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Nathalie Mälzer (Hrsg.): Barrierefreie Kommunikation – Perspektiven aus Theorie und Praxis

Cover Nathalie Mälzer (Hrsg.): Barrierefreie Kommunikation – Perspektiven aus Theorie und Praxis. Frank & Timme (Berlin) 2016. 322 Seiten. ISBN 978-3-7329-0231-6. D: 39,80 EUR, A: 39,80 EUR, CH: 59,70 sFr.

Kommunikation - Partizipation - Inklusion, Band 2.
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Thema

Die Publikation widmet sich der kommunikativen Inklusion. Sie befasst sich mit den kommunikativen Barrieren und der Überwindung derselben.

Herausgeberin

Nathalie Mälzer hat die Heyne-Juniorprofessur für Transmediale Übersetzung an der Universität Hildesheim inne. Sie übersetzt Literatur aus dem Französischen. Mälzers Forschungsinteressen sind Dialog und Mündlichkeit, Medienübersetzung und Barrierefreie Kommunikation.

Entstehungshintergrund

Die Publikation fußt auf der Tagung „Barrierefreie Kommunikation aus interdisziplinärer Perspektive“, die vom 23.10.2015 bis zum 25.10.2015 in Hildesheim stattgefunden hat.

Aufbau

Barrieretypen und ihre Abbaubarkeit

  1. Klaus Schubert: Barriereabbau durch optimierte Kommunikationsmittel: Versuch einer Systematisierung
  2. Franziska Heidrich: Regulierte Sprache im Fachübersetzungsprozess
  3. Gerhard Edelmann: Verständliche Sprache und Verstehen von Gesetzen

Regelwerke auf dem Prüfstand

  1. Susanne J. Jekat, Annehgret E. Oláh: Theorie und Methode der Audiodeskription: ein Pilotprojekt
  2. Ursula Bredel, Katrin Lang, Christiane Maaß: Zur empirischen Überprüfbarkeit von Leichte-Sprache-Regeln am Beispiel der Negation
  3. Daisy Lange, Bettina M. Bock: Was heißt „Leichte“ und „einfache Sprache“? Empirische Untersuchungen zu Begriffssemantik und tatsächlicher Gebrauchspraxis
  4. Agnieszka Przybyla-Wilkin: Easy-to-read in English, German and Polish
  5. Claudia Villiger: Barrieren im WWW durch Textoptimierung und Nutzung multimedialer Möglichkeiten im Hypertext abbauen: ein linguistischer Zugang zur aktuellen Version der Web Content Accessibility Guidelines (WCAG 2.0)
  6. Anna Redzioch-Korkuz: Standards in Opera Surtitling as a Means Towards Opera Accessibility

Von der Barrierefreiheit zur Inklusion – Innovative Ansätze

  1. Maria Wünsche: Das Spannungsfeld zwischen Barrierefreiheit und Inklusion am Beispiel der Theaterübertitelung
  2. Nathalie Mälzer: Audiodeskription im Museum – Ein inklusiver Audioguide für Sehende und Blinde
  3. Elisa Prego: Empirical research in accessible audiovisual translation: general remarks and a case study on audio description
  4. Heike Elisabeth Jüngst: Taststücke als Ergänzung zur Audiodeskription – Zwischenbericht aus einer Studie
  5. Isabel Rink: Zur Übersetzung juristischer Fachtexte in Leichte Sprache am Beispiel des Pilotprojekts „Leichte Sprache in der Niedersächsischen Justiz“

Perspektiven aus der Medienpraxis

  1. Ursula Heerdegen-Wessel: Barrierefreie Angebote der ARD und des NDR
  2. Marco Käber: Die Geschichte der Liveuntertitelung – ein Praxisbericht
  3. Peter Lindner: Vorproduktion – Semi-Live – Live. Ein Arbeitsalltag in der Untertitelredaktion des NDR

Im folgenden gehe ich auf vier ausgewählte Beiträge exemplarisch näher ein.

Ausgewählte Inhalte I

Zur Identifizierung von Barrieretypen und deren Abbaubarkeit wird sich den Ausführungen von Klaus Schubert gewidmet: Eine barrierefreie oder barriereärmere Kommunikation, so Klaus Schubert, erleichtert Menschen, „denen dies durch besondere Umstände nicht in gleicher Weise offensteht wie anderen“ (S. 15), die Teilhabe am Zusammenleben.

