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Imke Leicht, Christine Löw u.a. (Hrsg.): Feministische Kritiken und Menschenrechte

Cover Imke Leicht, Christine Löw, Nadja Meisterhans, Katharina Volk (Hrsg.): Feministische Kritiken und Menschenrechte. Reflexionen auf ein produktives Spannungsverhältnis. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. 200 Seiten. ISBN 978-3-8474-0702-7. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.

Politik und Geschlecht, Band 27.
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Thema

Dass Menschenrechte und Feminismus in einem Spannungsverhältnis stehen, ist eine schon ältere Erkenntnis. Während es früher einfacher war, dieses Spannungsverhältnis mit der Forderung „Frauenrecht ist Menschenrecht“ zu lösen, wird dies angesichts der Intersektionalitätsdebatte, postkolonialer und poststrukturalistischer Kritiken der Menschenrechte und angesichts eines sich immer weiter ausdifferenzierenden Systems des Menschenrechtsschutzes und seiner politischen Instrumentalisierung wesentlich schwieriger.

Die Herausgeberinnen greifen in diese Debatten ein, indem sie auf der Grundlage einer grundsätzlichen Akzeptanz des Konzepts der Menschenrechte deren emanzipatorisches Potenzial hervorheben. Dabei gehen sie davon aus, das feministische Theorien und Bewegungen wesentlich zu einer Weiterentwicklung der Menschenrechte beigetragen haben und dies auch weiterhin leisten können. Der Zusammenhang zwischen Menschenrechten und Feminismus wird als „Ergebnis eines wechselseitigen Konstitutionsverhältnisses“ beschrieben. So thematisieren die Beiträge unterschiedliche feministische Kontroversen zu Menschenrechten, aktuellen Konfliktfeldern und Potenziale einer menschenrechtsorientierten feministischen Theorie und Praxis.

Die Herausgeberinnen betonen die Notwendigkeit eines interdisziplinären Zugangs zu der Thematik und einen Theorie-Praxis Transfer.

Herausgeberinnen

  • Imke Leicht ist Diversity Beauftragte an der Universität Erlangen-Nürnberg und hat wissenschaftlich zu Menschenrechtspolitik und Menschenrechtsbildung gearbeitet.
  • Nadja Meisterhans ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Linz und an der Karlshochschule International University im Bereich Politik und Public Health.
  • Christine Löw ist Soziologin und war zu dem Zeitpunkt der Herausgabe an der Hochschule Rhein-Waal.
  • Katharina Volk wiederum ist Bezirkssekretärin bei der IG Metall und hat zu feministischer Politik und Bewegungen promoviert.

Autorinnen

Die weiteren Autorinnen kommen auch aus der Soziologie sowie aus der Rechtsphilosophie, gender/quer studies, internationalen Politikwissenschaft und Entwicklungszusammenarbeit.

Entstehungshintergrund

Der Band geht zurück auf eine Tagung „Feministische Kritik und Menschenrechte“ des Arbeitskreises Politik und Geschlecht der deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft und der Universität Erlagen Nürnberg, Lehrstuhl Menschenrechte und Menschenrechtpolitik.

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Aufbau und Inhalt

Elisabeth Holzleithner rekonstruiert in ihrem Beitrag in historischer Perspektive die verschiedenen Stränge der Debatten feministischer Menschenrechtskritik, die sie als so alt bezeichnet wie die Menschenrechte. Olympe de Gouges hatte ja bereits in der französischen Revolution kritisiert, dass die damals deklarierten Menschenrechte nur ein männliches Subjekt im Blick hatten. Holzleithner erwähnt verschiedene Strömungen feministischer Menschenrechtskritik, liberale universalistische Ansätze, postkoloniale feministische Positionen und die verschiedenen Konferenzdokumente auf internationaler Ebene. Dabei insistiert sie besonders darauf, alle Formen der Darstellungen von Frauenrechten als Sonderrechten als Marginalisierung zu kritisieren. Holzleithner kritisiert einerseits das letztlich in den universalen Ansätzen enthaltene Fortschrittsnarrativ, das von westlichen Überlegenheitsansprüchen zeugt und politisch instrumentalisiert wird wie beispielsweise zur Legitimation kriegerischer Interventionen. Auch aus diesem Grunde stehen die eher postkolonial orientierten feministischen Ansätze einem abstrakten Universalitätsanspruch sehr kritisch gegenüber. Zugleich enthält ein allgemeiner Universalitätsanspruch implizite Normierungen und schließt die aus, die nicht in diese Normierungen passen. Dagegen stellt sie den Ansatz, alle im Kontext der Menschenrechtsarbeit stehenden politischen Kategorien zu dekonstruieren, um deren Einsatz für Zwecke von Macht und Herrschaft zu erkennen. Zugleich betont Holzleithner, dass es auch vermittelnde Ansätze gibt, sie fordert, den Universalitätsbegriff nicht aufzugeben, sondern ihn zu kontextualisieren: „Universalität ist keine abstrakte, kulturell neutrale Position, vielmehr stellt sie den Anspruch der Menschenrechte gegen real existierende Ausschlüsse dar“ (34). Sie argumentiert, Menschenrechte komme ein Antwortcharakter zu, da diese eine Reaktion aus Leiden und Ausschließungen darstellten. Menschenrechte sollten eher im Kontext von Solidarität, denn als abstrakte Rechte gedacht werden.

