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Jeannette Bischkopf, Daniel Deimel u.a. (Hrsg.): Soziale Arbeit in der Psychiatrie

Cover Jeannette Bischkopf, Daniel Deimel, Christoph Walther, Ralf-Bruno Zimmermann (Hrsg.): Soziale Arbeit in der Psychiatrie. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2017. 552 Seiten. ISBN 978-3-88414-623-1. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR.
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Thema

Es ist ein Lehrbuch und Nachschlagewerk für Studierende der sozialen Arbeit aber auch für die Lehrenden. Die Komplexität der sozialen Arbeit mit ihren zahlreichen Aspekten auf inhaltlicher, organisationaler, dynamischer und wissenschaftlicher Ebene erklärt den Umfang des Buches, bleibt letztendlich dennoch nur ein „Eintauchen in die Materie“. Das Buch bietet daher vor allem einen Überblick über das Arbeitsfeld Psychiatrie und über Grundzüge und Methodik in der sozialen Arbeit. Theoretische und methodische Kompetenzen sollen gestärkt und der Diskurs zur Weiterentwicklung dieser angeregt werden.

AutorInnen, Herausgeberin und Herausgeber

Insgesamt 24 AutorInnen aus den Fachgebieten der Sozialpädagogik, Sozialarbeit, Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie zeichnen für die umfangreiche und multi-perspektivische Themenaufbereitung verantwortlich.

Das HerausgeberInnenteam selbst setzt sich aus Lehrenden der Bereiche Psychologie, Sozialarbeit und Psychiatrie zusammen. Prof. Dr. phil Jeanette Bischkopf unterrichtet Psychologie und Gruppendynamik an der FH Kiel, Prof. Dr. phil. Daniel Deimel vertritt die klinische Sozialarbeit an der kath. Hochschule NRW, Prof. Dr. phil. Christoph Walther arbeitet als Dipl Sozialpädagoge an der techn. Hochschule Nürnberg und Prof. Dr. med Ralf-Bruno Zimmermann ist Facharzt für Psychiatrie.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Lehrbuch ist die Weiterentwicklung der 1999 erschienenen Erstauflage unter gleichnamigem Titel mit insgesamt 5 Auflagen. Die völlige Neubearbeitung, das neue Layout, die thematischen Erweiterungen sowie, die Implementierung aktuellster wissenschaftlicher Erkenntnisse entspringt dem neuen und stark erweiterten AutorInnen-team. Das Ziel und die Ausrichtung als Lehrbuch für Studierende und als Begleiter für Lehrende bleibt erhalten.

Aufbau

Das Lehrbuch gliedert sich in vier umfassende Themenblöcke.

  1. Grundlagen der sozialen Arbeit in der Psychiatrie“ setzten den Anfang und gehen ein u.a. auf die Theorie klinischer Sozialarbeit, auf die Rechte von KlientInnen, ethische Aspekte sowie auf Diagnostik und Phänomenologie psychischer Störungen.
  2. Die „psychosozialen Interventionsformen“ vermitteln Einblick in sozialtherapeutische Grundhaltungen, beschäftigen sich mit Beziehungsdynamiken, Krisenintervention, Casemanagement, Netzwerkanalysen und mit der Einbindung psychiatrieerfahrener Personen im psychosozialen Kontext.
  3. Sechs „Lernfälle“ veranschaulichen praxisorientiert und kompakt die vorangestellten theoretischen Kapitel. Sie stellen Fallbeispiele zu den Themenschwerpunkten Psychose, Depression, Suchterkrankung, Demenz, Trauma und Borderline-Persönlichkeitsstörung zur Verfügung.
  4. Das vierte und letzte Kapitel geht ein auf „Qualitätsmanagement und Qualitätsentwicklung, Forschung in der Sozialpsychiatrie“ sowie partizipativer Forschung für die soziale Arbeit in der Psychiatrie. Auch ein praktischer Forschungsaspekt findet noch Berücksichtigung und nimmt Bezug auf die qualitative Bedarfsanalyse. Der Themenkreis schließt mit dem Kapitel Supervision und Selbstklärung in der sozialen Arbeit.