Bei der Kommunikationsoptimierung verweist der Autor arbeitsdefinitorisch darauf, dass es sich hierbei um ein bewusstes Eingreifen in das kommunikative Handeln handelt, welches durchgeführt wird, um die Kommunikation im Hinblick auf spezifische Merkmale zu verbessern. „Die Kommunikationsoptimierung kann durch Einwirken auf das kommunikative Handeln selbst oder durch Einwirken auf die Kommunikationsmittel und damit unmittelbar auf das kommunikative Handeln erfolgen“ (S. 16).

Der Autor identifiziert sechs Kommunikationsbarrieren, als da wären:

  1. die Sinnesbarrieren: Hier können die Betroffenen eine Mitteilung nicht wahrnehmen, wenn der barrierebehaftete Sinn angesporochen wird;
  2. die Fachbarriere, bei der der Betroffene eine Mitteilung nicht versteht;
  3. die Kulturbarriere, bei der die Betroffenen eine Mitteilung nicht so verstehen, wie sie gemeint ist;
  4. die Kognitionsbarriere, bei der die gedankliche Struktur einer Mitteilung zu einer kognitiven Überforderung führt;
  5. die Sprachbarriere, bei der eine Mitteilung in einer Sprache formuliert ist, die der Empfänger nicht beherrscht;
  6. die Fachsprachenbarriere, welche das Verstehen aufgrund der Verwendung von Fachbegriffen erschwert bis verunmöglicht.

Wie können diese Barrieren überwunden und abgebaut werden? Dazu führt Schubert aus, dass nur die Betroffenen selbst Barrieren überwinden können. Der Barriereabbau ist v.a. von anderen zu leisten. Die Überwindung von Fach-, Sprach-, Fachsprachen- und Kulturbarrieren gelingt beispielsweise durch Lernen.

Der Abbau von Kognitionsbarrieren kann z.B. durch Reduktion der inhaltlichen und sprachlichen Komplexität der Texte erfolgen.

Die Umgehung von Sinnesbarrieren gelingt ausschließlich über die Kommunikation über andere zur Verfügung stehende Sinne.

Im Weiteren erfolgt die Analyse von acht optimierten Kommunikationsmitteln, die im deutschen Sprachraum Verwendung finden – und das sind:

  • die einfache Sprache, die sich an Menschen mit eingeschränkter Lesefähigkeit oder eingeschränkten Deutschkenntnissen richtet;
  • die bürgernahe Sprache, die von Behördenmitarbeitern zur Kommunikation mit den Bürgern eingesetzt wird;
  • die leichte Sprache, die durch Verwendung detallierter Regeln ein vereinfachtes Deutsch darstellt;
  • die regulierte Sprache, die die Verständlichkeit von Texten für muttersprachliche Leser verfolgt;
  • die Plansprache, die, wie z.B. Esperanto, eine bewusst geschaffene Sprache darstellt;
  • die Gebärdensprache, die sich an nichthörende Menschen richtet und eine Sinnesbarriere überwindet;
  • die gelenkte Fachkommunikation, die sich an Fachleute und fachliche Laien richtet. Sie soll Kognitions- und Kulturbarrieren abbauen;
  • die textarme Bildkommunikation, wo der Wunsch der Kosteineinsparung hinter steht. Gleichzeitig baut sie Fach-, Kultur-, Fachsprachen- und Sprachbarrieren ab.

Ausgewählte Inhalte II

Ursula Bredel, Katrin Lang und Christine Maaß haben in ihrem Beitrag zu den Regelwerken die empirische Überprüfbarkeit von Leichte-Sprache-Regeln am Beispiel der Negation im Blick.

Die Autorinnen stellen zur Reduktionsvarietät im Deutschen fest das die Leichte Sprache durch die Novelle des Behindertengleichstellungsgesetzes an Aktualität gewinnt. Die Forschung zu Leichte-Sprache-Regeln steckt aber gegenwärtig noch in den Anfängen. Kritisiert wird das unwissenschaftliche Vorgehen bei der Überprüfung von Texten in Leichter Sprache, die z.B. durch das Netzwerk Leichte Sprache erfolgen soll.

