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Joschka Sichelschmidt, Ino Cramer: Klinische Sozialarbeit als behandelnde Profession

Cover Joschka Sichelschmidt, Ino Cramer: Klinische Sozialarbeit als behandelnde Profession. Theoriebildung und Entwicklung eines Behandlungsansatzes. psymed-verlag (Bargteheide) 2016. 215 Seiten. ISBN 978-3-941903-19-7. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR.
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Thema

Joschka Sichelschmidt und Ino Cramer möchten mit diesem Buch einen Beitrag zur Theorieverknüpfung mit dem spezifischen Behandlungsansatz Klinischer Sozialarbeit in den fachlichen Diskurs einbringen und orientieren sich dabei an der Weiterentwicklung der Sozialtherapie.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in drei Teile.

  1. Theorie Klinischer Sozialarbeit
  2. Sozialtherapie als handlungstheoretische Orientierung
  3. TeilSozialtherapeutische Behandlung

Zu Teil A

Nachdem die Autoren in der Einleitung die Notwendigkeit der Weiterentwicklung eigener Theorien und Modelle Klinischer Sozialarbeit propagieren und kurz die aktuellen begrenzenden Rahmenbedingungen betrachten, beschäftigen sie sich in Teil A im zweiten Kapitel mit der Definition von Theoriebildung in Kontext Sozialer Arbeit. Die Autoren führen in die historische Entwicklung, ethischen Grundlagen sowie Menschrechtsorientierung Klinischer Sozialarbeit ein, um sich dann unterschiedlichen „Dimensionen des menschlichen Zusammenlebens“ inhaltlich zu widmen.

Dieser hochkomplexen Aspekte in verkürzter Darstellung folgt dann die Beschäftigung mit sozialen Problemen im Kontext von Gesundheit (32-36). Hier findet sich eine sehr gestraffte Bezugnahme auf einen Gegenstandsbestandteil Klinischer Sozialarbeit.

In Kapitel 3.4 stellen Sichelschmidt und Cramer die „biopsychosoziale Diagnostik“ als Voraussetzung für begründete Interventionen vor (37) und plädieren für ein multiperspektivisches Fallverstehen.

In Kapitel 4 werden vielfältige metatheoretische Ansätze vorgestellt, insbesondere relevante Systemtheorien und Zugänge, die Anschlussfähigkeit zur biopsychosozialen Gesamtperspektive bieten. Insbesondere „konstruktivistische und ontologische Systemtheorien“ (41ff.), „Synergetik“ (47) und das „biopsychosoziale Paradigma“ (55) stehen im Zentrum der Betrachtung.

Eine konkrete Auswahl von Sozialarbeitstheorien erfolgt durch die Autoren im fünften Kapitel. Gut nachvollziehbar binden die Autoren „Lebensweltorientierung“ nach Thiersch, „Lebensbewältigung“ nach Böhnisch, „Integration und Lebensführung“ nach Sommerfeld und das „Life Model“ von Germain & Gitterman mit Blick auf die Handlungsebene Sozialer Arbeit ein (63ff.).

Abschließend werden die bisherigen Ergebnisse zusammengeführt, um einen Entwurf der notwendigen Bestandteile einer handlungswissenschaftlichen Theorie Klinischer Sozialarbeit formulieren.

Zu Teil B

Teil B umfasst die Beschäftigung mit der Sozialtherapie als eine mögliche Orientierung in einem handlungstheoretischen Verständnis Klinischer Sozialarbeit. Interventionen Sozialer Arbeit werden mit diesem Fokus gebunden an ausgewählte therapeutische Ansätze von der Gestalt- bis zur Familientherapie und interventionsorientiert von NLP bis zum Case Management. Insbesondere die Abgrenzung von Therapie und Beratung und die möglichen Intensitätsstufen Sozialer Therapie sind gut nachvollziehbar beschrieben (86-87). Letztlich finden sich die psychotherapeutischen Einflussfaktoren in der Ausgestaltung von Sozialtherapie wieder, die die Autoren für die Klinische Sozialarbeit als bedeutsam erachten. Somit kann mit diesen Ansätzen auch hauptsächlich nur im Fallbezug interveniert werden ohne dass die Umweltfaktoren gleichbedeutend Berücksichtigung finden und wenn dann in einer neurologischen Repräsentation des Menschen.

