socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Madeline Doneit (Hrsg.): Geschlecht ist politisch

Cover Madeline Doneit (Hrsg.): Geschlecht ist politisch. Geschlechterreflexive Perspektiven in der politische Bildung. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. 252 Seiten. ISBN 978-3-8474-0651-8. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR, CH: 38,20 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Die Veröffentlichung leistet einen Beitrag zur theoretischen Verortung geschlechterreflexiver politischer Bildungsarbeit und gibt einen Überblick über aktuelle Diskurse zum Verhältnis von Geschlecht und politischer Bildung. Dabei werden auch praktische Zugänge und Konzepte einer queerfeministischen Bildungsarbeit vorgestellt und reflektiert.

Herausgeberinnen

  • Madeline Doneit, B.A., studiert an der Ruhr-Universität Bochum im Master Gender Studies
  • PD Dr. Bettina Lösch, akademische Rätin, Lehrbereich Politikwissenschaft im Institut für Vergleichende Bildungsforschung und Sozialwissenschaften, Humanwissenschaftliche Fakultät, Universität zu Köln
  • Margit Rodrian-Pfennig, Oberstudienrätin im Hochschuldienst, FB Gesellschaftswissenschaften, Institut für Politikwissenschaft, Goethe Universität Frankfurt am Main

Entstehungshintergrund

Die Herausgeberinnen betonen, dass die letzte zentrale Publikation zum Thema „Politische Bildung und Geschlechterverhältnisse“ aus dem Jahr 2000 stammt. Der seitdem fortschreitende neoliberale Wandel der Gesellschaft, die weitere Ausdifferenzierung der Gender und Queer Studies, die Vielfalt geschlechtlicher und sexueller Lebensweisen und das gleichzeitige Beharrungsvermögen geschlechterhierarchischer Strukturen bilden den Rahmen für ihr Interesse, erneut nach dem Stellenwert von Geschlecht in der politischen Bildung zu fragen.

Der Veröffentlichung ging ein Forschungsprojekt mit einer Literaturrecherche zu einschlägigen Fachpublikationen der politischen Bildung seit den 1990er Jahren voraus, mit dem Ergebnis, dass „insbesondere die schulische Politikdidaktik weit hinter dem aktuellen Erkenntnis und Diskussionsstand der Gender und Queer Studies zurückbleibt“ (S. 13). Im Gegensatz dazu zeigten sich in den Veröffentlichungen der außerschulischen politischen Bildung zahlreiche Beispiele, in denen Perspektiven der Gender und Queer Studies in die Praxis der politischen Bildungsarbeit einfließen. Im Diskurs der politischen Bildung blieben diese Stimmen allerdings randständig. Deshalb fragen die Herausgeberinnen wie „das Bildungsziel Geschlechtergerechtigkeit weiterentwickelt werden kann“ (S.13) und haben sich mit konkreten Fragen nach der Veränderung der Perspektiven auf politische Bildung durch Erkenntnisse der Gender und Queer Studies an die Autor_innen der Publikation gewandt.

Die Autor_innen der Beiträge repräsentieren eine Bandbreite von Expert_innen aus der Praxis politischen Bildungsarbeit, aus dem Hochschulbereich und der Forschung. Fünf Promovend_innen haben die Gelegenheit, in dieser Veröffentlichung über ihre Themen zu publizieren.

Aufbau

Die Publikation versammelt insgesamt 15 Beiträge in drei Gliederungspunkten sowie eine Einführung der Herausgeberinnen zu „Geschlechterreflexive Perspektiven der politischen Bildung?“.

  1. „Geschlecht in der politischen Bildung, Grundlagen und theoretische Bezüge“
  2. „Wie weiter? Gender und queertheoretische Perspektiven“
  3. „Und in der Praxis? Reflexionen und Weiterentwicklungen“

Zu Teil 1

Im ersten Kapitel der Publikation geben die Beiträge einen Überblick über die geschlechtertheoretischen Grundlagen für politische Bildungsarbeit.

Im ersten, einleitenden Artikel von Madeline Doneit „Grundlagen und Perspektiven der Gender Studies. Ein Überblick für Theorie und Praxis politischer Bildung“ skizziert die Verfasserin das Potential der Kategorie Geschlecht für die Analyse bestehender gesellschaftlicher Macht- und Ungleichheitsverhältnisse – auch für den Kontext politischer Bildung.

Bettina Lösch und Maryam Mohensi fassen die Forschungsergebnisse zur Entwicklung und zum aktuellen Stand von Geschlechterperspektiven in der Fachliteratur der schulischen und außerschulischen Bildung zusammen.

Margit Rodrian-Pfennig analysiert Geschlecht als eine politische Kategorie im Kontext gesellschafts- und kapitalismuskritischer Fragen: „Wie unter einem Brennglas wird in Deutschland aktuell sichtbar, wie tief Sexismus, Rassismus und Nationalismus in die Absicherung nationalstaatlicher Privilegien eingebunden sind“ (S.65). Sie zeigt wie in der Flüchtlingsdebatte mit einem rassistisch politisierten Begriff von Geschlecht operiert wird.

Zu Teil 2

Die Inhalte der Beiträge des zweiten Abschnitts verbinden geschlechter- und queertheoretische Fragestellungen und praktische Beispiele politischer Bildung.

Anke Prochnau setzt sich in ihrem Beitrag „Über die Notwendigkeit, Männlichkeit(en) in der politischen Bildung zu thematisieren“ mit dem Konzept der hegemonialen Männlichkeit als Analyseinstrument zur Erfassung von Machtbeziehungen auseinander. Sie formuliert genderkritische didaktische Überlegungen aus subjektorientierter Perspektive und beendet den Beitrag mit Fragen zur Selbstreflexion in der Seminararbeit: Welche Vorteile (Nachteile) hat mein Geschlecht für mich? Welche Vorteile (Nachteile) hätte es für mich, dieses Geschlecht nicht zu haben?