Der publizierte Beitrag untersucht die empirische Überprüfbarkeit der Leichte-Sprache-Regeln. Die Untersuchung hat das Postulat der Negationsvermeidung im Fokus, die für die Verfasserinnen unverzichtbar ist.

Angenommen wird das eine Negation im Text eine Verstehenshürde darstellt. Es werden die Strategien des Hildesheimer Regelwerks für den Umgang mit Negation über ein Screening mit prälingual schwer hörgeschädigten bzw. gehörlosen Schülern durchgeführt, die über eine ausgeprägte Lesebeeinträchtigung verfügen.

Auf Negation soll in Leichter Sprache verzichtet werden, weil der Negationsmarker leicht überlesen werden kann. Als Negationsstrukturen werden angeführt:

  • Äußerungsnegation – nein;
  • Satznegation – nicht, nicht/sondern;
  • Satzgliednegation – nichts, niemand, nirgends, niemals;
  • Phrasennegation – kein, ohne, nicht/sondern;
  • Wortnegation – un-, in-, nicht-, Nicht-, -los

Der Umgang mit der Negation wird in den Regelwerken zur Leichten Sprache unterschiedlich gehandhabt. Das BMAS bezieht sich auf den Ausdruck nicht, wohingegen sich Inclusion Europe auf die Semantik bezieht, die vom Ausdruck nicht ausgeht, Sätze zu negieren.

Es werden die analytischen Entscheidungen diskutiert, die vor der Übersetzung negierter Ausdrücke getroffen werden müssen: Die Übersetzung von Negationskonstruktionen in Leichte Sprache muss die abgewählte Alternative oder Alternativmenge oder angewählte Alternative oder Alternativmenge ermitteln.

Beispiel: „Peter ist krank.“ Als Alternativgesamtmenge stehen zur Verfügung: „Peter ist gesund.“ oder „Peter ist krank.“ Die durch Negation abgewählte Alternative, die dann zu verwerfen ist, lautet: „Peter ist krank.“ „Peter ist gesund“ ist dann die angewählte Alternative.

Komplizierter ist das Ganze bei Farben. Die Negation von rot ergibt als angewählte Alternative nicht z.B. blau. Hier kann im Zieltext nicht auf die Negation verzichtet werden.

Häufig werden zudem Negationen kommunikativ relevant, wenn wenigstens ein Diskussionsteilnehmer von der nichtnegierten Wahrheit überzeugt ist.

Sollte im Zieltext eine Negation unverzichtbar sein, so wird im Sinne der Forschungsstelle Leichte Sprache der Negationsausdruck fett geschrieben. Auf diese Weise kann das Überlesen der Negation leichter vermieden werden. Auch geht die Forschungsstelle Leichte Sprache davon aus, dass die freistehende n-Negation leichter wahrzunehmen und zu verarbeiten ist als das bei der fusionierten k-Negation der Fall ist.

Beim Screening zur Untersuchung der Negationsregeln in Leichte Sprache verweisen die Autorinnen auf die Probleme des nur sehr begrenzten Probandenumfangs und der Überwindung kommunikativer Hürden bei gehörlosen Probanden. Letztere können nur über Gebärdensprache kommunizieren, was einen Vermittler notwendig macht.

Bredel, Lang und Maaß widmen sich in ihrer Forschung den Thesen:

  1. „Negation stellt ein Verstehensproblem dar“ (S. 104).
  2. „Negation mit Markern der n-Negation (nicht) wird besser verstanden als mit Markern der k-Negation (kein)“ (ebd.).
  3. „Der Fettdruck des Negationsmarkers wirkt sich positiv auf die Verständlichkeit der Negation aus“ (ebd.).

Die beiden ersten Thesen werden bestätigt. Die nicht bestätigte dritte These führt die Autorinnen zu zwei Schlüssen:

  1. dass der fett geschriebene Negationsmarker nicht vorteilhaft ist;
  2. der Grund für die unbestätigte dritte These im Forschungsdesign liegt.

