Herausforderungen für eine Stadtplanung, die die hier diskutieren Aspekte der Quartiersentwicklung weder konzeptionell noch praktisch bedenkt.

Fazit

Wir haben es hier mit einer wissenschaftlichen Arbeit zu tun, die ein inzwischen in der Stadtforschung hoch interessantes Thema analytisch durchdringt und theoretisch fundiert. Die Arbeit setzt zugleich auch auf einige neue Aspekte der Diskussion um Quartiere und ihre Bedeutung für die soziale Integration. Und sie diskutiert den Zusammenhang des Verhältnisses des Quartiers zur Gesamtstadt, seine Rolle und seine Funktion für die gesamte Stadt. Der Stadtplanung und -entwicklung werden einige Facetten der Betrachtung und Analyse aufgezeigt, die diese auch verändern kann.

Summery

Residential quarters are meanwhile the main factor for social integration. Quarters are able to ensure identity and appreciation in the context of an social space, which can be overlooked.

This book is a scientific discussion of this topic. And this topic is meanwhile very interesting for the urban research on the theoretical level and on the analytical access as well.

The author reflects the relationship of the quarter as part of the city to the whole city and she discusses the role and the function of a quarter for the whole city. And the author asks, why urban planning and urban development are not able to consider a quarter not only as planning space but as social space.

The research interests of the author are concentrated on the big city Basel/Switzerland; but the research results are interesting for similar structured European cities.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 23.01.2017 zu: Esther Schlumpf: Quartiere zwischen Objektivität und Subjektivität. Schwabe Verlag (Basel) 2016. ISBN 978-3-7965-3617-5. Basler Beiträge zur Geographie, 53. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21656.php, Datum des Zugriffs 22.11.2017.


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