Julia Dück arbeitet den Zusammenhang von Geschlechterverhältnissen, Care und Kapitalismus heraus, in dem sie die Care-Krise in der theoretischen Perspektive eines materialistischen Feminismus analysiert.

Madeline Doneit betont in einem weiteren Beitrag, dass „Sexualität als ein Thema politischer Bildung“ stark gemacht werden muss, denn die Sphäre des Sexuellen sei auf vielfältige Weise mit Macht- und Herrschaftsverhältnissen verknüpft. Sie skizziert die Veränderungen der Diskurse über Sexualität seit der sogenannten sexuellen Revolution in den 1960er Jahren in den westlichen Industriestaaten und die Macht- und Herrschaftskritik durch die die Neuen Frauenbewegungen, Lesben- und Schwulenbewegungen und die queere Bewegung. Im abschließenden Fazit stellt Madeline Doneit differenzierte Fragen, mit denen sowohl machtvolle Zwänge als auch die potentielle Veränderbarkeit sexueller Normen und Verhältnisse in der politischen Bildung reflektiert und thematisiert werden können.

Zu Teil 3

Die Reflexionen und Weiterentwicklungen in der Praxis im dritten Teil des Buches geben Einblicke in heteronormativitätskritische und queere Mädchen_und Jungen_arbeit.

So beschreiben beispielsweise Michael Cremers und Mart Busche die Entwicklung und Professionalisierung der Jungenarbeit am Beispiel der Arbeit in der Heimvolkshochschule Alte Molkerei Frille: „Von der antisexistischen Jungenarbeit zu einer heteronormativitätskritischen und queeren Jungen_arbeit“. Sie betonen rückblickend, dass sich antisexistische Jungenarbeit und parteiliche, feministische Mädchenarbeit immer auch im Kontext geschlechterpolitischer Auseinandersetzungen positioniert hat. Mit dem Konzept der antisexistischen Jungen_arbeit wurde das Geschlechterverhältnis als männlich dominiertes Macht- und Herrschaftsverhältnis ebenso kritisiert wie die binäre Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit infrage gestellt. Der Konstitutions- und Sozialisationsprozess ‚vom Junge-Sein zum Mann-Werden‘ wurde in seinen Schwierigkeiten reflektiert und in der Bildungsarbeit thematisiert und bearbeitet. Vor dem Hintergrund der queertheoretischen Debatten erhielt die Jungen_arbeit neue Impulse, die an zwei Beispielen (Nicht-männliche Jungen_arbeiter_innen und Trans*räume in der Jungenarbeit) der Arbeit in der Heimvolkshochschule Frille gezeigt werden. Leider wurde die pädagogische Arbeit dort 2011 eingestellt: „damit ist ein einzigartiger Ort geschlechtsbezogener Bildung Geschichte geworden“ (Cremers/Busche 2016, 199).

Die Entwicklung der geschlechterreflektierenden und queeren Bildungsarbeit geht jedoch weiter, wie dieser Beitrag und der gesamte Sammelband zeigt. Unter der Überschrift „Gender? Nein, nicht schon wieder! Abwehrhaltungen in politischer Geschlechterbildung“ analysiert Ines Pohlkamp abwehrende Reaktionen und Kommentare von Teilnehmer_innen aus Seminaren der Bildungsarbeit und der Hochschullehre. Die Beispiele, die angeführt werden, haben für Bildungsarbeiter_innen und Lehrende an Hochschulen einen hohen Wiedererkennungseffekt. Die Abwehrmechanismen werden vor dem Hintergrund interpretiert, dass Geschlechterbildung bisherige Selbstverständlichkeiten im Geschlechterverhältnis und die geschlechtliche und sexuelle Selbstkonstitution infrage stellen kann. Mit der „Figur des Überschüssigen“ erläutert Ines Pohlkamp das Phänomen, Geschlecht und Sexualität als Lern- oder Bildungsthema abzulehnen. Anhand von Fragen motiviert der Beitrag abschließend zur kritischen Selbstreflexion der eigenen Haltung im Rahmen eines „Paradigmas der moralischen Entmoralisierung“.

Fazit

Der Band gibt einen guten Überblick über die aktuellen geschlechterreflexiven und queertheoretischen Ansätze der politischen Bildungsarbeit sowie der Geschlechterbildung im Kontext von Schule und Hochschule. Die Beiträge regen zur Reflexion und Diskussion an, zum Beispiel in der Weiterbildung oder im Studium. Angesprochen werden Studierende, Lehrende und Bildungsarbeiter_innen in unterschiedlichen Feldern der Jugend- und Erwachsenenbildung, in der Sozialen Arbeit und der Schule.


Rezensentin
Prof. Dr. Gudrun Ehlert
Professorin für Sozialarbeitswissenschaft an der Fakultät Soziale Arbeit der Hochschule Mittweida in Rosswein/Sachsen
Homepage www.sw.hs-mittweida.de/professuren/prof-dr-phil-gud ...
E-Mail Mailformular


Alle 25 Rezensionen von Gudrun Ehlert anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Gudrun Ehlert. Rezension vom 10.03.2017 zu: Madeline Doneit (Hrsg.): Geschlecht ist politisch. Geschlechterreflexive Perspektiven in der politische Bildung. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. ISBN 978-3-8474-0651-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21703.php, Datum des Zugriffs 18.07.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Stellenangebote

Referent/in Studienorganisation, Mühldorf a. Inn

stellvertretende/r Geschäftsführer/in, Berlin

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!