Ausgewählte Inhalte III

Zur Betrachtung der innovativen Ansätze, die von der Barrierefreiheit zur Inklusion führen, sei der Blick auf die juristischen Fachtexte gelenkt. Im alltäglichen Leben kann man sich behördlichen Schreiben kaum entziehen. Kritisch ist das, so Isabel Rink in ihren Ausführungen zur Übersetzung juristischer Fachtexte in Leichte Sprache, wenn die Empfänger die gesendeten Texte nicht verstehen bzw. dieselben mehrfach lesen müssen, um sie zu verstehen. Diese Texte justiziablen Inhalts sind in Leichte Sprache zu übersetzen, denn sie sind primär an eine sensorisch oder kognitiv eingeschränkte Adressatenschaft gerichtet. Der Beitrag widmet sich der Umsetzung von Fachtexten in Leichte Sprache, die über die Übersetzungswissenschaft und Kommunikationsforschung die theoretischen Voraussetzungen für eine Reduktion bei beizuhaltender Inhaltskonstanz zu liefern hat.

Zu einer Kommunikationsbarriere kann es bei der Verwendung von Fachsprache kommen, wenn die Wissensvoraussetzungen des Rezipienten hinsichtlich des behandelten Sachverhalts nicht ausreichen.

In besonderer Weise aufbereitet müssen Fachtexte für leseschwache Rezpienten vorliegen. Es muss ein Common Ground vorhanden sein – und das ist der gemeinsame Wissensbestand von Kommunikationspartnern in Bezug auf einen Textgegenstand. Der Leichte-Sprache-Übersetzer ist der Verständlich-Macher von standardsprachlichen und fachsprachlichen Texten.

Der Leichten Sprache in der Niedersächsischen Justiz widmete sich ein Pilotprojekt anhand ausgewählter juristischer Texte.

Leichte-Sprache-Texte, so die Autorin, sind immer ein Zusatzangebot. Sie ersetzen den fachsprachlichen Ausgangstext nicht. Sie flankieren ihn. Bei juristisch-administrativen Texten wird es aber wohl weiterhin zu konzeptuell komplexen Texten kommen.

Ausgewählte Inhalte IV

Zur Perspektive aus der Medienpraxis liefert Peter Lindner einen Beitrag zum Arbeitsalltag in der Untertitelredaktion des NDR, die es seit 2007 gibt. Zunächst wurde einer Liveuntertitelung bei der Sendung „DAS!“ durchgeführt. Seit 2009 wird das Untertitelangebot sukzessive ausgebaut.

Es ist zu unterscheiden zwischen:

  • der Liveuntertitelung, d.h. die Untertitelung findet an einer vorab aufgezeichneten Sendung statt. „Grund dafür sind die Produktionsbedingungen, die eine Untertitelung während der Aufzeichnung nicht zulassen, weil ein durchgehendes Timing nicht möglich ist“ (S. 312);
  • bei dem Format Semi-Live werden Originaltexte von den Untertitelungs-Redakteuren gemäß den Untertitelungsstandards bearbeitet. Idealerweise liegen bis zum Sendebeginn sämtliche Inhalte als Untertitel vor;
  • bei der Vorproduktion werden Dokumentationen, Reportagen oder Fernsehfilme lange Zeit im Voraus produziert. Vorproduktionen stellen eine planerische und logistische Herausforderung dar.

Fazit

Die bis hierher besprochene Publikation stellt ein hervorragendes Grundlagenwerk für die barrierefreie Kommunikation im Falle einer eingeschränkten Kommunikationskompetenz dar. Die Vielfältigkeit der einzelnen Beiträge macht sehr schön das bereits vorhandene Potential in diesem Bereich deutlich. Gleichzeitig wird aber, z.B. beim Format Leichte Sprache, auf die noch erforderliche Forschung hingewiesen, um das jeweilige barrierefreie Kommunikationsformat zu perfektionieren und kommunikative Barrierefreiheit zu vervollkommnen.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 10.03.2017 zu: Nathalie Mälzer (Hrsg.): Barrierefreie Kommunikation – Perspektiven aus Theorie und Praxis. Frank & Timme (Berlin) 2016. ISBN 978-3-7329-0231-6. Kommunikation - Partizipation - Inklusion, Band 2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21699.php, Datum des Zugriffs 26.06.2017.


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