Ein umfangreiches und ergänzendes „Beiwerk“ vervollständigt das Kompendium zu einem kompakten und in sich gut abgestimmten Lehrbuch. Dazu gehört zu Beginn das Abkürzungs-verzeichnis, ein erklärendes Vorwort der HerausgeberInnen und der Verweis auf umfangreiche Downloadmaterialien samt Zugangscode.

Am Ende des Buches bietet das ca. 40seitige Literaturverzeichnis die Möglichkeit, sich in einzelne Themen und Aspekte zu vertiefen und das alphabetische Register erleichtert die gezielte Suche an Hand von Stichworten. Die 24 AutorInnen werden abschließend kurz beschrieben.

Ausgewählte Inhalte

Dem oben beschriebenen Aufbau des Buches folgend, versuche ich in jedes der vier Hauptkapitel inhaltlich fragmentarisch einzutauchen und exemplarisch auf ein Unterkapitel näher einzugehen.

Bei „Soziale Arbeit in der Psychiatrie“ greife ich das 2.Unterkapitel „Theorie klinischer Sozialarbeit in der Psychiatrie“ heraus. Christoph Walther und Daniel Deimel führen ins Thema ein und zitieren u.a. die Definition der NASW (National Association of Social Workers): „Clinical social work shares with all social work practice the goal of enhancement and maintenance of psychosocial functioning of individuals, families and small groups“. Die methodischen Zugänge zu dieser Zielerreichung werden dargestellt und umrissen. Dazu führen sie die soziale Gruppenarbeit, psychosoziale Beratung und Einzelfallhilfe, Evaluation, aufsuchende Sozialarbeit sowie niedrig schwellige Basisversorgung, Sozialtherapie und psychosoziale Diagnostik an.

Im Unterkapitel „gesundheitstheoretische Konzepte“ gehen die Autoren auf Konzepte und Annahmen zur Entstehung von Erkrankungen ein, bzw. auf die Faktoren, die diese aufrechterhalten. Interessant dabei die gezeigte Grafik nach Mielck (2005, Seite 45), die den Prozess von der sozialen zur gesundheitlichen Ungleichheit darstellt. Eine deduktive Ableitung der Unterschiede von Wissen, von Vermögen, von Macht und Prestige führen zu einer markanten Diversität in Bezug auf Morbidität und Mortalität.

Für die soziale Arbeit sind unterschiedliche gesundheitstheoretische Konzeptionen bedeutsam. Vom Biopsychosozialen Krankheitskonzept, dem Person-in-Environment-Konzept oder der Salutogenese nach A. Antonovsky. Als übergeordnete Gemeinsamkeit extrahieren die beiden Autoren aus den zahlreichen Theorien, den starken Zusammenhang zwischen gesundheitlicher Situation eines Menschen und seiner sozialen Einbindung. Armut ist dabei ein markanter Risikofaktor zur psychischen Vulnerabilität. Im Downloadmaterial sind sowohl die Grafik von Mielck als auch der Leitfaden für die soziale Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen als PDF abrufbar. Am Ende dieses Kapitels gibt es noch vier Literaturhinweise sowie drei Empfehlungen zur Internetrecherche, zB: zur Zentralstelle für klinische Sozialarbeit ZKS (www.klinische-sozialarbeit.de).

Zum zweiten Hauptkapitel „psychosoziale Interventionsformen“, versuche ich einen exemplarischen Exkurs zum Thema „Beziehungsaufbau und Beziehungsgestaltung“, von Jeanette Bischkopf und Reinhard Lütjen. Sie gehen dabei ua. ein auf die Prinzipien der Beziehungsgestaltung nach Rogers, dem Modell der Wirkfaktoren nach Grawe und auf psychodynamische Konzepte der Intersubjektivität, Übertragung und Gegenübertragung.

