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David Zimmermann, Matthias Meyer u.a. (Hrsg.): Ausgrenzung und Teilhabe

Cover David Zimmermann, Matthias Meyer, Jan Hoyer (Hrsg.): Ausgrenzung und Teilhabe. Perspektiven einer kritischen Sonderpädagogik auf emotionale und soziale Entwicklung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2016. 220 Seiten. ISBN 978-3-7815-2121-6. D: 18,90 EUR, A: 19,50 EUR.
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Thema

Die Beiträge des Sammelbandes stellen die Inklusion (und Exklusion) von Kindern und Jugendlichen mit emotionalem und sozialem Förderbedarf in den Mittelpunkt. Diese Gruppe wird in der herrschenden Inklusionsrhetorik häufig nicht mitgedacht. Gleichzeitig – auch dadurch – zeigen sich in der Situation dieser Kinder und Jugendlicher neoliberale Ausgrenzungstendenzen besonders deutlich. Dies wird in den vorliegenden Beiträgen eindrücklich herausgearbeitet.

Herausgeber

Der Sammelband wurde herausgegeben von David Zimmermann, Matthias Meyer und Jan Hoyer. Alle drei sind Mitarbeiter der Abteilung Pädagogik bei Verhaltensstörungen am Institut für Sonderpädagogik der Uni Hannover.

Entstehungshintergrund

Das hier rezensierte Buch bildet den dritten Band der Reihe „Dialog Erziehungshilfe“ im Verlag Julius Klinkhardt. Gleichwohl sticht der Band aus der Reihe heraus, denn er ist zugleich eine Festschrift zum 60. Geburtstag der Hochschullehrerin Prof. Dr. Birgit Herz, Lehrstuhlinhaberin für Pädagogik bei Verhaltensstörungen an der Leibniz Universität Hannover. Dies nahmen die Herausgeber zum Anlass um die Autorinnen und Autoren einzuladen, ihre aktuellen Perspektiven einer kritischen Sonderpädagogik zu skizzieren. Herausgekommen ist so eine beeindruckende Bestandsaufnahme aktueller Diskurse über die Ausgrenzung und Teilhabe emotional und sozial schwer belasteter Kinder und Jugendlicher.

Aufbau

„Ausgrenzung und Teilhabe“ gliedert sich in zwei große Abschnitte:

  1. In Teil I werden „Soziale und gesellschaftliche Aspekte von Ausgrenzung und Teilhabe“ skizziert.
  2. Teil II bündelt die sich daraus ergebenden „Pädagogische[n] Konsequenzen für die Teilhabe von Menschen mit emotional-sozialen Beeinträchtigungen“.

Zu I. Soziale und gesellschaftliche Aspekte von Ausgrenzung und Teilhabe

Margret Dörr verbindet in ihrem Beitrag „Scham und Schamgefühle“ zwei verschiedene Zugänge zum Phänomen des Schams. Einerseits skizziert sie Scham als „pathisch-leibliche Dimension“, die durch andere (oder die Verinnerlichung der Stimmen der anderen) ausgelöst wird und heftige schmerzvolle Reaktionen auslösen kann, die den inneren Wesenskern einer Person sensibel verletzen kann. Andererseits zeigt sie die gesellschaftliche Dimension von Scham auf und argumentiert, dass Scham immer im Zusammenhang mit gesellschaftlichen, normativen und normierenden, Anforderungen an die Subjekte gedacht werden muss. Für die pädagogische Arbeit besonders bedeutend sind dabei Dörrs Ausführungen zur Leitungsrolle in Gruppen. Wer diese übernimmt, habe eine besondere Verantwortung, Schamaffekte in der Gruppe wahrzunehmen, zu verdauen, angemessen zu verbalisieren und einen konstruktiven Umgang damit aufzuzeigen, ohne dabei die Intimitätsgrenzen der Gruppenmitglieder zu überschreiten. Gelingt dies, kann die Gruppe ein Möglichkeitsraum sein, in dem Scham nicht länger unerträglich, sondern integrierbar ist.

Norbert Störmer diskutiert in seinem Beitrag „Probleme der Individualisierung, Pathologisierung und Biologisierung von unerwünschten, störenden und herausfordernden Handlungsweisen“. Seine Ausführungen sind ein engagiertes Plädoyer gegen die Psychologisierung und Individualisierung von Sozialem und gegen die Pathologisierung, Biologisierung und Naturalisierung von (aus dem Sozialen entstandenen) Psychischen. Gegen den aktuellen Trend fordert der Autor in der pädagogischen Praxis stets vom Gegenüber, von seinen bisherigen Lebensgeschichten und aktuellen Lebensrealität aus zu denken, in dem Bewusstsein, dass auch massiv störendes Verhalten aus den Erfahrungen der Betroffenen hinaus Sinn ergeben und emotionale Überlebensstrategien sind.

