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Angela Grotheer, Joachim Schroeder (Hrsg.): Arbeitswelt­orientierte Grundbildung

Cover Angela Grotheer, Joachim Schroeder (Hrsg.): Arbeitsweltorientierte Grundbildung. Konzepte und Erfahrungen aus Hamburg. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2016. 265 Seiten. ISBN 978-3-7815-2116-2. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR.
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HerausgeberInnen

Angela Grotheer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Erziehungswissenschaften der Universität Hamburg.

Dr. Joachim Schroeder ist Professor für Pädagogik und Didaktik bei Beeinträchtigungen des Lernens an der Fakultät für Erziehungswissenschaften der Universität Hamburg.

Entstehungshintergrund

Diesem Buch liegt ein Vorhaben zugrunde, das mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung unter dem Förderkennzeichen 01AB12027ABC gefördert wurde. In Hamburg wurde der Forschungs- und Entwicklungsverbund „Grund: Bildung“ gegründet, den neben der Universität Hamburg drei gemeinnützige Organisationen bilden. Ihr Ziel ist es, für Beschäftigte mit begrenzten schriftsprachlichen Kompetenzen oder Problemen beim Lösen einfacher Rechenaufgaben Bildungsangebote zu schaffen, die in klein- und mittelständischen Betrieben auf die Anforderungen des Arbeitsplatzes vorbereiten.

Aufbau

Das Buch besteht aus insgesamt zehn Aufsätzen unterschiedlicher Autoren, in denen einzelne Aspekte des Forschungsprojekts behandelt werden. Daher unterscheiden sich die Aufsätze naturgemäß stark voneinander, zum Teil handelt es sich um Deskriptionen einzelner Forschungsteile, zum Teil auch um wissenschaftliche und eher (bildungs-)politische Abhandlungen.

Inhalte

1. „Lernen am Arbeitsplatz und anderswo“ (S. 7-13) von Angela Grotheer & Joachim Schroeder ist der einführende Aufsatz. In diesem erfolgt die Einordnung in die aktuelle Fachdiskussion und es werden die Zielsetzungen, das Projektdesign und die Einzelvorhaben des Verbundes „Grund: Bildung“ geschildert.

2. „Die Hamburger Fachstelle Grundbildung und Wirtschaft“ (S. 15-26) von Frank Drecoll, Iris Fuchs, Andrea Linde & Iris Pulach schildert arbeitsplatzbezogene Konzepte, Fortbildungen und Workshops, Networking und Öffentlichkeitsarbeit.

3.„Arbeitsweltorientierte Grundbildung im ComCafé“ (S. 27-51) von Frauke Meyer & Annette Keller zeigt eine neue Vermittlungsform auf: statt Kursen mehrere ComCafés. Diese sogenannten Lerncafés werden in relativer Nähe zu potenziellen Zielgruppen in Weiterbildungseinrichtungen als „Gäste“ eingerichtet.

4.„Diversity und ihre Grenzen – Grundbildung für vulnerable Gruppen sicherstellen“ (S. 53-72) von Maren Gag. Als vulnerabel werden jene Personen bezeichnet, die über wenig oder keine formale Bildung sowie oftmals über unzureichende Grundbildungskompetenzen verfügen. Solche sozialen Gruppen können z.B. Zuwanderer und Angehörige spezifischer ethnischer Gruppen, Menschen mit Behinderungen, Teenagermütter oder Strafgefangene sein.

5. „Didaktik arbeitsweltbezogener Grundbildung – Begründungszusammenhänge, Handlungsfelder, Beispiele“ (S. 73-98) stammt vom Herausgeber Joachim Schroeder. Diese Didaktik muss hinsichtlich der besonderen Bedingungen diskontinuierlicher Bildungsverläufe und oftmals brüchiger Erwerbsbiographien konzipiert sein.

6. „Lernstandserhebung in der arbeitsplatzorientierten Grundbildung – Entwicklung eines Instrumentariums als Lernprozess“ (S. 99-136) von Frank Drecoll begründet zunächst, warum ein neues Instrumentarium überhaupt entwickelt werden musste. Es werden die unterschiedlichen diagnostischen Verfahren vorgestellt und synoptisch analysiert. Dann wird das eigene Verfahren für die Anfangsberatung mit vielen Beispielen vorgestellt.

7. „Kursethnographie in Grundbildungsangeboten – Ergebnisse zur „Kurswirklichkeit“ in arbeitsplatzbezogenen Pilotkursen“ (S. 137-181) von Angela Grotheer kann als ein Evaluation der Ansätze verstanden werden. In der vorliegenden Studie haben die Ergebnisse aber eher einen explorativen Charakter. Entsprechend werden Ausführungen zur Weiterentwicklung gemacht und in zwei Anhängen das Vorgehen verdeutlicht.