In einer übersichtlichen Grafik nach Lambert (2013, Seite 94) stellt sich die Beziehung im professionellen Kontext mit etwa 30% als veränderungsrelevant dar, neben den Kontextfaktoren mit ca. 40% sowie konkreten Interventionen und bestimmten Erwartungs-effekten mit je ca. 15%. Die beiden Autoren zitieren Amering und Schmolke (2012) in Zusammenhang mit Recoveryforschung und halten fest, dass Empathie, Respekt und eine allgemeine „Von-Mensch-zu-Mensch-Haltung“ seitens der Professionisten, am meisten als hilfreich erlebt werden.

Im Unterkapitel zu Übertragung und Gegenübertragung eine Kernaussage Richtung professionellen HelferInnen: „Gegenübetragungsgefühle sind keine Fehler; sie sind nicht zu vermeiden und können, wenn sie erkannt und reflektiert werden, eine Quelle für mehr Verständnis und zielgenauere Interventionen sein“. Achtsamkeit und Selbstreflexion der HelferInnen sind im Rahmen einer gelingenden Beziehungsgestaltung auch Voraussetzung für das Gelingen von „Hilfe“.

Das Kapitel schließt mit vier Literaturempfehlungen, ua. A. Knuf, M. Hammer (2013): Die Entdeckung der Achtsamkeit in der Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen oder M. Klöpper (2014): Die Dynamik des Psychischen. Ein Praxishandbuch für das Verständnis der Beziehungsdynamik.

Im dritten Hauptkapitel, einer Deskription von sechs Lernfällen möchte ich den Lernfall 5 „Trauma“ etwas näher beschreiben. Andrea Ahrndt und Claudia Kruse zeigen am Beispiel traumatisierter Flüchtlinge welche psychosozialen Bedarfe sich ergeben und wie sich multidisziplinäre integrative Versorgungskonzepte gestalten können. Die Lebensgeschichte von Fr. Haddad aus Aleppo in Syrien wird beschrieben. Sie flüchtete mit ihren sieben Geschwistern, war Verfolgung und Folter ausgesetzt. Im Wohnheim für Asylsuchende in Berlin musste wiederholt eine stationäre Aufnahme eingeleitet werden, da sie phasenweise in einen Zustand verfiel, wo sie nicht mehr ansprechbar war, weinte und um sich schlug. In der fortführenden Beschreibung der Betreuungssituation wird eingegangen auf die Schwierigkeiten in der Beziehungsgestaltung und auf die Sprachbarriere, da nicht jederzeit ein Dolmetscher zur Verfügung stand. Hier ist im Buch ein informativer kurzer Exkurs über den „Einsatz von Dolmetschern im interkulturellen Setting“ eingefügt.

Zum konkreten Fallbeispiel Fr. Haddad wird noch eingegangen auf die materielle Absicher-ung im Sinne einer Beschreibung der gesetzlichen Rahmenbedingungen für Asylsuchende sowie auf die rechtliche Aspekte, u.a. auf den Ablauf des Asylverfahrens. Die Beschreibung der äußerst beengten Wohnsituation, die eingeschränkten Möglichkeiten einer Beschäftigung und ihr Umgang mit der Erkrankung runden das Fallbeispiel ab.

Zum Thema Trauma folgen noch sehr komprimiert Informationen zu Definition und Diagnostik von PTBS (Posttraumatischen Belastungsstörungen) sowie eine Beschreibung des integrativen Behandlungsansatzes unter Einbindung von Psychotherapie und Sozialarbeit. Zur Vertiefung gibt es eine Literaturempfehlung und einen Internethinweis auf einen Leitfaden für geflüchtete Menschen. Zur persönlichen Auseinandersetzung mit dem Thema werden fünf Fragen und Übungen angeboten, z.B.: „Welche Auswirkungen hat ein unsicherer Aufenthaltsstatus auf eine mögliche Chronifizierung der posttraumatischen Symptomatik“?