Hilfreich ist die spätere Einbindung von Modellen von sozialtherapeutischen Beratungskompetenzen und „kooperativen Prozessgestalten“, um die Anforderungen an die Soziale Arbeit zu konkretisieren (137-141).

Zu Teil C

Im letzten Teil C wird von Sichelschmidt und Cramer die sozialtherapeutische Behandlung praxisorientiert veranschaulicht. Verschiedene Phasen wie „Beziehungsaufbau“, „soziale Diagnostik“, „Intervention“ und „Reflexionsphase“ werden dann umfassend aber nicht gleichbedeutend ausführlich behandelt. Die vielfältigen multiprofessionellen, rechtlichen und klient*innen-bedingten Einflussfaktoren auf die Interventionsoptionen werden kaum thematisiert und insbesondere die Darstellung der Reflexionsphase (179) bleibt an der Stelle ohne die Koppelung an Reflexionskriterien blass.

Die Abschlussdiskussion soll die Problematik der fehlenden Abgrenzung Klinischer Sozialarbeit zur grundständigen Sozialen Arbeit zeigen. Diese Einschätzung ist aufgrund der eigenen Definition Klinischer Sozialarbeit als Fachsozialarbeit und Spezialisierung wenig überzeugend, zumal auch der transdisziplinäre Zugang Sozialer Arbeit nicht bedeutet, allzuständig für alle Probleme von Menschen zu sein (vgl.181). Vielmehr wäre es sinnvoller gewesen, die herausgearbeiteten Erkenntnisse wieder an dem Gegenstand Sozialer Arbeit zu orientieren. Und das kann nur in einem internationalen Verständnis Klinischer Sozialarbeit geschehen.

Diskussion

Die Autoren Sichelschmidt und Cramer haben mit ihrem Buch viele wesentliche Einflüsse auf die Entwicklung der Klinischen Sozialarbeit als behandelnde Profession beschrieben. Einige theoretische Einflüsse zur Plausibilisierung des Gegenstands Klinischer Sozialarbeit bleiben unterbelichtet. Die Sozialtherapie als die zentrale Unterscheidungsgröße zur grundständigen Sozialen Arbeit zu konstruieren, kann nicht gänzlich überzeugen, da insbesondere die Förderung sozialer Teilhabe, Reduzierung sozialer Probleme und eine Unterstützung für die Gestaltung eines gelingenderen Alltags insbesondere bei chronischen Erkrankungen und Behinderung sowie im Kontext von Prävention und Gesundheitsförderung ein großes Interventionsspektrum benötigt. Gleichwohl ist es ihnen gelungen deutlich zu machen, Sozialtherapie intensiver mit Klinischer Sozialarbeit zu konnotieren.

Fazit

Dieses Werk bietet einen Diskussionsbeitrag zur Rolle von Sozialtherapie als zentraler Bestandteil Klinischer Sozialarbeit. Damit wird ein Beitrag von Sichelschmidt und Cramer geliefert, der eine Möglichkeit zu Reflexion des Selbstverständnisses Klinischer Sozialarbeit entwickelt und anregt, sich selber bei dieser Identitätsfrage stärker zu positionieren. Es findet sich ein theoretischer Beitrag, der ohne Vorkenntnisse der aktuellen Theorie- und Wissensbestände in der deutschsprachigen Sozialen Arbeit zu wenig verwertbar erscheint. Somit ist dieses Buch Studierenden und Praktikern auf Masterlevel zu empfehlen, die sich kritisch mit dem sozialtherapeutischen Potenzial Klinischer Sozialarbeit auseinandersetzen möchten.


Rezensent
Prof. Dr. phil. Stephan Dettmers
M.A. Klinische Sozialarbeit, Dipl. Sozialarbeiter
Fachhochschule Kiel
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Zitiervorschlag
Stephan Dettmers. Rezension vom 09.03.2017 zu: Joschka Sichelschmidt, Ino Cramer: Klinische Sozialarbeit als behandelnde Profession. Theoriebildung und Entwicklung eines Behandlungsansatzes. psymed-verlag (Bargteheide) 2016. ISBN 978-3-941903-19-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21692.php, Datum des Zugriffs 13.12.2018.


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