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Ernst-Ulrich Huster: Soziale Kälte

Cover Ernst-Ulrich Huster: Soziale Kälte. Rückkehr zum Wolfsrudel? Alfred Kröner Verlag (Stuttgart) 2016. 180 Seiten. ISBN 978-3-520-71401-5. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR.

Einsichten, Band 2.
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Alles, was Recht ist

Ingeborg Bachmann entlarvt mit ihrem Gedicht „Reklame“ die Unbekümmertheiten, Beruhigungs-, Ruhestellungsstrategien und Sorglosigkeiten mit der Frage: „Wohin aber gehen wir?“. Es sind Fragen, die im wissenschaftlichen, gesellschaftspolitischen Diskurs immer deutlicher gestellt werden, angesichts der konsumtiven (Jean Baudrillard, Die Konsumgesellschaft. Ihre Mythen, ihre Strukturen, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/18005.php), medialen (Mark Ludwig, u.a., Hrsg., Mediated Scandals. Gründe, Genese und Folgeeffekte von medialer Skandalberichterstattung, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/20683.php), vorurteilsbestimmten ( Anton Pelinka, Hrsg., Vorurteile. Ursprünge, Formen, Bedeutung, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12918.php), gesellschaftsgefährdenden (Thomas Goll, Hrsg., Bildung für die Demokratie. Beiträge von Politikunterricht und Demokratiepädagogik, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12311.php) und risikobehafteten Entwicklung (Gerd Gigerenzer, Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft, 2013. www.socialnet.de/rezensionen/15271.php). Die Kakophonien, wie sie durch rechtsradikale, ethnozentristische, nationalistische, populistische, fundamentalistische und rassistische Parolen laut werden, bedürfen einer engagierten und überzeugten demokratischen Antwort.

Entstehungshintergrund und Autor

Kapitalismus- und Gesellschaftskritik sind Mittel und Wege, um die Irrwege und Stoppstraßen einer egoistischen und dominanten, lokalen und globalen Gesellschaftsentwicklung entgegen zu treten. Wenn von „Raubtier- und Kamikaze-Kapitalismus“ (David Graeber) gesprochen wird, soll ja darauf hingewiesen werden, dass soziale Ungerechtigkeiten dafür schuld sind, wenn lokal und global die Wohlhabenden immer reicher und die Habenichtse immer ärmer werden. Diese Entwicklung widerspricht der (eigentlich) allen Menschen verpflichtenden „globalen Ethik“, wie sie sich in der allgemeingültigen und nicht relativierbaren Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 artikuliert: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“. In einer auf der Basis des humanen Rechts existierenden menschlichen Gemeinschaft muss der Gesellschaftsvertrag auf diesen Grundsätzen beruhen.

Der Politikwissenschaftler von der Ev. Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum, Ernst-Ulrich Huster, setzt sich in seinem Büchlein „Soziale Kälte“ mit den Zuständen in der Gesellschaft auseinander. Mit seinem Untertitel „Rückkehr zum Wolfsrudel?“ jedoch tut er dem Wolf unrecht. Zwar wird im anthropologischen, philosophischen Diskurs danach gefragt, ob der Mensch gut oder des Menschen Wolf sei. Wolfs- und Verhaltensforscher jedoch verweisen darauf, dass der Wolf ein verträgliches, behütendes und gruppenbildendes Tier ist, das – wenn sein Lebensraum nicht eingeengt oder gestört ist – nicht aus Lust tötet, sondern, wie der Mensch auch, lebt und agiert um zu leben. Der Untertitel hätte deshalb eher lauten können: Wo der Mensch zum Unmenschen wird! Zeichen dafür zeigen sich in den egoistischen, undenklichen und menschenfeindlichen, populistischen Parolen, wie sie derzeit in Deutschland und anderen Teilen der Welt scheinbar salonfähig werden. Wir stehen vor der Frage, wie es gelingen kann, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie informiert, aufgeklärt sein wollen und bereit sind, soziale und globale Verantwortung zu übernehmen. Da ist zum einen der altruistische und moralische Ansatz (Valentin Beck, Eine Theorie der globalen Verantwortung. Was wir Menschen in extremer Armut schulden, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/21228.php), und zum anderen der bürgerlich-rechtliche, wie er sich etwa in den Konzepten einer „Betätigungsdemokratie“ (Pierre Rosanvallon, Die gute Regierung, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/20955.php) und in den Aufforderungen nach mehr Aufmerksamkeit im individuellen und gesellschaftlichen Leben zeigt (Jörn Müller, u.a., Hg., Aufmerksamkeit. Neue humanwissenschaftliche Perspektiven, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/21112.php).