8. „Die Pilotkurse im Projekt Grund: Bildung“ (S. 183-216) werden ebenfalls von Angela Grotheer beschrieben und sollen eine Gesamtschau auf Konzeption und Umsetzung der arbeitsplatzbezogenen Angebote ermöglichen. Es zeigt sich, dass man für die nachhaltige Verankerung in den Unternehmen einen langen Atem braucht.

9. „Vom Grundbildungskurs zur Sensibilisierung der Anleiter – Ein Beispiel aus der Reinigungsbranche“ (S. 217-225) von Rita Leinecke zeigt exemplarisch, wie Deutsch als Sprache berufsfeldbezogen gefördert werden kann.

10. „Das A und O der Grundbildung“ (S.227-265) von Joachim Schroeder ist Evaluation und Fazit des Projekts in einem. Hier werden die Ergebnisse eines Transferprojekts arbeitsplatzorientierter Grundbildung zwischen Hamburg, Luxemburg, Wien und Zürich dargestellt. Es handelte sich um das multilaterale Projekt „Arbeitsplatzorientierte Grundbildung für Geringqualifizierte“ (A&O).

Diskussion

Aus Sicht des Arbeitsmarktes ist die Bedeutung der Thematik evident: ungelernte Menschen, aus welchen Gründe auch immer, haben ein deutlich höheres Arbeitslosigkeitsrisiko als qualifizierte Kräfte und haben ein dramatisch geringeres Lebenseinkommen. Ihre Sozialchancen sind damit ungleich schlechter. Zumal es immer weniger Arbeitsplätze für Einfacharbeit und Leichtlohngruppen gibt. Insofern steht die Notwendigkeit von Qualifizierungen für diese Gruppe außer Frage. Die komplexere Fragestellung ist, was arbeitsweltbezogene Grundbildung umfasst – ist es vornehmlich die Alphabetisierung? – und wer sie an welchen Lernorten vermitteln soll. Berufspädagogen betonen in diesem Zusammenhang die Bedeutung des Ernstwertes vom Lernen am Arbeitsplatz im Betrieb, das gerade für diese Zielgruppen adäquater erscheint als schulisches oder verschultes Lernen.

Beim vorliegenden Ansatz gibt es einige bedeutende Unterschiede gegenüber den bekannten Angeboten zur Qualifizierung Ungelernter. Dieses ist zunächst die Orientierung an der „Karriere“, indem lebenslagenorientierte Zugänge gesucht werden. Weiterhin ist es die Ausdehnung auf sehr unterschiedliche Zielgruppen mit eigenen Bedürfnissen, unter anderem auf Menschen mit Behinderungen, Angehörige ethnischer Minderheiten, Migranten und Flüchtlinge. Hier stellt sich unmittelbar die Frage, wie differenziert die Angebote sein müssen. Letztlich wird die arbeitsweltbezogene Grundbildung bei unterschiedlichen Protagonisten verortet, bei Betrieben, Wirtschaftsverbänden und Bildungsträgern, die zu entsprechenden tragfähigen Netzwerken animiert werden sollen. Offen bleibt, wie diese Träger kooperieren sollen und wer letztlich der Financier der Alphabetisierung und Grundbildung ist. Leider fehlt ein Verzeichnis der Autoren, was eine bessere Einschätzung einzelner Aufsätze ermöglicht hätte.

Fazit

Zweifelsohne sind Alphabetisierung und arbeitsweltbezogene Grundbildung wichtige Aufgaben, um gerade Menschen mit Bildungsdefiziten die Einmündung in das Arbeitsleben zu ermöglichen. Inklusion und Integration sind wichtige Themen. Hierzu gibt es in dieser Publikation zahlreiche Hinweise und Erkenntnisse, die aber auch zeigen, dass es durchaus Grenzen für Bildungsbemühungen gibt. Nicht jedes Inklusions-, Integrations- oder Diversitätsthema kann hiermit gelöst werden – dieses zu zeigen ist neben den vielen guten Hinweisen zur Didaktik arbeitsweltorientierter Grundbildung einer der Verdienste dieses Buchs.


Rezensent
Prof. Dr. Rüdiger Falk
em. Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Human Resource Management und Berufsbildung sowie Sportmanagement an der Hochschule Koblenz
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Zitiervorschlag
Rüdiger Falk. Rezension vom 13.01.2017 zu: Angela Grotheer, Joachim Schroeder (Hrsg.): Arbeitsweltorientierte Grundbildung. Konzepte und Erfahrungen aus Hamburg. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2016. ISBN 978-3-7815-2116-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21695.php, Datum des Zugriffs 18.08.2019.


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