Das vierte und letzte Hauptkapitel geht ein auf Qualitätsentwicklung, Forschung und Selbst-klärung. Wilfried Görgen und Daniel Deimel versuchen ein Grundverständnis zum Qualitäts-management in der Sozialpsychiatrie zu vermitteln. Sie gehen ein auf Legitimierungsdruck und Wirkungsnachweise, welche zunehmend das Spannungsfeld zwischen Kostenträgern und Leistungsanbietern definieren. Die Beschreibung von Qualitätsprinzipien, Qualitätsindi-katoren und Qualitätsmanagementsystemen, sowie deren Implementierung in sozialen Organisationen, reduziert sich auf die wichtigsten Begriffsdefinitionen. Der Exkurs zum PDCA-Zyklus (plan – do – check – act), ein standardisiertes Tool nach William Deming, beschreibt das strukturierte Vorgehen in einem kontinuierlichen Optimierungsprozess.

Das Subthema Forschung in der Sozialpsychiatrie löst eine tabellarische Übersicht auf, in der die gesamte medizinische Forschung als Primär- und Sekundärforschung dargestellt wird. Grundlagenforschung, klinische Forschung und epidemiologische Forschung einerseits und Metaanalyse sowie Reviews als Methodik andererseits. Dieses Kapitel soll ermutigend und kompetenzerweiternd in Bezug auf die Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Arbeiten nach unterschiedlichen Studiendesigns und methodischen Ansätzen sein. Das Lesen von Studien, wissenschaftlichen Arbeiten, Statistiken etc., erfordert eine gewissen Kompetenz und Übung. Als Download gibt es dazu einen Leitfaden zur strukturierten Literaturrecherche und Internetverweise auf zahlreiche wissenschaftliche Datenbanken wie Psyndex, DIMDI, EMBASE oder SciSearch.

Johannes Jungbauer befasst sich noch mit dem Subthema Praxisforschung und seinen grundlegenden Strategien. Jörg Fengler und Fiona Pampuch gehen ein auf das wichtige Thema Supervision und Selbstklärung in der sozialen Arbeit.

Diskussion und Fazit

Das Buch versucht einen Kompromiss zwischen tiefgreifender Wissensvermittlung und der Darstellung der Komplexität im Sinne der Themenbreite. Ich persönlich finde das ist sehr gelungen. Für die Erfahrenen eine Möglichkeit nachzuschlagen und die gelegten Pfade zu Recherche und fachlicher Vertiefung weiterzuverfolgen. Für Studierende und Neueinsteiger im sozialpsychiatrischen Arbeitsfeld ein logisch aufgebautes, gut strukturiertes, breit informatives und fachlich anspruchsvolles Lehrbuch.

Die Beschreibung des sozialarbeiterischen Arbeitsfeldes, die Vermittlung von Grundhaltungen und Qualitätsansprüchen, die Vorstellung methodischer Ansätze und Interventionsstrategien sowie der Theorietransfer mittels komprimierter aber gut nachvollziehbarer Fallbeispiele, ergeben ein fundiertes Lehr- und Nachschlagewerk.


Rezensent
Georg Peneder
DSA, MMH, langjährige Praxis in der psychiatrischen Nachsorge, u.a. im Kriseninterventionszentrum Linz (A), Leitung im Übergangswohnhaus Kaisergasse, Linz (A) seit 23 Jahren, Lehrtätigkeit an der FH Linz für Sozialberufe. Studium UNI Klagenfurt – Master of Mental Health
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Zitiervorschlag
Georg Peneder. Rezension vom 30.11.2016 zu: Jeannette Bischkopf, Daniel Deimel, Christoph Walther, Ralf-Bruno Zimmermann (Hrsg.): Soziale Arbeit in der Psychiatrie. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2017. ISBN 978-3-88414-623-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21676.php, Datum des Zugriffs 08.12.2019.


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ISSN 2190-9245

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