Zu II. Pädagogische Konsequenzen für die Teilhabe von Menschen mit emotional-sozial Beeinträchtigungen

Helmut Reiser widmet sich in seinem Beitrag „Psychodynamische Aspekte von Leistungsstörungen im Schulfach Mathematik“ dem sehr konkreten Praxisfeld des Mathe-Unterrichts. Üblicherweise ein Thema, welches ausschließlich von der empirischen Lern- und Entwicklungsforschung, allenfalls noch von der empirischen Didaktik „im Sog der evidence-based-education“, bearbeitet wird. Reiser macht in seinem Beitrag aber eindrücklich klar, dass auch bei Lernschwierigkeiten im Bereich Mathematik psychodynamische Verursachungen möglich seien und dass dieser Perspektive dringend mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte.

Eine Kernfrage der Inklusionspädagogik erörtert der Beitrag „Pädagogische Beziehungen mit emotional-sozial beeinträchtigten Kindern und Jugendlichen – Ein Beitrag zur Inklusion bei Angst und Aggression“ von Ulrike Becker und Annedore Prengel: Wie können pädagogische Settings so gestaltet werden, dass auch die Kinder und Jugendlichen, die sich aggressiv verhalten, gehalten werden können? Die Autorinnen argumentieren, dass dafür zu aller erst einmal zu erkennen und anzuerkennen sei, dass auch hinter aggressivem, sich machtvoll gebärenden, Verhalten existentielle Ängste stecken. Mit diesem Bewusstsein können haltende anerkennende und kontinuierliche pädagogische Beziehungen gestaltet werden, wofür Becker und Prengel viele Anregungen zur Stärkung der Praxis geben.

Katja Mackowiak stellt im Beitrag „Die Bedeutung von Angst und Ängstlichkeit für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen“ Ergebnisse u.a. eigener Forschungen zum Zusammenhang zwischen kindlicher Ängstlichkeit, Regulationsfähigkeit und kognitiver Kompetenzen vor. Die Autorin argumentiert, dass eine ausgeprägte Ängstlichkeit nicht automatisch zu schlechteren kognitiven Leistungen führt und dass die Fähigkeit zur Emotionsregulation ein wesentlicher Resilienzfaktor gegen übermäßige Ängstlichkeit sei.

Diskussion

Die meisten Beiträge des Bandes lassen sich unter einer ähnlichen Deutungsperspektive subsumieren: Das störende Verhalten von Kindern und Jugendlichen steht in einem direkten Zusammenhang mit den Auswirkungen der kapitalistischen, neoliberalen Gesellschaft. Um pädagogisch mit ihnen zu arbeiten, muss man sich von gesellschaftlichen Trends und damit im Zusammenhang stehenden eigenen Affekten ein Stück weit frei machen und versuchen, das störende Verhalten als Resultat der individuellen Lebenserfahrungen unter diesen gesellschaftlichen Bedingungen zu verstehen. Um dann auf Grundlage dieses Verstehens eine haltende kontinuierliche pädagogische Beziehung zu gestalten, welche den Kindern und Jugendlichen ermöglicht, neue Erfahrungen mit Vertrauenspersonen zu machen.

Etwas aus der Reihe sticht dabei der Beitrag von Mackowiak, der in einem eher klinischen Ton, die Resultate vor allem quantitativer Studien referiert und am Ende des Beitrages u.a. konfrontative Verfahren mit angstauslösenden Situationen vorstellt. Dagegen wird beispielsweise im Beitrag von Becker und Prengel Angst eher aus psychoanalytischer Perspektive als Grundphänomen gesehen, auf das verschiedene Symptome zurückzuführen sind. Ein pädagogisches Vorgehen aus dieser Perspektive heraus fokussiert eher den sicheren Ort und eine Halt gebende Beziehung, als die Konfrontation.

Es sind aber diese unterschiedlichen Perspektiven, die ganz in der Tradition des Instituts für Sonderpädagogik der Universität Hannover, dazu anregen sich entgegen einem positivistischen Wissenschaftsverständnis, eigenständig und kritisch mit verschiedenen wissenschaftlichen Schulen auseinanderzusetzen.

Fazit

All jenen, die sich einen aktuellen Überblick darüber verschaffen wollen, wie kritische Erziehungswissenschaftlerinnen, Erziehungswissenschaftler und Sonderpädagoginnen, Sonderpädagogen sich gegenüber aktuellen Diskursen über Inklusion und Exklusion positionieren, sei dieser Band empfohlen.


Rezensent
Christoph Müller
M.Ed.
Homepage www.ifs.phil.uni-hannover.de/christoph_mueller.html
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Zitiervorschlag
Christoph Müller. Rezension vom 16.11.2016 zu: David Zimmermann, Matthias Meyer, Jan Hoyer (Hrsg.): Ausgrenzung und Teilhabe. Perspektiven einer kritischen Sonderpädagogik auf emotionale und soziale Entwicklung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2016. ISBN 978-3-7815-2121-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21696.php, Datum des Zugriffs 26.04.2019.


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ISSN 2190-9245

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