Aufbau und Inhalt

Der Autor gliedert sein Essay neben der Einleitung in sechs weitere Kapitel.

Bei seiner „Suche nach sozialen Ankerpunkten“ verweist er auf das (früh-)bürgerliche, abendländische Denken und versucht so der Frage nahe zu kommen: Wie sind wir geworden, was und wie wir sind! Aus dem Homo oeconomicus einen Homo empathicus zu machen (Jeremy Rifkin, Die empathische Zivilisation. Wege zu einem globalen Bewusstsein, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/9048.php), ist eine Herausforderung, die einen grundlegenden Perspektivenwechsel erforderlich macht. Husters Blick richtet sich dabei auf die gesellschaftlichen und sozialen Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten. Er deckt dabei eine Reihe von neoliberalen Ideologien und programmatischen Erzählungen und Versprechungen auf und verweist auf die „Un-Kultur der Abwertung: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Homophobie“, die sich bei den Verlierern und Abgehängten in der Gesellschaft breit macht und die staatliche Gemeinschaft auseinander zu brechen droht. Seine Fragen, wie sich sozialer Zusammenhalt bildet und verhindert wird, rühren an den gesellschaftlichen Mythen; etwa der Frage nach der Solidarität. War früher wirklich alles besser? Wie sah und sieht es mit der vielgelobten „Solidargemeinschaft“ aus? Was ist notwendig, den Menschen verstehbar zu machen, dass Solidarität kein Selbstläufer, sondern „Norm und deren praktische Gültigkeit ( ) an sie tragende soziale Interessen gebunden (ist)“.

Die Fragen, was gerecht ist und wer in der Gesellschaft darauf erheben kann, haben sich im Laufe der Jahrzehnte in drei Positionen herausgebildet:

  1. Leistungsgerechtigkeit,
  2. solidarische Gerechtigkeit und
  3. vorleistungsfreie Gerechtigkeit.

Im gesellschaftlichen Diskussionsprozess konkurrieren sie nach wie vor miteinander. Die sich dabei herausbildende Schichtung in der Gesellschaft verliert ihre Kitt-Wirkung, wenn einzelne Schichten, wie etwa derzeit die so genannte „Mittelschicht“ ausfallen oder ausfransen und so ihre Stabilisierungs- und Balancefunktionen verliert, oder wenn „Ober- und Unterschicht“ so auseinanderdriften, dass von Gerechtigkeit nicht mehr die Rede sein kann. „Die feine Gesellschaft schließt sich ab und andere aus“. Die Angst geht um in der Gesellschaft; zum einen bei denjenigen, die Haben und Ängste entwickeln, ihren (wohlverdienten) Wohlstand weggenommen zu bekommen oder in ihren gated Communities nicht bewahren zu können; und bei den Habenichtsen, endgültig zum Proletariat abzusinken. Diese zunehmenden Polarisierungen erfordern Antworten, die der Autor im Konstitut einer „neuen Bürgerlichkeit“ sieht, die auf dem „festen Boden“ von Werten und Normen steht, die Gerechtigkeit „als Absicherung der eigenen Lebenslage“ garantieren.

Fazit

In der Spannweite von Lebensentwürfen und gesellschaftlichen Bedingungen zwischen der Verbesserung der ökonomischen, kapitalistischen Ordnung und eines radikalen Perspektivenwechsels hin zu einer Gesellschaft, in der tatsächlich alle Menschen gleich sind, bleibt als Lackmustest mit den Fragen, die der Autor sich stellt: „Wer ist, wer soll Teil des Sozialverbundes sein? Was ist der Einzelne bereit, sich diesen sozialen Zusammenhalt kosten zu lassen. materiell und immateriell? Wen kostet es etwas, dass diese Gesellschaft eine Gesellschaft bleibt?“. Die Antworten darauf können keine Rezepte sein. „Bürgerlichkeit“ im Sinne einer fairen, gleichberechtigten und humanen sozialen Verantwortung für das Ganze könnte eine Lösung sein!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 25.10.2016 zu: Ernst-Ulrich Huster: Soziale Kälte. Rückkehr zum Wolfsrudel? Alfred Kröner Verlag (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-520-71401-5. Einsichten, Band 2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21666.php, Datum des Zugriffs 22.11.2017.


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