Rike Sinder geht in ihrer Auseinandersetzung mit Butlers Menschenrechtskritik noch einen Schritt weiter. Sie rezipiert Walter Benjamins Kritik der Gewalt bei Judith Butler. Butler betont den ausschließenden und gewaltförmigen Charakter eines politischen Rechtsbegriffs, der an einen Souverän oder staatliche Macht gebunden sei, dieser produziere immer Menschenaußerhalb dieser Macht und beinhalte letztlich Freiheit für die Herrschenden. Als Alternative folgert Sinder: „Menschenrechte bleiben so stets amibivalent, müssen sie doch als ständig in Bewegung, ständig kritisiert und hinterfragt, als ein dynamisches Feld des poltischen Wettstreits konzeptualisiert werden“ (56).

Laura Eigenmann kritisiert einerseits, dass ein Effekt westlicher Dominanz darin bestehe, LSBTQ Rechte in anderen Ländern zu kritisieren und eine Überlegenheit zu inszenieren. Sie bezeichnet dies als Homonationalismus. Dennoch können Menschenrechte die Grundlage für Forderungen von LSBTQ Aktivist_innen sein – dies zeigt sie an Beispielen aus dem Nahen Mittleren Osten.

In eine ähnliche Richtung geht Christiane Klapeer in ihrer Kritik einer genealogisch-evolutionären Position für LSBTQ Rechte im Kontext der Entwicklungszusammenarbeit und fordert einen genauen Blick dafür, wie LSBTQ Rechte in westlichen Diskursen als Machpolitik inszeniert werden.

Um Entwicklungszusammenarbeit geht es auch bei Caroline Kärger. Sie thematisiert den Zusammenhang von Frauenrechten und Entwicklung und fragt, wie ein kritisches Zusammendenken von Frauenrechten und Entwicklung die Stärkung von Teilhaberechten von Frauen befördern könne. Dabei betont sie, dass nachhaltiger gesellschaftlicher Fortschritt nur dann eintrete, wenn die Rechte von Frauen und Minderheiten gleichberechtigt gewahrt und geschützt werden.

In eine ähnliche Richtung geht Rita Schäfer, die menschenrechtliche Ansprüche und massive geschlechtsspezifische Gewalt und Xenophobie in Südafrika kontrastiert.

Diskussion und Fazit

Der Band bietet einen guten Einstieg in Debatten zu Feminismus und Menschenrechte. Wichtig ist auch die Analyse neuer Narrative der Überlegenheit, was als Homonationalismus diskutiert wird. Konkrete Lösungswege oder alternative Konzepte werden in dem Band nur angedeutet. Obwohl einzelne Beiträge miteinander in Verbindung stehen, sind sie insgesamt sehr heterogen sind und die Frage, wie aus einer feministischer Perspektive nicht normierende, nicht ausschließende universale Menschenrechte gedacht werden können, bleibt nur teilweise beantwortet.


Rezensentin
Prof. Dr. Nausikaa Schirilla
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Zitiervorschlag
Nausikaa Schirilla. Rezension vom 29.11.2017 zu: Imke Leicht, Christine Löw, Nadja Meisterhans, Katharina Volk (Hrsg.): Feministische Kritiken und Menschenrechte. Reflexionen auf ein produktives Spannungsverhältnis. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. ISBN 978-3-8474-0702-7. Politik und Geschlecht, Band 27. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21667.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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